Wie sehr beeinflussen Algorithmen – und unsere Vorstellungen von ihnen – Entscheidungen in der Wissenschaftskommunikation? Clarissa Elisa Walter hat das anhand des YouTube-Formats „Menschen und Muster“ untersucht.
Wie ,imaginäre Algorithmen‘ Formate prägen
Es wird viel darüber spekuliert, wie Algorithmen von Social-Media-Kanälen funktionieren. Sie haben mit Sascha Friesike untersucht, wie Vorstellungen von ihrer Funktionsweise Inhalte der Wissenschaftskommunikation beeinflussen – und sich dabei quasi selbst beforscht?

Ja, gewissermaßen. Es ging um die Entwicklung der YouTube-Reihe „Menschen und Muster“, eine Kooperation zwischen dem Weizenbaum-Institut, einem interdisziplinären Forschungsinstitut, das die Auswirkungen der Digitalisierung auf unsere Gesellschaft untersucht, und dem RBB, einem öffentlich-rechtlichen Sender. Sowohl wir Wissenschaftler*innen als auch die Wissenschaftsjournalist*innen hatten festgestellt, dass es kaum sozialwissenschaftliche Kommunikation im ARD-Portfolio gibt. Das war der Ausgangspunkt, gemeinsam ein Format zu entwickeln. Ich hatte zu dieser Zeit gerade meine Dissertation begonnen und dachte, es wäre spannend, den Prozess ethnografisch zu erforschen, also den Einblick in die Kulissen zu nutzen und die Formatentwicklung durch teilnehmende Beobachtung zu begleiten. So habe ich eine Doppelrolle eingenommen: Einerseits war ich als Praktikerin dabei, habe mitentwickelt und Skripte geschrieben. An einigen Tagen aber habe ich mich bewusst als Forscherin mit meinem Notizbüchlein in die Ecke gesetzt. Dabei bin ich über einige spannende Aspekte gestolpert, die wir so nicht antizipiert hatten.
Wie zum Beispiel die Frage nach dem Einfluss von Algorithmen?
Ja, denn bei allen digitalen Formatentwicklungen kommt der Punkt, an dem es heißt: Wir haben uns etwas Tolles überlegt, aber wie wird es sichtbar? Wir hatten einen mehrtägigen Workshop mit Digitalexpert*innen, in dem gezielt über Algorithmen gesprochen wurde. Die Berater*innen verbalisierten den Anspruch „Let’s unbox the blackbox“, also: „Wir erklären euch jetzt, wie die Algorithmen funktionieren“. So bin ich zum ersten Mal über das Konzept der,algorithmischen Vorstellungswelten‘ gestolpert. Die Plattformen halten die Funktionsweise ihrer Algorithmen bewusst intransparent. Trotzdem haben Nutzer*innen und Creator*innen und “Algorithmus-Expert*innen” Ideen davon, wie Inhalte sichtbar werden. Ich fand es spannend, da genauer reinzuschauen.
In Ihrer Publikation klingt an, dass die Wissenschaftler*innen nicht unbedingt begeistert von den Ratschlägen der Digitalexpert*innen waren. Warum?
Es gibt eine inhärente Spannung in dem Projekt. Uns von der Wissenschaftsseite war die Reichweite zumindest anfangs komplett egal. Unser Anliegen war es, Wissen zugänglich zu machen, zu transferieren und damit der breiten Gesellschaft neue Perspektiven auf Gesellschaft zu eröffnen. Den Digitalexpert*innen ging es darum, Sichtbarkeit zu generieren und Reichweite zu maximieren – völlig unabhängig davon, ob es sich um Wissenschaft, Beauty Influencing oder Sport handelt. Das war für uns Wissenschaftler*innen und Wissenschaftsjournalist*innen befremdlich.
Die Beispiele, die uns gezeigt wurden, waren groß, laut und bunt. Es geht um Emotionalisierung, Simplifizierung, am besten mit Konfetti-Kanone. Ziel war, die Watchtime zu verlängern, also den Zeitraum, in dem jemand auf einem Inhalt verweilt. Daraus leitet der Algorithmus ab, wie zufrieden die Zuschauer*innen mit den Inhalten sind und ob diese auch anderen Leuten ausgespielt werden.
Welche Beispiele sind Ihnen in Erinnerung geblieben?
Das eindringlichste Beispiel war ein Video von dem Beauty-Influencerinnen-Kanal BibisBeautyPalace, in dem Bibi einen Schwangerschaftstest macht. Es hieß: Wenn Bibi in Sekunde fünf schon aufklären würde, ob sie schwanger ist oder nicht, würden alle wegklicken, das wäre schlecht für die Sichtbarkeit. Aber wenn Bibi zehn Minuten über etwas anderes, inhaltlich Irrelevantes redet und die Leute unterhält, bis sie das aufklärt, führt das zu einer langen Watchtime. Wir als Wissenschaftskommunikator*innen fanden: Das ist nichts, womit wir uns identifizieren und keine Strategie, die wir anwenden wollen. Aber irgendwie müssen wir ja trotzdem mitspielen.
