Eine Recherche der ZEIT zur NSDAP-Mitgliederkartei löste einen viralen Ansturm aus. Was sagt dieser Hype über den Umgang mit unserer Geschichte aus? Der Historiker Martin Clemens Winter ordnet den ZEIT-Beitrag ein und sieht darin auch Probleme.
Warum die NSDAP-Mitgliederkartei viral ging
Kürzlich ging eine Suchmaske von Die Zeit viral, mit der man Verwandte in einer NSDAP-Mitgliederkarteien finden konnte. Warum trifft das so einen Nerv?

Die Möglichkeit, zur eigenen Familiengeschichte zu recherchieren, gibt es schon lange – etwa durch Anfragen beim Bundesarchiv. Viele empfinden jedoch Hemmungen, sich an ein Archiv zu wenden. Manche Historiker*innen sprechen in diesem Zusammenhang von „Archivangst“.
Die einfache technische Lösung senkt diese Schwelle. Dazu kommt vermutlich der Gedanke, erst einmal unverbindlich recherchieren zu können und in Ruhe zu entscheiden, was man mit den Ergebnissen macht, unabhängig davon, ob man etwas findet oder nicht.
Wie bewerten Sie die Aufbereitung der Mitgliederkartei durch Die Zeit?
Zuvor kam der erste größere Aufschlag von den National Archives in den USA, die die komplette NSDAP-Mitgliederkartei online gestellt und durchsuchbar gemacht haben. Die Zeit hat darauf aufgesetzt und zusätzlich ein eigenes Archiv angelegt, was ich ehrlich gesagt ein wenig problematisch finde.
Warum ist das problematisch?
Zunächst, weil es hinter einer Paywall steht. Das ist aus verschiedenen Gründen zu hinterfragen, da es sich um öffentlich zugängliche Archivalien handelt. Es ist schwierig, dass sie daraus ein eigenes Archiv bauen, das eigentlich keins ist. So ist es beispielsweise nicht möglich, daraus zu zitieren, und bestimmte Unterlagen sind aus Datenschutzgründen nicht auffindbar. Dazu kommen große Versprechen. Ich paraphrasiere: „Hier finden Sie die Vergangenheit Ihrer Vorfahren“.
Es gibt gute Gründe, die aufwendigen Zeit-Recherchen, die zusätzlich durchgeführt wurden, hinter eine Paywall zu setzen. Aber es hat für mich ein Geschmäckle, wenn mit der oft zitierten „dunklen Vergangenheit“ Klicks und damit Einnahmen generiert werden und gleichzeitig das Versprechen entsteht, man komme ganz einfach zu Antworten.
Die Frage ist, ob ein schnelleres und einfacheres Ergebnis im wissenschaftlichen Sinn auch das bessere ist. Was man dort bekommt, sind Karteikarten zum Eintritt in die NSDAP, nicht mehr. Das ist nur der Ausgangspunkt für weitere Recherchen.
Was passierte, als diese historischen Rohdaten plötzlich massenhaft verfügbar waren?
Als der Spiegel als erstes Medium seine Recherche veröffentlicht hat, mit einem Link zu den National Archives, war die Archivseite für die nächsten Tage nicht erreichbar. Ich habe schon erwartet, dass die Presse darüber berichtet und dass das Interesse groß ist. Aber dass der Katalog der National Archives zeitweise nicht mehr erreichbar ist, weil offenbar Tausende gleichzeitig darauf zugegriffen haben, hat mich überrascht.

Was ist da die Rolle der Wissenschaftskommunikation?
Aufgabe der Historiker*innen ist es, das einzuordnen. Es reicht eben nicht, Namen einzugeben und zu sehen, ob eine Karteikarte vorhanden ist.
Eine Fehlanzeige bedeutet nicht automatisch, dass jemand keine Rolle im Nationalsozialismus gespielt hat. Umgekehrt ist eine NSDAP-Mitgliedschaft zwar ein klares Signal der Zustimmung, aber auch hier braucht es Differenzierung. Ein frühes Eintrittsdatum kann für eine stärkere ideologische Überzeugung sprechen, ein späteres eher für Opportunismus. Das bleibt aber Interpretation und muss durch weitere Quellen abgesichert werden.
Genau deshalb braucht es Quellenkritik und in der Regel weitere Unterlagen. Das bekommt man selten mit einem Klick, sondern nur durch intensive Recherche. Gleichzeitig ist das auch eine Chance, weil sichtbar wird, welche Bedeutung Quellen in der historischen Arbeit haben.
Beobachten Sie aktuell eine Veränderung im gesellschaftlichen Umgang mit NS-Vergangenheit?
Gedenkstätten werden derzeit sehr stark instrumentalisiert. Das war zwar schon immer so, auch in der bundesdeutschen Geschichtspolitik, etwa wenn sie als Orte dargestellt werden, die automatisch „Demokratie herstellen“.
Aber es ist erschreckend zu sehen, wie stark die Angriffe geworden sind. Das reicht von geschichtsrevisionistischen Diskursen über Schmierereien bis hin zu Leuten, die in Gedenkstätten Selfies mit Hitlergruß machen. Es ist deutlich zu erkennen, dass diese Angriffe mit einer gesellschaftlichen Normalisierung rechter bis rechtsextremer Positionen zunehmen.
Was heißt das für die Kommunikation dieser Themen?
Die Debatten werden insgesamt härter und die Frontlinien verschieben sich. Bei alldem darf man aber nicht vergessen, dass die stärksten Angriffe weiterhin und zunehmend von rechts kommen. Auch das geschichtspolitische Programm der AfD in Sachsen-Anhalt zeigt, dass hier klare Weichen gestellt werden sollen. Das ist ein Anlass zur Beunruhigung.
Hinzu kommt, spätestens seit dem 7. Oktober und der stark polarisierten Auseinandersetzung um den Nahostkonflikt, eine zusätzliche Überlagerung. Aktuelle politische Themen wie Krieg, Frieden und Menschenrechtsverletzungen werden dabei sehr stark mit Geschichtsdiskursen vermischt. Das wirkt dann auch zurück auf die Auseinandersetzung mit NS-Geschichte.
Umso wichtiger bleibt es, diese Themen quellengestützt und methodisch sauber zu bearbeiten und gleichzeitig nicht nur im akademischen Raum zu bleiben, sondern gesellschaftlich wirksam zu sein.
Ihr eigener Blogbeitrag zur NSDAP-Mitgliederkartei wurde zehntausendfach gelesen und hat ebenfalls eine große Medienresonanz ausgelöst. Viele Forschende erträumen sich diese Reichweite. Was war der Schlüssel?
Das war auf jeden Fall deutlich mehr Reichweite als bei all meinen Beiträgen zuvor. Ich sehe das als Hinweis darauf, dass das Medium Blog in bestimmten Kontexten gut funktioniert, auch wenn es für manche als etwas „oldschool“ gilt.
Das war bei den Karteien ein besonderer Fall, aber ich habe das auch schon früher genutzt, um meine Themen öffentlich einzubringen. Es gab zum Beispiel eine Diskussion über Denkmalschutz für ein Gebäude des Rüstungskonzerns, zu dem ich forsche. Ich habe dazu über den Blog interveniert, Unterlagen ausgewertet und mehrere Beiträge geschrieben. Die zuständige Denkmalbehörde ist darauf aufmerksam geworden, hat mich kontaktiert und wir haben Hintergrundgespräche geführt. Am Ende hat das mit dazu beigetragen, dass der Denkmalschutz für das Gebäude ausgesprochen wurde.

