Über 3000 Besucher*innen erlebten im Mariendom, wie ein Quantenexperiment Klang und Bewegung erzeugt. Alexander Ploier von der JKU Linz erzählt wie man mit Kunst Unvorstellbares greifbar macht.
Wie erklärt man das Unbegreifliche?
Die Quantenmechanik gilt als Inbegriff des Unbegreiflichen. Wie kommuniziert man das?
Schrödinger hat das mal mit der Katze versucht. Eigentlich wollte er nur zeigen, wie absurd es ist, sich vorzustellen, dass etwas gleichzeitig lebendig und tot sein könnte.

Für mich ist durch unser Projekt “The Sound of Entanglement“ vor allem wichtig geworden, wie man Leute wirklich abholt. Normalerweise publiziert man wissenschaftliche Arbeiten, spricht mit Kolleg*innen aus dem eigenen Fach und so weiter. Mit Menschen aus anderen Bereichen muss man aber neu anfangen und überlegen, wie man die Forschung verständlich vermittelt.
Die Eröffnung war unglaublich: ein riesiger Dom, voll mit so vielen Menschen, das habe ich schon lange nicht mehr erlebt. Das war sehr beeindruckend. Da war für mich klar, dass dieses Projekt viel Potenzial hat.
Gab es einen Moment, in dem Sie gemerkt haben: “Jetzt hat jemand wirklich verstanden, worum es geht?”
Ja, nach jeder Performance. Wenn Leute nach der Aufführung auf die Bühne kommen, nachfragen und sich ein Quantenexperiment erklären lassen wollen, das ist das Coolste. Besonders schön ist es, wenn jemand, der vorher dachte, Quanten seien Magie, sagt: „Magst du mir das nochmal erklären?“
In Zeiten zunehmender Wissenschaftsskepsis ist es besonders wichtig, abstrakte Forschung verständlich zu vermitteln. Wissenschaftskommunikation wird in den nächsten Jahren noch wichtiger. Es geht nicht nur darum, was man erforscht, auch darum, wie man es so erklärt, dass Menschen einen Bezug dazu haben. Quantenphysik bringt viele technologische Neuerungen und betrifft Medizin und vieles andere Lebensbereiche. Das zu kommunizieren, ist extrem wichtig.
Wie kann man einem Menschen ohne Physik-Hintergrund erklären, was in “The Sound of Entanglement” passiert?
Bei “The Sound of Entanglement” geht es um Verschränkung. Zwei Objekte kann man nicht einzeln beschreiben, man muss sie als Einheit betrachten. Stellen Sie sich zwei Tänzer*Innen vor. Die eine Person ist in Wien, die andere in Berlin. Beide sind perfekt aufeinander abgestimmt. Einzeln bewegen sich die Personen einfach auf der Tanzfläche hin und her. Erst wenn man beide gemeinsam betrachtet, sieht man, was für einen Tanz dieses Paar durchführt.
Johannes Kofler, theoretischer Physiker an der JKU Linz, hatte die Idee, ein physikalisches Experiment als Input für die Musik zu nehmen. Dieses Experiment zeigt, dass unsere Welt quantenmechanisch funktioniert.
Die beteiligte Künstlerin Enar de Dios Rodríguez hat sich dann überlegt, wie man das visuell erlebbar macht und das Publikum involviert. Und der beteiligte Komponist, Clemens Wenger, übersetzte es musikalisch, sodass der Zufall der Quantenmusik nicht chaotisch, sondern musikalisch sinnvoll blieb. Für die Uraufführung nahm er ein Werk von Anton Bruckner als Grundlage. Im Linzer Mariendom spielten wir dann zwei Orgeln gleichzeitig,so entstand ein “verschränkter Klang” und der Effekt des Experiments wird hörbar.
Für mich war aber schon früh klar, dass man dieses Projekt gut aufzeichnen und kommunizieren sollte, weil es etwas ganz Neues ist. Wer neugierig geworden ist, kann sich den Effekt in der Doku anhören!
Das Stück basiert auf echten quantenmechanischen Zufallsprozessen. Wie viel Kontrolle hat man als Team bei einer Aufführung tatsächlich noch?
Man hat noch eine gewisse Kontrolle. Es gibt zwei Stationen, die wir “Alice” und “Bob” genannt haben, die jeweils ein Partikel messen. Beide können sich selbst entscheiden, welche Eigenschaften der Partikel sie sich genau ansehen wollen — zum Beispiel, ob ein Partikel Horizontal oder Vertikal polarisiert ist. Das Ergebnis der Messung ist objektiv zufällig, kann also nie vorhergesagt werden.
