Die Wissenschaftspolitik stärkt ihre Resilienz, eine KI-Debatte bei LinkedIn entflammt und neue Studien untersuchen wissenschaftlich klingende Desinformation. Das Wisskomm-Update gibt alle 14 Tage einen Überblick über aktuelle Themen, Debatten und Trends.
Wissenschaft trifft Vorkehrungen für Landtagswahlen
Was gibt’s Neues?
Resilienzbestrebungen von Forschenden, Förderern und Politik
Der Herbst der Landtagswahlen steht bevor. Das Thema der Stunde ist Resilienz. Laut einem aktuellen Positionspapier der DFG kommt der Wissenschaftskommunikation bei der Verteidigung der Wissenschaftsfreiheit eine besondere Bedeutung zu: „Chancen zur Stärkung der Resilienz liegen in einer robusteren Selbstkontrolle, einer verständlicheren Kommunikation nach außen sowie stabileren Beschäftigungs- und Finanzierungsstrukturen.“ Weiter erklärt die DFG unter dem Punkt Wissenschaftskommunikation: „Die Bedeutung der Wissenschaften und ihrer Freiheit lässt sich nicht allein über triumphale Erfolgsmeldungen stärken. Es bedarf vielmehr einer ehrlichen und authentischen Kommunikation, die auch die Revisionsoffenheit des Wissens, Erkenntnislücken und Fehlschläge umfasst.“ Eine Herausforderung sei die fehlende Sichtbarkeit von Wissenschaften in einer algorithmisch gesteuerten Umgebung. Dafür bedürfe es neue Formate. Um ein besseres Verständnis für wissenschaftliche Prozesse zu schaffen, sollte die Wissenschaftskommunikation eine stärkere Vernetzung mit Schulen, Museen und Bildungseinrichtungen anstreben. Die Resilienz könnte zudem gestärkt werden, wenn ein Kommunikationsbewusstsein bereits in der wissenschaftlichen Ausbildung verankert und der Wissenschaftsjournalismus gestärkt würde.
In einem Interview zum Thema der Proteste gegen den AfD-Bundesparteitag in Erfurt erklären zwei Forscherinnen, die Teil der Initiative Wissenschaft gegen Faschismus sind, dass es wichtig sei, sich mit der Öffentlichkeit darüber zu verständigen, was passiert. Beteiligte müssten Konzepte an die Hand bekommen, um die Situation besser zu verstehen. Die Philosophin Rahel Jaeggie betont, dass sich die Erkenntnis, dass die Übernahme rechtsextremer Position nie zu einer Schwächung der Rechtsextremen führt, zwar herumgesprochen haben sollte. Dennoch betont sie: „Wir als Wissenschaftlerinnen sind gefragt, im Grunde zum Schutz der Gesellschaft und als Teil einer gesellschaftlichen Gegenmobilisierung.“ Die Soziologin Silke van Dyk führt aus: „Das Wahlprogramm der AfD in Sachsen-Anhalt richtet sich explizit gegen bestimmte Forschungsstränge: Gender Studies, postkoloniale Studien, das soll verschwinden, und stattdessen werden Lehrstühle für kritische Klimawissenschaft angekündigt – zugespitzt möchte man Professoren für Klimawandelleugnung berufen.“ Dies würde jedoch nicht nur einzelne Forschungsbereiche treffen, sondern insgesamt die Freiheit von Forschung und Lehre eingeschränken.
Auch die Wissenschaftspolitik bereitet sich auf das Szenario vor, dass die AfD ab Herbst in Sachsen-Anhalt an die Regierung kommen könnte. Jan-Martin Wiarda ordnet ein: „So, wie die Partei in ihren sogenannten „Regierungsprogrammen“ einen Umbau der Wissenschaft anstrebt, der massiven Bedrohungen der Wissenschaftsfreiheit gleichkäme, würde sie auch nicht davor zurückschrecken, die föderalen Abstimmungsinstanzen der Wissenschaftspolitik zu sabotieren.“ Um Blockaden des Einstimmigkeitsprinzips zu verhindern, hat die Wissenschaftsministerkonferenz bei Haushaltsfragen und bei Entscheidungen zur Wiss-MK selbst beschlossen, dass künftig 13 von 16 Stimmen ausreichen werden, um einen Beschluss zu fassen. Zudem beschlossen die Wissenschaftsminister*innen eine Deklaration mit dem Titel „Wissenschaftsfreiheit und Resilienz – Grundlagen eines starken Wissenschaftssystems“, die den beschlossenen Änderungen einen Rahmen geben soll.
