Wie unsere Studie von der AfD instrumentalisiert wurde

Eine Studie zur akademischen Redefreiheit sollte eine polarisierte Debatte zu ‚Cancel Culture‘ versachlichen. Jetzt wird sie von der AfD-Fraktion umgedeutet. Das Autor*innenteam der Studie reflektiert im Gastbeitrag, was Wissenschaftskommunikation in politisch aufgeladenen Feldern leisten kann.

Die AfD-Fraktion des Bundestags hat am 15. April 2026 einen Antrag zur Wissenschafts- und Meinungsfreiheit an Hochschulen eingebracht. Darin wird unsere sozialwissenschaftliche Studie von 20241 zitiert und als Argumentationsgrundlage affirmativ verwendet. Die AfD-Fraktion nutzt also unsere empirische Studie, um die Wissenschaftsfreiheit „zu schützen“, von der wir wiederum festgestellt haben, dass sie in Deutschland faktisch nicht ernsthaft bedroht sei. Wie finden wir das?

Warum wir diese Studie kommuniziert haben – und wie

2024 haben wir eine repräsentative Studie zum Stand der Wissenschaftsfreiheit an deutschen Hochschulen durchgeführt. Realisiert über das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW), ist das bis heute die einzige entsprechende Studie im deutschsprachigen Raum und eine der sehr wenigen weltweit.

Es war uns bewusst, dass wir mit unserer Studie in ein stark aufgeladenes Feld hineinwirken. Das wollten wir auch. Mehr noch, in enger Kooperation mit der ZEIT-Stiftung Bucerius war es ein erklärtes Ziel unserer Forschung, erhitzt raunende Feuilleton- beziehungsweise Social Media Debatten durch empirische Befunde abzukühlen. Bekanntlich tönen Auseinandersetzungen um Einschränkungen der Wissenschaftsfreiheit seit Jahren laut, emotional und durchwirkt von ideologischem Misstrauen und Rechthaberei, auf allen Seiten. Genau deshalb haben wir, begleitet von erfahrenen, kritischen und besonnenen (Wissenschafts-)Journalist*innen nicht nur geforscht, sondern die Forschung durchgängig eng mit dem Wissenschaftsjournalismus verzahnt.

Es war uns als Forschenden dabei ebenfalls durchgängig bewusst, dass diese Kooperation eine spannungsreiche, komplexe und vielschichtige Angelegenheit ist. Forschung, Wissenschaftskommunikation und der Journalismus können gut zusammen gehen – wenn und insofern sie auf ihren jeweiligen Eigensinn beharren. Das bedeutet durchgängiges Ringen um Nuancen und Komplexität der Forschung, um Klarheit und Präzision der Kommunikation, um Offenheit des forschenden Blicks und Weitsichtigkeit des journalistischen. Wir finden, das ist gut gelungen. Aber letztlich müssen dies andere beurteilen, so etwa die wissenschaftliche Community, die breite Öffentlichkeit oder auch der Wissenschaftsjournalismus.

Wir haben in den Publikationen, insbesondere im von der AfD zitierten Kurzreport und in Die Zeit 43/2024, unsere Kernbotschaft bewusst klar zu formulieren versucht: An deutschen Hochschulen ist es um die Wissenschaftsfreiheit insgesamt gut bis sehr gut bestellt.

Insgesamt schätzen mit 79 Prozent fast vier von fünf Befragten den Zustand
des Wissenschaftssystems im Hinblick auf Autonomie und Forschungsfreiheit als eher gut bzw. sehr gut ein. Bild aus „Akademische Redefreiheit – Kurzbericht zu einer empirischen Studie an deutschen Hochschulen

Sie ist nicht, im Sinne einer vielfach behaupteten, zuweilen geradezu heraufbeschworenen ‚Cancel Culture‘, systematisch oder strukturell eingeschränkt. Das war keine Verharmlosung – es war ein empirischer Befund, den wir für kommunikationswürdig hielten, gerade weil er der dominanten öffentlichen Wahrnehmung widerspricht.

Wir haben auch klar kommuniziert, dass sich die erhobenen Daten unterschiedlich interpretieren lassen, besonders in normativer Hinsicht. Manche Zahlen – etwa, dass 1,7 Prozent der Beschäftigten an deutschen Unis angeben: „Ich musste in den vergangenen zwei Jahren einmal oder mehrmals eine Lehrveranstaltung absagen oder abbrechen, weil ich negative Folgen fürchtete oder weil Druck auf mich ausgeübt wurde“ – lassen sich, je nach Erwartungshaltung und politischem Standpunkt, als Alarm oder als Entwarnung lesen (vgl. „Es sind nicht nur medial skandalisierte Einzelfälle“).

