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Warum es Watchdog-Journalismus schwer hat: Neues aus der Forschung

Vor welchen Herausforderungen stehen Journalist*innen, die die Wissenschaft kritisch unter die Lupe nehmen? Und wie gehen Hochschulkommunikator*innen mit öffentlichem Backlash um – von legitimer Kritik bis hin zu Angriffen und Anfeindungen?

In unserem monatlichen Forschungsrückblick besprechen wir aktuelle Studien zum Thema Wissenschaftskommunikation. In diesem Monat geht es um Wissenschaftsjournalismus und die Frage, wie Hochschulkommunikation mit kritischen und feindlichen Reaktionen umgeht:

  • Warum kommt die Berichterstattung über kritische Themen in der Wissenschaft teilweise zu kurz? Forschende um Alice Fleerackers haben Interviews mit Journalist*innen geführt, die sich mit Integrität in der Forschung beschäftigen.
  • Kommt es eher auf den Ton als auf den Inhalt an? Niels G. Mede und Sophia C. Volk haben in einer qualitativen Studie untersucht, wie Hochschulkommunikator*innen in verschiedenen Ländern mit negativen öffentlichen Reaktionen umgehen.
  • In der Rubrik „Mehr Aktuelles aus der Forschung“ geht es unter anderem um Star Trek, Klimajournalismus und digitales Storytelling.

Journalismus als „Wächter“ der Wissenschaft?

Undokumentierter Einsatz von Sprachmodellen, Plagiate und sogenannte „Paper Mills“, die wissenschaftliche Publikationen am Fließband produzieren: Solche Praktiken verletzen die gute wissenschaftliche Praxis. Eine Instanz, die solche Entwicklungen beobachten, aufdecken und einordnen soll, ist ein wissenschaftlicher ,Watchdog Journalism‘ (Journalismus mit ,Wächter*innen-Funktion‘). Wie Journalist*innen diesem Anspruch nachkommen, Themen auswählen und darüber berichten, haben vier Forschende untersucht: Alice Fleerackers von der University of Amsterdam, An Nguyen von der Bournemouth University, Alfred Hermida von der University of British Columbia in Kanada und Ivan Oransky vom Center for Scientific Integrity, New York City.

Methode: Grundlage für die Analyse ist ein von David Domingo und Kolleg*innen1 entwickeltes und von Alice Fleerackers angepasstes Konzept der Nachrichtenproduktions-Phasen: 1. Beobachtung der Wissenschaft und Identifizierung von Themenideen, 2. Filterung und Auswahl von Belegen und 3. Weiterentwicklung von Ideen zu Artikeln. Ergänzt wird das Konzept um das Modell der ,Hierarchy of Influences‘ von Pamela J. Shoemaker und Stephen D. Reese2, das Einflussfaktoren auf die journalistische Praxis einbezieht: auf individueller Ebene, auf Ebene von Routinen und Faktoren auf Organisationsebene.

Die Studie stützt sich auf 21 Video-Interviews mit Journalist*innen, die zwischen Anfang 2019 und Ende 2024 für englischsprachige Medienhäuser in Kanada und im Vereinigten Königreich über Integrität in der Wissenschaft berichtet haben. Zur Rekrutierung von Interviewpartner*innen suchten die Studienautor*innen nach Artikeln, in denen es um zurückgezogene Studien ging und nahmen Kontakt zu Organisationen aus den Bereichen Wissenschaftsjournalismus und -kommunikation auf. In den Interviews ging es um Rollenvorstellungen, Motivation, Praktiken, Faktoren, die die Arbeit beeinflussen und die Vorgehensweise bei der Berichterstattung. Die Interviews wurden automatisiert transkribiert und qualitativ vor dem Hintergrund des theoretischen Rahmens analysiert.

