So gelingt der Umgang mit provokativen Fragen

Die Fragerunde ist für viele der eigentliche Härtetest eines wissenschaftlichen Vortrags. Hier entscheidet sich, ob Kompetenz zugeschrieben oder infrage gestellt wird. Die Beraterin Ulrike Strohscheer zeigt typische Situationen in der Diskussion und bietet einen praktikablen Rahmen, um auch schwierige Fragen souverän beantworten zu können.

Selbstzweifel trotz fachlicher Kompetenz

Der Vortrag ist vorbereitet, alle Argumente durchdacht, die Methodik sitzt. Eigentlich kann nichts mehr passieren. Dennoch sind viele junge Forschende nervös.

Selbstzweifel treten paradoxerweise häufig bei fachlich besonders kompetenten Personen auf. Das sogenannte Impostor-Phänomen, bei dem Betroffene sich im Hinblick auf ihre Leistungen wie Hochstapler fühlen, wird vor allem bei intelligenten und erfolgreichen Menschen beschrieben, also bei Personen, deren Kompetenz objektiv außer Frage steht1.

Dafür gibt es unterschiedliche Gründe.

Zunächst können Selbstzweifel mit einem besonders ausgeprägten Leistungsstreben einhergehen, sodass Betroffene überdurchschnittliche Anstrengungen unternehmen, um ihre Kompetenz unter Beweis zu stellen2.

Wer sich intensiv mit einem Fachgebiet auseinandersetzt, erkennt außerdem zunehmend dessen Komplexität. Mit der wachsenden Expertise nimmt das Bewusstsein für offene Fragen, methodische Grenzen und blinde Flecken zu. Diese Reflexionsfähigkeit kann dazu führen, die eigene Leistung strenger zu beurteilen als Außenstehende es tun würden.

Zugleich ist der eigene Maßstab oft höher als jede äußere Erwartung. In der Wissenschaft sind Gründlichkeit und Genauigkeit Teil der beruflichen Identität. Damit einher geht in vielen Fällen die Überzeugung, nur dann gut genug zu sein, wenn die eigene Arbeit fehlerfrei ist. Dieser Anspruch treibt einerseits zu Höchstleistungen an, sorgt andererseits aber dafür, unrealistisch hohe Erwartungen an die eigene Arbeit zu haben und erzeugt massiven Stress.

Sich diese Umstände vor Augen zu führen, hilft, wenn die Selbstzweifel Überhand nehmen. Aber warum erzeugt speziell die Fragerunde so hohen Druck und was können Betroffene tun, um sich dafür zu wappnen?


Warum die Fragerunde als Kompetenztest erlebt wird

Im Vortrag sprechen Referierende gut vorbereitet und folgen dabei der eigenen gedanklichen Linie. Die anschließende Diskussion erfordert hingegen, spontan zu reagieren. Anders als beim Vortrag selbst fehlt hier Kontrolle darüber, was nun folgt: Fragen kommen unerwartet, können zugespitzt oder gar demonstrativ formuliert sein.

In solchen Situationen läuft häufig ein innerer Monolog ab:

„Wenn ich das nicht beantworten kann, merken alle, dass ich eigentlich keine Ahnung habe.“ oder „Hoffentlich kommt keine Frage zu Details, die ich übersehen habe.“

Dabei geht es weniger um Unsicherheit in der Sache als um die Angst vor Be- oder gar Abwertung. Betroffene nehmen bereits einzelne Wissenslücken als Totalversagen wahr, begleitet von dem Gefühl, „ertappt“ worden zu sein.

„Fragen kommen unerwartet, können zugespitzt oder gar demonstrativ formuliert sein“, schreibt Ulrike Strohscheer.

Hinzu kommt, dass Fragerunden nicht nur fachliche, sondern auch soziale Situationen sind. Fragen, die offiziell dem Erkenntnisgewinn dienen, werden manchmal zur Selbstdarstellung genutzt. Nicht immer erfolgen sie vor einem rein sachlichen Hintergrund. Wer das im Hinterkopf behält, kann bestimmte Situationen nüchterner einordnen.

Kompetenz ist nicht gleichbedeutend mit Wissen

Kompetenz ist auch im wissenschaftlichen Kontext kein rein objektives Merkmal. Sie wird vom Gegenüber zugeschrieben. Nicht nur aus dem Inhalt des Gesagten, sondern auch aus Auftreten, Sprache, Stimme und der Reaktion auf Fragen macht sich das Publikum ein Bild davon, wie kompetent jemand ist.

Das bedeutet, fachliche Exzellenz allein reicht nicht aus, wenn sie nicht entsprechend vermittelt wird: Wer kompetent ist, aber leise, unsicher oder stark relativierend spricht, erzeugt einen gegenteiligen Eindruck. Umgekehrt kann man kompetent wirken, ohne alles zu wissen.

Forschung zur Glaubwürdigkeit zeigt, dass selbstbewusstes Auftreten zunächst Status und Einfluss fördert. In experimentellen Studien wurden Personen, die Sicherheit ausstrahlten, zunächst positiver bewertet, unabhängig davon, ob diese Sicherheit verbal oder nonverbal vermittelt wurde3.

Gleichzeitig zeigt dieselbe Forschung, dass es reputationsschädigend wirkt, wenn jemand mit überzogener Gewissheit auftritt, später aber widerlegt wird.  
Kompetenzzuschreibungen werden also maßgeblich vom Auftreten beeinflusst. Ausgestrahlte Sicherheit wirkt allerdings nur dann kompetent, wenn sie durch Fakten, Daten oder nachvollziehbare Argumente gedeckt wird. Sobald die dargestellte Sicherheit stärker ist als die zugrundeliegende Evidenz, entsteht ein Missverhältnis, das vom Publikum oft registriert wird.

