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Foto: Kevin West

Warum es Public Engagement „mit Biss“ braucht

Seit mehr als 25 Jahren forscht Dietram A. Scheufele von der University of Wisconsin–Madison im Bereich Wissenschaftskommunikation. Im Interview reflektiert er über fundamentale Veränderungen, plädiert für mehr Praxisnähe und spricht über künftige Problemfelder.

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03. August 2026 von Inga Dreyer
Inga Dreyer ist Redakteurin des Portals Wissenschaftskommunikation.de und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Wissenschaftskommunikation am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Sie hat Kultur- und Politikwissenschaften sowie Arabistik studiert und als Lokal- und Kulturredakteurin gearbeitet. Als freie Journalistin interessiert sie sich für gesellschaftspolitische, kulturelle und wissenschaftliche Themen.

Erinnern Sie sich, seit wann Sie sich selbst als „Wissenschaftskommunikationsforscher“ verstehen?

Dietram A. Scheufele ist Professor für Wissenschaftskommunikation an der University of Wisconsin–Madison und forscht am Morgridge Institute for Research sowie am Annenberg Public Policy Center der University of Pennsylvania. Aktuell beschäftigt er sich mit den Auswirkungen algorithmisch kuratierter Informationsumgebungen. Er hat unter anderem zu Falsch- und Desinformation, Open Science sowie zu den gesellschaftlichen Auswirkungen neuer Technologien publiziert. Foto: Mortgage Institute for Research

Das war so ab Ende der 1990er-Jahre. Ich komme ursprünglich aus der Umfrageforschung und der politischen Kommunikation, habe in Mainz studiert und meinen Doktor in den USA gemacht. Mein erstes Angebot für eine Professur kam 1999 von der Cornell University, wo intensiv an der der ersten Generation von GMO, Genetically Modified Organisms, geforscht wurde. In meinem Bewerbungsgespräch wurde ich auf das damit zusammenhängende PR-Debakel angesprochen. Denn es kam zum öffentlichen Backlash, als der Verdacht aufkam, dass Larven von Schmetterlingen an gentechnisch verändertem Mais sterben.  

Mein Job sollte sein, dieses Debakel kommunikativ zu lösen. Das war mein Anfang in der Wissenschaftskommunikation – was auch auf übergeordneter Ebene sehr gut passt. Denn das Beispiel zeigt, wie sich die „alte“ Wissenschaftskommunikation verstanden hat: Die Wissenschaft macht alles besser, aber die Bevölkerung hat ein Wissensdefizit. Seither hat sich das Feld fundamental verändert – obwohl ich nicht sicher bin, ob diese Veränderungen wirklich tiefgründig sind oder nur an der Oberfläche stattfinden.  

Was macht Sie skeptisch?

Wir sprechen in der Wissenschaftskommunikation viel über ,Public Engagement‘. Aber ich glaube, wir meinen damit selten, dass wir der Öffentlichkeit wirklich zutrauen, Entscheidungen zu treffen. Wenn wir uns zum Beispiel mit CRISPR-Technologien beschäftigen, die dazu führen, dass ich die DNA meiner Kinder verändern kann, bin ich aus verschiedenen Gründen nicht sicher, ob das eine gute Idee ist. Wenn die Mehrheit der Bevölkerung sagt: „Das wollen wir nicht“, hören wir dann als Wissenschaftler*innen wirklich zu? Ein solches Engagement ,with Teeth‚ hat wirklich Konsequenzen.

Artificial General Intelligence ist ein anderes Beispiel. Wenn wir an den Punkt kommen, an dem wir menschliches Denken fast perfekt replizieren, haben wir ein riesiges Problem. Aber wir reden nicht darüber, weil wir noch nicht da sind. Sobald es so weit ist, ist es zu spät, dann können wir die Entwicklung nicht mehr stoppen. Wissenschaftskommunikation beruft sich immer noch zu stark auf das alte Argument: „Wir informieren und alles andere ist uns egal.“

„Die Idee, dass Entscheidungen nur rational aufgrund von Wissen getroffen werden, war für Leute, die wie ich aus der politischen Kommunikation kommen, immer naiv.“

Dietram A. Scheufele

Wann und warum hat sich das beschriebene Defizit-Verständnis der ,alten Wissenschaftskommunikation‘ – auch bei Ihnen – gewandelt?