Ergebnisse: Die Befragten hielten unter anderem nach der Rücknahme von wissenschaftlichen Publikationen, Betrug, „Paper Mills“, „Predatory Journals“, Verstößen gegen ethische Grundsätze, dem problematischen Einsatz von generativer künstlicher Intelligenz, aber auch nach gesellschaftspolitischen Fragen von Diversität und Gerechtigkeit sowie Einschüchterungen von Wissenschaftler*innen Ausschau. Sie informierten sich über andere journalistische Quellen, spezialisierte Websites wie „Retraction Watch“, (anonyme) Hinweise, persönliche Kontakte, Social-Media-Kanäle und Online-Foren wie PubPeer. Das damalige Twitter wurde als besonders nützlich empfunden, um Diskussionen aus der wissenschaftlichen Community zu verfolgen.

Bei der Themenwahl spielten etablierte Praktiken des Wissenschaftsjournalismus eine Rolle: Aktualität, Relevanz, Auswirkungen, aber auch, ob das Thema zum Medienunternehmen passte, bereits von anderen Medien behandelt worden war und wie bekannt und renommiert die beteiligten Fachzeitschriften und Forschenden waren. Eine entscheidende Einfluss auf eine etwaige Umsetzung hatte die Machbarkeit einer Geschichte, da investigative Recherchen zeit- und ressourcenintensiv sind und auch in eine Sackgasse führen können. Zudem rechneten die Medienhäuser bei wissenschaftlichen Watchdog-Enthüllungen mit weniger öffentlichem Interesse als bei politischen Geschichten. Zweifel an der Durchführbarkeit führten teilweise dazu, dass wichtige Themenideen nicht angegangen würden.

Recherchen zu Fragen der Forschungsintegrität seien langwierig und arbeitsintensiv und erforderten, Informationen sorgsam zu überprüfen und viele Quellen einzubeziehen – insbesondere, wenn Berichterstattung Karrieren ruinieren oder zu Rechtsstreitigkeiten führen könnten.

Einige Journalist*innen versuchten, auch menschliche Geschichten und unterhaltsame Drehs einzubinden. Andere Journalist*innen hielten das für nicht nötig, weil sie Watchdog-Berichte von Natur aus für spannend hielten. Kontextualisierung war für die befragten Journalist*innen der wichtigste Aspekt ihrer Arbeit. Denn Hintergrundinformationen seien notwendig, um Verstöße gegen die gute wissenschaftliche Praxis richtig einordnen zu können.

Ihre eigene Erfahrung und ihr Ruf erwiesen sich als zentrale unterstützende Faktoren. So erhielten etablierte Investigativjournalist*innen oft Hinweise, Redakteur*innen zeigten Vertrauen in ihre Arbeit und waren aufgeschlossener für Themenvorschläge. Auch Quellen zeigten sich bereitwilliger, sich zu äußern. Freiberufler*innen waren im Vergleich zu Festangestellten mit zusätzlichen Hindernissen konfrontiert. Sie hatten es schwerer, mit Themenideen zu überzeugen und Interviews zu bekommen und waren rechtlich weniger abgesichert.

Grundsätzliche Probleme seien Zeit- und Ressourcenengpässe sowie Budgetkürzungen. Zugriffszahlen zu erhöhen und kurzfristig Aufmerksamkeit zu generieren, sei mit einer langfristigen Berichterstattung nicht unbedingt vereinbar. Viele wichtige Geschichten seien nie veröffentlicht worden, „weil es andere Dinge zu tun gab“, berichteten Befragte.

Schwierigkeiten wurden auch auf sozial-institutioneller Ebene benannt. Dazu gehörte die Herausforderung, gute Gesprächspartner*innen zu finden und dass Pressesprecher*innen als „Gatekeeper“ fungierten und versuchten, die Berichterstattung zu kontrollieren. Durch mögliche rechtliche und rufschädigende Konsequenten seien potenzielle Quellen oft vorsichtig. Gerade in Kanada sei die Gesellschaft nicht sehr offen dafür, mit Medienvertreter*innen zu sprechen. Journalist*innen, die für britische Medien arbeiteten, berichteten von sehr restriktiven Verleumdungsgesetzen.