Diese Erkenntnis können sich Betroffene zunutze machen: Wer eine Frage nicht beantworten kann und dies klar benennt, signalisiert keine Schwäche. Vielmehr wird deutlich, dass Sicherheit nur dort beansprucht wird, wo sie durch Evidenz gedeckt ist. Und diese Übereinstimmung zwischen Sicherheit und tatsächlicher Wissensgrundlage ist entscheidend für die Zuschreibung von Glaubwürdigkeit4.


Typische Situationen in der Fragerunde

1. Eine Detailfrage wird gestellt, die nichts mit dem Schwerpunkt des Vortrags zu tun hat
In solchen Situationen denken Vortragende oft „Das hätte ich vielleicht aufnehmen müssen“und reagieren dann, indem sie übererklären. Souveräner ist jedoch eine Einordnung: „Dieser Aspekt ist für die zentrale Fragestellung nicht ausschlaggebend. Der Fokus lag auf …“

2. Man hat keine spontane Antwort parat
Wenn eine Frage gestellt wird, auf die die Adressaten spontan keine Antwort haben, reagieren sie häufig mit Gedanken wie „Jetzt ist es passiert“und fangen an zu spekulieren oder sich zu rechtfertigen.

In solchen Momenten wirkt ein offener Umgang mit der Situation allerdings souveräner:„Das kann ich aus dem Stegreif nicht abschließend beantworten. Ich werde das prüfen und komme auf Sie zurück.“Dadurch wird Nichtwissen nicht entschuldigt, sondern sachlich benannt.

3. Eine provokative oder demonstrative Frage wird gestellt
Wenn eine provokative oder gar demonstrative Frage gestellt wird, fragen sich Vortragende meist, was ein solcher Angriff zu bedeuten hat. Typischerweise reagieren sie, indem sie sich rechtfertigen oder verteidigen und ihrerseits einen schärferen Ton anschlagen.

Viel souveräner wirkt es, stattdessen betont sachlich zu bleiben: „Wenn ich Ihre Frage auf den Kern reduziere, geht es um …“ oder „Für die hier vorgestellten Ergebnisse ist entscheidend, dass …“Damit bleibt auch die Diskussion auf der Sachebene.

Eine andere Variante besteht darin, ausdrücklich auf die Art der Fragestellung einzugehen und anzuregen, die Frage in sachlicher Form zu wiederholen.

Der Umgang mit Nichtwissen als Kompetenzsignal

Eine zentrale Erkenntnis aus der oben erwähnten Forschung zur Glaubwürdigkeit lautet: Menschen beurteilen Vortragende danach, wie sehr ihre ausgestrahlte Sicherheit mit ihrer tatsächlichen Treffgenauigkeit übereinstimmt, der sogenannten Kalibrierung5.

Wer stets maximale Gewissheit signalisiert, unabhängig von der Evidenz, verliert Vertrauen. Wer hingegen Sicherheit zeigt, wo sie gerechtfertigt ist, und Zurückhaltung dort, wo sie angebracht ist, wirkt glaubwürdig.

Übertragen auf die Fragerunde bedeutet das: Selbstbewusstes Nichtwissen ist kein Makel, sondern Ausdruck fachlicher Reife. Ignorant wirkt nicht, wer eine Grenze benennt, sondern wer unbegründet Sicherheit demonstriert.

Kompetenz im wissenschaftlichen Vortrag entsteht aus zwei Komponenten: Fachlicher Substanz und souveräner Kommunikation.

Die Fragerunde ist kein Wissensquiz. Sie ist eine Situation, in der Kompetenz zugeschrieben wird. Wer überlegt antwortet, Grenzen klar benennt und dort Sicherheit zeigt, wo sie angemessen ist, signalisiert wissenschaftliche Reife.

Niemand ist allwissend. Entscheidend ist, wie mit dem eigenen Wissen und mit dessen natürlichen Grenzen umgegangen wird.

Anmerkung der Redaktion: Üblicherweise verwenden wir den Genderstern. In diesem Beitrag verzichten wir auf Wunsch der Autorin darauf. Gastbeiträge spiegeln nicht zwangsläufig die Meinung unserer Redaktion wider.


  1. Persky AM. Intellectual Self-doubt and How to Get Out of It. Am J Pharm Educ. 2018 Mar;82(2):6990.
    doi: 10.5688/ajpe6990. PMID: 29606718; PMCID: PMC5869760
    https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC5869760/ ↩︎
  2. Oleson, K. C., Poehlmann, K. M., Yost, J. H., Lynch, M. E., & Arkin, R. M. (2000). Subjective overachievement: Individual differences in self-doubt and concern with performance. Journal of Personality, 68(3), 491–524. https://doi.org/10.1111/1467-6494.00104 ↩︎
  3. Elizabeth R. Tenney, Barbara A. Spellman, Robert J. MacCoun,
    The benefits of knowing what you know (and what you don’t): How calibration affects credibility,
    Journal of Experimental Social Psychology, Volume 44, Issue 5, 2008, Pages 1368-1375,
    ISSN 0022-1031, https://doi.org/10.1016/j.jesp.2008.04.006 ↩︎
  4. ebenda ↩︎
  5. ebenda ↩︎