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Warum Journalismus kritische Forschung ernst nehmen sollte

Kritische wissenschaftliche Stimmen seien heute wichtiger denn je, argumentiert Tobias Kreutzer von der TU Dortmund. Seine Forschung zeigt, dass es sozialwissenschaftliche Erkenntnisse im Journalismus schwer haben. Im Gastbeitrag plädiert er dafür, „reflexivem Wissen“ mehr Raum zu geben. 

In aktuellen politischen Debatten wird der Wert wissenschaftlicher Forschung meist anhand ihres Beitrags zur Entwicklung technologischer Innovationen bemessen – beispielsweise in Raumfahrt, Militärtechnik und sogenannter Künstlicher Intelligenz (KI). So trägt das für wissenschaftliche Forschung in Deutschland zuständige Bundesministerium die Raumfahrt seit 2025 sogar im Namen und der Koalitionsvertrag von Union und SPD stellt eine nationale KI-Offensive in Aussicht. Innovation und Wettbewerb sind die Schlagworte einer Forschungsagenda, deren übergeordnetes Ziel die Behauptung der nationalen Interessen in einer zunehmend feindseligen internationalen Staatengemeinschaft zu sein scheint.

Geistes- und Sozialwissenschaften geraten vor diesem Hintergrund in die Rolle einer Begleitforschung, die „die Gelingensbedingungen für eine innovationsoffene Gesellschaft in den Blick nehmen“ soll (Hightech Agenda Deutschland 2025, S. 37). Zwar wird an gleicher Stelle auch die Bedeutung ihres „Handlungs- und Orientierungswissen[s]“ hervorgehoben – gleichzeitig erscheint kritische Reflexion jedoch nur in einem gewissen Rahmen vorgesehen: Was als „innere wie äußere Bedrohungen für demokratische Gesellschaften“ gefasst und als Forschungsgegenstand gefördert wird, unterliegt vor allem politischen Vorgaben. Parallel dazu sind es bisher auffällig oft kleinere sozial- und geisteswissenschaftliche Studiengänge, die ohne zusätzliche Unterstützung den Sparhaushalten der Länder zum Opfer fallen. Auch auf europäischer Ebene zeichnen sich klare Priorisierungen in der Forschungsförderung und teils historische Sparmaßnahmen in bestimmten Sektoren ab. Abhängig vom jeweiligen nationalen Kontext zeigt sich der politische Wille auch in direkten Angriffen auf die Produzenten unliebsamer Wissensformen. So richtet sich Project 2025, ein zentrales Strategiepapier des MAGA-Lagers um Donald Trump, explizit gegen vermeintliche universitäre Eliten und kritische Forschungsperspektiven wie die critical race theory.

Dabei wären gerade die absehbar gravierenden politischen, sozialen und ökologischen Folgen einer entfesselten KI-Industrie in Kombination mit einer umfassenden globalen Militarisierung unmittelbar und verstärkt diskutierenswert. Statt kritische Reflexion als Hindernis im beschleunigten technologischen Wettbewerb zu betrachten, müsste diese – auch entgegen starker wirtschaftlicher und ideologischer Interessen – um den gleichen Faktor hochgefahren werden. Dazu bedarf es dessen, was der britische Soziologe Michael Burawoy als „reflexives Wissen“ bezeichnet hat1: Ein wissenschaftliches Wissen, das nach Zielen und Perspektiven technologischer Innovation und politischer Anwendung fragt, statt deren Entwicklung unkritisch voranzutreiben.

Im akademischen Feld liegt ein solcher reflexiver Anspruch den Sozialwissenschaften ihrer Natur nach am nächsten. Wissenschaftler*innen, die „das Soziale“ erforschen, erforschen damit gleichzeitig immer auch sich selbst als soziale Wesen. Die ständige methodische und normative Auseinandersetzung mit dieser Grundbedingung ist prägend für sozialwissenschaftliche Forschungskulturen. Eine gewisse Reflexivität ist vielen ihrer Disziplinen inhärent.

Gleichzeitig existiert in der öffentlichen Wahrnehmung kein klares Bild sozialwissenschaftlicher Forschung. Während „Science Slams“ und „Marches for Science“ oft überwiegend die dominante, natur- und lebenswissenschaftlich geprägte Symbolwelt wissenschaftlicher Forschung zwischen Laborkitteln und Reagenzgläsern zur Schau stellen, bleibt das diverse sozialwissenschaftliche Feld diffus. Schon die generelle Wissenschaftlichkeit sozialwissenschaftlicher Forschung ist unter Lai*innen weit umstrittener als in Bezug auf die sciences. Das hat wiederum auch mit der lebensweltlichen Nähe ihrer Gegenstände zu tun: Auch ohne politikwissenschaftlichen Doktortitel geben am Esstisch alle ihre politischen Analysen zum Besten. Auch ohne Psychologiestudium führen Menschen Beziehungen.

