Die Angst vor Populismus ist groß. Zurecht? Was steckt dahinter und was hat das alles mit Wissenschaft zu tun? Zum Beginn unseres neuen Schwerpunkts haben wir mit Jan Philipp Thomeczek von der Universität Potsdam gesprochen – und werfen einen Blick auf die Kernideen populistischer Kommunikation.
Populismus: Über die Sehnsucht nach Vereinfachung
„Purer Populismus“ lautet ein beliebter Vorwurf, um politischen Gegner*innen den Wind aus den Fahnen zu nehmen. Wird die politische Debatte tatsächlich populistischer? Oder sprechen wir bloß mehr darüber? Das Phänomen des Populismus nicht neu, aktuell aber „ein richtiges Erfolgsrezept“, sagt Jan Philipp Thomeczek von der Universität Potsdam. Der Politikwissenschaftler forscht zu radikalen und populistischen Parteien und ihrer Kommunikation.

Der große Erfolg zeige sich vor allem am Beispiel der AfD. In Deutschland habe es bei den Parteien am rechten Rand eine Verschiebung gegeben – weg vom „Oldschool-Rechtsextremismus“, wie ihn die NPD verkörperte, hin zur AfD. „Bei ihr ist die Frage: Ist sie eine verfassungsfeindliche, rechtsextremistische Partei oder ,nur‘ eine rechtspopulistische Partei, was man im Sinne der freiheitlich-demokratischen Grundordnung aushalten müsste“, sagt Thomeczek.
Populismus ist zuerst einmal eine Kommunikationsstrategie, die keine politische Richtung für sich gepachtet hat. Kern populistischen Denkens ist eine scharfe Grenzziehung zwischen Gruppen: Wer dabei „Wir“ und wer „die Anderen“ ist, unterscheidet sich dabei. „Beim Rechtspopulismus gibt es denn ,Nativismus‘, also der Glaube daran, dass die einheimische Bevölkerung oder ,das Volk‘ ein gewisses Vorrecht hätte. ,America First‘ ist dafür das beste Beispiel“, sagt Thomeczek. Daraus leite die AfD beispielsweise die Forderung ab, Migration einzudämmen oder zu unterbinden.
Kombiniert werde das Wir/Sie-Denken mit Autoritarismus, dem Glauben an eine strikt hierarchisch geordnete Gesellschaft, in der es „oben“ und „unten“ gibt. Im linkspopulistischen Denken dominiere hingegen ein Fokus auf Kapitalismuskritik und Forderungen nach radikaler Umverteilung von oben nach unten. „Die anderen“ würden zum Beispiel als die „die Reichen“ charakterisiert, die „den einfachen Leuten“ oder „dem kleinen Mann“ gegenüberstünden.
Ein Beispiel für populistische Rhetorik sei der Begriff des „Wählerwillens“, der häufig von Alice Weidel (AfD) und ab und zu auch von Sahra Wagenknecht verwendet werde. „Da steckt aus meiner Sicht viel Populismus drin, weil suggeriert wird, alle Wähler*innen würden das Gleiche wollen. Ich finde es irreführend, das zu behaupten. Im Parlamentarismus geht es darum, angesichts einer Pluralität von Interessen Mehrheiten zu finden“, so Thomeczek.
Derzeit forscht Jan Philipp Thomeczek zu einem Phänomen, das er „Regionalpopulismus“ nennt und das sich beispielsweise in der Rhetorik des Bayrischen Ministerpräsidenten Markus Söder findet. Auch hier würden klare, vereinfachende Gruppenidentitäten konstruiert, in diesem Fall „Bayern“ gegen „Brüssel“ oder „die da in Berlin“. Verbindendes Element von Populismus unterschiedlicher Couleur ist ein Anti-Elitarismus, der sich auf eine „herrschende Klasse“ zum Beispiel in Form der „Altparteien“ bezieht, wie es in der Rhetorik der AfD heißt. Auch die Grünen traten in den Achtzigerjahren mit einer Anti-Establishment-Haltung auf die politische Bühne.
Ambivalentes Verhältnis zur Wissenschaft
In der politischen Sphäre sind verschiedene Erscheinungsformen von Populismus also nicht neu. Aber hat das etwas mit Wissenschaft zu tun? Immer mehr, wie es scheint. Denn auch das System der Wissenschaft werde zunehmend als Teil einer gesellschaftlichen Elite wahrgenommen, sagt Jan Philipp Thomeczek. Dass einige bekannte männliche Wissenschaftler auch in den Epstein-Files auftauchen, sei dafür natürlich ein guter Nährboden.
