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Was fehlt, damit aus Wissen Innovation wird

Wie entsteht Innovation im Zusammenspiel von Wissenschaft und Wirtschaft? Und welche Rolle spielt Kommunikation dabei? Unser Fokus zeigte strukturelle Hürden auf und beleuchtete, wie transdisziplinäre und offene Zusammenarbeit echten Wandel anstoßen kann. 

Ein Jahr hat sich die Redaktion von Wissenschaftskommunikation.de mit dem Thema “Innovation und Transfer” beschäftigt. Die Ergebnisse unserer Recherchen fassen wir für Sie in diesem Rückblick zusammen. Der thematische Fokus wurde vom Stifterverband gefördert.

Rund 70 Prozent der Forschungs- und Entwicklungsausgaben werden in Deutschland von Unternehmen getragen. Dennoch ist über die konkreten Forschungstätigkeiten von Unternehmen wenig bekannt. Das gilt ebenso für ihre Rolle in der Wissenschaftskommunikation. Denn Unternehmen werden selten als relevante Akteur*innen in diesem Bereich betrachtet, obwohl sie einen großen Beitrag zur Entstehung und Verbreitung von Wissen leisten – das zeigt die Forschung von Sophia Volk.  

Im Rahmen des Fokus „Innovation und Transfer” haben wir uns in den vergangenen Monaten mit diesen weißen Flecken befasst. Welche Rolle spielen Unternehmen als Orte der Wissensproduktion für die Wissenschaftskommunikation? Wie kann diese dazu beitragen, den Austausch zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft transparenter zu gestalten?

Kommunikation im Spannungsfeld zwischen Markt und Wissenschaft

Diese Überlegungen führen direkt zu den Herausforderungen, mit denen Unternehmen in der Kommunikationspraxis konfrontiert sind. Roman Möhlmann, Leiter der Kommunikations- und Marketingabteilung der MLL Münchner Leukämielabor GmbH, erklärt im Gastbeitrag, dass bestehende Leitlinien häufig nicht für Unternehmen geeignet sind, da sie auf öffentlich finanzierte Forschung ausgerichtet seien. Die spezifischen Bedingungen, unter denen privatwirtschaftliche Forschung entsteht und vermittelt wird, würden bisher kaum berücksichtigt. 

„Gute Wissenschaftskommunikation basiert auch im privatwirtschaftlichen Kontext auf etablierten Prinzipien“, betont Möhlmann. Gleichzeitig würden Faktoren wie der Wettbewerb und regulatorische Anforderungen die Kommunikation maßgeblich prägen. Dabei können Marketing und Wissenschaftskommunikation nicht immer klar voneinander getrennt werden. Dies erzeuge ein Spannungsfeld, das Reflexion und Transparenz erfordert. Entscheidend sei dabei nicht maximale Offenheit, sondern eine klare Positionierung, welche die Benennung eigener Interessen mit einbezieht. 

Es sei zentral, Unsicherheiten, Grenzen und methodische Annahmen klar zu kommunizieren, um Glaubwürdigkeit zu sichern. Eine zeitgemäße Entwicklung von Wissenschaftskommunikation erfordere zudem immer eine gezielte Anpassung an die jeweiligen Rahmenbedingungen. 

Genau hier setzt die transdisziplinäre Forschung an. Sie schafft Verbindungen zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Damit bietet sie Anknüpfungspunkte, um die Produktion von Wissen transparent und gemeinschaftlich zu gestalten. 

Der Wert transdisziplinärer Forschung

Welche Potenziale dieser Ansatz bietet, zeigt sich im Hinblick auf den gesellschaftlichen Transfer. Ihm kommt von Anfang an eine entscheidende Rolle zu. Das erklärt Christine Ahrend, Professorin für Verkehrsplanung und Vorsitzende der Gesellschaft für transdisziplinäre und partizipative Forschung, im Interview. Der Einbezug der Zivilgesellschaft in den gesamten Forschungsprozess fördere Partizipation und Transparenz. Dadurch könnten schnellere Erfolge erzielt werden, so Ahrend: „Die transdisziplinäre Forschung hat den Vorteil, dass sie den Großteil der Ergebnisse direkt nutzen kann, um in ihrem Bereich etwas zu verändern.“

Diese Art des Forschens setzt einen effektiven Erkenntnisgewinn zum Ziel, um transformativ in der Gesellschaft zu wirken. Jedoch würde die transdisziplinäre Forschung im gängigen wissenschaftlichen Reputationssystem noch nicht die Anerkennung bekommen, die sie verdiene. Ahrend betont, dass mehr Sichtbarkeit zu Themen wie Partizipation, Citizen Science und Wissenschaftskommunikation entscheidend sei, um die Anerkennung transdisziplinärer Forschung zu verbessern. Die nächste Konferenz rund um diese Themen findet vom 2. bis 4. September 2026 in Berlin statt.

Auch Stefanie Molthagen-Schnöring, Professorin für Wirtschaftskommunikation an der HTW Berlin, macht in unserem Interview darauf aufmerksam, dass Innovation begünstigt wird, wenn Transfer von Beginn an mitgedacht wird. Gleichzeitig steht dieser Prozess auch vor strukturellen Herausforderungen, beispielsweise durch Verschwiegenheitspflichten, die den Austausch erschweren können. Hinzu komme, dass gegen die verbreitete Annahme gearbeitet werden muss, Deutschland sei nicht mehr innovativ. 

Umso wichtiger ist es, Innovationsprozesse verständlich zu vermitteln. Dabei zeige sich, dass Transfer häufig unspektakulärer wirkt, als er ist. Transfer entfalte große Wirkung, indem er konkrete Probleme löse – auch wenn daraus nicht immer bahnbrechende Sprunginnovationen entstehen. Vor diesem Hintergrund eröffne sich eine bislang zu wenig genutzte Chance für die Wissenschaftskommunikation: der Transfer über (Aus-)Gründungen.

