Bild: Curiosity/ NASA

„Wir bereiten die NASA nicht auf den ‚Erstkontakt‘ vor“

Außerirdisches Leben fasziniert und sorgt zugleich schnell für Missverständnisse. Andreas Schwarz berät die NASA darüber, wie über die Suche nach außerirdischem Leben kommuniziert werden sollte. Im Interview erklärt der Kommunikationswissenschaftler, wie er mit dem „Alien-Faktor“ umgeht.

Herr Schwarz, was läuft bei der Kommunikation über Aliens schief?

Andreas Schwarz ist Leiter der International Risk, Crisis, and Science Communication Research Group (iRisCS-Com) am Institut für Medien und Kommunikationswissenschaft (IfMK) der Technischen Universität Ilmenau. Er befasst sich in Forschung und Lehre schwerpunktmäßig mit Risiko- und Krisenkommunikation im Kontext von Naturkatastrophen, Pandemien, Klimawandel und Organisationskrisen im Nonprofit-Sektor sowie Wissenschaftskommunikation über Astrobiologie, SETI, und Künstliche Intelligenz. Er leitet die Arbeitsgruppe „Impact and Risk Strategies“ im SETI Post-Detection Hub an der University of St. Andrews und ist Mitglied in der NASA DARES-Taskforce 2.

Sehr viel, was die wissenschaftliche Suche nach Leben außerhalb der Erde betrifft. Das liegt daran, dass diese Suche schwierig, wissenschaftlich komplex und die Beweislage oft unsicher ist. Gleichzeitig erzeugt dieses Thema viel Aufmerksamkeit. Selbst manche Wissenschaftler*innen haben Schwierigkeiten damit, diese Komplexität zu kommunizieren. Dann passieren Pressestellen manchmal Fehler und natürlich versuchen Journalist*innen oder Influencer*innen, das Thema interessanter zu gestalten. Dabei kann es zu Missdeutungen, Verzerrungen oder Übertreibungen kommen.

Wenn wir morgen „außerirdisches Leben gefunden“ lesen, was wird tatsächlich passiert sein?

Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird es nicht so sein, wie viele es aufgrund von Science-Fiction-Filmen erwarten: Ein großes Mutterschiff tritt in unser Sonnensystem ein und nimmt Kontakt mit uns auf.

Wahrscheinlicher ist, dass ein Forschungsteam eine spektrale Messung eines weit entfernten Exoplaneten durchführt und dabei ein interessantes Signal entdeckt. Das könnte darauf hindeuten, dass wir hier eventuell über einen Planeten sprechen, der eventuell Stoffe in seiner Atmosphäre hat, die eventuell ein Hinweis auf die Existenz von Leben sein könnten. Die weitere Deutung dieses Signals in der Wissenschaft kann aber Jahre in Anspruch nehmen.

Was ist das häufigste Missverständnis über Ihre Arbeit, das Sie immer wieder korrigieren müssen?

Ein häufiges Missverständnis ist, dass wir uns damit beschäftigen, wie wir mit außerirdischen Lebensformen kommunizieren. Das tun wir nicht. Vielmehr geht es darum, wie wir über außerirdisches Leben und die wissenschaftliche Suche danach sprechen, sodass verschiedene Zielgruppen verstehen, was in der Wissenschaft passiert.

Wir bereiten die NASA nicht auf den ‚Erstkontakt‘ vor. Also im Sinne von: Wir nehmen Kontakt zu außerirdischen Lebensformen auf oder sie zu uns und erklären der NASA, wie dieser Prozess ablaufen soll. Diese Arbeit findet zwar anderswo statt, aber das ist nicht der Fokus meiner aktuellen Mitarbeit bei NASA DARES („Decadal Astrobiology Research and Exploration Strategy“).

Wie sehen Ihre Aufgaben in der Taskforce aus?