Bei LinkedIn kommentierte die brandenburgische Wissenschaftsministerin Manja Schüle (SPD), die den Prozess gemeinsam mit ihrer baden-württembergischen Kollegin Petra Olschowski (Grüne) vorbereitet hatte: „Deshalb gibt es jetzt eine Notbremse gegen Blockade und Missbrauch. Nicht gegen Dissens – denn der gehört zur Demokratie. Sondern gegen Obstruktion.“
Nach der außerordentlichen Wiss-MK zog auch die gemeinsame Wissenschaftkonferenz des Bunds und der Länder nach. Auch hier kommentiert Wiarda: „Das beschlossene Änderungspaket ist in seiner Detailtiefe beeindruckend und genau der große Wurf, auf den viele in der Wissenschaft angesichts der AfD-Bedrohung gehofft haben, aber zugleich Zweifel hatten, ob der Bund und alle 16 Länder das in der Form hinbekommen würden. Sie haben es hinbekommen – mit einer Entschlossenheit, die Mut macht.“ Mit dem Beschluss würden Bund und Länder ihre gemeinsame Wissenschaftsfinanzierung gegen Blockaden, Austritte und ausfallende Landesanteile absichern. Beispielsweise könnten andere Länder die Finanzierung übernehmen, wenn eine AfD-Landesregierung unliebsamen Forschungsinstituten oder -feldern den Geldhahn abdrehen will. Wiarda ist optimistisch: „Die Wissenschaftspolitik hat die Defensive verlassen und beweist ihre Handlungsfähigkeit.“
KI-Debatte bei LinkedIn
„Ich hatte heute ein seltsames Erlebnis auf LinkedIn, das mich nicht nur frustriert hat, sondern das mir auch klar gemacht hat, was hier auf dem Spiel steht“, schrieb die Journalistin und KI-Expertin Eva Wolfangel auf ihrem Blog. Was war passiert? Ein bekannter Journalist und „Experte für KI und Digital“ (den KI-Hintergrund betont Wolfangel) nutzte diverse KI-Agenten für seine Recherche. Diese spuckten ihm einen leicht umformulierten LinkedIn-Post von Wolfangel aus, ohne die Quelle anzugeben. Diesen veröffentlichte er dann als eigenen Text auf LinkedIn.
Den Post entdeckte Wolfangel durch Zufall. Der Beitrag enthielt so viele Formulierungen von ihr, dass es sich zweifelsfrei um ihren Text handelte. „Wer KI auf diese Weise nutzt, klaut die Arbeit anderer ZWANGSLÄUFIG“, schrieb Wolfangel verärgert und machte den Fall über LinkedIn öffentlich, wobei sie auch den Namen des Journalisten nannte. Die beiden hätten daraufhin telefoniert und der Journalist habe sich entschuldigt.
Viele teilten Wolfangels Ärger, so auch der Journalist Max Muth: „Klaut keine Gedanken von anderen und tut so als seien es eure, ob mit Kl oder ohne. Erst recht nicht, wenn ihr behauptet, Journalisten zu sein.“
Auch der Wissenschaftsjournalist Kai Kupferschmidt fand klare Worte: „Unserem Beruf wäre viel geholfen, wenn Leute, die so wenig an unserer Arbeit hängen, sich eine andere Geldbeschaffungsmaßnahme suchen.“
Für Wolfangel ist dieser Textklau durch KI kein Einzelfall, sondern er bedroht aus ihrer Sicht den Qualitätsjournalismus. Sie finde immer häufiger komplette Recherchen, die von KI umformuliert und ohne jede Quellenangabe in Online-Magazinen veröffentlicht werden. Die Texte würden dann zwar nach Aufforderung gelöscht, bis dahin könne die Seite aber schon von Klicks profitieren. Da kaum eigene Arbeit darin stecke, sei jeder Klick auf einen Werbelink ein Gewinn. Seriöse Arbeit werde so unbezahlbar. „Zu sehen, dass Kolleg:innen sich jetzt solcher Methoden bedienen, tut wirklich weh. Sie schaufeln mit am Grab der ganzen Branche für den eigenen kurzfristigen Vorteil.“ Wolfangel erhofft sich nun eine „harte und konsequente” Diskussion. Die Kosten für den Diebstahl von Recherchen und Denkarbeit müssten so hoch sein, dass er auch für Akteur*innen mit weniger Verantwortungsbewusstsein nicht mehr attraktiv sei.
Und sonst?
Das Science Media Center schafft mehr Sichtbarkeit für die Geistes- und Sozialwissenschaften. Zwei Leitfäden (Soziologie und Philosophie) und ein kontinuierliches Monitoring von neuen Publikationen stehen Wissenschaftsjournalist*innen ab sofort zur Verfügung.
Generative Chatbots verändern den Wissenschaftsjournalismus. Hinzu kommt die immer größer werdende Anzahl neuer Studien, die jedes Jahr erscheinen. Was das für den Wissenschaftsjournalismus bedeutet, reflektiert Jackson Ryan in seinem Substack-Blog.
