Wie sollen Hochschulen mit Rechtsextremismus umgehen? Lukas Otterspeer und Christoph Haker von der Europa-Universität Flensburg haben Interviews mit Betroffenen geführt. Die beiden Extremismusforscher argumentierten, dass der Verweis auf Neutralität zum Problem werden kann.
Rechte Vorfälle an Hochschulen: „Es gibt eine große Sprachlosigkeit“
Im Rahmen Ihrer Forschung haben Sie mit Menschen an verschiedenen Hochschulen in Deutschland gesprochen, die von Rechtspopulismus und Rechtsextremismus betroffen sind. Um was für Fälle ging es dabei?

Christoph Haker: Rechtsextremismus zeigt sich an Hochschulen in Form von Äußerungen, Sachbeschädigungen und der Androhung oder Anwendung von Gewalt. Wir haben beispielsweise mit Studierenden gesprochen, die extrem rechte Tendenzen bei Kommiliton*innen oder Dozierenden beobachten. Das können Wortmeldungen aber auch Aktionen sein. Wir haben auch mit Dozierenden und Professor*innen gesprochen, die extrem rechte Äußerungen im Seminar oder in der Vorlesung erleben.
Dazu kommt, dass Hochschulen öffentliche Räume sind, in denen sich Gruppen von außen einfinden können. Das können AfD-Politiker*innen, Hooligan-Gruppen oder neurechte Bewegungsakteur*innen sein. Sie werden eingeladen oder tauchen einfach auf.
Problematisch kann auch sein, wenn man weiß, dass ein Mitglied der Hochschule in einer extrem rechten Vereinigung ist und im Hochschulalltag unauffällig agiert. Das kann zu einem latenten Bedrohungsszenario bei Gruppen führen, die sich als vulnerabel gegenüber extrem rechten Tendenzen in der Gesellschaft verstehen.
Wie gehen Hochschulen damit um?
Haker: Es gibt eine große Sprachlosigkeit. In vielen Interviews wurde deutlich, dass die Institutionen schlecht darauf vorbereitet sind, intern über solche Vorfälle zu sprechen und die eigene Rolle in Bezug auf extrem rechte Tendenzen in der Gesellschaft zu verhandeln.
An Hochschulen hängt der Umgang zudem stark vom Engagement einzelner ab. Uns wird von Betroffenen gespiegelt, dass es dann ihre Aufgabe sei, Engagement zu zeigen. Das Problem wird auf sie abgewälzt. Die Betroffenheit ist somit immer eine doppelte: erstens durch den konkreten Vorfall und zweitens durch den Umgang innerhalb der Hochschule oder der Wissenschaft damit.

Wie unterscheiden sich denn die Umgangsweisen – je nachdem, ob es sich um interne oder externe Akteur*innen handelt?
Haker: Umgangsweisen mit internen und externen Akteur*innen müssen nicht unbedingt unterschiedlich sein. Ein Beispiel: Egal ob Hooligan-Gruppe oder Professor*in, schnell wird ein Neutralitätsargument vorgebracht. Da heißt es dann: „Wir können keine Gruppen ausschließen, schon gar nicht aufgrund ihrer politischen Einstellung, da wir neutral sein müssen“. Eine ähnliche Argumentation sieht man in Bezug auf das Verhalten von Professor*innen, das außerhalb der Seminarräume stattfindet, aber trotzdem mit ihrem Titel und der akademischen Autorität verbunden ist. Da wird schnell gesagt: „Das tun sie als Privatperson, es steht Professor*innen frei und wir verhalten uns neutral, solange sie ihre Arbeit vernünftig machen“.
Trotzdem gibt es auch Unterschiede: Rechtsextremismus in der Wissenschaft zeigt sich häufig widersprüchlich. So beanspruchen Akteur*innen etwa Wissenschaftsfreiheit und Wissenschaftlichkeit für sich, um gleichzeitig gegenüber anderen wissenschaftsfeindlich aufzutreten. Oft mit dem klaren Ziel die Wissenschaftsfreiheit anderer einzuschränken.
Wie stichhaltig ist das Neutralitätsargument?
Lukas Otterspeer: Parteipolitische Neutralität bedeutet, zum Beispiel in Seminaren als Lehrperson keine Wahlempfehlungen für eine Partei auszusprechen. Dies ist eine an Hochschulen gültige Form von Neutralität. Aber wenn es um Fragen geht, wie: „Unter welchen Bedingungen sind Bildungs- und Erkenntnisprozesse möglich?“, ist eine Hochschule kein neutraler Ort. Es gelten Regeln, die es möglich machen, sich etwa auf dem Campus oder in der Lehre zu begegnen. Da ist das Neutralitätsargument nicht stichhaltig. Das Gegenteil ist richtig: die Hochschule darf zum Beispiel gegenüber Diskriminierung und Gewalt auf dem Campus nicht neutral sein.