Diese zufällige Wahl führt also dazu, dass sich das Stück bei jeder Aufführung anders anhört?
Ganz genau. Es gibt so viele Möglichkeiten, wie dieses Musikstück ablaufen kann, dass sich keine zwei Aufführungen exakt gleich anhören. Das basiert auf dem objektiven Zufall der Quantenmechanik.
Dieser unterscheidet sich vom subjektiven Zufall, den wir im Alltag wahrnehmen. Bei einer Münze oder beim Roulette könnte man den Ausgang theoretisch berechnen, wenn man alle Bedingungen exakt kennen würde. In der Quantenmechanik ist das nicht möglich.
“The Sound of Entanglement” nutzt sogenannte verschränkte Photonen als „Quanten-Dirigenten“. Warum eignen sie sich so gut für einen künstlerischen Kontext?
Wir arbeiten mit einzelnen Lichtpartikeln, die direkt auf der Bühne mit einem Laser erzeugt und dann gemessen werden. Entscheidend ist, dass der Dirigent, also das Experiment, wirklich auf der Bühne steht und die Messungen live passieren.
Für die Zuschauer*innen ist das ein besonderer Zugang zur Quantenphysik. Sie sehen, dass das Experiment Teil der Aufführung ist, und können nach der Vorstellung auf die Bühne kommen, alles anschauen und erklärt bekommen. Dadurch wird das Ganze viel greifbarer.
Musik ist eher emotional, Quantenphysik eher abstrakt. Was passiert, wenn diese Welten aufeinandertreffen?
Aus dem Bauch heraus würde ich sagen, dass Musik und Visualisierungen für jede Person zugänglich sind. Man kann ein Musikstück hören und einfach sagen: „Finde ich gut“ oder „Finde ich nicht gut“.
Hier entsteht eine neue Art von Musik, die nicht von Menschen, sondern von einem Quantenexperiment dirigiert wird – und das ohne den Einsatz von “künstlicher Intelligenz”. Quantenphysik ist nach wie vor ein Nischenthema. Wenn wir dazu beitragen, dass Leute sagen: „Quanten, davon habe ich schon mal gehört“, dann ist das schon ein Erfolg und ein Schritt, diese Konzepte in die Öffentlichkeit zu bringen.
Im Mariendom hörten vorletztes Jahr über 3000 Menschen erst einen Einführungsvortrag, dann die Performance. Was funktioniert besser? Erklären oder Erfahren?
Ich würde definitiv sagen: Erfahren. Ein zweistündiger Vortrag über Quantenphysik kann interessant sein, aber es ist etwas ganz anderes, Quantenphysik live zu erleben, durch Sound oder visuelle Darstellung.
Ich fand die Kombination sehr gut. Ein kurzer Vortrag und danach die Musik. Das ist für mich das Beste aus beiden Welten.
Sie haben 16 Monate mit den Künstler*innen und anderen Wissenschaftler*innen zusammengearbeitet. Würden Sie sagen, dass alle Seiten voneinander gelernt haben?
Ja, auf alle Fälle. Vor allem unsere nichtwissenschaftlichen Projektpartner*innen, die Künstlerin und der Komponist, haben das Projekt auf ein neues Level gehoben. Es war ja nicht nur auf eine Aufführung beschränkt, sondern hat sich weiterentwickelt und verändert. Wir sind inzwischen mit der dritten Variante auf Tour und spielen Konzerte. Das Projekt ist transportabel, man braucht also nicht immer eine große Kirche und zwei Orgeln.
Die Aufführungen in Linz, Wien und Washington zeigen, dass das Format international funktioniert. 2025 wurden Sie und das Projekt mit dem Kepler Award der der Johannes Kepler Universität Linz ausgezeichnet. Gibt es schon Pläne, das Projekt zu erweitern?
Es gibt definitiv Pläne zur Erweiterung. Unser Team wurde zum Beispiel um zwei Musiker*innen, Manu Mayr und Judith Schwarz, erweitert. Sie treten gemeinsam mit unserem Komponisten in einer Band auf und gehen damit auf Tour, damit das Konzept noch mehr Menschen erreicht.
Es gibt auch eine kleine Community, die Quantenkunst macht. Durch Vernetzung entstehen immer neue Möglichkeiten aufzutreten und das Projekt zu präsentieren. Wir waren zum Beispiel auf Konferenzen in Berlin und Palermo – auch auf wissenschaftlichen Konferenzen.