Klingt nach einem Dilemma… Welche Herausforderungen ergeben sich aus den Widersprüchen zwischen Plattformlogik und eigenen Zielen?
Die Plattform zwingt uns als Wissenschaftskommunikator*innen die Rolle eines*r Dienstleister*in. Wir aber wollen nicht nur das zeigen, was die Leute sehen wollen. Wir wollen auch Kontroversen beleuchten, komplizierte Themen unterbringen und den Menschen zutrauen, Komplexität auszuhalten. Deshalb befinden wir uns die ganze Zeit in einem Spannungsfeld zwischen: wie viel Komplexität riskieren wir und wie viel weniger Sichtbarkeit nehmen wir dafür in Kauf? Am Ende kann sich das auf das Überleben eines solchen Formats auswirken, weil das inzwischen hauptsächlich durch Plattform-Metriken evaluiert wird. Engagement in der Wissenschaftskommunikation, das wir in der Wissenschaft als ,Public Engagement‘ verstehen, wird inzwischen oft mit Views, Likes und Kommentarzahlen gleichgesetzt. Das finde ich falsch und gefährlich.
Gerät man als ,Dienstleister*in‘ womöglich in eine eher einseitige Kommunikation im Sinne des Defizitmodells der Wissenschaftskommunikation?
Ja, denn hinzukommt, dass die Plattformen gewinnorientiert sind. Hier greift die gute alte Marketinglogik, die darauf beruht, dass man ein Problem oder Defizit konstruiert, um dann eine Lösung anbieten zu können. Wenn jemand ein paar Mal Akne googelt, hat die Person wahrscheinlich Hautprobleme. Dann werden ganz viele Produkte für Akne angezeigt. Scheinbar sind wir als Wissenschaftskommunikator*innen auch gezwungen, auf der Plattform in so einer Marketinglogik zu denken und Wissensdefizite bei Menschen zu kreieren, die wir dann füllen können. Das ist aber das Letzte, was wir wollen. Wir wollen Dialog und auf Augenhöhe, mit den Leuten sprechen und cooles Wissen vermitteln – nicht besseres Wissen, das künstlich konstruierte Defizite füllt und Wissenshierarchien verstärkt.
Andererseits funktioniert das nur, wenn die Inhalte überhaupt gesehen werden. Welche Hinweise der Digitalexpert*innen haben Sie in den YouTube-Videos berücksichtigt?
Teilweise hat sich die Art, wie wir Themen auswählen, verändert. Wir haben gemerkt, dass Fragen, die gerade in der Wissenschaftswelt relevant sind und die wir gerne in die Gesellschaft bringen wollen, einfach zu groß für dieses kleine Format sind. Auch das Storytelling hat sich verändert. Am Anfang haben wir versucht, wissenschaftliche Publikationen anschaulich anhand von Beispielen zu erklären. Aber die Forschungsfragen waren sehr alltagsfern. Jetzt finden wir zu Beginn jeder Folge einen individuell relevanten Aufhänger. Wir suchen Fragen, die sich Menschen schon mal im Alltag gestellt haben und die irgendwas mit der Forschung zu tun haben, die wir vorstellen. Wir geben zu Beginn ein klar definiertes Versprechen. Ein Beispiel: Wenn es um das Konzept des ,Habitus‘ von Bourdieu geht, sagen wir: „Wenn ihr verstehen wollt, warum ihr mögt, was ihr habt, dann schaut dieses Video an.“
Am Anfang war ich kritischer, aber jetzt sehe und verstehe ich, dass diese kleinen Tricks dazu geführt haben, dass unser Wissen niedrigschwelliger zugänglich wurde. Dafür muss man auch zu Kompromissen bereit sein und sich ein paar Sachen trauen. Gleichzeitig ist es wichtig, dass man sich selbst, seinen Zielen und den Werten der Wissenschaftskommunikation treu bleibt.
Wann ist es Ihnen besonders schwergefallen, die verschiedenen Ansprüche zu vereinbaren?
Zum Beispiel bei der Frage, ob man den Zuschauer*innen am Ende einen echten Takeway mitgeben muss – im Sinne von: Was mache ich jetzt mit diesem Wissen? Das hatten uns die Digitalexpert*innen sehr eindringlich nahegelegt für den Erfolg des Formats. Dagegen haben wir uns am Anfang gesträubt und das war auch der schwierigste Teil beim Schreiben der Skripte. Denn oft war das eine Transferleistung, die nicht in dem wissenschaftlichen Wissen angelegt war. Sozialwissenschaften sind nicht dazu da, Leuten zu sagen, wie sie sich verhalten sollen. In erster Linie geht es darum, zu beobachten und zu beschreiben. Zu konstruieren, was ein Individuum mit diesem Wissen machen soll, war total fremd für uns. Aber am Ende sehen wir darin einen großen Mehrwert, weil wir dadurch das Wissen relevanter machen und vielleicht so einen Aha-Moment schaffen, der länger verfängt.
