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Populist*innen zeichnen „ein übertriebenes Bild“ gesellschaftlicher Missstände

Sind es reale Probleme oder ihre Wahrnehmung, die politische Radikalisierung antreibt? Heike Klüver, Politikwissenschaftlerin an der Humboldt-Universität zu Berlin, hat dazu mehrere Studien in Europa ausgewertet. Im Interview beschreibt sie, wie Fehlwahrnehmungen politische Unzufriedenheit verstärken können.

Sie haben als Politikwissenschaftlerin zu den ökonomischen Voraussetzungen von Populismus geforscht. Was haben Sie herausgefunden?

Wir haben untersucht, inwiefern gesellschaftliche Ungleichheit zum Aufstieg populistischer Parteien in Europa beiträgt. In einer ersten Studie konnten wir zeigen, dass zunehmende Ungleichheit mit stärkeren populistischen Einstellungen und einer höheren Wahrscheinlichkeit einhergeht, populistische Parteien zu wählen.

Offen blieb zunächst die Frage, warum dieser Zusammenhang besteht. Deshalb haben wir uns in einer zweiten Studie mit der Rolle subjektiver Wahrnehmungen beschäftigt. In einem Experiment haben wir einen Teil der Befragten gezielt auf das tatsächliche Ausmaß der Vermögensungleichheit aufmerksam gemacht. Das führte zu einer stärkeren Identifikation mit populistischen Einstellungen. Unsere Ergebnisse zeigen damit, dass nicht nur objektive Ungleichheit, sondern auch deren Wahrnehmung eine wichtige Rolle spielt.

Heike Klüver ist seit Oktober 2016 Professorin für Politikwissenschaft am Institut für Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin. Ihre Forschung befasst sich mit politischem Verhalten in Demokratien. Derzeit konzentriert sie sich auf demokratischen Rückschritt und demokratische Resilienz sowie auf die Entwicklung und Evaluation von Strategien zur Stärkung demokratischer Institutionen. Bild: Berlin University Alliance / Simon Detel

Was für einen Schluss ziehen Sie aus diesen Studien?

Die Ergebnisse machen deutlich, dass politische Einstellungen nicht allein von den tatsächlichen gesellschaftlichen Verhältnissen geprägt werden, sondern auch davon, wie Menschen diese Verhältnisse wahrnehmen. Gerade überhöhte Wahrnehmungen von Problemlagen können politische Unzufriedenheit verstärken und die Anziehungskraft rechtspopulistischer Parteien erhöhen.

Was bedeutet das für die Kommunikation? Wenn man weiß, dass dieses Wissen über gesellschaftliche Ungleichheit Populist*innen in die Hände spielt, ist das eigentlich ein Dilemma, oder?

Transparenz über gesellschaftliche Probleme bleibt unverzichtbar. Ungleichheit darf nicht verschwiegen werden, sondern muss politisch adressiert werden. Gleichzeitig sollten wir verzerrten Wahrnehmungen entgegenwirken. Populistische Akteur*innen zeichnen oft ein übertriebenes Bild gesellschaftlicher Missstände. Diese Fehlwahrnehmungen gilt es zu korrigieren.

Was sind das für Fehlwahrnehmungen?

Dazu gehören zum Beispiel Narrative wie „der Staat und die Infrastruktur funktionieren nicht”, oder „die Ostdeutschen sind total abgehängt”, was alles in dieser Intensität nicht stimmt. Es wird immer wieder versucht, echte Probleme zu übertreiben.

Wie werden solche verzerrten Wahrnehmungen konkret erzeugt?

Ein anschauliches Beispiel liefert eine Umfrage, die 2024 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlicht wurde. In einer repräsentativen Befragung des Instituts für Demoskopie Allensbach stimmten rund zwei Drittel der Ostdeutschen der Aussage zu, dass sich Ostdeutsche als Bürger*innen zweiter Klasse fühlen. Fragt man dieselben Personen jedoch nach ihrer eigenen Situation, bejaht dies nur etwa ein Drittel.

Das zeigt eine bemerkenswerte Diskrepanz: Viele Menschen gehen davon aus, dass andere Ostdeutsche sich benachteiligt fühlen, obwohl sie dieses Gefühl selbst gar nicht teilen. Die Wahrnehmung der gesellschaftlichen Stimmung fällt also deutlich negativer aus als die eigene persönliche Erfahrung.

