Forschung und Praxis arbeiten in Reallaboren eng zusammen. Doch das passt oft nicht in die Laufzeit einzelner Forschungsprojekte. Der Wissenschaftskommunikator Toni Klemm zeigt in seinem Gastbeitrag, warum Reallabore langfristige Strukturen brauchen.
Reallabore brauchen langfristige Strukturen
Wie finden Erkenntnisse aus der Forschung ihren Weg in die Praxis?
In der klassischen Forschung ist die Antwort oft ein geradliniger Pfad: Die Kommunikation kommt nach der Forschung in Form von Pressemitteilungen, Policy Papieren, Podcasts, Projekt-Webseiten und vielem mehr.
In Reallaboren lautet die Antwort: mit der Praxis zusammen. Reallabore1 kommen aus der Nachhaltigkeitsforschung und haben das Ziel, Innovationen unter realen Bedingungen zu entwickeln, zu testen und im Sinne der Nachhaltigkeit zu fördern – zum Beispiel neue Technologien, neue Formen des Zusammenlebens, Dienstleistungen oder Regularien. Ziel ist, nachhaltige Lösungen im Alltag auszuprobieren, diese wissenschaftlich zu begleiten, daraus für Wissenschaft und Gesellschaft zu lernen.
Reallabore bekamen in den letzten Jahren stärkere Aufmerksamkeit, auf EU-Ebene etwa durch die Mission Soil, durch die verstärkt in Reallaboren geforscht werden soll, oder in Deutschland durch das Bundeserprobungsgesetz, das aktuell auf Bundesebene erarbeitet wird und etwa den Abbau bürokratischer Hürden bei Genehmigungsverfahren beschleunigen soll.
Arbeit mit Akteur*innen
Forschung in Reallaboren findet also nicht zum Selbstzweck statt, sondern zielt darauf ab, Antworten zu finden, wie wir als Gesellschaft vom Wissen zu einem nachhaltigeren Handeln kommen können. Reallabore sind mehr als nur Forschung unter Praxisbedingungen. Damit die Ergebnisse praktische und gesellschaftliche Relevanz haben, werden im Idealfall bereits zu Beginn Fragen und Ziele der Forschungsarbeit mit Praxispartner*innen und Betroffenen in den Blick genommen und neues Wissen gemeinsam erarbeitet, erklärt Marius Albiez, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Er ist seit mehreren Jahren in der städtischen Reallaborforschung tätig und beschäftigt sich unter anderem mit Fragen der nachhaltigen Energiewende oder mit Bildungsprozessen im Nachhaltigkeitskontext.

In Reallaborprojekten sind Kommunikation und Transfer untrennbarer Bestandteil der Forschung. „Rückmeldungen aus der Praxis fließen direkt in die Forschung ein und prägen Fragestellungen, Methoden und die Entwicklung von Lösungen,” erklärt Mihaela Bozukova, die beim EU-Reallaborprojekt LEGUMINOSE Kommunikation, Transfer und Beteiligung leitet. LEGUMINOSE erforscht mit 21 Partnern aus 10 Ländern den Anbau von Leguminosen als Mischkultur in der Landwirtschaft. Leguminosen sind Pflanzen wie Kichererbse, Linse oder Ackerbohne, die Luftstickstoff an ihren Wurzeln binden und an den Boden abgeben. Dadurch kann im Getreideanbau der Einsatz von Mineraldünger reduziert werden. Beim Mischkulturanbau werden zwei verschiedene Kulturen in einem Acker zusammen angebaut, etwa eine Leguminose und ein Getreide. Landwirte können durch Ernte und Verkauf der Leguminosen auch zusätzlich Geld verdienen.
Fortschritt braucht Zeit
Eine Herausforderung, um die auch Reallaborprojekte nicht herumkommen, sind die unterschiedlichen Zeithorizonte in Forschung und Praxis. Das 7,2-Millionen-Euro-Projekt LEGUMINOSE ist auf vier Jahre angelegt und endet diesen Oktober. Doch landwirtschaftliche Veränderungen brauchen Zeit, erklärt Bozukova. „Landwirt*innen treffen Anbauentscheidungen unter wirtschaftlichen Risiken und sammeln Erfahrungen über mehrere Vegetationsperioden.” Erkenntnisse zu gewinnen dauert also. Um darüber hinaus passende Wertschöpfungsketten, Märkte und politische Rahmenbedingungen für neue Kulturen und Anbaupraktiken zu entwickeln und zu testen, gehen oft Jahrzehnte ins Land.

Reallabore sollten deshalb langfristige Forschungsinfrastrukturen und keine Drittmittelprojekte sein, argumentiert Markus Egermann, Leiter des Forschungsbereichs Transformative Kapazitäten am Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR) in Dresden und Beisitzer im Vorstand der Gesellschaft für transdisziplinäre und partizipative Forschung (GTPF) in Berlin. „Man stelle sich vor, Astrophysiker*innen schicken eine Raumsonde ins Weltall zum Jupiter und stellen nach 2,5 Jahren einen Antrag, dass sie weiter fliegen dürfen,” illustriert Egermann das Dilemma der Reallaborforschung zu gesellschaftlichen Transformationsprozessen, die sich über mehrere Jahrzehnte erstrecken.
