Werden Mängel an einer Studie festgestellt, ziehen Journale sie zurück – ein etablierter Vorgang in der Wissenschaft. Doch oft fehlt eine nachvollziehbare Begründung, mahnt Gastautor Udo Endruscheit. So entsteht Raum für Spekulationen.
Wenn Studien ohne Erklärung zurückgezogen werden
Als das angesehene Fachjournal The Oncologist eine viel diskutierte Studie zur Homöopathie bei Lungenkrebs von Michael Frass und seinem Team zurückzog,1 schien die Sache zunächst klar: Eine wissenschaftliche Publikation wird aus dem wissenschaftlichen Literaturbestand entfernt.
Doch das Zurückziehen der Arbeit ließ eine zentrale Frage offen. Das Journal erklärte lediglich, das Editorial Board habe „das Vertrauen in die Ergebnisse und Schlussfolgerungen der Arbeit verloren“. Eine nähere Begründung fehlte.
Warum Transparenz entscheidend ist
Das Zurückziehen von wissenschaftlichen Publikationen gehört zu den wichtigsten Instrumenten wissenschaftlicher Selbstkorrektur. Solche Vorgänge sind ein Ausdruck wissenschaftlicher Stärke, indem sie zeigen, dass Fehler erkannt und korrigiert werden können. Sie markieren den Punkt, an dem ein Journal öffentlich festhält, dass eine Publikation nach nochmaliger Überprüfung – vielfach aufgrund von Einwänden aus der wissenschaftlichen Community – nicht mehr den Standards wissenschaftlicher Evidenz genügt. Doch diese Stärke entfaltet sich nur dann vollständig, wenn sie auch nachvollziehbar kommuniziert wird.
Formal ist dieser Prozess gut etabliert. Kommunikativ jedoch bleibt er häufig erstaunlich knapp.
Im Fall der Studie von Michael Frass wurde die kommunikative Lücke schnell sichtbar. Der Studienautor selbst verbreitete eigene Erklärungen für die Entscheidung des Journals und bot alternative Deutungen des Rückzugs seiner Studie an, bis hin zu dessen offener Relativierung.
Für Außenstehende blieb dabei schwer nachvollziehbar, welche Aussagen auf belastbaren Informationen beruhten – und welche lediglich Interpretation waren. Die Deutungshoheit über den Vorgang verschob sich damit teilweise vom für die Publikation verantwortlichen Journal zu Akteuren mit unmittelbarem Interesse an der Interpretation der Entscheidung.
Besonders problematisch wird diese Situation, wenn der Rückzug einer Publikation auf eine längere öffentliche Kontroverse folgt.
Die Studie von Michael Frass war über Jahre Gegenstand intensiver Kritik.2 In der wissenschaftlichen Debatte wurden zahlreiche Einwände gegen Studiendesign, Datenauswertung und Studienorganisation vorgebracht. Das Journal reagierte zunächst mit mehreren Korrekturen – die einen inhaltlichen Bezug zur vorgebrachten Kritik vermissen ließen – und veröffentlichte zeitgleich mit der zweiten Korrektur ein Editorial, das die Arbeit ausdrücklich gegen ihre Kritiker verteidigte.
Als dann das Journal schließlich doch den Rückzug der Arbeit erklärte, verzichtete es darauf, dieser Vorgeschichte Rechnung zu tragen und zu erklären, ob und welche der zuvor diskutierten Kritikpunkte für die Entscheidung des Journals ausschlaggebend waren.
Wo Schweigen Spekulationen schafft
In der Publikationsethik ist bekannt, dass problematische Arbeiten häufig zunächst durch eine Reihe von Korrekturen laufen, bevor ein Zurückziehen erfolgt. Solche „correction cascades“ können den wissenschaftlichen Status einer Studie über längere Zeit unklar lassen.
Wenn schließlich die Bekanntgabe des Zurückziehens keine konkreten Gründe nennt, entsteht eine besondere Form institutioneller Mehrdeutigkeit: Die Studie gilt zwar nicht mehr als Teil des wissenschaftlichen Literaturbestandes, jedoch ohne, dass für die wissenschaftliche Gemeinschaft deutlich wird, warum. Wo Journale selbst keine klare Einordnung liefern, entstehen konkurrierende Narrative darüber, was der Vorgang bedeutet – und was nicht.
Das Committee on Publication Ethics (COPE), die zentrale Selbstorganisation des wissenschaftlichen Publikationswesens, empfiehlt, das Zurückziehen von Publikationen transparent und nachvollziehbar darzustellen.