Die Idee, dass Entscheidungen nur rational aufgrund von Wissen getroffen werden, war für Leute, die wie ich aus der politischen Kommunikation kommen, immer naiv. Wahlentscheidungen haben sehr viel mit Emotionen und Werten zu tun. Ein Schlüsselmoment für den Beginn des „Engagement-Gedankens” hier in den USA war, als Alan Leshner, damaliger CEO der American Association for the Advancement of Science (AAAS) Anfang der 2000er in einem Artikel  frei zitiert schrieb: “We need to engage the public in a more open and honest bidirectional dialogue about science and technology and their products, including not only their benefits but also their limits, perils and pitfalls.” Das war der erste Ruf aus den Naturwissenschaften nach einem breiten gesellschaftlichen Diskurs, um ethische und moralische Fragen zu besprechen. Was Wissenschaft kann, ist nicht immer das, was Wissenschaft tun sollte. Um abzuwägen, was woran geforscht werden sollte, braucht es eine politische und gesellschaftliche Debatte.

Wurde der Appell von Alan Leshner umgesetzt?

Ja, das fing 2005 mit den Centers für Nanotechnology and Society an, die von der National Science Foundation, dem amerikanischen Äquivalent der Deutschen Forschungsgemeinschaft, gefördert wurden und die Entwicklung der Nanotechnologie gesellschaftlich begleiten sollten. Ingenieur*innen und Sozialwissenschaftler*innen arbeiteten mit Ethiker*innen und Philosoph*innen zusammen. In dem zugehörigen Gesetz waren ausdrücklich Public-Engagement-Aktivitäten vorgesehen. Es gab also auf struktureller Ebene Veränderungen.

Trotzdem klingt es, als wäre Wissenschaftskommunikation immer noch sehr stark aus den Naturwissenschaften und der Kommunikation neuer Technologien getrieben? Wann begann die systematische Forschung zur Wissenschaftskommunikation?

Mit dieser Diagnose stimme ich überein. Beim allerersten Kolloquium zur ,Science of Science Communication‘, das wir 2012 in den USA veranstaltet haben, sagten wir – etwas ironisch: „Der einzige Bereich der Wissenschaft, in dem wir nicht wissenschaftlich arbeiten, ist die Wissenschaftskommunikation. Da probieren wir einfach aus und definieren Erfolg vor allem danach, ob wir selbst denken, dass etwas funktioniert.“

Mit der Zeit haben wir angefangen, einen systematischen Austausch zwischen Forschung und Praxis zu etablieren. Um 2016 wurden in Zusammenarbeit mit der Rita Allen Foundation die ersten ,Research-Practice Partnership Grants‘ in der Wissenschaftskommunikation vergeben. Sozialwissenschaftler*innen, Naturwissenschaftler*innen, kommunizierende Forscher*innen, Künstler*innen und Journalist*innen begannen zusammenzuarbeiten und zu fragen: Welche Art von Forschung brauchen wir, um zu verstehen, wie wir bessere Wissenschaftskommunikation betreiben? Dabei ging es zum Beispiel um das öffentliche Verständnis von Unsicherheiten und Komplexität.

„Wir haben zu wenig Fragen adressiert, die in der Praxis interessant sind und Artikel auch nicht so geschrieben, dass sich die Praxisrelevanz leicht herauslesen ließ.“

Dietram A. Scheufele

Welche Rolle spielte in dieser Zeit der Bezug zur Kommunikationspraxis?

In der Wissenschaftskommunikation wurde viel Forschung um der Forschung willen betrieben. Wir haben zu wenig Fragen adressiert, die in der Praxis interessant sind und Artikel auch nicht so geschrieben, dass sich die Praxisrelevanz leicht herauslesen ließ. Auf der anderen Seite haben Praktiker*innen die Sozialwissenschaft zu sehr ignoriert und sich dem Defizitmodell verschrieben. Die Annahme war: Es gibt ein Wissensdefizit oder ein Vertrauensdefizit, und wenn Wissenschaftskommunikation diese Gräben in Wissen oder Vertrauen überbrücken könnte, dann wäre unser Problem gelöst.