Schlussfolgerungen: Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Watchdog-Wissenschaftsjournalismus vor allem durch Fragen der Durchführbarkeit bestimmt wird. Faktoren wie Zeit, Ressourcen, Zugang zu Quellen und rechtliche Risiken scheinen eine größere Bedeutung zu haben als die wahrgenommene Relevanz der Berichterstattung. Zwar wurde kritischer Wissenschaftsjournalismus von den Befragten als sehr bedeutsam eingeschätzt, aber in der Praxis standen sie vor erheblichen Herausforderungen. Auf allen im theoretischen Rahmen beschriebenen Ebenen zeigten sich strukturelle Hindernisse.

Gleichzeitig wächst der Druck auf Forschende und Forschungseinrichtungen, positive Berichterstattung zu erzielen, schreiben die Studienautor*innen. Möglicherweise trage dies dazu bei, dass Journalist*innen den Eindruck haben, der Zugang zu Quellen werde eingeschränkt.

Auch der zeitaufwändige Charakter der Watchdog-Arbeit trägt laut der Ergebnisse dazu bei, dass wichtige Geschichten mitunter nicht erzählt werden. Viele der Befragten gaben an, dass Enthüllungsberichte nur einen geringen Teil ihrer Arbeit ausmachten. Medienunternehmen in Kanada wie in Großbritannien leiden unter Ressourcenmangel und Journalist*innen arbeiten zunehmend freiberuflich und unter prekären Bedingungen.

Möglichkeiten zur Unterstützung des wissenschaftlichen Watchdog-Journalismus wären laut der Studienautor*innen Schulungen zur kritischen Prüfung von Forschungsergebnissen, zum Umgang mit rechtlichen Risiken und zur Gestaltung sensibler Beziehungen. Auch Freiberufler*innen sollten Zugang zu rechtlichem Schutz und Unterstützung bei der Prüfung von Fakten bekommen. Entscheidend sei eine nachhaltige, unabhängige Finanzierung kritischen Journalismus. Die Wissenschaft wiederum müsse sicherstellen, dass Journalist*innen freien und zeitnahen Zugang zu Informationen wie Rücknahmeerklärungen und Peer-Review-Berichten bekämen.  

Einschränkungen: Die Studie beschränkt sich auf Erfahrungen mit den Mediensystemen zweier Länder und kann deshalb nicht ohne weiteres auf andere Kontexte übertragen werden. Zudem steht die Forschung in zeitlichem Zusammenhang mit der Coronapandemie, sodass beschriebene Erfahrungen nicht unabhängig von diesem Kontext betrachtet werden können.

Fleerackers, A., Nguyen, A., Hermida, A., & Oransky, I. (2026). Holding Science to Account: A Qualitative Study of Practices and Challenges of Watchdog Science Journalism. Science Communication0(0). https://doi.org/10.1177/10755470261459855

Wie geht Hochschulkommunikation mit öffentlichem Backlash um?

Wissenschaftskommunikation kann negative Reaktionen hervorrufen – besonders bei politisierten Themen. Gegenreaktionen können verschiedene Formen annehmen: berechtigte Kritik, aber auch Einschüchterungen, Beleidigungen, Drohungen und körperliche Angriffe. Sie können einzelne Wissenschaftler*innen betreffen, Institutionen oder die Wissenschaft als solche. Niels G. Mede von der Wageningen University & Research (WUR) und Sophia C. Volk von der LMU München fassen dieses Spektrum unter dem Begriff „Backlash“ (Gegenreaktion) zusammen. Sie haben untersucht, wie Hochschulkommunikator*innen in verschiedenen Ländern damit umgehen. Bisher wurde diese Zielgruppe in der Forschung zu diesem Thema wenig beachtet, obwohl sie an einer zentralen Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Gesellschaft wirkt und mit vielfältigen öffentlichen Reaktionen konfrontiert ist.

Methode: Die Forschenden führten Interviews mit 15 erfahrenen Hochschulkommunikator*innen aus Australien, Österreich, Kanada, Deutschland, Kenia, den Niederlanden, Schweden, der Schweiz und dem Vereinigten Königreich. Sie hatten dafür unter anderem Teilnehmende einer anderen Umfrage unter Mitgliedern der European Association of Communication Professionals in Higher Education (EUPRIO) angefragt und ihre Anfrage über Berufsverbände gestreut. Die Teilnehmenden arbeiteten an staatlichen Universitäten, einem Forschungsinstitut, gemeinnützige Initiativen oder selbstständig für mehrere Universitäten und Wissenschaftler*innen. Sie alle verfügten über Erfahrungen mit Gegenreaktionen.