Begleitende Reflexionsmaßnahmen

Begleitet war die Kommunikation unserer Befunde immer mit ausführlicher und durchaus zeitintensiver Begriffsarbeit. Uns war klar, dass wir uns in diesem polarisierten Diskursfeld nicht neutral bewegen können. Ganz unabhängig von den Ergebnissen würden wir mit einer Studie zum Thema ‚Cancel Culture‘den Gegenstand mit-konstituieren, ihn objektivieren, zu einem ‚Ding‘ machen – all unserer kritischen Reflexion zum Trotz. Entsprechend behutsam waren und sind wir in der Wahl der Begrifflichkeiten, verwenden im Kontext unserer Forschung bewusst nicht politisch vorbelastete Kampfbegriffe wie ‚Selbstzensur‘, sondern analytisch hergeleitete Konzepte wie ‚Verhaltensanpassung‘ oder ‚akademische Redefreiheit‘.

Eine weitere reflexive Maßnahme: Für unsere Zusammenarbeit haben wir ein ausdrücklich diverses, multiperspektivisches Forschungsteam gebildet. Wir kamen aus unterschiedlichen methodischen und theoretischen Konstellationen und wir haben unterschiedliche normative Standpunkte. Die Kontroversen und Streits, die uns im Forschungsprozess begleitet haben, waren genau so gewollt. Mit diesen Differenzen sind wir möglichst produktiv und kollegial im Dienste einer pluralen Forschung umgegangen. Wie man das transparent machen kann, lässt sich in einer anderen Publikation von 20212 nachlesen, die zwei aus unserem Forschungsteam (Villa & Traunmüller) verfasst haben.

Unsere Studie ist typische empirische Sozialforschung. Unentrinnbar eingebettet in gesellschaftliche Dynamiken und trotzdem – beziehungsweise gerade deshalb: klare, im Forschungsstand fundierte Fragen (immer wären auch andere Fragen sinnvoll und plausibel), aufwändige Operationalisierung (als Entscheidung zwischen diversen denkbaren Alternativen), spezifisches Design (das auch anders sinnvoll wäre), robuste Daten (die immer umfassender, breiter, präziser sein können), explizite, vorsichtige, reflexive Analyse und Interpretation – die stets vorläufig ist und im wissenschaftlichen Kontext zur Disposition steht.

Entsprechend haben wir auch zu kommunizieren versucht. Klar und präzise in den empirischen Daten verankert, transparent, vorsichtig und abwägend in der Interpretation dieser Daten.

Das Kommunikationsproblem: Komplexität trifft auf politische Vereinfachung

Unsere Studie enthält differenzierte Befunde. Sie dokumentiert nicht nur den positiven Gesamtzustand, sondern auch antizipierte Einschränkungen von Wissenschaftsfreiheit, die zu Verhaltensanpassungen führen und die ungleiche Verteilung von Einschränkungserfahrungen – etwa entlang von Fächergrenzen oder wissenschaftlichen Karrierestufen. Diese im Kurzbericht ausgeführten Differenzierungen gehen im öffentlichen Diskurs teilweise verloren.

Das ist kein Einzelfall, sondern ein strukturelles Problem der Wissenschaftskommunikation, ein gut bekanntes. Komplexe, nuancierte Befunde, die immer der Kontextualisierung bedürfen, sind aus aufmerksamkeitsökonomischen Gründen kommunikativ außerhalb der Wissenschaft kaum zu vermitteln. Sie konkurrieren im Politischen, Medialen, Kulturellen, Ökonomischen mit Botschaften, die einfacher, eindeutiger und emotional aufgeladener sind.

Wer zum Beispiel sagt „Cancel Culture existiert nicht“, suggeriert inhaltliche Klarheit durch eindeutige Sprache. Wer sagt „es gibt keine strukturelle Einschränkung akademischer Redefreiheit, aber in spezifischen Fächern gibt ein konkreter Anteil der Forschenden – und zwar besonders jene, die befristet beschäftigt sind – an, Einschränkungen zu antizipieren und daraufhin bestimmte Verhaltensanpassungen vorzunehmen“, verliert einen wesentlichen Teil des Publikums bereits im Nebensatz. Das ist ganz und gar nicht als Publikumsbeschimpfung gemeint! Wir stellen vielmehr ernüchtert erneut fest, dass es so einfach nicht ist mit der Wissenschaftskommunikation.

Davon können alle Wissenschaftler*innen ein melancholisches Lied singen, die sich immer wieder bemühen, entsprechend zu agieren. Die politische Rede von der „Polarisierung“ der Gesellschaft setzt sich weiterhin bis in die Stammtische und Fine-Dining-Restaurants durch, obwohl sie nicht nur empirisch nicht gedeckt ist, sondern auch wider immenser medialer Bemühungen, dies seitens der Forschung klar zu kommunizieren (siehe die vielen medialen Einlassungen von Steffen Mau, Thomas Lux, Linus Westheuser oder Nils C. Kumkar). Medien werden dabei ironischerweise zu genau den „Polarisierungsunternehmern“, die in der Forschung als Problem kritisch beschrieben werden.

