Warum ist es so schwer, zwischen KI-Slop, Werbung und Fake News gute Wisskomm-Inhalte zu finden? Ein von Tim Wittenborg gestartetes Projekt möchte das ändern. Im Gastbeitrag stellt der PHD-Student von der Leibniz Universität Hannover die Idee eines neuen Wikis vor, das bald Wirklichkeit werden soll.
Videos und Podcasts besser finden: Wie das WissKomm Wiki dabei helfen will
Letztens kam jemand auf mich zu und sagte: „Mein Sohn hat letztens im Biounterricht nicht aufgepasst und musste dann zu Hause nachholen, wie Photosynthese funktioniert. Lange Artikel lesen ist nicht seine Stärke, also habe ich nach Videos gesucht. Eine Stunde, bis ich was gefunden habe! Geht das nicht einfacher?“
Gute Frage. Ja, sollte es eigentlich. Die gute Nachricht: Bis wir danach in einem „WissKomm Wiki“ suchen können, dauert es nicht mehr lange. Aber bis es soweit ist, schauen wir uns doch die Situation genauer an: Gesucht wird ein Video über Photosynthese, möglichst wenig Text, viele Bilder und verständlich für die achte Klasse. Wir müssten also Videos nach Thema und nach Komplexität sortieren können. Inhaltlich richtig sollen sie natürlich auch sein, bitte auf Deutsch und kostenlos zugänglich.
Die meisten Suchmaschinen bieten solche spezifischen Filter nicht an. Gute Videos sind auf YouTube, TikTok oder Instagram schwer zu finden. So erscheinen Erklärvideos und Uni-Vorlesungen direkt neben KI-Slop, Werbung und Fake News. Wie soll man da das richtige Video finden?
Infrastrukturen für wissenschaftliche Informationen
Klar, es gibt ein paar Ansätze. Das gleiche Problem hat die Wissenschaft schon seit einigen Jahrzehnten, und mittlerweile gibt es eine starke Wissens-Infrastruktur, die Orientierung in der Informations-Flut bietet. Der Open Research Knowledge Graph (ORKG) etwa strukturiert wissenschaftliche Artikel. Dort finden sich unter anderem Informationen dazu, welches Paper sich mit Photosynthese beschäftigen, welche Messungen gemacht wurden und was die Ergebnisse sind. Diese Informationen wurden von vielen Menschen zusammengetragen – wie bei Wikipedia, nur für wissenschaftliche Artikel. Super, wenn man Wissenschaftler*in ist, für die achte Klasse aber vielleicht etwas kompliziert.

Auf der Plattform ORKG Ask kann man Fragen stellen, zum Beispiel: „Wie funktioniert Photosynthese?“. Ein Algorithmus sucht in einem Archiv aus über 70.000.000 wissenschaftlichen Artikeln nach passenden Publikationen und schlägt die fünf relevantesten vor. Die kann man selbst lesen, oder man wartet noch ein paar Sekunden, bis ein Sprachmodell basierend auf den Artikeln die Frage beantwortet. Ob die Antworten verlässlich sind, kann man direkt in den angegebenen Quellen nachschlagen. Das ist wesentlich einfacher, aber immer noch nicht niedrigschwellig genug für unseren Achtklässler.
Wissenschaftspodcasts und -Videos
Jedes Jahr werden über zwei Millionen neue Paper veröffentlicht, und die bestehende Wissens-Infrastruktur versucht, diese zu sortieren. Aber wo findet sich eine solche Infrastruktur, um wissenschaftlich relevante Videos und Podcasts plattformübergreifend zusammenzutragen und in einer gemeinsamen Bibliothek aufzubereiten? Wo ist mein Nachschlagwerk für verständliche Beiträge zum Thema Photosynthese, in Bild und Ton und nicht nur zum Nachlesen?
Auf der Suche nach so einer Bibliothek bin ich nach Hannover gegangen, zum Joint Lab des Forschungszentrum L3S und der Technischen Informationsbibliothek (TIB). Dort promoviere ich nun an der Leibniz Universität Hannover und habe mir in meiner Forschung alle Plattformen angesehen, die in Frage kommen. Weder ORKG noch Wikipedia können eine Übersicht über all die Videos und Podcasts bieten, nicht einmal Wikidata, die strukturierte Datenbank hinter Wikipedia.
Zwar gibt es das TIB AV-Portal, aber da findet man längst nicht alle Videos, nur die, die unter einer freien Lizenz stehen. Das gleiche Problem hat auch OERSI, der Open Educational Resource Search Index. Und so ziehen sich die Schwierigkeiten durch all diese Projekte, die uns bei der Suche helfen könnten: Wikisource und OpenJur sind inhaltlich zu beschränkt, Zenodo, Zotero, arXiv, ORCID, Open Knowledge Maps: Alles tolle Projekte, aber nicht ganz passend. World Lecture Project, Wissenschaftspodcasts.de, IMDB und fernsehserien.de können längst nicht alles sortieren, was auf YouTube, Podigee, Spotify, im Internet Archive oder der ARD/ZDF Mediathek zu finden ist. Das Science Media Center, das NaWik*, die Nationale Forschungsdateninfrastruktur (NFDI), alles wunderbare Institutionen, aber keines hat all das, was wir suchen:
- Eine digitale Bibliothek für Videos und Podcasts;
- in der man einfach nachschlagen kann, was man sucht;
- und wo man sich wie beim ORKG oder Wikipedia gemeinsam eine Übersicht über diese Informationsflut schaffen kann.
Eine neue Lösung: Ein Wiki für wissenschaftliche Videos & Podcasts
Also habe ich mit Freunden, Kolleg*innen und Studierenden selbst einen Prototypen entwickelt, der viele Fragen beantwortet und neue aufgeworfen hat: Wie wahren wir Urheberrecht und personenbezogene Daten? Wie sichern wir finanzielle und inhaltliche Unabhängigkeit? Wie motiviert man Mitstreiter*innen und rüstet sich gegen Vandalismus?
Eine Inspirationsquelle war und ist Wikipedia, die dieses Jahr 25 Jahre alt wird. Nach jahrelanger Vorarbeit haben wir, eine Gruppe von zwölf Wissenschaftsbegeisterten, uns getraut und einen gemeinnützigen Verein gegründet, Talks und Workshops gehalten, Paper geschrieben und gezeigt: Wir können das schaffen!
Mit über 40 Personen und Institutionen haben wir uns an einen großen Tisch gesetzt und überlegt, wie so ein Wiki aussehen müsste – ein WissKomm Wiki für wissenschaftliche Videos und Podcasts. Wenn wir im April 2026 mit der öffentlich nutzbaren Umsetzung beginnen, können wir die Technologie, die wir in den vergangenen vier Jahren entwickelt haben, endlich der gesamten Gesellschaft zur Verfügung stellen. Für die Weiterentwicklung brauchen wir dringend Feedback und freuen deshalb über Rückmeldungen und Fragen.
Dem Achtklässler konnten wir bei der Suche nach Videos zu Photosynthese noch nicht helfen, aber wir können euch versprechen, dass wir schon bald in einer gemeinsamen Bibliothek schreiben und nachschlagen können. Denn das Schöne an Wissen: Es wächst, wenn man es teilt.
* Das Nationale Institut für Wissenschaftskommunikation (NaWik) ist einer der drei Träger der Plattform Wissenschaftskommunikation.de
Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag lag bei Anna Henschel und Inga Dreyer. Gastbeiträge spiegeln nicht zwangsläufig die Meinung unserer Redaktion wider.