Ein wachsender Teil von Wissen entsteht dort, wo Forschung auf Anwendung trifft. Doch genau diese Perspektive fehlt oft in der Debatte um gute Wissenschaftskommunikation, findet Roman Möhlmann. Im Gastbeitrag erklärt er, wie sich wissenschaftliche Integrität und ökonomische Interessen zusammen denken lassen.
Wie ,gute Wissenschaftskommunikation‘ auch in der privaten Forschung gelingt
Die Diskussion um „gute Wissenschaftskommunikation“ wird in Deutschland noch immer stark aus der Perspektive öffentlich finanzierter Forschung geführt. Universitäten, außeruniversitäre Einrichtungen und Förderorganisationen prägen die Debatte – verständlich, nachvollziehbar und legitim. Zugleich bleibt diese Perspektive unvollständig.
Das zeigt sich auch in bestehenden Leitlinien und Empfehlungen zur Wissenschaftskommunikation, die überwiegend auf öffentlich finanzierte Forschung und deren institutionelle Logiken ausgerichtet sind. Ergänzend existieren zwar praxisnahe Empfehlungen etwa für Technik- und Innovationskommunikation, beispielsweise aus dem Umfeld von acatech. Diese adressieren jedoch vor allem die Vermittlung technologischer Entwicklungen und deren gesellschaftliche Einordnung.
Was bislang weniger systematisch behandelt wird, ist die spezifische Situation privatwirtschaftlich organisierter Forschung. Ein wachsender Teil wissenschaftlicher Erkenntnis entsteht heute an der Schnittstelle von Forschung, Anwendung und Markt: in privatwirtschaftlich organisierten Unternehmen, Laboren, Start-ups oder hybriden Strukturen. Genau dort, wo Innovation besonders schnell in Versorgung, Produkte und gesellschaftliche Wirkung übersetzt wird.
Genau hier befindet sich eine Leerstelle – nicht im Sinne fehlender Prinzipien, wohl aber in ihrer konkreten Ausgestaltung unter abweichenden strukturellen Rahmenbedingungen.
Zwischen Anspruch und Realität
Gute Wissenschaftskommunikation basiert auch im privatwirtschaftlichen Kontext auf etablierten Prinzipien: wissenschaftliche Redlichkeit, Transparenz, Einordnung von Unsicherheiten und Zielgruppenorientierung. Insofern gelten die Leitlinien guter Wissenschaftskommunikation selbstverständlich auch hier.
Gleichzeitig unterscheidet sich der Kontext erheblich. Neben Erkenntnisgewinn spielen Wettbewerb, Geschäftsmodelle, regulatorische Anforderungen, IP-Schutz und Marktdynamiken eine zentrale Rolle. Kommunikation bewegt sich damit in einem Spannungsfeld, das sich nicht einfach auflösen lässt.
Gerade deshalb braucht es eine realistische Perspektive: Wissenschaftskommunikation in privatwirtschaftlichen Kontexten ist dialogorientiert, aber strategisch; offen, aber mit Augenmaß; reputationsfördernd, aber ohne PR-Selbstzweck angelegt. Sie muss wissenschaftlichen Anspruch und berechtigte wirtschaftliche Interessen zugleich berücksichtigen, ohne beides gegeneinander auszuspielen.
Diese Erweiterung widerspricht nicht den Grundprinzipien guter Wissenschaftskommunikation – sie konkretisiert sie jedoch unter anderen Rahmenbedingungen.
Transparenz unter Bedingungen
Ein zentraler Punkt ist die Frage nach Transparenz. Während in öffentlich finanzierter Forschung offene Datenzugänge (Open Data) häufig als Ziel formuliert werden, ist dies in privatwirtschaftlichen Kontexten oft nur eingeschränkt möglich und teilweise realitätsfern.
Kommerzielle Interessen, Schutz geistigen Eigentums und Wettbewerbsaspekte sind berechtigte und keinesfalls im Kontrast zu guter wissenschaftlicher Praxis stehende Rahmenbedingungen. Sie müssen daher ebenso adressiert werden wie wissenschaftliche Inhalte selbst.