Die NASA möchte mit der Taskforce ihre Strategie für das Astrobiologieprogramm der nächsten zehn Jahre entwickeln. Es sind natürlich viele Astrobiolog*innen, Ingenieurswissenschaftler*innen und so weiter involviert. Die NASA hat jedoch erkannt, dass die gesellschaftliche Einbettung und Kommunikation der Astrobiologie auch ein sehr wichtiges Thema ist, was wir sehr begrüßen1.

Innerhalb der Taskforce diskutieren wir deshalb im Bereich „Astrobiologie und Gesellschaft“ darüber, wie das Forschungsfeld in der Gesellschaft wirkt, wie es wahrgenommen wird, welche ethischen Aspekte zu berücksichtigen sind, und wie man die Gesellschaft besser einbeziehen kann. Dafür unterbreiten wir der NASA dann Best-Practice-Vorschläge, auch zur Wissenschafts- und Risikokommunikation.

Den ersten Schritt haben wir gerade abgeschlossen. Jetzt werten wir das Expert*innen-Input und Community-Feedback aus und erstellen daraus ein Strategiepapier für die NASA.

Welche Rolle spielen „Hobby-Detektiv*innen“, die nach außerirdischem Leben suchen?

Zu dieser Frage läuft derzeit eine Studie, in der wir YouTube-Videos und Nutzer*innenkommentare über Astrobiologie und SETI („Search for Extraterrestrial Intelligence“) untersuchen. Wir haben festgestellt, dass das Thema „außerirdische Intelligenz“ deutlich mehr Aufmerksamkeit erzeugt als die Diskussion über Biosignaturen, die auf mikrobielles Leben hindeuten.

Zudem konnten wir beobachten, dass einflussreiche Personen die Verbreitung von Themen stark beeinflussen. Wir haben uns unter anderem den Fall 3I/ATLAS angesehen, ein interstellarer Komet, der 2025 entdeckt wurde.

Der Astrophysiker Avi Loeb an der Harvard University, zum Beispiel, hatte sich öffentlich zu Wort gemeldet und gemeint, es könne sich um eine außerirdische Sonde oder ein Raumschiff handeln, da einige Messungen von anderen Kometen abwichen. Obwohl es in der Community einen Konsens gab, dass es sich um einen Kometen handelt, hat diese Einzelperson den ‚Alien-Faktor‘ des Themas auf YouTube deutlich verstärkt. Dies wurde auch in vielen Nachrichtenformaten und Podcasts aufgegriffen, was viel Aufmerksamkeit erzeugte.

Auf YouTube spekulieren Nutzer*innen über die Herkunft des Kometen 3I/ATLAS. Bild: YouTube

Je mehr Angst in Videos bedient wurde, desto stärker fielen die besorgten Reaktionen in den Kommentaren aus. Wenn in der wissenschaftlichen Community weitgehend abgelehnte sensationelle Verlautbarungen gemacht werden, etwa um Bücher zu verkaufen, ist das leider nicht hilfreich für die Glaubwürdigkeit der Forschung insgesamt.

Haben Sie Bugonia gesehen, den Film von Yorgos Lanthimos?

Nein, noch nicht. Ich bin derzeit ein Fan von Project Hail Mary („Der Astronaut“).

In Bugonia geht es um einen jungen Mann, der in eine Parallelwelt mit Verschwörungstheorien über außerirdisches Leben abgerutscht ist.

In dem Fall muss ich verteidigend sagen, dass Avi Loeb sich nicht bei Verschwörungstheorien bedient hat, sondern mit wissenschaftlichen Daten, Messungen und Berechnungen zeigen wollte, dass dieser Komet sich seltsam verhält oder eine merkwürdige Form hat. Die öffentliche Kritik der wissenschaftlichen Mehrheit an seinen Spekulationen über ‚Alien-Sonden‘ kann aber Verschwörungsgläubige in ihrem Weltbild bestärken.