Solche Mitteilungen sollten angeben, aus welchen Gründen eine Publikation zurückgezogen wurde und welche Aspekte der Arbeit betroffen sind. Ziel ist es, Missverständnisse zu vermeiden und die Integrität des wissenschaftlichen Archivs zu sichern.
In der heutigen Wissenschaftsöffentlichkeit bleibt ein Interpretationsraum in Fällen des Zurückziehens von Studien selten unbeachtet. Plattformen wie Retraction Watch, wissenschaftliche Blogs und soziale Medien greifen solche Fälle schnell auf und diskutieren ihre Bedeutung. Dabei entstehen jedoch häufig eher weitere Spekulationen, als dass die zugrunde liegenden Fragen geklärt werden.
Wissenschaftsjournalismus ohne Grundlage
Diese Kommunikationslücke betrifft nicht nur Fachkreise, sondern auch den Wissenschaftsjournalismus.
Medien, die eine wissenschaftliche Kontroverse über längere Zeit begleitet haben, benötigen nachvollziehbare Informationen, um eine solche Entscheidung einordnen zu können. Fehlt eine Begründung, entsteht ein doppeltes Problem: Die Gründe für die Entscheidung des Journals bleiben unklar, und eine sachgerechte journalistische Bewertung wird erschwert.
Das zeigte sich auch in der Berichterstattung eines österreichischen Nachrichtenmagazins, das die Debatte um die Frass-Studie über Jahre hinweg begleitet hatte. Nach dem Zurückziehen blieb der Redaktion mangels nachvollziehbarer Informationen kaum mehr als der Hinweis auf die reine Entscheidung des Journals – ohne Möglichkeit, die Kontroverse abschließend einzuordnen.3
Damit wird ein zentraler Bestandteil der wissenschaftlichen Öffentlichkeit geschwächt: die Möglichkeit, wissenschaftliche Prozesse transparent zu vermitteln und kritisch zu begleiten.
Die Gefahr der „Zombie-Zitation“
Unklare Kommunikation beim Zurückziehen wissenschaftlicher Publikationen kann zudem dazu beitragen, dass zurückgezogene Studien weiterhin im wissenschaftlichen Diskurs zirkulieren.
In der Metawissenschaft wird dieses Phänomen als „Zombie-Zitation“ bezeichnet: Arbeiten werden weiterhin oder gar neu zitiert, obwohl ihr Status in der wissenschaftlichen Literatur längst korrigiert wurde.4
Nach dem Zurückziehen der Studie von Michael Frass erklärte der Studienautor auf seiner Website, zumindest der Abstract der Arbeit bleibe weiterhin „selbstverständlich zitierfähig“.5Solche Aussagen zeigen, wie schnell konkurrierende Interpretationen über die Bedeutung eines solchen Vorgang entstehen können.
In der wissenschaftlichen Praxis gilt jedoch, dass der Status einer Publikation nicht durch Selbstzuschreibung bestimmt wird, sondern durch ihre Stellung im wissenschaftlichen Literaturbestand.
Gastbeiträge spiegeln nicht zwangsläufig die Meinung unserer Redaktion wider. Die redaktionelle Verantwortung lag bei Sabrina Schröder.
- The Oncologist, 24.11.2025: Retraction of: Homeopathic Treatment as an Add-On Therapy May Improve Quality of Life and Prolong Survival in Patients with Non-Small Cell Lung Cancer
https://academic.oup.com/oncolo/article/30/11/oyaf364/8340391 ↩︎ - Initiative Wissenschaftliche Medizin: Chronologie der Kritik an der Studie über Homöopathie bei Lungenkrebs und deren Folgen
https://www.initiative-wissenschaftliche-medizin.at/index.php?id=240 ↩︎ - Profil, 03.12.2025: Studie zurückgezogen: Ärztekammer setzt weiterhin auf Homöopathie-Autor
https://www.profil.at/wissenschaft/wiener-studie-zu-homoeopathie-bei-lungenkrebs-zurueckgezogen/403108792 ↩︎ - Initiative Wissenschaftliche Medizin, fortlaufende Aktualisierung: Wo die Lungenkrebs-Homöopathiestudie schon zitiert wird
https://www.initiative-wissenschaftliche-medizin.at/index.php?id=241 ↩︎ - Michael Frassk, 15.12.2025: UPDATE: Große Freude für Lungenkrebspatienten.
https://www.ordination-frass.at/b/große-freude-fur-lungenkrebspatientinnen ↩︎