Gute Wissenschaftskommunikation bedeutet hier nicht maximale Offenheit um jeden Preis, sondern nachvollziehbare Offenheit im Rahmen der jeweiligen Möglichkeiten – oft mit begrenzten Spielräumen im Spannungsfeld zwischen Kommunikationsstrategie sowie regulatorischen und unternehmenspolitischen Anforderungen.
Entscheidend ist, dass diese Grenzen nicht verschleiert, sondern transparent gemacht werden.
Vertrauen als mehrdimensionale Aufgabe
Vertrauen bleibt die zentrale Ressource – gerade dort, wo Interessenlagen komplex sind; Vertrauen gilt in Forschung und Wissenschaftskommunikation als zentrale Voraussetzung gesellschaftlicher Wirksamkeit und wird in der Literatur häufig als mehrdimensionales Konstrukt beschrieben1. Gerade dort, wo Interessenlagen komplex sind, wird diese Mehrdimensionalität besonders sichtbar. In der Praxis lässt sich das als Zusammenspiel mehrerer Dimensionen verstehen:
- Strukturell: Sind Rahmenbedingungen, Interessen und Kooperationen nachvollziehbar?
- Epistemisch: Sind Methoden, Daten und Schlussfolgerungen belastbar und eingeordnet?
- Kommunikativ: Werden Inhalte verständlich, differenziert und adressatengerecht vermittelt?
Gerade privat forschende Einrichtungen stehen hier unter besonderer Beobachtung. Ihre Kommunikation wird häufig als interessengeleitet interpretiert – was sie auch ist. Entscheidend ist, ob diese Interessen reflektiert und transparent gemacht werden.
Vertrauen entsteht nicht durch behauptete Neutralität, sondern durch nachvollziehbare Positionierung und konsistente Praxis.
Kollisionspunkt Kommunikation und Marketing
Ein oft unterschätzter Aspekt ist die Nähe von Wissenschaftskommunikation und Marketing in privatwirtschaftlichen Kontexten. Während im Idealfall eine klare Trennung besteht, ist diese in der Praxis nicht immer trennscharf.
Markenbildung, Positionierung und Reputationsaufbau sind legitime Ziele von Unternehmen – sie können jedoch mit dem Anspruch wissenschaftlicher Objektivität in Spannung geraten. Die klare Abgrenzung zu Eigeninteressen ist in privatwirtschaftlichen Kontexten mit legitimen Markenbildungszielen nicht immer vollständig vereinbar.
Diese Spannung ist kein Ausnahmefall, sondern strukturell angelegt. Gute Wissenschaftskommunikation zeichnet sich hier dadurch aus, dass sie Eigeninteressen nicht kaschiert, sondern reflektiert und klar von wissenschaftlicher Evidenz trennt. Sie ist damit weder reine PR noch reine Wissensvermittlung, sondern bewegt sich bewusst zwischen beiden Polen.
Neue Anforderungen durch KI und datengetriebene Forschung
Mit dem Aufkommen generativer KI und datenintensiver Forschung verschärfen sich diese Anforderungen zusätzlich. Kommunikation muss heute nicht nur Ergebnisse erklären, sondern auch Trainingsdaten, Modellannahmen und Unsicherheiten einordnen sowie algorithmische Entscheidungsprozesse verständlich machen.
Gerade im medizinischen Kontext zeigt sich: Die Herausforderung ist weniger technologisch als strukturell und kommunikativ. Leistungsfähige Systeme allein schaffen noch kein Vertrauen. Hier wird Wissenschaftskommunikation zunehmend zur Übersetzungsleistung zwischen Technologie, Anwendung und gesellschaftlicher Erwartung – ein Punkt, der aktuelle Debatten zur Rolle von KI und Vertrauen in der Wissenschaftskommunikation verstärkt prägt, und über den ich artverwandt zuletzt schrieb.