Wie kann man unterschiedliche Auffassungen zu Entdeckungen oder zu einem Befund aus der Astrobiologie öffentlich kommunizieren, sodass einerseits klar wird, es gibt Uneinigkeit, andererseits aber auch kein zu großer Vertrauensverlust stattfindet?

Die Wissenschaft muss mutig sein und deutlich machen: Forschung basiert darauf, dass wir uns gegenseitig infrage stellen und Ergebnisse immer wieder überprüfen, bis wir einen gewissen Grad an Sicherheit erreichen.

Man muss kommunizieren, dass es ohne Uneinigkeit keinen wissenschaftlichen Fortschritt gibt. Das wird manchmal zu wenig getan, weil die meisten Naturwissenschaftler*innen keine professionellen Kommunikator*innen sind. Nicht alle durchlaufen Medientrainings und sind ausgebildete Kommunikationsexperten*innen. Dazu machen wir auch Vorschläge in Richtung NASA.

Zweitens ist es wichtig, in den Kommunikationsabteilungen mehr Bewusstsein für diese Unsicherheiten in der Forschung zu schaffen, insbesondere in der Astrobiologie. Hinweise auf Uneinigkeit und Differenzierung werden aus Pressemitteilungen häufig herausgenommen, damit sie interessanter klingen.

Welche Akteur*innen kommen häufig in der deutschen Berichterstattung über die Suche nach außerirdischen Leben vor? Die Grafik zeigt, dass Universitäten und Forschungsinstitute ganz vorne liegen. Bild: Science Communication

Sie haben in der Vergangenheit auch untersucht, wie deutsche Medien über Astrobiologie berichten2. Was für ein Zeugnis würden Sie ihnen ausstellen?

Kein eindeutig gutes oder schlechtes. Wir haben positiv festgestellt, dass im Wesentlichen wissenschaftliche Quellen herangezogen werden, wenn Medien und auch Journalist*innen über Astrobiologie oder SETI berichten. Die Hauptquellen waren in vielen Fällen die NASA, diverse Universitäten, oder auch das SETI-Institut. Kritisch zu sehen ist zum Beispiel der Befund, dass der Begriff ‚Astrobiologie‘ kaum verwendet wird und dass Sozialwissenschaftler*innen sehr wenig zu Wort kommen.

Quellen wie die ESA oder das DLR kamen in der Berichterstattung über Astrobiologie kaum vor. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Es ist schade, dass die ESA und das DLR in der Berichterstattung nicht so sehr in den Vordergrund treten, obwohl beide an vielen spannenden Missionen mit Astrobiologiebezügen wie den PLATO– und JUICE-Missionen beteiligt sind. Die PLATO-Mission wird sogar von einer deutschen Wissenschaftlerin, Heike Rauer, geleitet. Aber darüber wird bei weitem nicht so intensiv berichtet wie über Projekte der NASA.

Ich denke, die Kommunikationsabteilungen von ESA und DLR könnten zu diesem Thema mutiger, aber auch kontinuierlicher, kommunizieren. Gerade wenn es um die Frage nach Leben außerhalb der Erde geht, fürchtet man schnell, in die falsche Ecke gestellt zu werden. Andererseits steht man als ESA oder DLR vielleicht auch relativ häufig im Schatten der NASA, also der großen, international bekannten Organisation, die bei vielen Missionen den Hauptanteil – auch finanziell – trägt.

  1. Schwarz A. Risk Communication and the Search for Life Beyond Earth: Challenges of Risk Amplification, Risk Information Seeking, and Risk Message Design for Research and Preparedness. Proceedings of the International Astronomical Union. 2024;20(S387):312-328. doi: 10.1017/S1743921325000183 ↩︎
  2. Schwarz, Andreas, and Eva Seidl. „Stories of astrobiology, SETI, and UAPs: science and the search for extraterrestrial life in German news media from 2009 to 2022.“ Science Communication 45.6 (2023): 788-823. https://doi.org/10.1177/10755470231206797 ↩︎