Wie nutzen Wissenschaftsjournalist*innen generative Sprachmodelle? Bernhard Goodwin spricht über Ergebnisse einer Studie, über die Chancen von KI für den Journalismus und darüber, dass das Denken nach wie vor menschliche Aufgabe bleibe – denn etwas richtig verstanden zu haben, sei Teil des „Vertrags mit den Lesenden“.
„KI furchtlos und ohne Scheuklappen einsetzen“
In Ihrer Forschung mit Lars Guenther und Jessica Kunert geht es um die Nutzung von generativer KI im Wissenschaftsjournalismus. Haben Sie KI für Ihre eigene Arbeit1 verwendet?

Das ist schwer zu sagen. Im Forschung- und Schreibprozess nicht. Da haben wir keine generative KI, sondern Machine Learning genutzt. Und zwar für das Transkribieren von Audiodateien.
Mittlerweile leben wir aber in einer Welt, in der sich der Einsatz von generativer KI zunehmend nicht mehr ausschließen lässt. Möglich ist zum Beispiel, dass die Reviewer generative KI eingesetzt haben, um ihre Reviews zu verfassen. Darüber könnte generative KI in die Studie reingekommen sein. Daher müssen wir umso mehr schauen, dass wir wissenschaftlich sauber bleiben.
Sie haben in Ihrer Studie den Einsatz von generativer KI im Wissenschaftsjournalismus untersucht. Was unterscheidet den Wissenschaftsjournalismus generell vom Journalismus?
Das Schöne am Wissenschaftsjournalismus ist, dass man immer wieder sehr tief in neue Bereiche einsteigen muss. Anders als etwa in der Sportberichterstattung, wo man irgendwann alle Spieler eines Kaders kennt. Im Vergleich dazu bewegen wir uns in sehr komplexen Zusammenhängen über ganz kleine Ausschnitte der Wirklichkeit. In speziellen Gebieten kennen sich nur wenige Leute aus. Wenn ich mich dann auf eine KI verlasse, die selbstbewusst Sachen behauptet, die nicht stimmen, ist das ein Problem.
Wie sind Sie bei Ihrer Studie vorgegangen?
Wir haben Wissenschaftsjournalist*innen aus unterschiedlichen Redaktionen befragt. Unser Ziel war es nicht, die Realität repräsentativ abzubilden, sondern zu zeigen, was in der Realität bereits vorkommt. Uns war es also besonders wichtig, die Vielfalt wissenschaftsjournalistischer Praxis aufzunehmen und wie KI hier eingesetzte wird. Deswegen haben wir bewusst darauf geachtet, Leute aus unterschiedlichen Medien und Mediengattungen anzusprechen, sowie fest angestellte und freie Journalist*innen dabei zu haben. 30 Interviews waren es insgesamt, die wir nach einem einheitlichen Leitfaden gestaltet haben, verschriftlicht und anschließend analysiert.
Was hat Sie in den Interviews am meisten überrascht?
Das klingt jetzt hart, aber: Dass mich nichts überrascht hat.
Was bedeutet das konkret?
Ich hatte gehofft, dass die Journalist*innen mir etwas Neues über KI-Nutzung erzählen. Aber das ist ja gar nicht ihr Kerngebiet. Sie sind ja keine Netzjournalistinnen, sondern etwa aus der Medizin.
Wie nutzen die Wissenschaftsjournalist*innen KI denn heute?
Von denjenigen, die KI nutzen, wurden vor allem diese Tools genannt: ChatGPT, Trint, DeepL, Perplexity-AI, Consensus AI, Midjourney, Wolf-Schneider-KI, Feedly, Stable Diffusion und Soundraw.
Sie erstellen damit Zusammenfassungen, transkribieren ihre Audiodateien, prüfen die Rechtschreibung und suchen nach Artikeln. Auch erstellen sie Illustrationen oder Tabellen und verbessern ihre Text- oder Audioaufnahmen. Manche programmieren sogar selbst oder nutzen die KI zur Datenanalyse.
Wurden auch Sorgen im Umgang mit KI formuliert?
