Soziolog*innen streiten über ihr Fach

In der Soziologie wird über Politisierung gestritten, Christoph Möllers stellt Strategien gegen autoritäre Angriffe vor und neue Studien beschäftigen sich mit KI in der Kommunikation. Das Wisskomm-Update gibt alle 14 Tage einen Überblick über aktuelle Themen, Debatten und Trends.

Was gibt’s Neues?

Hitzige Debatte unter Soziolog*innen

„Ist die Soziologie zu links?“ fragen Armin Nassehi und Irmhild Saake von der LMU München in der Zeit. Sie beziehen sich auf eine Studie, die Anfang des Jahres erschien. In dieser zeigt der Autor mithilfe KI-gestützter Analysen, dass ein Viertel sozialwissenschaftlicher Artikel dem linken politischen Spektrum zugeordnet werden kann. Nassehis und Saakes Erfahrungen mit Studierenden würden zudem zeigen, dass die Politisierung des Fachs eine übermäßige Fokussierung auf Ungleichheitskritik hervorruft.

Mit ihrem Beitrag lösten die beiden Soziolog*innen eine öffentliche Debatte aus. Die Göttinger Soziologin Sarah Nies und ihr Frankfurter Kollege Stephan Lessenich antworteten prompt, ebenfalls in der Zeit. Auf die Beobachtung, dass sich die Forschung zu stark auf die Ungleichheitskritik fixiere, erwiderten Nies und Lessenich, dass gesellschaftliche Verhältnisse immer durch Machtstrukturen geprägt und daher Fragen zu Ungleichheit legitim seien. Die Kritik an der Wissenschaftlichkeit treffe das Fach in einer Zeit, „in der die Gesellschaftswissenschaften ohnehin ins Fadenkreuz autoritärer Angriffe geraten sind”.

Im Blog der Deutschen Gesellschaft für Soziologie meldete sich Stephan Lorenz, Soziologe an der Universität Jena, mit einer Replik. Er kritisiert das Medium, das die Soziolog*innen mit der Zeit gewählt haben. Lorenz schreibt: „In einem soziologischen Forum würde sich ihr Plädoyer in genau diese Kontroversen des Faches um Wissenschaftlichkeit und Normativität einreihen.“ Einem Lai*innenpublikum fehle der Kontext der Fachgeschichte. Lorenz fordert mehr Reflexion über wissenschaftliche Kommentare in der Öffentlichkeit, „trendige Schaukämpfe“ seien der Verteidigung der Wissenschaftsfreiheit nicht zuträglich.

Auslöser der Debatte war ein Meinungsbeitrag von Armin Nassehi und Irmhild Saake in der Zeit. Bild: Screenshot

Ebenfalls kritisch äußert sich der Blogger Klaus Janowitz, der schreibt: „Es sind nicht die inhaltlichen Positionen, die mich irritieren, sondern die durchgehende Zeichnung der eigenen Studenten als einer naiven und ideologisch verblendeten Kohorte […]“. Lehrende und Lernende sollten sich Janowitz zufolge intern über ihre Kritiken austauschen. Stattdessen würden Nassehi und Saake ihre Stellung für eine öffentliche Diagnose nutzen.

Die Wissenschaftsredakteurin Kathrin Kühn erinnert sich an Debatten, die auch im Journalismus geführt werden: „[…] können wir eine Sache abbilden, analysieren, ohne direkt zu Beginn bestimmte normative Pflöcke einzuschlagen bzw. Grundlage zu haben? Sprich: Bewerten wir bestimmte Dinge von vorne herein?“ Sie reflektiert weiterhin über Diskussionspfade, die sich öffnen würden: „Sind Menschen, die diese Debatte mit Impulsen bestücken oder sie führen am Ende nicht „rechts“? Darf diese Debatte sein?“

Für Johanna Sprondel, Direktorin der Urania Berlin, zeigt die Debatte zwei verschiedene Wissenschaftsverständnisse: „Distanzierung vom Gegenstand versus bewusste Positionierung in ihm“. Dies sei eine der ältesten Frontlinien der Wissenschaftstheorie, schreibt sie.

Der Wirtschaftsethiker Thomas Beschorner mahnt: „ […] man sollte aber vermutlich sprachlich etwas abrüsten – was beide Seiten betrifft –, wenn man hier in ein ernsthaftes Gespräch kommen will.“ Er fragt sich, was die „wirklichen Hintergrundfolien“ für den „öffentlich ausgetragenen Schulenstreit“ seien.

Und die Replik auf die Replik? Vorerst antworteten Saake und Nassehi bei LinkedIn. Sie hätten sich eine Diskussion ihres Arguments gewünscht, laut Nassehi: „[…] wie wir annahmen, es gibt keinen Ort dafür.“

Und sonst?