Einen entscheidenden Schritt in Richtung Langfristigkeit macht aktuell das Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) nahe Berlin. Nach mehr als fünf Jahren Planung bekam das Forschungszentrum Ende 2024 grünes Licht für die Einrichtung eines neuen Forschungsbereichs für Reallaborforschung. Am Innovationszentrum für Agrarsystemtransformation (IAT) entstehen seit diesem Jahr 17 neue Arbeitsgruppen, die in fünf dauerhaften Reallaboren in Brandenburg und Hessen zum Beispiel Wertschöpfungsketten für Produkte entwickeln, die besser an den Klimawandel angepasst sind und Landwirte so besser vor Klimaextremen oder Versorgungsengpässen globaler Lieferketten schützen sollen. Insgesamt entstehen bei Partnern an den Unis in Gießen, Witzenhausen und Geisenheim drei neue ZALF-Campusse. Mit der Leuphana-Universität Lüneburg und der Universität Halle-Wittenberg gibt es jeweils gemeinsame Professuren.
Neue Kompetenzen für Wisskomm und Transfer
In Reallaboren arbeiten Forschende und Praxispartner*innen also auf Augenhöhe. Forschende müssen neben wissenschaftlicher Expertise darum auch lernen, „in den Schuhen von anderen zu gehen,” erklärt Marius Albiez vom KIT. Mihaela Bozukova sieht das genauso: „Forschende müssen akzeptieren, dass wissenschaftliche Erkenntnisse nur ein Teil der Lösung sind, und dass Praxispartner*innen eine ebenso wichtige Expertise mitbringen.”
„Die Spanne reicht vom Hineinfühlen und -denken in Verwaltungslogiken beim Fernwärmeausbau“, erklärt Albiez, „bis hin zu unterschiedlichen Ernährungsgewohnheiten in Pflegeeinrichtungen.”
Im Transfer am IAT zählt neben der Forschungserfahrung auch strategischer Weitblick, etwa das Erkennen von Potentialen und die gezielte Vernetzung und Verknüpfung im Innovationssystem, sagt Katharina Brüser, Forschungsmanagerin im IAT. Das IAT-Budget von jährlich 9,5 Millionen Euro wird unter anderem in den Aufbau und die Pflege von Akteursnetzen in den fünf Reallaboren gesteckt und erlaubt die Finanzierung von Projekten, die die Akteur*innen und Forschenden innerhalb der Reallabore gemeinsam entwickeln. Regionale Netzwerkmanager*innen agieren dafür innerhalb der Reallabore als Bindeglied zwischen Praxis und Forschung. In der Initiative Zukunft Land, die am ZALF parallel ins Leben gerufen wurde, sollen sich die Reallaborregionen und Akteur*innen darstellen und untereinander austauschen können.
Auch in Reallaboren gibt es klassische Aufgaben der Wissenschafts-PR: Social Media, Pressemitteilungen, Webseiten-Management, Info-Veranstaltungen. Doch die Wissenschaftskommunikation übernimmt hier eine neue Funktion, erklärt Bozukova am Beispiel LEGUMINOSE: „Meine Aufgabe als Wissenschaftskommunikatorin ist es oft, einen Rahmen zu schaffen, in dem Andere voneinander lernen können.“ Dadurch entstehe Vertrauen ineinander und in die Ergebnisse des Projektes, eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass Landwirt*innen ihre Erfahrungen aus dem Projekt in ihre Netzwerke tragen. Am ZALF sieht man das genauso: auf Augenhöhe zusammenarbeiten, sich gemeinsam Problemlagen anschauen und gemeinsam an Fragestellungen und Lösungsansätzen arbeiten, sagt Nina Hagemann, Leiterin des IAT-Koordinationsbüros.
Der kontinuierliche Austausch zwischen Forschung und Praxis faszinierte Mihaela Bozukova besonders. „Aus meiner bisherigen Arbeit wusste ich, wie wichtig Dialog und Beteiligung für gute Wissenschaftskommunikation sind. In LEGUMINOSE konnte ich erleben, was passiert, wenn dieser Dialog über mehrere Jahre hinweg wächst: Dann werden wissenschaftliche Ergebnisse nicht nur diskutiert, sondern gemeinsam weiterentwickelt und von der Praxis selbst weitergetragen.“
Transparenzhinweis: Dr. Toni Klemm war von 2022 bis 2025 als Forscher am ZALF angestellt und an der Entwicklung des IAT beteiligt.
- Die international gebräuchlichen Begriffe living lab und real-world lab werden im Deutschen oft synonym mit Reallabor verwendet. ↩︎