Die per Online-Videokonferenz geführten, etwa einstündigen Interviews fanden zwischen März und September 2023 statt. Die Fragen bezogen sich auf Arbeitsplatz, Funktion, Berufsverständnis, Wahrnehmung von Gegenreaktionen, Kanäle, Folgen, Bewältigungsstrategien und Unterstützungsmaßnahmen. Fiktive Fallbeschreibungen, die an reale Ereignisse angelehnt waren, sollten die Teilnehmenden dazu animieren, deren Schweregrad und Legitimität zu bewerten und anzugeben, ob sie solche Vorfälle selbst erlebt oder beobachtet hatten. Die Interviews wurden automatisiert transkribiert, überprüft und mithilfe des Programms MAXQDA inhaltsanalytisch untersucht.

Ergebnisse: Die Forschenden leiteten aus den Interviews ein konzeptionelles Modell der öffentlichen Kritik und Belästigung in der Wissenschaftskommunikation ab. Es beschreibt vier zentrale Dimensionen der öffentlichen Gegenreaktion auf Wissenschaftskommunikator*innen: Arten, Auswirkungen, Reaktionen und Kontextfaktoren – und setzt diese zueinander in Beziehung.

Das von Niels G. Mede und Sophia C. Volk entwickelte Backlash-Modell, das Wahrnehmungen, Effekte, Reaktionen und Kontextfaktoren einbezieht. Abbildung: Mede & Volk (2026)

1. Wahrnehmung von Gegenreaktionen:

  • Die Teilnehmenden erzählten von verschiedenen Arten von Kritik und Belästigung, darunter Vorwürfe der Inkompetenz, des Betrugs und der ideologischen Voreingenommenheit sowie Verleumdung, Einschüchterung, Hass, Sexismus und Morddrohungen, in einem Fall wurde auch von körperlicher Gewalt berichtet.
  • Vor allem wurde von Argumenten berichtet, die als illegitim wahrgenommen wurden, und die sich typischerweise auf Verschwörungserzählungen und ideologische Begründungen stützen.
  • Viel seltener wurden als legitim wahrgenommene Argumente erwähnt, wie etwa Kritik an angeblichem Aktivismus und Finanzierungsquellen. Solche Kritik wurde von den Teilnehmenden häufig wertgeschätzt. Einige wenige empfanden auch schwerwiegendere Vorwürfe als legitim, beispielsweise dass Universitäten Teil einer linksgerichteten, liberalen Elite seien.
  • Es fiel auf, dass bei der Bewertung von Gegenreaktionen vor allem der Tonfall eine Rolle spielte. Berechtigte Argumente, die in einem unhöflichen Ton vorgebracht wurden, wurden häufiger als unberechtigt betrachtet als unberechtigte Argumente, die höflichen verpackt wurden.
  • Dies deutet darauf hin, dass sie Unhöflichkeit möglicherweise als größere Bedrohung für die Wissenschaftskommunikation angesehen wird als Verschwörungserzählungen und antiwissenschaftliche Argumente.
  • Gegenreaktionen wurden mehrmals als Folge von vermehrter Öffentlichkeitsarbeit dargestellt.
  • Es fanden sich nur wenig Hinweise auf koordinierte oder organisierte Gegenreaktionen – abgesehen von Tierrechts-Aktivist*innen, die Kampagnen gegen Forschung an Affen organisierten. Regelmäßig auftretende Gegenreaktionen wurden als herausfordernd beschrieben.
  • Der Großteil der Gegenreaktionen stammte von anonymen Quellen aus der breiteren Öffentlichkeit – etwa Social-Media-Nutzer*innen. Anonyme Reaktionen wurden meist als weniger schwerwiegend betrachtet.
  • Einige Teilnehmende sagten, dass ein Großteil der öffentlichen Auseinandersetzung, insbesondere mit Journalist*innen, Politiker*innen und anderen Wissenschaftler*innen, in einem höflichen Ton erfolgte. Es wurden aber auch unangenehme Gegenreaktionen von diesen Berufsgruppen erwähnt.
  • Gegenreaktionen wurden in der Regel als schwerwiegender empfunden, wenn sie von Personen mit hohem Status und großer Reichweite ausgingen – zum Beispiel von Journalist*innen.  
  • Typischerweise richteten sich Kritik und Belästigungen gegen Institutionen oder einzelne Wissenschaftler*innen, seltener gegen Kommunikationsfachleute selbst.