Haker: Hochschulen haben den Auftrag, insbesondere bei Studierenden zur politischen Meinungsbildung und zur demokratischen und politischen Sozialisation beizutragen. Das bedeutet auch, dass sie aufgefordert sind, den Campus zu einem Ort zu machen, an dem politische Meinungsäußerungen möglich sind.
Es gibt ein Beispiel aus Berlin, wo eine studentische Initiative ein Plakat mit dem Slogan „AfD-Jugend stoppen“ aufgehängt hatte. Dagegen wurde juristisch vorgegangen, weil gesagt wurde: Auf dem Uni-Gelände darf so eine parteipolitische Positionierung nicht erfolgen. Es wurde aber gerichtlich geklärt, dass sich studentische Initiativen auf diese Weise auf dem Campus äußern dürfen. Die politische Neutralität betrifft in erster Linie die Unileitung und die offizielle Position der Hochschule, nicht so sehr einzelne Mitglieder der Hochschule.
Was hat das für Folgen?
Otterspeer: Das führt uns auf die erwähnte Sprachlosigkeit und Vereinzelung zurück. Unsere Forschung zeigt: Wenn Neutralität zu einem zentralen Argument wird, wird es schwierig, sprachfähig zu sein. Es fehlt ein Orientierungspunkt, von dem ausgehend sich Hochschulen mit Bezug auf Rechtspopulismus und -extremismus verhalten können. Eine andere Konsequenz ist, dass es schwieriger wird, sich mit Betroffenen solidarisch zu zeigen, weil Neutralität auf Distanz hält.
Haker: Neutralität wird also einerseits als Argument ins Feld geführt, um zu sagen: „Wir können nichts machen“ oder „Wir wollen uns nicht positionieren“. Zweitens erfahren Betroffene im praktischen Umgang, dass sich Kolleg*innen in ihrem Arbeitsumfeld ,neutral‘ verhalten. Sie äußern sich nicht, werden still, meiden vielleicht für eine Weile den direkten Kontakt. Neutrales Verhalten ist auch deshalb eine schlechte Antwort im Umgang mit rechter Einflussnahme auf die Wissenschaft, weil es suggeriert, dass das ,irgendwie ok‘ sei.
In Ihrer Forschung sind Sie auch auf die Strategie der Täter-Opfer-Umkehr gestoßen. Wie sieht das aus?
Haker: Wenn extreme Rechte kritisiert und aufgefordert werden, sich nicht mehr diskriminierend und menschenverachtend zu äußern, argumentieren sie häufig, dass man sich ihnen gegenüber nicht neutral verhält. Ihnen werde angeblich die Meinungsäußerung untersagt – und auf einmal sind sie selbst die Opfer.
Was wäre also eine bessere Strategie?
Haker: Ich würde den Neutralitätsbegriff soweit es geht meiden. Häufig geht es in Neutralitätsdiskursen eigentlich darum, die Autonomie des Wissenschaftssystems gegenüber dem politischen System zu bewahren. Wenn man den Begriff der Autonomie im Diskurs nutzen würde, wäre sofort klar, dass extrem rechte Angriffe auf die Wissenschaft unabhängigkeitsgefährdend sind. Diskriminierende Äußerungen, Bedrohungen und Beleidigungen, Sachbeschädigungen und Gewalt sind für Betroffene autonomiegefährdend.
Was müsste sich außerdem ändern, um aus ,institutionalisierter Sprachlosigkeit‘ herauszukommen?
Haker: Universitäten und Hochschulleitungen müssen für dieses Problem sensibilisiert werden. Es gab lange die Vorstellung, Universitäten seien ,linke Orte‘. Auch wenn das vermutlich schon immer falsch war, wird dieses Narrativ von rechts genutzt, um Universitäten anzugreifen. Das wird in Universitäten reproduziert – und dadurch wurden lange Rechtsextremismus und -populismus als etwas betrachtet, was außerhalb von Hochschule stattfindet. Das Problem ist aber auf unterschiedliche Weise mit Wissenschaft und Hochschule verzahnt. Diese Verzahnung und Verwicklung müssten innerhalb der Wissenschaft erstmal anerkannt werden.
Hochschulen könnten auch ihre eigenen Potenziale stärker nutzen und sich diesen Problemen forschend und wissenschaftlich stellen. In der Lehre kann das über Ringvorlesungen oder in Seminaren passieren. Die Aktionswoche zu „Wissenschaft gegen Faschismus“, die aktuell läuft, ist ein gutes Zeichen. Es geht aber auch um nachhaltigere Verankerungen dieser Lehr- und Lerninhalte. Außerdem kann ein Monitoring in Bezug auf extrem rechte Vorfälle durchgeführt werden: Welche Fälle gab es, welche Lösungen wurden gefunden und was hat gut funktioniert? Diskriminierungserfahrungen und extrem rechten Vorfällen wird nur an wenigen Hochschulen forschend begegnet.
