Die Apotheken Umschau feiert ihren 70. Geburtstag. Ihre Leserschaft hingegen wird immer jünger. Wie schafft es das Gesundheitsmagazin, mit evidenzbasiertem Journalismus ein Millionen-Publikum zu erreichen? Chefredakteurin Tina Haase spricht im Interview über Glaubwürdigkeit, Social Media – und darüber, warum Frauengesundheit so ein wichtiges Thema ist.
„,Stützstrumpf der Nation‘ betrachte ich als Kompliment“
Frau Haase, gehört die Apotheken Umschau zu den „Hidden Champions“ der Wissenschaftskommunikation?

Auf jeden Fall. Obwohl ich gar nicht weiß, ob wir wirklich so versteckt sind, da wir in der Bevölkerung stark wahrgenommen werden und eine sehr große Reichweite haben.
Und wie ist es innerhalb der Wissenschaftskommunikations-Community?
Da müssten wir wahrscheinlich noch viel mehr erklären, was wir eigentlich machen und wie gut wir evidenzbasiert arbeiten.
Sie haben sich evidenzbasierten Gesundheits-Journalismus auf die Fahnen geschrieben. Wie sieht das in der Praxis aus?
Das bedeutet, dass wir als Redaktion beim Recherchieren nach wissenschaftlichen Grundlagen suchen. Wir lesen Studien, sprechen mit Wissenschaftler*innen und nennen immer unsere Quellen. Wir übersetzen das dann in eine einfache Sprache, sodass es auch Menschen verstehen, die keine medizinische Ausbildung haben.
Wir bereiten die Texte mit Infografiken, Checklisten, Schritt-für-Schritt-Erklärungen und alltagsnahen Beispielen auf. Wir lassen auch gerne Menschen selbst über ihre Krankheit erzählen, weil das Vertrauen schafft und zeigt: Da ist jemand wie ich, mit dem ich mich identifizieren kann. Es ist uns wichtig, über Menschen zu schreiben, die in einer gesundheitlichen Notlage sind, weil es sehr vielen so geht.
Wir wissen: Gesundheit ist das höchste Gut der Menschen – da müssen wir glaubwürdig sein. Wir möchten, dass die Leser*innen Informationen bekommen, die auf geprüften Fakten beruhen und nicht auf Meinungen.
Die eine Seite ist, faktenbasiert zu arbeiten – und die andere, das entsprechend zu vermitteln. Wie schaffen Sie es, Vertrauen aufzubauen und sich von anderen Gesundheitskommunikator*innen abzugrenzen, die teilweise ungeprüfte Informationen verbreiten?
Wir profitieren natürlich davon, dass wir seit 70 Jahren in den Apotheken liegen – an
einem Ort, wo sich Menschen Gedanken über Gesundheit machen. Wir stehen mit
unserem Versprechen da und ich glaube, wir haben nicht enttäuscht.
Im Digitalbereich sieht es ein bisschen anders aus. Da haben wir eine ganz andere Konkurrenz, denn der Medienwandel prägt die Gesundheitskommunikation enorm.
Medfluencerinnen bieten den Menschen einen niedrigschwelligen, nahbaren Zugang zu medizinischen Themen. Das kann wertvoll sein, aber birgt auch Risiken, weil die User*innen vielleicht nicht einschätzen können, ob es richtig ist, was da erzählt wird.