2. Auswirkungen von Kritik und Belästigung

  • Einige Teilnehmende berichteten, dass sie inzwischen ihre eigenen Bemühungen in Frage stellten, Wissenschaftler*innen zum Kommunizieren zu ermutigen – da sie immer mehr Fälle erlebten, in denen diese dadurch in Schwierigkeiten gerieten.
  • Zu den affektiven Auswirkungen von Kritik und Belästigung gehörten oft Stress und Frustration, manchmal Traurigkeit und Enttäuschung sowie in einigen Fällen Bedrängnis, Motivationsverlust und Angst.
  • Andere Reaktionen bestanden in angepassten Kommunikationsstrategien, wie zum Beispiel dem Meiden von Social-Media-Plattformen und dass Treffen zur Besprechung schwieriger Fälle einberufen wurden.
  • Alle Teilnehmenden vermuteten, dass Wissenschaftler*innen als Reaktion auf öffentlichen Backlash Selbstzensur üben, bestimmte Medienanfragen ablehnen und sich aus der Öffentlichkeit zurückziehen könnten.
  • Die meisten hielten Auswirkungen auf Institutionen für weniger schwerwiegend als auf Einzelpersonen.
  • Auf gesellschaftlicher Ebene wurde die Sorge vor einer zunehmenden Polarisierung in pro- und anti-wissenschaftliche Gruppen geäußert und dass die „Stimme der Wissenschaft zum Schweigen“ gebracht werden könnte.
  • Es wurden auch einige positive Auswirkungen genannt. Beispielweise wurde der erfolgreiche Umgang mit Gegenreaktionen als bereichernd empfunden. Auch die Entwicklung von Schulungsprogrammen an den Universitäten wurden als positive Entwicklungen erwähnt. Teilweise hätten die Medienpräsenz und die Professionalität zugenommen.

3. Reaktionen auf Gegenreaktionen

  • Die meisten Ansätze zur Bewältigung von Kritik und Belästigung erfolgen reaktiv – beispielsweise, indem Posts gelöscht werden. Nur wenige der beschriebenen Bewältigungsstrategien erfolgen proaktiv. Dazu gehört, Plattformen zu meiden, auf denen mit unhöflichen Reaktionen zu rechnen ist.
  • Mehrere Teilnehmende berichteten, dass mit Kritiker*innen in Austausch gingen. Andere erzählten jedoch, dass sie auf Kritik und Belästigung unter Umständen gar nicht reagieren, sondern „strategisch schweigen“.
  • Die Reaktionen variierten je nach der wahrgenommenen Legitimität der Gegenreaktionen und der Quelle. Gegenreaktionen von einflussreichen Quellen  lösten eher eine Reaktion aus, weil das Schadenspotenzial größer ist. Bei niedrigem Status der Quellen wurde in der Regel nicht reagiert. Ein Grund dafür war die Sorge, dass andere Kritiker*innen mit niedrigem Status ebenfalls motiviert werden könnten, sich zu Wort zu melden. Ein weiterer Grund war, dass eine Reaktion für aussichtslos gehalten wurde, weil die Kritiker*innen nicht an Informationen interessiert seien, sondern vor allem ihrem Unmut Luft machen wollten.