Vier Strategien schützen die Wissenschaft gegen autoritäre Politik. Welche das sind und wie sie sich umsetzen lassen, kann man in einer neuen Studie des Rechtswissenschaftlers Christoph Möllers nachlesen. 

Im Interview mit dem Laborjournal kritisiert Journalismusforscher Holger Wormer die Wissenschafts-PR: „In einer Zeit, in der Glaubwürdigkeit in vielen Bereichen erodiert, sollten wissenschaftliche Einrichtungen deshalb erkennbar anders kommunizieren als Unternehmen.“

Das Vertrauen in die Wissenschaft in Deutschland sei stabil, schreibt Tim Reinboth bei Krautreporter. Trotzdem halte sich hartnäckig der Mythos vom Vertrauensverlust.

Satirische Vermittlung von Klimafakten bei OnlyFans – wie funktioniert das? Der Standard berichtet.

Das BMFTR* sucht für das Wissenschaftsjahr 2027 innovative Projekte der Wissenschaftskommunikation, die Forschung und Raumfahrt verständlich machen. Es geht vor allem darum, Methoden der Wissenschaftskommunikation weiterzuentwickeln.  

Call für Exponate auf der MS Wissenschaft*: Ebenfalls für das Wissenschaftsjahr 2027 können Forschende ihre Ideen und Vorschläge für interaktive Exponate einreichen. Die Einreichfrist ist der 28. September 2026. 

Die DFG schreibt den Communicator-Preis 2027 aus. Der Preis zeichnet besonders innovative, vielfältige und wirksame Kommunikation aus. Bewerbungen sind bis zum 30. September möglich.


Und die Forschung?

Feedback von der KI? Das kann zumindest bei geschriebenen Texten die Verständlichkeit verbessern. Dies haben Yael Barel-Ben David vom Kiel Science Communication Network am IPN – Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik und Roy Yosef und Elad Segev vom Holon Institute of Technology (HIT) in Israel herausgefunden. Im Rahmen eines Workshops zur Wissenschaftskommunikation bekamen Teilnehmende die Aufgabe, ihre Forschung in wenigen Worten verständlich zu beschreiben. Die Texte der Gruppe, die dafür eine speziell trainierte KI nutzen durfte, waren verständlicher als die der Kontrollgruppe, die keine KI nutzen durfte. Die Autor*innen schlussfolgern, dass sich KI gut eignen kann, um Texte auf sprachliche Feinheiten wie Fachjargon oder Passivformen zu untersuchen. Für kreatives Schreiben oder die Einbettung in die Perspektive der Zielgruppe hingegen eignen sich KI-Tools laut der Autor*innen nicht so gut.

Wie verändern KI-Anwendungen die Kommunikationsbranche? Mohamed Mallek von der University of Khorfakkan, Riadh Jeljeli von der University of Kalba, Faycal Farhi von der University of Al Dhaid und Elsir Ali Saad Mohamed von der Umm Al Quwain University argumentieren, dass sich KI-Agenten von reinen Unterstützungstools zu strategischen Akteuren gewandelt haben. KI-Anwendungen würden demnach zunehmend sowohl Kommunikationskanäle als auch Inhalte verwalten. Anstatt menschliche Rollen zu ersetzen, bewege sich die Branche in Richtung eines Co-Intelligenz-Modells. KI-Anwendungen übernähmen dabei rechenintensive Aufgaben, während Menschen die strategische Ausrichtung, die ethische Aufsicht und das kulturelle Urteilsvermögen behielten.

Jobs

🔉 Wissenschaftliche*r Mitarbeiter*in (Postdoc) | „Kiel Science Communication Network“ (Bewerbungsfrist: 27. September)

🔉 Independent Junior Group Leader Research Position | Charité – Universitätsmedizin Berlin (Bewerbungsfrist: 15. August)

Weitere Stellenangebote finden Sie in unserer Jobbörse – exklusiv für Stellen aus der Wissenschaftskommunikation. Hochschulen, Forschungsinstitutionen, Stiftungen und Co können ihre Stellenangebote direkt an Besucher*innen unseres Portals richten.

Fundstück

Im Rahmen des Projekts „Science Streets“ werden neurowissenschaftliche Comics auf Werbeflächen in Leipzig präsentiert. Auf LinkedIn diskutieren Nutzer*innen über das Projekt. Viele loben die gelungene Kooperation zwischen Wissenschaft und Kunst, einige wünschen sich jedoch Einblicke in die Evaluation des Projekts.

* Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) ist Förderer der Plattform Wissenschaftskommunikation.de. Wissenschaft im Dialog ist einer der drei Träger der Plattform.