Wie man Komplexes besser erklärt

An Präsentationen werden viele Ansprüche gestellt: Sie sollen verständlich, fachlich korrekt und am besten noch unterhaltsam sein. Im Gastbeitrag zeigt das Autor*innenteam um Karin Thier, was bei der Planung im Kopf von Forschenden passiert. Und wie psychologische Modelle dabei Orientierung geben können.

Forschende müssen bei ihrer Kommunikation weit mehr Komplexität berücksichtigen, als auf den ersten Blick sichtbar ist. Aus psychologischer Perspektive kann man Wissenschaftskommunikation auch als ein „komplexes Problem“ beschreiben. Ein komplexes Problem besteht aus mehreren Elementen, die sich gegenseitig beeinflussen, sich teilweise der Beobachtung entziehen und mehrere, häufig widersprüchliche Ziele gleichzeitig verfolgen.

Um diese Annahme zu überprüfen, haben wir in unserer Studie1 acht Wissenschaftler*innen in ihrer Vorbereitung einer Präsentation beobachtet. Die Wissenschaftler*innen sollten für eine Kinderuni einen Vortrag über das eigene Forschungsthema gestalten. Was zunächst unkompliziert wirkte – nämlich über ein Thema zu sprechen, in dem man selbst Expert*in ist – erwies sich für die Befragten als sehr anspruchsvoll.

Mithilfe der Methode des Lauten Denkens2 verbalisierten die Proband*innen ihre Gedanken während der Planung. Dies ermöglichte es uns, den Ablauf der Präsentationserstellung unmittelbar zu beobachten. Anschließend fand ein retrospektives Interview statt3. Unsere Analyse zeigte: Die Planung von Wissenschaftskommunikation erfüllt die wesentlichen Kriterien eines komplexen Problems4.

Komplexität und Vernetztheit entstanden vor allem durch die Vielzahl an Aspekten, die die Proband*innen gleichzeitig berücksichtigen mussten. Beispielsweise kommentierte eine Proband*in für einen Vortrag eines juristischen Themas: „Frage mich jetzt gerade, ob ich die Bewährung mit aufnehmen muss. (…) Oder ob das wieder zu viel Komplexität erzeugt.”

Insgesamt konnten wir über 50 Einflussfaktoren identifizieren, die sich sechs Kategorien zuordnen ließen: der Zielgruppe, den Rahmenbedingungen, dem Inhalt, externen Informationen, der Darstellung und der Organisation. Diese Elemente haben sich bei der Präsentationsplanung gegenseitig beeinflusst: Ein angekündigter Vortragstitel (Organisation) schränkt die Inhaltsauswahl (Inhalt) ein, während das vermutete Vorwissen der Kinder (Zielgruppe) bestimmt, auf welchem Niveau diese Inhalte aufbereitet werden müssen.

Bei der Kinderuni werden die großen Fragen kindgerecht aufbereitet. Bild: Heptagon/ Kinderuni 2008 (CC BY-SA 3.0)

Besonders schwierig: Kinder als Zielgruppe

An einem Punkt trat die Intransparenz besonders deutlich hervor: bei der Zielgruppe selbst. Den Forschenden fiel es schwer einzuschätzen, über welches Vorwissen die Kinder verfügen und welche Inhalte sie bereits verstehen können. Beispielsweise äußerte ein*e Proband*in: „Das hilft den Kindern glaube ich nicht, weil sie dafür das amerikanische System kennen müssten.” Proband*innen, die privat mit Kindern dieser Altersgruppe zu tun hatten, berichteten von geringerer Unsicherheit als Personen ohne entsprechende Erfahrung. Dieses Ergebnis verdeutlicht, wie essenziell fundiertes Wissen über die Zielgruppe ist, um Inhalte angemessen aufzubereiten.