In der Coronapandemie haben wir dann Wissensdefizite in ,Informationskorrektur-Defizit‘ umbenannt: Wenn die Leute nur richtig informiert wären, würden sie Masken tragen. Aber ich denke, selbst die extremsten Vertreter*innen vom Defizitmodell glauben nicht daran, dass wir weniger Widerstand von Querdenker*innen in Deutschland und Konservativen in den USA gehabt hätten, wenn wir einfach die Fakten besser kommuniziert hätten.

Eine Herausforderung ist, dass Forschungsergebnisse oft kleinteilig sind. Es kommen fünf Studien zu TikTok und alle sagen etwas anderes. Wie kann die Forschung für die Praxis relevanter und zugänglicher werden?

Zum einen muss Forschung langfristig angelegt sein. Es reicht nicht, ein einzelnes Projekt zu evaluieren. Forschung bedeutet, dass wir aufgrund einer größeren Menge von Studien erkennen, was wahrscheinlich funktioniert oder nicht. Das zweite ist, dass Projekte horizontal angelegt sein müssen. Damit meine ich, dass die Partner*innen wirklich gleichberechtigt sind. Wenn die Wissenschaft mit jemandem aus der Praxis zusammenarbeitet, ist es oft primär ein wissenschaftliches Projekt. Es braucht aber von beiden Seiten eine Offenheit für Veränderungen. Wenn sich bei einem Projekt herausstellt, dass meine Annahmen als Wissenschaftler*in falsch waren, muss ich meine Forschungsfrage und meine Theorien umstellen.

Das Dritte, das im Argen liegt, ist unsere Publikationskultur. Wenn ich als Professor einen Artikel in einer renommierten Zeitschrift wie PNAS, dem Journal der National Academy of Sciences veröffentliche, dann fördert das meine Karriere. Wenn ich einen Artikel in einer eher praxisorientierteren Fachpublikation wie dem Journal of Chemical Education schreibe, bekomme ich wenig Anerkennung dafür. So etwas soll man dann nebenbei machen.

Wie könnte sich das ändern?

Eine Lösung wäre, dass sich die etablierten Zeitschriften ganz klar für praxisorientierte Beiträge aussprechen. Das andere wäre, dass Forschungsinstitutionen und Universitäten das anders werten. Wir sehen in den USA schon erste, kleine Veränderungen. Bei Festanstellungen im akademischen Bereich geht es bei den meisten Unis zwar immer noch darum, dass man in den Top-Journals veröffentlicht. Aber einige Unis sagen inzwischen: Du kannst auch zeigen, dass du sehr gut bist, indem du ,Public Engagement‘ betreibst.

Wo steht die Wisskomm?

Alle Beiträge zum Schwerpunkt

Was in unserer Disziplin fehlt – das unterscheidet uns beispielsweise von der Krebsforschung – ist der selbstverständliche Schritt zur Praxis. Forschung sollte, zumindest in Teilen, einen klar angewandten Zweck haben. Da können wir uns die alten Land-Grant-Universitys wie Cornell und die University of Wisconsin als Vorbilder nehmen.

Inwiefern sind das gute Beispiele?

Diesen Universitäten wurde Ende des 19. Jahrhunderts Land gegeben. Im Gegenzug verpflichteten sie sich, nicht nur Wissen im akademischen Sinne zu schaffen, sondern es auch an die Communities zu vermitteln, die es brauchen. Es ging darum, wie die Produktivität der Landwirtschaft erhöht werden kann, damit Bäuerinnen und Bauern mehr Geld verdienen.

Diese Idee der Praxisorientierung haben wir vergessen. Jetzt wundern wir uns, dass ein Großteil der Gesellschaft nicht recht versteht, warum wir Wissenschaftler*innen existieren oder aus Steuergeldern gefördert werden sollten. Umfragen aus den USA zeigen, dass nur acht Prozent der Menschen glauben, wichtige Informationen zu verlieren, die für sie selbst oder Ihre Familie wichtig sind, wenn Forschungsgelder gekürzt werden. Ironischerweise beantworten sie diese Umfragen wahrscheinlich auf einem iPhone, das es ohne jahrzehntelange wissenschaftliche Forschung nicht gäbe.

