Missverständnisse über den Weltklimarat-Bericht zu Worst-Case-Szenarien, der Pride-Monat und Studien über die Glaubwürdigkeit von Chatbots. Das Wisskomm-Update gibt alle 14 Tage einen Überblick über aktuelle Themen, Debatten und Trends.
So entstand die Debatte um die IPCC-Szenarien
Was gibt’s Neues?
“Klimakatastrophe abgesagt”, titelten viele deutsche Medien
Anlass der irreführenden Schlagzeilen der BILD, Welt und weiteren Onlinemedien war ein Bericht mit aktualisierten Klimaszenarien aus dem April 2026. Der Weltklimarat IPCC wird für seinen nächsten Sachstandsbericht 2028/29 überarbeitete Modelle verwenden. Das bislang drastischste Szenario gilt aufgrund erfolgreicher Klimaschutzmaßnahmen inzwischen als wenig plausibel. Genau diese Anpassung wurde jedoch von Klimawandelleugner*innen als Eingeständnis eines wissenschaftlichen Irrtums interpretiert. Diese Art von Missverständnis ist der Klimaforschung unter dem Stichwort ‘Präventionsparadox’ bereits bekannt.
Tatsächlich, so kommentieren Expert*innen diese Dynamik, seien Klimaszenarien keine Prognosen, sondern Werkzeuge, um mögliche Zukünfte durchzuspielen. Dass sie regelmäßig angepasst werden, gehöre zum wissenschaftlichen Prozess.
Warum die Kommunikation darüber so leicht missverstanden wird, hat auch mit Fachsprache zu tun. In einem Interview auf unserer Plattform weist Claudia Frick auf die „kalibrierte Sprache der IPCC-Berichte“ hin. Begriffe wie „likely“ hätten dort eine genau definierte Bedeutung, würden außerhalb der Fachwelt aber häufig anders verstanden. „Mit dieser Unsicherheit müssen wir umgehen und sie auch so kommunizieren“, sagte Frick im Interview.
Wer tiefer einsteigen möchte, findet auf unserer Plattform weitere Perspektiven zur Kommunikation über Klimazukünfte. Die Sozialwissenschaftlerin Anne Reif erklärt, wie Medien, Aktivismus und Alltagsdiskurse unsere Vorstellungen von der Zukunft des Klimas prägen. Ratschläge für schwierige Kommunikationsszenarien findet man auch im Communication Handbook for IPCC Scientists.
Provokative Vorträge bei der EUSEA 2026
Miriam Nagels, Programmleiterin des Bereichs „Insights” bei Wissenschaft im Dialog (WiD)*, berichtet über die diesjährige EUSEA-Konferenz, die vom 19. bis 21. Mai in Luxemburg stattfand. Der vollständige Bericht ist auf dem WiD*-Blog zu finden:
Die Konferenz der European Science Engagement Association (EUSEA) stand unter dem Motto „In Other Words and Other Worlds – Confronting Assumptions for Better Engagement“. Getreu diesem Motto waren die Hinterfragung eigener Annahmen und die Kommunikation mit unterschiedlichen Zielgruppen zentrale Themen der Konferenz.
So wurde das Vertrauen in wissenschaftliche Erkenntnisse und ihre Kommunikation direkt in einer Keynote des Schweizer Wissenschaftsjournalisten Mirko Bischofberger thematisiert. Hierbei wurde deutlich – und dies war der Tenor vieler Konferenzbeiträge – dass persönliche Kommunikation, Zuhören und Offenheit für die Kommunikation von Forschung und wissenschaftlichen Erkenntnissen zentral sind. Anstelle von Kommunikation in die Breite wurde die Wichtigkeit betont, Kontexte zu verstehen, verschiedene Angebote für unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen zu gestalten und diese Perspektiven frühzeitig in Kommunikations- und Forschungsprozesse zu integrieren.
Auch die Wirkung von Wissenschaftskommunikation war ein wichtiges Thema der Konferenz. In Reaktion auf einen provokativen Vortrag des Nationalen Forschungsfonds zur (vermeintlich fehlenden) Wirksamkeit von Wissenschaftskommunikation wurden in einer Session schlagkräftige Argumente vom Publikum entwickelt. Der Vortrag und die präsentierte Studie entpuppten sich jedoch als Schauspielleistung beziehungsweise reine Fiktion. Hier zeigte sich, welche Expertise und Argumente die Wissenschaftskommunikations-Community hat, wenn sie mit Vereinfachungen konfrontiert ist, und wie sie die spürbare Irritation im Raum in tragfähige Argumente umwandeln kann.

Queere Perspektiven zum Pride-Monat
Weltweit finden im Juni wieder Pride-Paraden statt, bei denen gefeiert und protestiert wird. Bei Wissenschaftskommunikation.de empfehlen wir zum Pride-Monat Lesestoff aus dem Archiv. Zum Beispiel ein Interview mit Tara Roberson, die mit uns über das „Queering“ von Wissenschaftskommunikation sprach.