In Bielefeld wurden die Gewinner*innen des diesjährigen FameLab-Wettbewerbs gekürt. Den ersten Preis erhielt Mona Wellhäusser vom Karlsruher Institut für Technologie, den zweiten Platz erkämpfte sich Jan Bretinger vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung.
Auch die Deutsche Gesellschaft für Psychologie hat Preise für Wissenschaftskommunikation verliehen. Ausgezeichnet wurden Marie Luise Schreiter und Manuel Spitschan vom Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik für ihren partizipativen Kommunikationsansatz, sowie Cornelia Betsch von der Universität Erfurt für ihre evidenzbasierte Kommunikation zur planetaren Gesundheit.
Helmut Jungwirth ist Professor für Wissenschaftskommunikation und ein Teil der Science Busters, einem Wissenschaftskabarett. In einem Podcast erklärt er, wie er Humor als eine Art trojanisches Pferd nutzt.
An der TU Dortmund wird der neue Masterstudiengang “Wissenschaftskommunikation und Medienkompetenz” entwickelt. Das Lehrangebot soll das Zusammenwirken von Wissenschaft und Gesellschaft in den Mittelpunkt rücken.
Liebe Community, seid ihr schon bei W Social? Das soziale Netzwerk gilt als neue europäische Hoffnung. Bislang ist der Zutritt nur auf Einladung möglich. Ihr möchtet für uns einen Erfahrungsbericht schreiben? Dann schickt der Redaktion eine E-Mail!
Und die Forschung?
Verbreiten sich Falschinformationen schneller, wenn sie Hinweise auf Wissenschaftlichkeit („Scientific Authority Cues“) enthalten? Zu diesem Schluss kommt eine Studie von Ismail Harrando, Rodrigo Reyes Cordova und Achim Edelmann von der Science Po Paris. Die Forscher haben anhand von 8,7 Millionen Beiträgen auf Twitter (X) untersucht, ob Posts eher geteilt werden, wenn sie mit solchen Hinweisen versehen sind. Die Ergebnisse zeigen, dass dies vor allem bei Inhalten mit geringem Wahrheitsgehalt und bei Nutzer*innen mit politisch rechter Orientierung der Fall war. Eine Studie mit Teilnehmenden aus den USA bestätigte, dass es Aussagen glaubwürdiger erscheinen lässt, wenn diese wissenschaftlichen Quellen zugeschrieben werden.
In einer Umfrage hat das Science Media Centre España (SMC) abgefragt, wie häufig in Spanien welche Art von Angriffen auf Wissenschaftler*innen vorkommen. Maider Eizmendi-Iraola und Simón Peña-Fernández von der University of the Basque Country zeigen in ihrer Studie, dass es geschlechtsspezifische Unterschiede gibt. Zum einen berichteten Frauen häufiger von negativen Erfahrungen, zum anderen wurden sie öfter mit der Infragestellung ihrer wissenschaftlichen Kompetenz sowie mit sexistischen Bemerkungen konfrontiert. Bei Männern zielten Angriffe eher auf die berufliche Integrität. Die Publikation ist Teil einer Kommentar-Reihe des Journal of Science Communication zum Thema „Scholars Under Attack“.
Termine
📆 Jeden Mittwoch im Juni und Juli 2026 | Evaluationsberatung der Impact Unit* (digital) | Mehr
📆 9. September 2026 (Anmeldung bis 25. August 2026) | ScienceComm26: «CHECK – Wahrheit, Vertrauen und die Rolle der Wissenschaft in einer turbulenten Welt» (Luzern) | Mehr
📆 25. – 27. September 2026 | Ganzohr: Treffen der Wissenschaftspodcaster*innen (Magdeburg) | Mehr
📆 6. Oktober 2026 (Bewerbungsschluss: 5. August 2026) | Autumn School Technik und Innovation kommunizieren* (München) | Mehr
Jobs
🔉 Wissenschaftliche*n Mitarbeiter*in (w/m/d) | Hochschule Landshut ((Bewerbungsfrist: 2. August 2026)
🔉 Volontär:in (m/w/d) im Team Kommunikation | Akademienunion (Bewerbungsfrist: 2. August 2026)
Weitere Stellenangebote finden Sie in unserer Jobbörse – exklusiv für Stellen aus der Wissenschaftskommunikation. Hochschulen, Forschungsinstitutionen, Stiftungen und Co können ihre Stellenangebote direkt an Besucher*innen unseres Portals richten.
Fundstück
Volker Stollorz, Geschäftsführer des Science Media Centers, kommentiert die Studie bei LinkedIn: „Lieber informiertes Vertrauen ermöglichen, indem Kritik und Selbstkorrektur zentrale Bestandteile der Kommunikation über Wissenschaft bleiben.“