Innerhalb eines komplexen Problems werden häufig mehrere, teils widersprüchliche Ziele gleichzeitig verfolgt. Dies zeigte sich insbesondere darin, dass unsere Proband*innen einen Kompromiss zwischen fachlicher Tiefe und kindgerechter Verständlichkeit finden mussten. Zugleich lustig und fachlich anspruchsvoll sein, philosophische Fragestellungen kindgerecht vermitteln, fachliche Tiefe erhalten und dennoch verständlich bleiben.

Was bedeutet das für Wissenschaftskommunikation?

Unsere Studie zeigt ein Muster, das vermutlich vielen Forschenden vertraut ist: Man öffnet eine Präsentation, beginnt mit den ersten Folien, recherchiert zwischendurch, sucht nach passenden Bildern und hinterfragt gleichzeitig die Zielgruppengerechtigkeit der Begriffe. Nach dem wiederholten Bearbeiten ganzer Abschnitte geht am Ende die Kernaussage verloren. Und die Erstellung von wenigen Folien erweist sich als überraschend zeitintensiv.

In der Studie haben wir die Handlungsschritte der Proband*innen zeitlich erfasst, in ihrer Abfolge analysiert und den einzelnen Phasen des Problemlöseprozesses zugeordnet. Die empirische Verteilung dieser Prozessschritte zeigt eindrücklich, wie dynamisch und sprunghaft die Planung in der Praxis verläuft5. Auf Grundlage dieser Erkenntnisse bietet das Prozessmodell aus der Problemlösepsychologie eine strukturierte Orientierungshilfe, dessen zentrale Schritte im Folgenden näher beleuchtet werden.

Wie also vorgehen?

1. Zielausarbeitung – Umgang mit Polytelie

Erst die Ziele klären, und zwar ganz am Anfang. Klingt erstmal nachvollziehbar, macht in unseren Beobachtungen jedoch nur sieben Prozent in der gesamten Planungszeit aus. Häufig stiegen die Proband*innen unmittelbar in die Inhalte ein, ohne zunächst zu definieren, welche Kernbotschaft am Ende vermittelt werden sollte. Dadurch trafen die Proband*innen Entscheidungen über geeignete Beispiele, die Priorisierung von Informationen, Vereinfachungen oder Kürzungen ohne klaren Referenzpunkt. Diese Entscheidungen fallen jedoch deutlich schwerer, wenn unklar ist, welche Botschaft beim Publikum letztlich ankommen soll.

2. Informationssammlung und Modellbildung – Umgang mit Komplexität und Vernetztheit

Um ein Thema fundiert aufzubereiten, müssen relevante Informationen gesammelt und strukturiert werden. Diese Phase nahm mit 70 bis 88 Prozent den Großteil der gesamten Planungszeit der Proband*innen ein. Die Einflussfaktoren lassen sich in vernetzte Kategorien zuordnen: Zielgruppe, Rahmenbedingungen, Inhalt, externe Informationen, Darstellung und Organisation. Da sich diese Elemente gegenseitig beeinflussen, etwa wenn ein bestimmter Inhalt eine andere Darstellungsform erfordert, diese jedoch den zeitlichen Rahmen überschreitet, entsteht ein iterativer Planungsprozess. Das bedeutet, dass die Planung nicht geradlinig verläuft, da sich diese Elemente gegenseitig beeinflussen. Diese Vernetztheit verschiedener Kategorien sollten sich die Vortragenden bewusst machen und bspw. konkrete gegenseitige Einflüsse transparent betrachten.

3. Prognose und Extrapolation – Umgang mit Intransparenz

Zu einer gründlichen Vorbereitung gehört es, die Entwicklungen und Reaktionen während des Vortrags im Vorfeld abzuschätzen. Ein weiterer zentraler Befund war die Intransparenz, die sich in dieser Studie vor allem auf fehlende Informationen über das Vorwissen, die Lebenswelt und das Abstraktionsvermögen von Grundschulkindern bezog. Dem lässt sich begegnen, indem Referierende mögliche Reaktionen der Zielgruppe vorab gezielt durchspielen.