Ja, vor allem die Sorge davor, von der KI abgelöst zu werden. Und auch die Sorge davor, dass irgendwas nicht korrekt sein könnte.
Wie lässt sich Letzteres verhindern? Oder anders ausgedrückt, wie können Qualitätsstandards bewahrt werden?
Ich glaube, Qualität hängt sehr stark von Verantwortung ab. Und für Verantwortung brauchen wir vor allem zwei Dinge. Der erste Punkt ist das wirkliche Verständnis. Auch wenn ich einen Text nicht selbst geschrieben habe, muss ich die Inhalte als Mensch selbst durchdrungen haben.
Und der zweite Punkt?
Der zweite Punkt wäre für mich Transparenz. Die Leute müssen erfahren, dass KI bei der Erstellung benutzt wurde. Da müssen wir Regeln finden. Natürlich kann ich ein KI-Label drauf machen, aber was heißt das?
Wo sehen Sie die größten Potenziale für den sinnvollen Einsatz von generativer KI im Wissenschaftsjournalismus?
Ich will es einmal umgekehrt formulieren. Ich habe mich einmal mit einem Journalisten der Abendzeitung unterhalten. Er hatte in den 50er Jahren begonnen zu arbeiten. Er meinte, wir könnten uns heute gar nicht mehr vorstellen, wie cool der technologische Fortschritt für den Journalismus sei. Er freue sich jedes Mal wieder, dass er seine Texte korrigieren könne, ohne alles neu abschreiben zu müssen. Oder dass er einen Text per E-Mail versenden könne und sich nicht durchtelefonieren müsse.
Und das ließe sich auf heutigen Fortschritt übertragen?
Ich persönlich denke, das ist wahrscheinlich genau der Punkt: Also sagen wir beispielsweise, ich habe einen Text, den ich in verschiedenen Versionen unterschiedlichen Redaktionen anbieten will. Das ist ein Einsatzgebiet, wo ich mir KI vorstellen könnte. Ich kümmere mich darum, dass die Faktenbasis stimmt. Und lasse mir dann unterschiedliche Textversionen generieren.
Wie könnte Ihrer Meinung nach eine sinnvolle Weiterbildung für Wissenschaftsjournalistinnen aussehen, um souverän mit KI umgehen zu können?
Gute Frage. Das ist natürlich etwas, wo ich mich selbst mit beschäftige, weil wir ja auch ausbilden. Der zentrale Punkt muss sein, KI furchtlos und ohne Scheuklappen einzusetzen. Ausprobieren, ausprobieren, ausprobieren. Wenn dann irgendwann jemand so gut prompten kann, dass die KI einen Großteil der Arbeit übernimmt, dann ist das vielleicht die Schlüsselqualifikation, die man brauchen wird. Natürlich kann ich mir als privilegierter bayerischer Beamter diese Gedanken machen und überlegen: Was sind denn die Fähigkeiten, die Menschen dann auszeichnen?
Und welche sind das in Bezug auf den Journalismus?
Kommen wir nochmals auf den Sportreporter vom Anfang unseres Gesprächs zurück. Der Trick wird in seinem Fall sein, eine persönliche Beziehung zu Spielern zu haben. Und wirklich zu sagen, wie es dieser oder jener Person ging, als sie ein Tor geschossen hat. Und im Wissenschaftsjournalismus geht es darum, einen Sachverhalt auch wirklich verstanden zu haben. Es muss von einem Menschen gedacht worden sein. Das ist der Vertrag mit den Lesenden. Sonst sagen sie zurecht eines Tages, das möchten wir gar nicht mehr lesen.
- Guenther, L., Kunert, J., Goodwin, B. (2025). “Away from this duty of chronicler and towards the unicorn”: how German science journalists assess their future with (generative) Artificial Intelligence JCOM 24(02), A06. https://doi.org/10.22323/2.24020206
Guenther, L., Kunert, J., Goodwin, B. (2025). My New Colleague, ChatGPT? How German Science Journalists Perceive and Use (Generative) Artificial Intelligence, Journalism Practice, VOL. 19, NO. 10, 2285–2302https://doi.org/10.1080/17512786.2025.2502794 ↩︎