In meiner eigenen Forschung habe ich weitere mögliche Gründe für dieses unklare öffentliche Bild auf Ebene überregionaler Print- und Online-Medien und ihrer Akteur*innen untersucht. Auch in Zeiten individualisierter Online-Kommunikation prägen sie als zentrale Intermediäre das Wissenschaftsbild vieler Menschen. Die Art und Weise, wie Sozialwissenschaften medial dargestellt und ihre Perspektiven in den öffentlichen Diskurs eingespeist werden, entscheidet mit darüber, ob wir die zentralen Fragen unserer Zeit mit Weitsicht behandeln oder nicht.

Im Gespräch mit zehn sozialwissenschaftsaffinen Journalist*innen in teils hohen Positionen bei deutschen Leitmedien wurde klar, dass dabei systemisch-institutionelle Gründe eine Rolle spielen, aber auch die teils sehr unterschiedlichen Perspektiven auf Sozialwissenschaften unter den Medienmacher*innen. Sowohl im akademischen als auch im journalistischen Feld bildet sozialwissenschaftliche Forschung eine Bandbreite ab, die eindeutige Zuordnungen zu Universitätsbereichen und journalistischen Ressorts gleichermaßen erschwert. Während Disziplinen wie Psychologie methodisch und kulturell eine große Nähe zu den exakten Naturwissenschaften aufweisen, sind qualitative und theoretische Soziologie eher am geisteswissenschaftlichen Pol zu verorten.

Im Journalismus gibt es zwischen dem traditionell geisteswissenschaftlich geprägten Feuilleton und dem naturwissenschaftlich-technischen orientierten Wissenschaftsressort keinen festen Platz für sozialwissenschaftliche Perspektiven. Je nach Thema und Methode finden diese sich stattdessen über alle journalistischen Ressorts verteilt wieder: von der quantitativen Studie zum Wählerpotential rechtsextremer Parteien im Politikressort über das wirtschaftspolitische Kaufkraft-Modell in der Wirtschaft bis hin zum seitenfüllenden Soziolog*innen-Interview im Feuilleton. Für Rezipient*innen ist der Wissenschaftsbezug dabei nicht immer sofort ersichtlich und Sozialwissenschaften laufen Gefahr, als nicht-wissenschaftliche Expertise oder reine Meinung wahrgenommen zu werden.

Welche Art sozialwissenschaftlicher Forschung medial wo stattfindet, scheint dabei auch mit den Wissenschaftsverständnissen der sie potenziell bearbeitenden Journalist*innen zusammenzuhängen. Entsprechend fanden sich sowohl unter den interviewten journalistischen Expert*innen selbst als auch in ihrem Blick auf Kolleg*innen über alle Ressorts hinweg unterschiedlich breite Auffassungen von (Sozial)wissenschaftlichkeit – von streng empirischen bis hin zu theoretisch-interpretatorischen Perspektiven.

Reflexives Wissen steht in diesem Zusammenhang vor der zusätzlichen Herausforderung, dass es häufig eine normative Gesellschaftsperspektive einnimmt, die im Widerspruch zu noch immer wirksamen Vorstellungen von Wissenschaft als neutrales, objektives Unterfangen steht. Wie ich an anderer Stelle herausgearbeitet habe, beschrieb mit Robert K. Merton2 schon 1942 eine der prägenden Figuren der Wissenschaftssoziologie das wissenschaftliche Ethos als klar wertebasiert: Wo Universalismus und Wissenskooperation bedroht sind, darf Wissenschaft nicht schweigen.

Es wäre eine zentrale Aufgabe für Forschende und Praktiker*innen im Feld der Wissenschaftskommunikation, ein entsprechend differenziertes Wissenschaftsbild zu vertreten und unter Intermediären und Laienöffentlichkeiten zu verbreiten. Erst wenn reflexives Wissen als integraler Bestandteil der wissenschaftlichen Wissensproduktion breite Akzeptanz erfährt, kann es auch gesellschaftspolitisch wirksam werden. Wie eingangs am Beispiel zunehmender politischer Eingriffe in die Wissenschaftsfreiheit ausgeführt, wäre dies zentral für den Erhalt wissenschaftlicher Institutionen und freier Gesellschaften gleichermaßen. Ein reflektierter Sozialwissenschaftsjournalismus könnte ein erster Schritt auf diesem Weg sein: Seine zentrale Aufgabe wäre es, den wissenschaftlichen Wert reflexiven Wissens zu erkennen und diese Erkenntnis als Basis für eine ressort- und methodenübergreifende sozialwissenschaftsjournalistische Praxis zu setzen. Bedingung dafür wäre jedoch nicht nur ein teilweises Aufbrechen starrer, historisch gewachsener Strukturen, sondern auch ein breites wissenschaftstheoretisches Grundverständnis in den Redaktionen.  


  1. Burawoy, Michael (2005): For Public Sociology. American Sociological Review, 70(1), 4-28. ↩︎
  2. Merton, Robert K. (1942): The Normative Structure of Science. In The Sociology of Science: Theoretical and Empirical Investigations. Chicago University Press. ↩︎