Natürlich kommunizieren nicht alle auf Basis verlässlicher Quellen und unabhängig von wirtschaftlichen Interessen. Genau da setzen wir an und wollen Orientierung bieten. Unsere Aufgabe ist auch im digitalen Raum medizinisch geprüfte, evidenzbasierte und zugleich alltagsnahe Informationen bereitzustellen.
Vertrauen in evidenzbasierte Kommunikation setzt Vertrauen in Wissenschaft voraus. Das ist in Deutschland relativ hoch – aber es gibt auch Skepsis. Wie reagieren Sie darauf?
Es ist ein Problem, dass teilweise Pseudowissenschaftliches dargestellt wird, als ob es vermeintlich seriös sei. Deswegen versuchen wir absolut zuverlässige Quellen zu
verwenden. Wir stützen uns auf Studien, die hochkarätig publiziert worden sind und vertrauen auf das Cochrane-Netzwerk als Goldstandard für systematische Reviews. Das ist unverzichtbar für evidenzbasierte Recherchen und kritische Bewertungen von Therapien.
Aber was passiert, wenn der ,Goldstandard‘ nicht mehr anerkannt wird, weil
Wissenschaft an Glaubwürdigkeit verliert?
Auch da muss man auf Aufklärung setzen, erklären wie Wissenschaft funktioniert und immer wieder klarmachen, dass es den Menschen letztendlich selbst zugutekommt, wenn sie Medien vertrauen, die evidenzbasiert arbeiten. Als gut informierter Patient*in, kann ich mit dem Arzt oder der Ärztin auf Augenhöhe über meine Therapie reden. Ich kann verstehen, was mir angeboten und empfohlen wird und kann auch mal eine Nachfrage stellen. Oder mir eine Zweitmeinung einholen, die von der Krankenkasse bezahlt wird.
Auch ChatGPT ist inzwischen ein beliebter Gesundheitsratgeber geworden. Merken
Sie das?
Ja, klar nutzen das inzwischen einige User*innen, die Ergebnisse allerdings sind nicht immer überzeugend. Wir reagieren darauf, indem wir selbst KI anbieten, die auf unsere verlässlichen Inhalte zurückgreift. Wir haben bei uns auf der Seite zwei Modelle eingebaut, die wir gerade testen. Eines davon, you.com, funktioniert so, dass wir die KI über alle Inhalte, die auf unserer Seite stehen, laufen lassen. Die von uns geprüften Inhalte werden passgenau durch die KI auf die User*innen zugeschnitten und mit Quellenangaben versehen. Man sieht genau, woher die Infos stammen.
Sie sind online sehr aktiv, haben auch Video-Formate, Podcasts, eine Kolumne der
feministischen Autorin Margarete Stokowski. Haben Sie auch einen TikTok-Kanal?
Ja. Da haben wir sehr gründlich überlegt, ob wir das machen. Und dann dachten wir:
Warum sollten wir diesen Kanal nicht mit unseren seriösen Angeboten bespielen? Wir haben uns dann entschieden, kurze, knackige Gesundheitsvideos zu machen. Aber auch das Thema Mentale Gesundheit funktioniert sehr gut. Instagram bleibt aber unser größter und wichtigster Social-Media-Kanal. Da haben wir inzwischen 86.000 Follower*innen und erreichen im Schnitt 42.000 Menschen am Tag, also eine ganze Menge.
Noch eine Jubiläumsfrage: Sie sind im Januar 70 geworden. Was macht die Apotheken Umschau, um sich jung und frisch zu halten?
Wir versuchen, immer wieder neue Perspektiven einzunehmen, die Menschen in der
jeweiligen Zeit zu verstehen und Ratschläge zu geben, wie sie gut durchs Leben
kommen und gesund bleiben. Im Heft ändern wir von Zeit zu Zeit den Strich der
Illustratorinnen, damit es zeitgemäß bleibt. Man muss immer mal wieder rangehen und schauen: Was möchten die Leute jetzt? Wie groß ist die Schriftgröße? Sind es die richtigen Farben? Sind es die richtigen Formate? Ist das angemessen? Es gab diverse Relaunches in den letzten Jahrzehnten und die wird es sicherlich auch zukünftig geben.
Können Sie sich noch mit Begriffen wie „Rentner-Bravo“ oder „Stützstrumpf der Nation“ wie Sie von der ZEIT mal genannt wurden, identifizieren?
Ehrlich gesagt, haben wir überhaupt nichts gegen diese beiden Begriffe. Ich glaube, Rentner-Bravo trifft es nicht mehr so ganz, weil wir inzwischen auch eine jüngere Leserschaft erreichen – gerade über die anderen Kanäle. Aber auch die Apotheken Umschau hat sich verjüngt. Wir sind bei einem Durchschnittsalter von 63 Jahren, bei apotheken-umschau.de sind es 46 Jahre. Ein Durchschnitt von 63 Jahren bedeutet: Das liest die Achtundzwanzigjährige genauso wie der Fünfundachtzigjährige.
„Stützstrumpf der Nation“ betrachte ich als Kompliment. Wenn wir die Menschen in Deutschland dazu befähigen, gut mit ihrer Gesundheit umzugehen, gut durch Krankheiten zu gehen und die besten Therapien zu bekommen, dann ist es doch das Beste, was wir machen können.
Mit welchen Themen beschäftigen Sie sich aktuell noch?
Im Digitalbereich sind wir sehr schnell und berichten tagesaktuell etwa über neue Studien, Empfehlungen oder wir ordnen Gesundheitstrends ein. Im Print haben wir auch aufgrund der hohen Auflage sehr lange Vorlaufzeiten. Wir versuchen natürlich Themen aufzugreifen, die viele Leute interessieren. Zum Beispiel hatten wir im September 2025 im Heft das Thema Alzheimer, weil neue Medikamente auf den Markt gekommen sind. Longevity ist auch ein Thema, das im Moment eine große Rolle spielt.

Wir versuchen auch Themen zu setzen. Im März hatten wir das Thema „Das starke Geschlecht“ mit meinem Lieblingscover, einer goldenen Gebärmutter. Die Gynäkologie wurde lange von Männern beherrscht, aber langsam tut sich etwas. Die Beachtung von Frauen in der Medizin hat sich insgesamt verbessert. Frauengesundheitsthemen liegen uns generell sehr am Herzen. Mein Co-Chefredakteur Dennis Ballwieser hat mal gesagt: „Wir sind ein ganz normales feministisches Magazin“. Neulich haben wir auch ein Titelthema und eine Studie zu Jugendlichen gemacht und geschaut: Wie geht es ihnen eigentlich psychisch? Wichtig sind auch wiederkehrende Themen wie „Blut spenden“, um zu zeigen: Leute, das kann wirklich Leben retten.
Sie finanzieren sich durch eine Abgabe der Apotheken und Werbung. Wie garantieren Sie die Unabhängigkeit von den Anzeigenkunden?
Wir haben ganz strikte Richtlinien zur Trennung von Text und Anzeigen. Das heißt, Sie werden keine Apotheken Umschau finden, in der eine Printanzeige für ein Hustenmittel direkt neben einem Artikel zum Thema „Wie bekämpfe ich meinen Husten?“ steht. Die Anzeige findet sich im Umfeld oder irgendwo anders im Heft, damit die Leser*innen nichts verwechseln. Außerdem wird darauf geachtet, dass immer „Anzeige“ drübersteht, damit das auch für Lai*innen erkennbar ist. Im digitalen Bereich ist das nicht so einfach möglich. Aber auch dort werden Anzeigen klar gekennzeichnet, damit es zu keiner Verwechslung kommt.