Sie empfehlen demnach auch den Austausch mit zivilgesellschaftlichen Akteur*innen?
Ja – ein wichtiger Baustein ist für mich die Kooperation mit der Gedenkstätte für Zwangsarbeit in Leipzig. Sie liegt am ehemaligen Hauptsitz des Rüstungskonzerns, zu dem ich forsche, und ich bin dort auch im Verein. Dadurch habe ich eine enge Anbindung.
Die Gedenkstätte ist ein zentraler Resonanzraum. Wir führen gemeinsame Veranstaltungen durch, sie hat eigene Öffentlichkeitsarbeit, einen Instagram-Account sowie ein eigenes Publikum und Netzwerk. Dazu gehören übrigens auch Überlebende der NS-Verbrechen und deren Angehörige. Wenn wir gemeinsam etwas machen, erreiche ich diese Gruppen direkt mit meinen Themen.
So entsteht nicht nur ideell, sondern auch ganz konkret über die Gedenkstätte eine Vernetzung. Das ist wichtig, damit die Ergebnisse einen Raum haben, der nicht nur rein digital ist. Andersherum können neue Erkenntnisse aus meinen Forschungen quasi tagesaktuell Eingang in die Bildungsarbeit vor Ort finden.
Was sind die Vorteile des Blogs als Kommunikationsformat?
In meinem Projekt habe ich damit sehr gute Erfahrungen gemacht, weil man schnell auf aktuelle Entwicklungen reagieren und eigene, fundierte Texte veröffentlichen kann, die wissenschaftlichen Kriterien entsprechen. Sie sind nicht peer reviewed, aber sie enthalten Fußnoten, lassen sich mit Quellen und Dokumenten anreichern und sind gut zitierbar.
Das war auch im Fall der NSDAP-Mitgliederkartei der Punkt. Als ich vom Spiegel interviewt wurde, hatte ich den Blogbeitrag noch nicht geschrieben. Ich hatte mich erst im Nachgang dazu entschieden, um über die knappen Zitate im Artikel hinaus mehr Gewicht auf die eigenen Argumente zu legen. Es ist ein direkterer Weg als Fachzeitschriften und in solchen Situationen sehr wirksam. Insgesamt sehe ich das als Erfolg für das Blogformat und als Ansporn, damit weiterzuarbeiten.
Also: „Blog’s not dead“! Sie bloggen seit fünf Jahren als eine Art offenes Forschungstagebuch. Ist es nicht auch sehr vulnerabel, wenn man über die laufende Forschung bloggt?
Es ist natürlich so, dass man eigene Forschungsergebnisse auch wieder überholt. Wissenschaftskommunikation heißt aber nicht nur, Ergebnisse zu verbreiten, sondern auch Methoden, Daten sowie mitunter vorläufige Erkenntnisse mitzukommunizieren und transparent zu machen, wie wir überhaupt zu Ergebnissen kommen. Ich hatte das auch bei einem anderen Beispiel, da gab es tatsächlich den Fall, dass ich etwas nachträglich korrigieren musste, weil neue Quellen dazugekommen sind.
Im Blog lässt sich das aber gut transparent machen, etwa durch Aktualisierungen, Hinweise oder einen neuen Beitrag, damit nachvollziehbar bleibt, wie sich Einschätzungen verändern. Und wenn Studierende oder andere Forschende dann sogar eigene Beiträge dazu schreiben und etwas korrigieren oder erweitern, ist das genau das, was Wissenschaft im besten Fall leisten kann: gemeinsame Weiterentwicklung des Wissens und dabei offen zu bleiben für neue Quellen und Erkenntnisse.