Parallel wächst der regulatorische Rahmen, etwa durch europäische Initiativen im Bereich Datenräume, KI oder Medizinprodukte. Diese schaffen notwendige Leitplanken, erhöhen aber zugleich die Komplexität. Kommunikation muss daher nicht nur Inhalte vermitteln, sondern auch regulatorische Einbettung, Verantwortlichkeiten und Grenzen der Anwendbarkeit adressieren. Ein reines „Erklären von Ergebnissen“ reicht nicht mehr aus, gefragt ist Kontextualisierung im System.
Auffällig ist dabei, dass KI-gestützte Kommunikationsformen derzeit insbesondere in privatwirtschaftlichen Kontexten schnell operationalisiert werden, während Hochschulen und öffentliche Forschungseinrichtungen häufig stärker durch Governance-, Reputations- und Regulierungslogiken geprägt sind. Studien zur KI-Nutzung in Unternehmen zeigen, dass gerade Kommunikations- und Marketingfunktionen zu den frühesten Anwendungsfeldern zählen (vgl. etwa McKinsey 2024; Deloitte 2025), während sich der Einsatz in akademischen Kontexten oft vorsichtiger und stärker normativ gerahmt entwickelt.
Was folgt daraus für die Praxis?
Aus diesen Entwicklungen lassen sich einige zentrale Leitlinien ableiten:
Transparenz über Interessen und Rahmenbedingungen.
Privatwirtschaftliche Forschung ist in spezifische ökonomische und regulatorische Kontexte eingebettet. Diese sollten nicht ausgeblendet, sondern aktiv benannt werden, um die Einordnung von Aussagen zu ermöglichen.
Klare Kommunikation von Unsicherheiten und Grenzen.
Gerade in datengetriebenen und zunehmend KI-basierten Anwendungen ist die transparente Darstellung von Modellannahmen, Validierungsgrenzen und Unsicherheiten entscheidend für Glaubwürdigkeit – in allen Forschungswelten.
Bewusste Reflexion der eigenen Rolle zwischen Wissenschaft und Organisation.
Wissenschaftskommunikation in Unternehmen bewegt sich zwischen Erkenntnisvermittlung und strategischer Positionierung. Diese Doppelrolle sollte nicht nivelliert, sondern reflektiert gestaltet werden.
Übersetzungsleistung zwischen Fachlichkeit, Anwendung und Öffentlichkeit.
Die Herausforderung besteht zunehmend darin, komplexe wissenschaftliche Inhalte so zu vermitteln, dass sie sowohl fachlich korrekt als auch für unterschiedliche Zielgruppen anschlussfähig sind.
Operationalisierung von Verantwortung in Prozessen und Formaten.
Leitlinien entfalten ihre Wirkung erst, wenn sie in konkrete Kommunikationsprozesse, Freigabestrukturen und Formate übersetzt werden.
Mehr als ein Sonderfall
Gute Wissenschaftskommunikation basiert auch im privatwirtschaftlichen Kontext auf etablierten Prinzipien wie Transparenz, Einordnung von Unsicherheiten und wissenschaftlicher Redlichkeit.
Die Herausforderung besteht daher weniger in einem Gegensatz der Prinzipien, sondern in ihrer Anwendung unter unterschiedlichen Bedingungen. Genau an dieser Stelle entsteht der Eindruck, dass bestehende Leitlinien die Logiken verschiedener Forschungskontexte eher voraussetzen als systematisch miteinander in Beziehung setzen.Eine zeitgemäße Weiterentwicklung von Wissenschaftskommunikation müsste diese unterschiedlichen Rahmenbedingungen stärker integrieren, statt sie implizit zu normieren.
Die redaktionelle Verantwortung für diesen Gastbeitrag lag bei Sabrina Schröder. Gastbeiträge spiegeln nicht zwangsläufig die Meinung unserer Redaktion wider. Eine Kurzversion des Textes veröffentlichte Roman Möhlmann zuerst über seinen Linkedin Kanal.
- vgl. Mayer et al. 1995; Hendriks et al. 2015 ↩︎