Politisch motivierte Wissenschaftskommunikation kostet Vertrauen, sagt unser Gastautor Volker Hahn. Am Beispiel der Kontroverse um die Streichung des Klimaszenarios RCP8.5 erläutert er, wie Polarisierung das Ringen um Wahrheit untergräbt.
Wahrheit vs. Nutzen? Lehren aus der Debatte um Klimaszenario
Stellen Sie sich vor, es wird darüber diskutiert, ob ein ernährungswissenschaftliches Szenario für den zukünftigen Zuckerkonsum realistisch ist. Die einen halten die zugrunde liegenden Annahmen für realistisch, die anderen für unplausibel.
Nun stellen Sie sich weiter vor, Kritik an diesem Szenario würde sofort moralisch aufgeladen. Wer die Annahmen hinterfragt, gilt als Leugner und Lobbyist der Zuckerindustrie. Wer das Szenario verteidigt, wird als Alarmist oder Aktivist verunglimpft. Nicht mehr die Frage „Ist das Szenario plausibel?“ stünde im Mittelpunkt, sondern: „Auf welcher Seite stehst du?“
Absurd? Leider nein. In der jüngsten Debatte um das Klimaszenario RCP8.5 zeigen sich genau solche Dynamiken.
RCP8.5 bezeichnet ein Szenario aus der Klimaforschung mit sehr hohen Emissionen („very high baseline emission scenario”) und entsprechend starker Erwärmung. Es spielt seit etwa 15 Jahren eine wichtige Rolle in tausenden wissenschaftlichen Arbeiten, hat Klimaanpassung, Medienberichte und die öffentliche Wahrnehmung geprägt. Nun will der Weltklimarat IPCC in seinen Sachstandsberichten nicht mehr mit diesem Szenario arbeiten1. Die Begründung lautet, RCP8.5 sei nicht mehr plausibel.
An dem „nicht mehr“ hat sich ein Streit entzündet. War das High-Emission-Szenario vor zehn Jahren noch plausibel oder hätte es schon viel früher zurückgezogen werden müssen? Wurde es zumindest klar als unwahrscheinlicher „worst case“ kommuniziert? Kritiker verweisen seit Jahren auf unplausible Annahmen, etwa einen extrem steigenden Kohleverbrauch. Andere sagen, RCP8.5 sei erst in jüngerer Zeit durch erfolgreiche Klimapolitik unplausibel geworden.
Eigentlich wäre das – wie beim hypothetischen Zuckerbeispiel – eine normale wissenschaftliche Debatte: über Annahmen, Wahrscheinlichkeiten und gute Kommunikation. Man erwägt die Argumente der Gegenseite und setzt bessere entgegen. Leider passiert das kaum.
Vielmehr beobachten wir eine Lagerbildung. Von „fehlerhafter Klimaforschung”, jahrelanger Panikmache und „climate change lies“ ist die Rede. Die Gegenseite wittert „fossile Propaganda“ und „Klimawandelleugnung“. Die Lager werfen sich gegenseitig „Desinformation“ vor, mediale Schlagzeilen überspitzen2 die Debatte zusätzlich. Die Streitlinien verlaufen quer durch Wissenschaft, Politik und Medien3. Für den einen Pol der Debatte hat sich mit dem Wegfall des umstrittenen Szenarios nichts geändert, für den anderen hat sich das Problem des Klimawandels quasi erledigt. Der Klimaökonom Matt Burgess nennt dies eine falsche Dichotomie.
Konstruktiver Streit ist in der öffentlichen Debatte kaum sichtbar (auch wenn nicht überall so scharf geschossen wird wie in den in der Fußnote verlinkten Beispielen). Viele Journalisten bilden den wissenschaftlichen Dissens um RCP8.5 nur unzureichend ab. Nach einer ausgewogenen und fairen Darstellung der widerstreitenden Argumente sucht man vergeblich (ich jedenfalls).
Das führt dazu, dass zentrale Fragen unbeantwortet bleiben. So gilt RCP8.5 schon lange nicht mehr als No-Policy-Szenario, sondern als ein unwahrscheinliches (wenn nicht gar unplausibles) Worst-Case-Szenario. Dennoch wird seine Ausmusterung als Ergebnis erfolgreicher Klimapolitik gewertet („Präventionsparadox“) – von Luisa Neubauer, von Journalisten und von Wissenschaftlern. Ein Präventionsparadox setzt jedoch voraus, dass das Szenario ohne Prävention eingetreten wäre. Wer RCP8.5 zugleich als unwahrscheinlichen Worst Case beschreibt, muss erklären, wie sein Ausbleiben als Beleg erfolgreicher Prävention gelten kann. Andernfalls wirkt die Schlussfolgerung wie ein non sequitur. Mit derselben Logik ließe sich behaupten, der Wegfall des Best-Case-Szenarios – auch dieses wurde gestrichen – sei das Ergebnis erfolgloser Klimapolitik. Entsprechend gilt am anderen Pol der Debatte: Aus dem Ende von RCP8.5 folgt nicht das Ende des Klimaproblems.