Die Wissenschaftskommunikation muss erkennen, dass es unser Job ist, diese Verbindung herzustellen. Es ist nicht an den Bürger*innen herauszufinden, warum Wissenschaft für sie relevant sein könnte. Helmut Schmidt bezeichnete das als ,Bringschuld der Wissenschaft‘: Wir müssen zeigen, warum wir als Wissenschaftler*innen dieser teuren gesellschaftlichen Investitionen würdig sind, die sich oft erst nach Jahrzehnten auszahlt.

Sie forschen dazu, wie algorithmisch kuratierte Informationsumgebungen, also beispielsweise Social-Media-Kanäle die Art und Weise verändern, wie wir die Welt verstehen. Was bedeutet das für die Wissenschaftskommunikation? 

Ein Problem ist, dass wir – vor allem in Europa – immer noch glauben, dass unser Mediensystem in den alten Strukturen weiterleben wird. In Deutschland ist das noch wahrscheinlicher, weil wir ein gut finanziertes öffentlich-rechtliches Rundfunksystem haben. Aber in den USA sehen wir, dass die algorithmische Informationsvermittlung mit einer angsteinflößenden Geschwindigkeit voranschreitet. Dass unser Austausch mit Wissen in Zukunft primär über künstliche Intelligenz ablaufen wird, die von wenigen Firmen mit verschiedenen Biases kontrolliert wird, ist etwas, über das wir nicht genug nachdenken. Ein weiterer Punkt ist, dass die Wissenschaft selbst Wachstumsschmerzen in Bezug auf Künstliche Intelligenz zeigt.

Wie zeigt sich das?

Wenn man sich Konferenzbeiträge anguckt, dann sind dort nicht selten eine Handvoll Halluzinationen drin, wie Studien kürzlich gezeigt haben. Das bedeutet, dass die Wissenschaftler*innen die Beiträge mithilfe von Künstlicher Intelligenz geschrieben haben und die Reviewer wahrscheinlich auch KI genutzt haben. Und diese Konferenzbeiträge kommen auch von renommierten Universitäten und großen Unternehmen.

„Wir müssen diese Brüche sehr schnell kitten und es schaffen, ein zuverlässiges Wissenschaftssystem zu schaffen – auch mit KI. Das ist ein neues Problemfeld für die Wissenschaftskommunikation der nächsten zehn, zwanzig Jahre.“

Dietram A. Scheufele

Und der Anreiz, KI zu nutzen, ist groß. Studien zeigen, dass Wissenschaftler*innen, die zu frühen Anwender*innen von KI gehören, dreimal wahrscheinlicher publiziert und fünfmal schneller befördert werden. Aber diese Konferenzberichte, die voller Halluzinationen sind, werden als Trainingsdaten für die nächste Generation von Large Language Models genutzt. Das heißt, es gibt einen Spiralprozess. So multiplizieren sich die Unzuverlässigkeiten und die Forschung wird schlechter und schlechter. Das macht mir Sorgen, weil wir gute Wissenschaft brauchen und weil Menschen der Forschung irgendwann nicht mehr trauen werden. Wir müssen diese Brüche sehr schnell kitten und es schaffen, ein zuverlässiges Wissenschaftssystem zu schaffen – auch mit KI. Das ist ein neues Problemfeld für die Wissenschaftskommunikation der nächsten zehn, zwanzig Jahre.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Wissenschaftskommunikationsforschung?

Wir brauchen mehr „Funding Failure“, also den Mut, langfristig angelegte Kollaboration und Research Practice Partnerships zu fördern, die auch scheitern könnten. Ich glaube, dass Stiftungen anfangen müssen, in der Wissenschaftskommunikation mutiger zu fördern, damit wir wirklich kreative Lösungen entwickeln können.

Kategorien: Forschung
Schlagworte: 10 Jahre Jubiläum Defizit-Modell Forschung Public Engagement
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