Es dauert meist lange, bis gesellschaftliche Ungleichheit durch politische Arbeit reduziert wird. Welche Handlungsmöglichkeiten sehen Sie kurzfristig?

Gerade in einem Superwahljahr wie 2026 können Parteien Fehlwahrnehmungen entgegenwirken, indem sie eigene Themen setzen und die öffentliche Agenda aktiv mitgestalten. Wenn die politische Debatte dauerhaft von Narrativen über vermeintliche gesellschaftliche Abgehängtheit dominiert wird, stärkt das diejenigen Akteur*innen, die genau diese Narrative nutzen. Demokratische Parteien sollten deshalb stärker bestimmen, welche Themen und Perspektiven im öffentlichen Diskurs sichtbar werden. In einer noch unveröffentlichten Studie zeigen wir, dass die Korrektur solcher Fehlwahrnehmungen möglich ist, politisches Vertrauen stärkt und die Unterstützung für rechtspopulistische Parteien verringert.

Welche konkreten Kommunikationsansätze empfehlen Sie, um die Anziehungskraft populistischer Parteien zu brechen?

Wir haben in einer weiteren Studie typische Botschaften rechtspopulistischer Parteien untersucht, etwa den Anspruch, die „wahren Vertreter*innen des Volkes“ zu sein, und verschiedene Gegenstrategien getestet. Besonders wirksam sind faktenbasierte Widerlegungen, die die demokratische Glaubwürdigkeit dieser Parteien infrage stellen, etwa indem gezeigt wird, dass sie eigene Versprechen nicht einhalten oder die Interessen der Bevölkerung keineswegs besser vertreten als andere Parteien.

Was gibt es noch für Strategien?

Ein weiterer wichtiger Faktor sind soziale Medien. In einer Studie, die demnächst veröffentlicht wird, konnten wir zeigen, dass digitale Kompetenztrainings sehr wirksam sein können. Teilnehmer*innen lernen dabei, politische Manipulationsstrategien zu erkennen. Nach einem solchen Training bewerten Menschen emotional manipulative TikTok-Inhalte deutlich kritischer, interagieren seltener mit ihnen und teilen sie weniger häufig. Gleichzeitig sinkt die Wahrscheinlichkeit, anschließend rechtspopulistische Parteien wählen zu wollen.

Ein anderer Ansatz ist das, was ich „Korrektur durch demokratische Erfahrung“ nenne. Dazu zählen beispielsweise Bürgerinnen- und Bürgerräte. Unsere Forschung zeigt, dass die Teilnahme an solchen Formaten politisches Vertrauen stärkt, das Gefühl politischer Selbstwirksamkeit erhöht und die Anfälligkeit für Verschwörungserzählungen reduziert.

Wie erleben Sie den Austausch mit der Politik zu diesen Themen?

Mein Eindruck ist, dass politikwissenschaftliche Forschung heute stärker wahrgenommen wird als noch vor einigen Jahren. Im Humboldt Governance Lab, das ich vor zwei Jahren gegründet habe, bringen wir Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft zum Beispiel in Form von Debattenveranstaltungen zusammen. Dadurch entsteht ein direkter Austausch mit politischen Entscheidungsträger*innen.

Wie sieht Ihre Arbeit im Humboldt Governance Lab aus?

Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass Demokratien durch sinkendes politisches Vertrauen und den Aufstieg von Antisystemparteien zunehmend unter Druck geraten. Daraus entstand die Überzeugung, dass politikwissenschaftliche Erkenntnisse stärker in die Praxis übersetzt werden müssen.

Das Humboldt Governance Lab verfolgt deshalb das Ziel, wissenschaftliche Erkenntnisse systematisch für die Stärkung demokratischer Institutionen nutzbar zu machen. Wir entwickeln konkrete Interventionsstrategien, testen diese experimentell und evaluieren ihre Wirkung unter realen Bedingungen. So wollen wir evidenzbasiert herausfinden, welche Maßnahmen tatsächlich dazu beitragen, demokratische Resilienz zu stärken.