All das bedeutet logischerweise nicht, dass die oben genannten Behauptungen alle falsch sind. Sie werden jedoch nicht erklärt und Gegenargumente nicht entkräftet. So drängt sich der Verdacht auf, dass es weniger um Wahrheit geht als um die – bewusste oder unbewusste – Verteidigung von Narrativen: Argumente werden nicht primär danach bewertet, ob sie zutreffen, sondern danach, wem sie nützen könnten. Hilft ein Argument dem politischen „Gegner” – dann muss es Desinformation sein. Passt es zu meinem vorhandenen Narrativ – dann muss es stimmen. Der langjährige Klimajournalist der New York Times, Andrew Revkin, nennt das „Narrative Capture”.
Es müsste natürlich umgekehrt sein. Zunächst das unvoreingenommene Ringen um die Wahrheit, dann die politische Implikation. Diese Reihenfolge gerät jedoch ins Wanken, sobald Themen politisch und moralisch aufgeladen sind. Auch weil Zielkonflikte entstehen: Will ich Menschen von der richtigen Politik überzeugen? Oder will ich objektiv und ausgewogen informieren? Beides gleichzeitig funktioniert oft nicht. Denn je nachdem, welches Ziel ich priorisiere, treffe ich andere kommunikative Entscheidungen.
Natürlich ist es legitim, darüber zu streiten, welche politischen Konsequenzen aus wissenschaftlichen Erkenntnissen folgen. Aber: Selbst wenn man zu dem Schluss kommt, dass RCP8.5 nie ein plausibles Szenario war, kann man für entschiedenen Klimaschutz eintreten. Umgekehrt kann man pessimistische Szenarien für plausibel halten und trotzdem manche klimapolitische Maßnahme ablehnen. Wissenschaft determiniert keine Politik. Sie informiert sie lediglich. In Anlehnung an Walter Lippmann geht es in einer Demokratie nicht darum, dass alle gleich denken, sondern dass Menschen mit unterschiedlichen Überzeugungen gemeinsam handeln. Deshalb muss der politische Streit nachgelagert sein. Für eine konstruktive Debatte über die Wissenschaft einerseits und für evidenzbasierte, demokratische Politik andererseits.
Ich will nicht naiv klingen. Es ist zu erwarten, dass Politiker, Interessensgruppen oder NGOs ihre politische Deutung voranstellen. Aber ist es zu viel verlangt, dass es Journalisten, Wissenschaftlern und Kommunikatoren immer zuerst um die Wahrheit gehen sollte?
Ich denke nicht. Auch deshalb, weil wir sonst Misstrauen nähren. In meinem Gastbeitrag „Wie lange vertraut man uns noch?“ nenne ich zwei zentrale Hebel für den Erhalt von Vertrauen in Wissenschaft(skommunikation): das Sichtbarmachen wissenschaftlichen Dissenses sowie das Entmischen wissenschaftlicher und politischer Botschaften. Die RCP8.5-Debatte zeigt beispielhaft, wie es nicht laufen sollte.
Ähnlich kritisch sieht der Politikwissenschaftler Mahmud Farooque den Umgang mit RCP8.5. Er diagnostiziert ein mangelhaftes boundary management und schreibt: „[…] even good science can be lost when its political usefulness outpaces its epistemic care at the boundaries of science, policy, and politics.“
Die Politisierung von Wissenschaft(skommunikation) untergräbt das Ringen um Wahrheit – und damit das Vertrauen in Wissenschaft. Wer Wissenschaft kommuniziert, sollte sich zuerst fragen: Ist es wahr? Nicht: Wem nützt es? Das ist bei Klima schwerer als bei Zucker. Denn in einer moralisch aufgeladenen Debatte möchte niemand auf der „falschen Seite“ stehen. Für die Wissenschaftskommunikation sollte es aber nur eine Seite geben: die der bestmöglichen Erkenntnis.
Anmerkung der Redaktion: Üblicherweise verwenden wir den Genderstern. In diesem Gastbeitrag verzichten wir auf Wunsch des Autors darauf. Die redaktionelle Verantwortung lag bei Michael Wingens. Gastbeiträge spiegeln nicht zwangsläufig die Meinung unserer Redaktion wider.
- Streng genommen betrifft die Entscheidung das CMIP7-Rahmenwerk, in dem RCP8.5 (genauer: SSP5-8.5) nicht mehr zu den Kernszenarien gehört. Da die Sachstandsberichte des IPCC auf diesen Modellierungsprojekten aufbauen, dürfte das Szenario künftig auch dort eine deutlich geringere Rolle spielen. ↩︎
- Da sich in der hitzigen Debatte viele Vorwürfe gegen Autoren richten, will ich daran erinnern, dass Schlagzeilen und Teaser in der Regel nicht von den Autoren selbst formuliert werden. ↩︎
- Das zeigen exemplarisch diese vier Social-Media-Posts, in denen (1.) ein Kommentator und eine Kommentatorin von Spiegel und Welt miteinander streiten, (2.) ein Forscher einen Politiker für dessen Angriff auf einen anderen Forscher kritisiert, (3.) ein Wissenschaftler gegen Medien und Trump wettert und (4.) sich zwei Klimatologen uneins sind ↩︎