Wir haben nun hinsichtlich unserer Studie womöglich unterschätzt, was wir eigentlich wissen, etwa aus wichtigen sozialwissenschaftlichen Analysen darüber, wie Wissen als Teil von Diskursen eigenlogisch zirkuliert. Wie dabei Bedeutung qua kreativer Rezeption und Reinterpretation potenziell verändert und im Falle der AfD, strategisch verfälscht wird. Wie unkontrollierbar (Forschungs-)Wissen ist, wenn es einmal in der Welt ist.

Vielleicht sind wir dem akademischen Snobismus aufgesessen, der naiv annimmt, unser besseres Wissen werde die Welt schon besser machen. Die sachlich falsche Aneignung unserer Studie durch die AfD hat uns deutlich vor Augen geführt: Gründliche Wissenschaftlichkeit im Sinne empirischer Fundierung, methodischer Kontrolle, analytischer Systematisierung und transparenter Vorläufigkeit der Interpretation ist allein keine Absicherung dagegen, dass das zirkulierende Wissen von politischen Akteur*innen instrumentalisiert und dabei inhaltlich geradezu in ihr Gegenteil verkehrt wird.

Im Bundestag wurde über einen Antrag der AfD debattiert („Wissenschafts- und Meinungsfreiheit an deutschen Universitäten und Hochschulen wirksam schützen – Offenen Diskurs sowie freie Forschung und Lehre sichern“). Im Antrag bezieht sich die Fraktion auf zwei Arbeiten des Autor*innenteams und legt die Ergebnisse falsch aus. Bild: Wissenschaftskommunikation.de

Was gute Wissenschaftskommunikation in politisch aufgeladenen Feldern leisten muss

Diese Erfahrung veranlasst uns zu einigen Überlegungen, die über unsere eigene Studie hinausgehen.

Differenzierung und Nuancen der Forschung, auch die ja-aber-Abwägung und die sowohl-als-auch-Reflexivität, müssen kommunikativ verteidigt werden. Es reicht nicht, differenzierte Befunde in einen Kurzbericht zu schreiben. Wer in einem politisch aufgeladenen Feld forscht, muss aktiv daran arbeiten, dass die Differenzierungen auch rezipiert werden – durch wiederholte, gezielte Kommunikation, durch Präsenz in verschiedenen Formaten und Öffentlichkeiten, und durch die Bereitschaft, Missverständnisse und Fehlrezeptionen öffentlich zu korrigieren. Dabei ist zu berücksichtigen, dass diese Form der medialen Präsenz in politisch umkämpften Feldern Risiken birgt, die nicht alle Forschenden gleichermaßen gut eingehen können oder wollen.

Für uns bleibt, erneut klarzustellen: Unsere Befunde geben die Behauptung nicht her, Wissenschaftsfreiheit sei in Deutschland strukturell bedroht. Sie sind kein Beleg für die Existenz einer ideologisch homogenen akademischen Linken, die konservative Positionen unterdrückt. Und sie rechtfertigen keine politischen Eingriffe in wissenschaftliche Diskurse. Das festzuhalten, ist keine Politisierung der Wissenschaft – es ist die Verteidigung ihrer kommunikativen Integrität.

Die eigentlichen Befunde müssen sichtbar bleiben. Die realen Herausforderungen für die Wissenschaftsfreiheit in Deutschland, zu deren Verständnis unsere Studie beigetragen hat – etwa Prekarität und Drittmittelabhängigkeit – drohen in einer Debatte unterzugehen, die vorrangig von politischen Interessen angetrieben wird. Wissenschaftskommunikation muss dazu beitragen, genau diese Befunde im öffentlichen Diskurs zu verankern: nicht die politisch instrumentalisierbaren Schlagzeilen, sondern die strukturell relevanten Erkenntnisse.

  1. Fabian, G., Fischer, M., Hamann, J., Hofmann, A., Koch, M., Schimank, U., … & Villa, P. I. (2024). Akademische Redefreiheit: Kurzbericht zu einer empirischen Studie an deutschen Hochschulen. ↩︎
  2. Villa, P. I., Traunmüller, R., & Revers, M. (2021). Lässt sich“ Cancel Culture“ empirisch belegen? Impulse für eine pluralistische FachdebatteAus Politik und Zeitgeschichte: APuZ71(46), 26-33. ↩︎

Gastbeiträge spiegeln nicht zwangsläufig die Meinung unserer Redaktion wider. Die Redaktion lag bei Anna Henschel.

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