Otterspeer: Ein weiterer Punkt sind gut sichtbare Beratungsangebote. Als hilfreich werden auch externe Beratungsangebote beschrieben – etwa die Betroffenenberatung, die mobile Beratung Rechtsextremismus oder der Scicomm-Support. Es kann auch helfen, wenn Vorfälle öffentlich gemacht werden, beispielsweise in der Zeitung oder auf einem Blog. Dadurch entsteht ein größerer Handlungsdruck. Die öffentliche Thematisierung kann von Betroffenen als unterstützend wahrgenommen werden. Andererseits gibt es Fälle, in denen Betroffene das als zusätzliche Belastung empfinden. Das macht deutlich, dass es viel Aushandlung und Abstimmung bedarf, um einen Umgang zu finden, der im Sinne der Betroffenen ist.
Wie sieht es mit Unterstützung durch Rechtsabteilungen aus?
Otterspeer: Es gibt mit den Justiziariaten an Hochschulen Einrichtungen, die Hochschulmitglieder juristisch beraten und vertreten. Wir machen aber die Erfahrung, dass sie häufig schlecht auf Fälle von Rechtspopulismus und -extremismus vorbereitet sind. Sie beschäftigen sich mit Personalrecht, mit Drittmitteln und Kooperationen. Aber wie Wissenschaftsfreiheit konkret verteidigt und die Rechte von Hochschulmitgliedern durchgesetzt werden können, ist laut unserer Forschung häufig eine Leerstelle. Es wäre wichtig, Justiziariate in dieser Hinsicht weiterzubilden.
Beobachten Sie Entwicklungen im Umgang mit Rechtsextremismus und Rechtspopulismus an Hochschulen? Wird das Thema wichtiger?
Haker: Unsere Forschung zeigt, dass gerade viel passiert und die Aufmerksamkeit steigt. Es gibt zum Beispiel Handlungskonzepte und andere Papiere, die wir interessant finden. Wenn Hochschulen selbst Konzepte entwickeln, haben diese die Chance eine Verbindlichkeit am konkreten Standort zu schaffen. Es kann für Betroffene sehr hilfreich sein, wenn es transparente, formalisierte Umgangsweisen gibt, auf die sie sich berufen können. Die Frage ist, wie nachhaltig diese Entwicklung ist, wenn es im Herbst 2026 zu einer AfD-geführten Landesregierung kommt.
Otterspeer: Wir beobachten gleichzeitig, dass die Gleichstellungs- und Antidiskriminierungsarbeit an Hochschulen unter Druck gerät – und zwar nicht nur von Seiten der extremen Rechten. Es gibt auch innerhalb der Wissenschaft Diskussionen, inwiefern beides die Erkenntnissuche bremst. Das macht es schwieriger, gegenüber extrem rechten Erscheinungsformen an Hochschulen sprach- und handlungsfähig zu sein.
Haker: Es gibt Narrative wie: Der Versuch, mehr Frauen in Professuren zu bringen, sei eine Diskriminierung von Männern; Universität sollte exklusiver werden und mehr zur Elitenförderung beitragen. Diese Diskurse zeigen die große Anschlussfähigkeit zwischen konservativen, kulturpessimistischen Positionen und extrem rechten Einstellungen. Aus unserer Sicht treffen sie nicht das, was wirklich an Hochschulen passiert. Universitäten sind immer noch sehr exklusive, ungleichheitsreproduzierende Orte, die durch Hierarchien geprägt sind. Es kommt zu zahlreichen Diskriminierungserfahrungen und der Zugang zu Hochschulen ist sehr ungleich verteilt.
Wie lassen sich solche Narrative entkräften?
Otterspeer: Ich erlebe viele Diskussionen über Hochschulen, die unwissenschaftlich ablaufen und eher anekdotisch funktionieren. Es gibt wenig Bereitschaft, sich zu fragen: Welche Forschung gibt es etwa zu Diskriminierung an Hochschulen? Wie plausibel ist vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte die Idee, es handele sich bei Universitäten um linke Räume? Sich auf einer wissenschaftlichen Ebene mit Hochschulen zu beschäftigen und die Erkenntnisse ernst zu nehmen, erscheint mir wichtig.
Haker: Gegen rechte Tendenzen wird oft eine passive Verteidigungshaltung eingenommen, die wenig erfolgsversprechend ist, weil sie den Status Quo bewahrt. Stattdessen braucht es einen proaktiven Umgang, der nicht auf einzelne Vorfälle reagiert, sondern die Frage ins Zentrum stellt: Welcher Art von Ort sollen Hochschulen sein? Warum ist Diversifizierung und Demokratisierung der Hochschulen nicht nur moralisch und politisch, sondern auch für die Wissenschaft wichtig? Das müssen wir besser verstehen und erklären können.