Wie „brandmelder“ den Klimajournalismus verbessern will

Klimakrise braucht Kontext! Mit diesem Anspruch ist „brandmelder“ gestartet, ein Monitoringformat des Netzwerk Klimajournalismus. Projektleiter David Schmidt erklärt, wo die Klimaberichterstattung Defizite hat und wie das Format Redaktionen als „Sparringspartner“ unterstützen will.

David Schmidt, Projektleitung & Strategie bei brandmelder.org, war früher Redakteur bei Zeit Online und arbeitet heute als freier Journalist und Kommunikationsexperte an der Schnittstelle zwischen Natur und Gesellschaft

Der „brandmelder“ ist online: ein Analyse- und Monitoringformat des Netzwerk KlimajournalismusWo brennt es denn in der Klimaberichterstattung?

An sehr vielen Stellen. Natürlich gibt es exzellente Berichterstattung, etwa im Wissenschaftsjournalismus. Wenn aber in den tagesaktuellen Nachrichten der einordnende Kontext fehlt, hat das eine enorme Hebelwirkung auf die Leserschaft – oft stärker als die Facharbeit kleinerer Redaktionen. Die Klimakrise ist ein Querschnittsthema, das alle Ressorts betrifft. Trotz der Dringlichkeit sehen wir qualitativ kaum eine Entwicklung; quantitativ findet die Krise in deutschen Medien sogar immer weniger statt. Das belegen Daten unserer Kolleg*innen von Klima vor acht und der Universität Hamburg. Ein Grund: In der aktuellen Bundesregierung fehlt der politische Drive für Klimamaßnahmen, was sich in der medialen Agenda spiegelt. Zudem fehlt in vielen Redaktionsleitungen der strategische Dialog darüber. Mit „brandmelder“ wollen wir genau diesen Dialog anstoßen.

Sie wollen an Beispielen aufzeigen, wie man es besser machen kann. Fürchten Sie, unter Kolleg*innen als Nestbeschmutzer wahrgenommen zu werden? 

Eigentlich nicht. Wir betreiben Kritik nicht als Selbstzweck und zeigen nicht bloß stur auf Fehler. Wir verstehen uns als Sparringspartner für Redaktionen. Indem wir strukturelle Defizite aufzeigen, arbeiten wir nicht problemfokussiert, sondern lösungsorientiert.

Dazu veröffentlichen Sie systematische Medienanalysen. Wie laufen diese konkret ab?

Konkrete Beispiele finden Sie in unserer ersten Ausgabe. Redaktionsleiter Jürgen Döschner befasst sich in der Rubrik „Kontext“ etwa mit den Tagesthemen zur Solar-Politik von Wirtschaftsministerin Reiche. Es geht um das Ende der Einspeisevergütung für private Anlagen. Der Gast, Energieökonom Lion Hirth, verteidigte die Pläne mit legitimen Argumenten. Das Problem: Die Redaktion versäumte es zu erwähnen, dass Hirth auch Unternehmer ist und das Ministerium zu seinen wichtigsten Kunden zählt. Ohne diese Information kann das Publikum die Expertise nicht kritisch einordnen. Solche Fälle fehlender Transparenz finden unsere Fachredakteur*innen häufig. Wir laden die Menschen aber auch dazu ein, uns über unsere Website „Brandmeldungen“ – also Hinweise auf diskussionswürdige Beiträge – zu schicken.

In der Rubrik „Diskurs“ blicken Sie auf strukturelle Probleme, aber auch auf Best Practices.

Genau. Elena Matera schaut zum Start auf das Potenzial regionaler Klima-Newsletter. Ein strukturelles Problem, das uns oft begegnet, ist die sogenannte „False Balance“, um hier ein Beispiel zu nennen: Diese zu Deutsch „falsche Balance“ entsteht, wenn wissenschaftlicher Konsens durch eine falsch verstandene journalistische Neutralitätspflicht konterkariert wird, indem man etwa einer wissenschaftlich qualifizierten Expertin eine unqualifizierte Stimme gegenüberstellt. Das suggeriert dem Publikum fälschlicherweise, die Wahrheit läge irgendwo zwischen Fakt und Meinung in der Mitte.

Die dritte Rubrik heißt „Wissen“. Was verbirgt sich dahinter?

Das ist eine Handreichung für Medienschaffende, Politik und die interessierte Öffentlichkeit. Wir bereiten Hintergrundinfos zu aktuellen Debatten auf und liefern die entsprechende Datenbasis. Leoni Bender und Gerald Perschke analysieren zum Start das Klimaschutzprogramm, das die Bundesregierung bis zum 25. März rechtlich bindend vorlegen muss.

Werden Bürger*innen –abgesehen von den „Brandmeldungen“ –einbezogen?

Unbedingt. Journalismus ist die vierte Gewalt und Voraussetzung für eine funktionierende Demokratie. Wir wollen weg von der rein internen Debatte der Redaktionen und das Medienvertrauen stärken. Jede*r ist eingeladen, sich an diesen Debatten, zum Beispiel auf Social Media, zu beteiligen.

Sie sagten, es fehle der „politische Drive“. Anfang letzten Jahres hat das Netzwerk Klimajournalismus einen offenen Brief verfasst, in dem Sie forderten, die Klimakrise auf die Agenda des Wahlkampfs zu setzen, weil sie kaum Thema war. War der brandmelder die Antwort auf den mangelnden Fokus im Wahlkampf?

Ja. Unser offener Brief hat zwar Aufmerksamkeit erzeugt, aber die Auseinandersetzung dazu hat uns auch gezeigt, dass wir ein dauerhaftes Monitoring-Format brauchen. Wir müssen kontinuierlich auf die Nachrichtenlage reagieren können – sei es zur Bundestagswahl oder aktuell zum Gebäudeenergiegesetz, wo die Berichterstattung oft mehr zur Verunsicherung als zur Aufklärung beigetragen hat.


brandmelder ist kostenlos. Wie finanziert sich das Projekt?

Das Netzwerk Klimajournalismus ist ein gemeinnütziger Verein. Wir finanzieren uns aktuell über Förderprogramme und Spenden. Mittelfristig planen wir ein hybrides Geschäftsmodell, um unabhängig von befristeten Förderlogiken zu werden. Das Netzwerk soll sich als Kompetenzzentrum etablieren – mit einem neuen Mitgliedsmodell und Angeboten für Journalistenschulen und Hochschulen. Momentan stützen wir uns noch stark auf ehrenamtliches Engagement, das wollen wir perspektivisch professionalisieren. 

Das Netzwerk Klimajournalismus verschreibt sich in seiner Charta dem Selbstverständnis, nicht aktivistisch auftreten zu wollen. Könnte der Name „brandmelder“ als zu plakativ verstanden werden? 

Wir wollen nicht hinter einem generischen „Klima-X“-Namen untergehen. „brandmelder“ ist prägnant und lädt dazu ein, über das Thema zu reden. Es stimmt, dass Klimajournalist*innen oft mit Aktivismusvorwürfen konfrontiert sind – ein Phänomen, das andere Ressorts weit seltener trifft. Diese Angriffe sind fast schon charakteristisch für unser Feld. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir genau diese Debatte bald ausführlich im „brandmelder“ führen werden.