4. Planung von Maßnahmen und Revision – der Rumpelstilzchen-Effekt

Zur finalen Vorbereitung gehört auch die konkrete Ausgestaltung der Vortragsaktivitäten und das Durchspielen möglicher Störungen. Die Vortragenden berichteten von technischen Problemen, deren Eintreten in der Planungsphase von niemandem berücksichtigt worden waren. Planende neigen dazu, einen idealen Ablauf zu antizipieren und potenzielle Störungen auszublenden.

In der Problemlösepsychologie spricht man hier mitunter auch vom Rumpelstilzchen-Effekt; einem Phänomen, bei dem uns unerwartete Probleme kalt erwischen und Frustration auslösen, weil vorab kein Plan B entworfen wurde6. Für die Praxis bedeutet das, mögliche Schwierigkeiten bereits im Vorfeld mitzudenken und sich nicht nur zu fragen, wie der Vortrag idealerweise verlaufen soll. Was könnte man tun, wenn etwas nicht nach Plan läuft?

Social Media – wenn Komplexität noch komplexer wird

Die Studie untersuchte einen statischen Kontext: Ein Vortrag wird geplant, das Publikum ist klar definiert und die Rahmenbedingungen verändern sich während der Planungsphase nicht. Gemessen an den Anforderungen moderner Wissenschaftskommunikation handelt es sich damit um ein überschaubares Setting.

Sobald Wissenschaftskommunikation jedoch auf Social-Media-Plattformen stattfindet, erhöht sich die Dynamik durch ein diverses Publikum, Algorithmen, direktes Feedback und Interaktion. Die Erkenntnisse dieser Studie könnten als Ausgangspunkt dienen, um sich mit möglichen Unterstützungsstrukturen für unbeständige Bedingungen auseinanderzusetzen.

Fazit

Anstatt bei der Vorbereitung von Kommunikationsaktivitäten an den eigenen Fähigkeiten zu zweifeln, hilft ein Perspektivenwechsel: Wissenschaftskommunikation sollte als komplexes, aber lösbares Problem verstanden werden. Der Schlüssel zu gelungener Wissenschaftskommunikation liegt nicht im Jonglieren vieler fachlicher Inhalte, sondern viel eher in einer strukturierten Zielklärung zu Beginn, dem Abbau von Unsicherheiten über das Publikum und dem bewussten Antizipieren möglicher Störfaktoren.

Gastbeiträge spiegeln nicht zwangsläufig die Meinung unserer Redaktion wider. Die Redaktion lag bei Anna Henschel.

  1. Thier, K., Krämer, S., Urbonaite, L., Briesemeister, B., & Böhmert, C. (2026). Applying a psychological problem-solving framework to science communication: insights from a qualitative pilot study observing scientists preparing children’s university lectures. Frontiers in Communication, 11, 1799922. ↩︎
  2. Ericsson und Simon, 1980 ↩︎
  3. Thier et al., 2026 ↩︎
  4. Dörner (1981) und Putz-Osterloh (1981) definierten fünf Merkmale, die ein Problem komplex machen: Komplexität, Vernetztheit, Dynamik, Intransparenz und Polytelie (Vielzieligkeit). Siehe: Dörner, D. (1981). “Planning, acting, deciding in very Complex areas of reality,” in Report on the 32nd Congress of the German Psychological Society, Zurich 1980, (Göttingen: Hogrefe), 280–283. ↩︎
  5. Thier, K., Krämer, S., Urbonaite, L., Briesemeister, B., & Böhmert, C. (2026). Applying a psychological problem-solving framework to science communication: insights from a qualitative pilot study observing scientists preparing children’s university lectures. Frontiers in Communication, 11, 1799922. S. 12–14 ↩︎
  6. Vgl. Dörner, D. (1989). Die Logik des Misslingens: Strategisches Denken in komplexen Situationen. Rowohlt, S. 253; siehe auch Schaub, H. (2006). Störungen und Fehler beim Denken und Problemlösen,” in Denken und Problemlösen, Göttingen u.a., ed. J. Funke (Göttingen: Hofgrefe), 447–482; Dörner, 2024. ↩︎