Zeigt sich das auch in der Anzahl der Zuschauer*innen?
Man kann in den Statistiken gut nachvollziehen, dass sich die Reichweite im Laufe der Zeit deutlich gesteigert hat. Anhand bestimmter Benchmarks wurde entschieden, ob das Format weiter produziert wird. Öffentlich-rechtliche Sender sind nicht nur verpflichtet, qualitativ hochwertige Bildungsinhalte zu produzieren, sondern diese auch erfolgreich zu verbreiten. Für uns bedeutete das, dass wir im ersten Jahr sieben Videos mit 10.000 Views schaffen müssten. Wir dachten: „Oh Gott, also das ist echt viel.“ Inzwischen haben fast alle unserer Videos 20.000 Klicks, einige Ausreißer bis zu 250.000. Wir haben eine ganz tolle Community, die viel und fast ausschließlich positiv kommentiert und konstruktiv über gesellschaftliche Themen diskutiert.
Würden Sie sagen, dass es sozialwissenschaftliche Forschung auf Social Media besonders schwer hat?
Die Algorithmus-Expert*innen sagten damals, dass Sozialwissenschaften und YouTube-Algorithmen überhaupt nicht zusammenpassen. Ein Grund ist, dass Algorithmen auf Einzelpersonen programmiert sind. Sie kennen die Zielgruppe “Gesellschaft” nicht, weil Gesellschaft nichts kauft – und das ist eben nach wie vor das Ziel: hoch individualisierte Werbung zu schalten. Ich glaube, deshalb bleiben sozialwissenschaftliche Inhalte unsichtbar, wenn es uns nicht gelingt, eine spezifische individuelle Relevanz zu konstruieren, die Algorithmen bestimmten Individuen zuordnen können.
Sozialwissenschaftliche Konzepte wurden nicht dafür gemacht, individuelle Relevanz zu konstruieren. Sie brauchen aber Sichtbarkeit, um diese unfassbar komplexe Welt, in der wir gerade leben, durch wissenschaftliche Perspektiven verstehbar zu machen, um technische Entwicklungen kritisch zu begleiten und zu erklären, wie sie sich auf unsere Gesellschaften auswirken. Der Soziologe Michael Burawoy hat mal geschrieben, dass es öffentliche Soziolog*innen brauche, um den Narrativen entgegenzuwirken, die von denen verbreitet werden, die am meisten von der Ausbeutung anderer profitieren. Von Softwareentwickler*innen, die die Ziele ihrer profitorientierten Organisation erfüllen sollen, zu erwarten, dass sie gemeinwohlorientierte algorithmische Systeme entwickeln: Das ist ein inhärenter Widerspruch. Wenn Gesellschaft und Algorithmen nicht zusammenpassen, aber die ganze Gesellschaft algorithmisch kuratierte Informationen rezipiert, haben wir ein riesengroßes Problem damit, wie sehr wir uns von ihnen abhängig machen.
Sehen Sie auch Chancen für Sozialwissenschaften auf Social Media?
Die Kommunikation von Sozialwissenschaften hat einige Besonderheiten. Lewis und Kolleg*innen aus der U.K. beschreiben in ihrem Paper „Why we need a public understanding of social science“ den Unterschied zu naturwissenschaftlicher Kommunikation, die in der Gesellschaft einen höheren Status genießtdes. Wenn ein*e Astrophysiker*in in der Öffentlichkeit über die Gravitationstheorie referiert, widersprechen in der Regel selten Menschen im Publikum und sagen: „Hey, ich habe aber ’ne ganz andere Erfahrung gemacht. Wenn ich hochspringe, dann komme ich nicht wieder runter auf den Boden.“ Das gibt es natürlich auch, ist aber wirklich selten. Wenn wir hingegen über Gesellschaft sprechen, zum Beispiel über Arbeit, Familie oder den Gender Pay Gap, wird es immer Menschen im Raum geben, die sagen: „Ich habe eine ganz andere Erfahrung gemacht, das stimmt nicht.“ Und das ist auch in Ordnung. Denn unser Wissen ist eben auch nur eine bestimmte Art, wie man auf ein bestimmtes gesellschaftliches Problem blicken kann. Wir müssen also zeigen, dass sozialwissenschaftliches Wissen anders ist als Alltags- und Erfahrungserfahrungswissen, und beschreiben, warum jede Wissensform auf seine eigene Art und Weise relevant ist. Nur dann kann ein Dialog auf Augenhöhe gelingen. Dafür müssen wir Einblicke geben, wie wissenschaftliches Wissen generiert wird. In den sozialen Medien bietet diese Nähe zum Alltag eine Riesenchance, weil wir mit unserer Forschung direkt an den Alltag der Menschen anknüpfen können.