Die Wissenschaftskommunikatorin bemängelte damals, dass sich die Forschungscommunity aktiver um die Inklusion von LGBTIQA+ Themen bemühen sollte. In der Wissenschaft sei das Thema häufig eine Leerstelle, während es in der Kommunikationspraxis zunehmend positive Beispiele gebe, zum Beispiel queere Museumsführungen. Aktiv gegen diese Leerstelle arbeitete Max Appenroth, der heute als Diversity Manager tätig ist und 2021 auf unserer Plattform über die Queerforschung berichtete. Seiner Meinung nach ist es wichtig, über queere Themen zu kommunizieren, um die Angst vor dem Unbekannten zu bekämpfen.
Ein Praxisprojekt, dem die Einbindung queerer Zielgruppen gelang, ist „Micropscope Me Up”. Die Köpfe hinter dem Projekt, Francesca Miricola und Chiara Di Ponzio, erklärten, wie es ihnen gelang, Mikroskopie und Make-up-Kunst zu verbinden. Das Konzept wurde schließlich mit der Heidelberger Drag-Community auf die Bühne gebracht. Als Kommunikationsformat erfreuen sich Drag-Shows ohnehin immer größerer Beliebtheit. Wie sich so eine Show umsetzen lässt, erklären wir in unserer Formatedatenbank.
Und sonst?
Bei einer Gruppe Forschenden hat sich das Geschlechterverhältnis auf Wikipedia umgekehrt – Biologinnen an amerikanischen Universitäten haben häufiger eine Seite als ihre männlichen Counterparts.
Wissenschaft ist nicht zur Information verpflichtet. Im Beitrag erklärt der Rechtswissenschaftler Klaus Ferdinand Gärditz Informationsfreiheitsgesetze, Presseauskunfts- und Sachverständigenpflichten.
Gleich zwei Podcast-Empfehlungen: Reinhören bei „WTF Talk” über aktuelle Herausforderungen in der Wissenschaftskommunikation oder „Inside HKomm“ über kluge Kommunikationsstrategien.
Manchmal schlägt vermeintliche Tierliebe in Aktionismus um – das mündet dann mitunter in Drohungen und Hass gegenüber wissenschaftliche Expert*innen, berichtet Monika Seynsche für Deutschlandfunk.
Ein Biologe hat es geschafft, seine Videos über Impfungen gehen regelmäßig viral. Woran das liegt, erklärt er im Interview.
Und die Forschung?
Vertrauen wir Chatbots in Sachen Gesundheit und Ernährung – und wovon hängt das ab? Ein Team um Esther Greussing von der Technischen Universität Braunschweig hat Experimente durchgeführt, in denen Chatbots Informationen zu Nanopartikeln in Sonnenschutzmitteln gaben. Das erste Experiment zeigte: Bei Bewertung der Vertrauenswürdigkeit und der Glaubwürdigkeit machte es keinen wesentlichen Unterschied, ob die Studienteilnehmenden darüber aufgeklärt wurden, dass der Chatbot mit zweifelhaften Trainingsdaten gefüttert wurde. Im zweiten Experiment zeigte sich: Bei einem Vergleich zwischen Chatbot und Wissenschaftler*in wurden die von Menschen bereitgestellten Informationen als glaubwürdiger bewertet.
Welchen Unterschied Hintergrundwissen über die Entstehung KI-generierter Inhalte macht, haben Inbal Klein-Avraham und Ayelet Baram-Tsabari vom Technion Israel Institute of Technology ebenfalls untersucht. Ihre Studien zeigen, dass Personen, die über weniger tiefes KI-Wissen verfügen, eher dazu bereit waren, bei Ernährungsfragen andere Entscheidungen zu treffen, wenn sie mit KI-generierten Inhalten konfrontiert wurden.
Der Frage, ob Emotionen bei der Social-Media-Kommunikation von Umweltthemen zu deren Verbreitung beitragen, haben sich Miyeon Kim und Nancy Rhodes von der Michigan State University gewidmet. Für ihre Übersichtsarbeit haben sie 82 Studien zum Thema zusammengetragen. Sie zeigen, dass quantitative computergestützte Analysen von Twitter (jetzt X) die Forschung dominieren. Theoriegeleitete und experimentelle Studien gibt es bisher nur wenige.
Termine
📆 1. Juni bis 12. Juli 2026 | Bewerbungsfrist für drei neue Impact Schools* im Herbst (Berlin, Mainz und online) | Mehr
📆 Jeden Mittwoch im Juni und Juli 2026 | Evaluationsberatung der Impact Unit* (digital) | Mehr
📆 4. Juni 2026 | Berliner Stammtisch Wissenschaftskommunikation: How to design engagement | Mehr
📆 16. Juni 2026 | Nature Marsilius Gastprofessur: Freude an der Komplexität, oder warum wir die Wissenschaftskommunikation (radikal) neu denken müssen (Heidelberg) | Mehr
📆 15. Juli 2026 | Bewerbungsfrist für den Siggener Kreis “Securitization – Wissenschaftsjournalismus und Wissenschaftskommunikation in der ‘Zeitenwende’” | Mehr
📆 14. – 16. Oktober 2026 | WISSENSWERTE und European Conference of Science Journalism | Mehr
21. – 22. Oktober 2026 | Wisskomm Connected* 2026: Forschung und Praxis der
Wissenschaftskommunikation gemeinsam gestalten! | Mehr
Fundstück
Reichweite durch wissenschaftliches Bloggen: Davon berichtet der Kriminologe Christian Wickert bei LinkedIn.