4. Kontextfaktoren von Wahrnehmung, Auswirkungen und Reaktionen

  • Zwar wurde auch von Belästigungen bei öffentlichen Veranstaltungen berichtet, doch der Großteil des Gegenwinds finde auf digitalen Plattformen – insbesondere den sozialen Medien – statt.
  • X scheine Gegenwind zu begünstigen, LinkedIn und Instagram gelten als weniger anfällig für illegitime negative Reaktionen. Ein verbreitetes Medium für einschüchternde Reaktionen sind E-Mails.
  • Kritik und Belästigung sind nicht auf bestimmte Disziplinen und Forschungsfelder beschränkt. Umweltthemen und Gesundheit (insbesondere COVID-19) waren die prominentesten, aber es wurden auch Gender Studies, Tierversuche, inklusive Bildung, Evolutionstheorie sowie Landwirtschaft und Fischerei erwähnt.
  • Zu den individuellen Faktoren, die den Umgang mit Gegenreaktionen beeinflussen, gehören Resilienz, Unterstützungsstrukturen, sowie das Selbstverständnis als Wissenschaftskommunikator*in. Institutionelle Faktoren sind die Verfügbarkeit von Beratungsdiensten und Schulungsprogrammen.  

Schlussfolgerungen: Die Studienergebnisse zeigen laut der Autor*innen, wie wichtig es ist, zwischen den Argumenten und dem Tonfall einer Gegenreaktion zu unterscheiden. Für die meisten Teilnehmenden war beides untrennbar miteinander verbunden, wobei der Tonfall typischerweise die Einschätzung der Legitimität bestimmte. Dies bezeichnen die Autor*innen der Studie als „unausgewogene Dialektik“, die dem Ziel entgegenwirken könnte, die Hochschulkommunikation für berechtigte öffentliche Anliegen empfänglicher zu machen. Unsachliche, aber berechtigte Kritik könnte dadurch unter den Tisch fallen, während sachliche, aber unberechtigte Kritik eine unverhältnismäßig starke Wirkung entfalten könnte. Schweigen als Reaktion auf Akteur*innen mit niedrigem Status könne aus der Sicht des Krisenmanagements sinnvoll sein, berge aber die Gefahr, Wissenschaftskommunikation auf ein exklusives Gespräch zwischen einflussreichen Akteur*innen zu beschränken.

Die Autor*innen stellen fest, dass die Funktion von Hochschulkommunikator*innen als Boundary Spanner, also Grenzgänger*innen, bisher zu wenig beachtet wurde. Die Arbeit an zentralen Schnittstellenpositionen könne herausfordernd sein und zu psychischer Belastung, Angstzuständen oder Motivationsverlust führen. Gleichzeitig attestieren sie vielen Befragten eine bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit und identifizierten auch positive Auswirkungen negativer Gegenreaktionen.

Die Ergebnisse deuten auch auf einige Unterschiede zwischen Ländern hin. Beispielsweise seien die Niederlande und Deutschland möglicherweise besser gegen feindselige Reaktionen gewappnet, weil es landesweite Anlaufstellen sowie unterstützende Institutionen gäbe.

Einschränkungen: Die relativ kleine Stichprobe lässt keine Verallgemeinerung zu. Zudem basieren die Erkenntnisse subjektiven Wahrnehmungen.

Mede, N. G., Volk, S. C. (2026). Public backlash against science communicators: Conceptualization and qualitative analysis of perceptions, effects, responses, and contextual factors. Public Understanding of Science0(0). https://doi.org/10.1177/0963662526145289

Mehr Aktuelles aus der Forschung

Star Trek als Design-Inspiration? Cristián Londoño-Proaño von der Universidad Tecnológica Indoamérica in der ecuadorianischen Stadt Ambato hat Episoden von Star Trek untersucht, um herauszufinden, wie die Serie Erwartungen an Mensch-Technik-Interaktion und zeitgenössische Kommunikation beeinflussen. Der Forscher zeigt, dass beispielsweise tragbare Kommunikationsgeräte, sprachgesteuerte Schnittstellen und immersive virtuelle Umgebungen Prototypen darstellen, die in aktuellen Technologien zu finden sind. Londoño-Proaño stellt keine kausalen Zusammenhänge her, aber kommt zu dem Schluss, dass Science-Fiction symbolisch zur technologischen Innovation beitragen kann.