Der lange Weg zur Gründung

Doch wie komplex der Weg von der Forschung zur Gründung in der Praxis ist, spiegelt sich in der Langwierigkeit dieser Prozesse wider. Ausgründungen dauern an deutschen Universitäten im Schnitt circa 18 Monate, in einigen Fällen bis zu 36 Monate. Das Projekt IP Transfer 3.0* der Bundesagentur für Sprunginnovationen (SPRIND) hat  sich deshalb zum Ziel gesetzt, schnelle und unkomplizierte Gründungen unabhängig von den erwarteten Einnahmen zu ermöglichen. 

Im Interview spricht Barbara Diehl, Chief Partnership Officer bei SPRIND, über die existierenden Stolpersteine. Viele Forschende hätten zuvor keine Berührungspunkte mit rechtlichen und wirtschaftlichen Fragestellungen gehabt. Das stelle im Prozess der Gründung eine Herausforderung dar. Deshalb stellt das Tool „Transfer-Taschenmesser“ unter anderem Musterverträge zur Verfügung, die den Weg zur Gründung erleichtern sollen. 

Eine weitere Hürde ist das liebe Geld. „Bereits am Anfang zu versuchen, möglichst viel Geld aus den Gründungen zu ziehen, steht dem Transfer im Wege“, sagt Diehl. Deswegen empfiehlt das Projekt das Modell der ‘virtuellen Anteile’. Damit könnten Einrichtungen „ohne größeren Papierkram“ Anteile halten und potenziell später monetär partizipieren.

Produktiver Umgang mit bürokratischen Hürden

Auch die Hochschulforscherin Olivia Laska beschäftigt sich mit Transferwiderständen. Sie sagt im Interview: „Wir haben untersucht, wo genau die Hindernisse liegen, wo Bürokratie eine hemmende Funktion hat und wo sie eine sichernde Funktion übernimmt.“ 

Denn bürokratische Hürden würden nicht nur bestehende Reibungspunkte aufzeigen, sondern auch zur Bildung von Erfahrungswissen beitragen, wenn Lösungen entwickelt werden. In einer Handreichung des Instituts für Hochschulforschung (HoF), die aus den Untersuchungen entstanden ist, empfehlen die Befragten: Erst machen, dann um Erlaubnis bitten. 

Laska betont jedoch, dass diese Tipps „mit einem Augenzwinkern zu verstehen“ sind. Sie sollen den Austausch zwischen den verschiedenen Akteur*innen anregen. Um aktive Forschende besser sichtbar zu machen, schlägt sie die Vergabe von Transferpreisen vor. Für die Verankerung von Transfer empfiehlt sie außerdem Transferprofessuren. Diese seien dann langfristig besser in der Lage, Vernetzung aktiv zu gestalten. 

Scheitern als Chance 

Doch was, wenn es schief geht? Die Kommunikation sollte sich nicht ausschließlich auf geglückte Innovationen beschränken, sagt der Technikhistoriker Reinhold Bauer. Denn Innovationen folgen nicht immer einem linearen Weg zum Erfolg. Daher sei es wichtig, auch das Scheitern zu thematisieren: „So erkennt man, dass historische Prozesse voller Sackgassen, Nebenwege und Fehlversuche sind.“ 

Dabei wird deutlich, dass eine Enttabuisierung von Misserfolgen immer noch notwendig ist.  Zwar gibt es bereits sogenannte Fuck-Up Events, aber gescheiterte Projekte würden dennoch häufig eher in Erfolgsnarrative eingebettet.

Die Analyse der Entstehungsbedingungen misslungener Projekte bietet zudem die Chance, wertvolle Erkenntnisse zu gewinnen – vorausgesetzt, sie werden transparent kommuniziert.  Häufig würden Innovationsprozesse nämlich nicht frühzeitig beendet, sondern trotz Schwierigkeiten weitergeführt und enden dann mitunter „dramatisch und teuer“. 

Daher sei es laut Bauer umso wichtiger, Innovationsprozesse kritisch zu begleiten und den  Austausch mit der Außenwelt nicht zu verlieren. Das Scheitern sei sonst vorprogrammiert, so der Forscher.

Potenziale der Zusammenarbeit nutzen

Der Fokus zeigt, dass weiterhin zu wenig über die Wissenschaftskommunikation von Unternehmen bekannt ist. Zudem wurden Hürden sichtbar, die Innovations- und Transferprozesse erschweren können, darunter bürokratische Anforderungen sowie wenig bekannte rechtliche Rahmenbedingungen. 

Gleichzeitig existieren bereits hilfreiche Instrumente, wie das SPRIND Transfer-Taschenmesser oder die HoF-Handreichung, die Innovationsprozesse unterstützen können. Einige unserer Interviewpartner*innen argumentierten zudem, dass Wissenschaft und Wirtschaft stärker zusammengedacht werden sollten. Die beiden Systeme hätten mehr Schnittstellen als oft angenommen werde und könnten viel voneinander lernen, insbesondere im Hinblick auf Kommunikationsstrategien und die Qualifikation von Nachwuchsforschenden, so Volker Meyer-Guckel* im Interview. Für erfolgreiche Gründungs- und Transferprozesse bleibe es daher weiter zentral, diese Potenziale zu nutzen und die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft gezielt voranzutreiben.

* Das Fokusthema „Innovation und Transfer” wurde 2025-2026 vom Stifterverband gefördert. Die inhaltliche Gestaltung des Fokus war unserer Redaktion frei überlassen.