Die irische „Science Week“, die im November stattfindet, zähle zu den beliebtesten Themenwochen des Landes, schreiben Forschende um Joseph Roche vom Trinity College Dublin. Sie reflektieren die 30-jährige Entwicklung des Events hin zu einer partizipativ angelegten Veranstaltung, die sich über das ganze Land erstreckt. Eine Besonderheit sei, dass die Initiative zwar national koordiniert, aber dezentral in den einzelnen Regionen umgesetzt werde. 

Was passiert, wenn uns Wissenschaft in ihren Bann zieht? Xi Cui vom College of Charleston zeigt in einem Experiment, dass ein opulenteres audiovisuelles Wisskomm-Format im Vergleich zu einem reduzierten Text-Bild-Format bei den Teilnehmenden ein stärkeres Gefühl von Ehrfurcht (,Awe‘) hervorrief. Dadurch fühlten sich die Teilnehmenden selbst ,kleiner‘. Das wiederum hatte widersprüchliche Auswirkungen: Einerseits animierte dieses Gefühl die Teilnehmenden zum Nachdenken und zur Recherche nach wissenschaftlichen Informationen. Gleichzeitig aber verspürten sie eine geringere Selbstwirksamkeit, wodurch ihre Absicht abgeschwächt wurde, weitere Informationen zu suchen. Beide Wirkungen hoben einander auf, sodass die größere Ehrfurcht letztendlich keine Auswirkungen darauf hatte, ob die Teilnehmenden weitere wissenschaftliche Informationen recherchieren wollten.

Langweilig, aber wichtig? Line Weldingh von der Roskilde University hat Interviews mit Klimajournalist*innen aus Dänemark geführt. Es zeigt sich, dass die Journalist*innen zwischen wirtschaftlichen Zwängen und normativen Ansprüchen bewegen. Klimathemen werden als bedeutsam, aber auch als komplex und schwer verkäuflich wahrgenommen. Die Journalist*innen sehen sich als verpflichtet an, darüber zu berichten, aber laut der Autorin kann nicht geschlussfolgert werden, dass sich der Klimajournalismus in eine normative Richtung entwickele. 

Digitale Storytelling-Formate sind beliebt, erfordern aber eine Reihe von Kompetenzen. Ein Forschungsteam um Leanne Townsend vom James Hutton Institute in Schottland hat eine Umfrage unter Forschenden im Horizon-2020-Projekt DESIRA (“Digitalisation: Economic and Social Impacts in Rural Areas”) durchgeführt, bei dem digitale Geschichten in 20 europäischen Regionen entwickelt wurden. Herausforderungen für die Forschenden waren unter anderem die Entwicklung einer Narration und die technische Umsetzung. Die Autor*innen des Praxiseinblicks diskutieren, wie Forschende bei digitalem Storytelling unterstützt werden können. 

Wie wirkt sich die Kommunikation von Unsicherheit aus? Natasha Strydhorst von der University of Wisconsin–Madison und Asheley R. Landrum von der Arizona State Universität haben das in einem Umfrage-Experiment getestet. Sie testeten, welchen Unterschied es macht, bildgebende Verfahren des  zentralen Nervensystems in journalistischen Beiträgen als unsicher dargestellt wurde – oder ob es als so sicher gerahmt wurde, dass es beinahe das Lesen von Gedanken ermögliche. Die Ergebnisse lassen laut der Forschenden Folgendes vermuten: Möglicherweise hängt die wahrgenommene Vertrauenswürdigkeit der*s Kommunikator*in davon ab, ob die kommunizierte Unsicherheit der Unsicherheitstoleranz des Publikums entspricht. 

  1. Domingo, D., Quandt, T., Heinonen, A., Paulussen, S., Singer, J. B., & Vujnovic, M. (2008). Participatory journalism practices in the media and beyond. Journalism Practice, 2(3), 326–342. https://doi.org/10.1080/17512780802281065 ↩︎
  2. Shoemaker, P. J., & Reese, S. D. (1996). Mediating the message: Theories of influ-
    ences on mass media content. Longman. ↩︎