Empirische Untersuchungen zeigen, dass wissenschaftsfeindlicher Populismus mit geringem Vertrauen in die Wissenschaft zusammenhängt. Besonders deutlich zeigten sich diese Tendenzen am Beispiel von Klimawandelforschung, die von rechtpopulistischer Seite in Frage gestellt werde. Gerne würden „alternative Expert*innen irgendwo hervorgekramt“, um den breiten wissenschaftlichen Konsens anzukratzen. Im selektiven Umgang mit Expertise zeige sich ein interessantes Spannungsverhältnis, sagt Jan Philipp Thomeczek. „Auf der einen Seite sind Rechtspopulist*innen sehr wissenschaftskritisch, auf der anderen Seite freuen sie sich, wenn sie Forscher*innen finden, die ihre Standpunkte vertreten.“
Als kommunizierender Forschender wird Thomeczek selbst mitunter zur Zielscheibe populistischer Rhetorik. Das hat zum einen mit seinem Forschungsschwerpunkt zu tun. Denn wer lässt sich gerne von wissenschaftlicher Seite populistische Rhetorik attestieren? Andererseits liege es in der Natur sozialwissenschaftlicher Forschung, dass Zusammenhänge oft komplexer sind, als sich in einer kurzen Meldung zusammenfassen lässt, sagt der Politikwissenschaftler.
Eine Überschrift wie „Wissenschaftler*innen haben herausgefunden, Markus Söder kommuniziert populistisch“ sei zwar nicht wirklich falsch, aber stark vereinfacht. Dafür habe sich Thomeczek viele Kommentare anhören müssen, er solle sich als Potsdamer Wissenschaftler doch gefälligst mit Brandenburg beschäftigen. Ein CSU-Politiker habe auf X kommentiert, man ließe sich in Bayern nicht aus Berlin verbieten lasse, wie man spreche. „Hier fand ich amüsant, wie eine Studie zum Regionalpopulismus mit Regionalpopulismus kommentiert wird.“
Zum Teil heftige Reaktionen löst auch Thomeczek Forschung zum BWS aus, die anfangs von Wähler*innen eher interessiert wahrgenommen wurde. Die Stimmung sei gekippt, als er gesagt habe, dass das BSW auf Basis seiner Forschungsergebnisse eine populistische Partei sei.
Wenn sich in Mails und Kommentare ein konstruktiver Unterton erahnen lasse, versuche er zu antworten, sagt Thomeczek. „Manchmal kommt dann tatsächlich eine Reaktion wie: ,Tut mir leid, ich habe mich im Ton vergriffen. Ihre Antwort hat mir sehr geholfen.‘ Wenn es aber persönlich beleidigend wird, sehe ich keine gemeinsame Basis.“
Muss Populismus immer etwas Schlechtes sein?
Was bei Schlagzeilen wie der über Söders Populismus nicht thematisiert wird, ist die Frage, ob das überhaupt etwas Schlechtes sein muss. „So eine Überschrift ist sehr wirksam, wenn Menschen ein negativ konnotiertes Bild von Populismus im Kopf haben. Aber aus politikwissenschaftlicher Perspektive ist es erstmal eine relativ neutrale Beschreibung“, sagt Thomeczek. Tatsächlich könne es negative Konsequenzen haben, wenn Populist*innen an der Macht sind, wie sich in den USA zeige. Gleichzeitig ließen sich auch die positiven Aspekte von Populismus genauer betrachten – beispielsweise politische Mobilisierung und emanzipatorische Effekte. Das Verhältnis von Populismus und Demokratie sei komplex. „In Lateinamerika gab es linkspopulistische Präsidenten, die dazu beigetragen haben, ihre Länder aus der Autokratie zumindest in eine elektoralen Demokratie zu überführen.“ In Deutschland, wo eine liberale Demokratie mit Freiheitsrechten herrsche, überwögen jedoch die negativen Effekte des Populismus. „Wir können eigentlich an dieser Stelle nur noch verlieren“, sagt Thomeczek. Selbst in Deutschland seien aber auch positive Aspekte zu erkennen, etwa eine Steigerung der Wahlbeteiligung.
Mai Thi Nguyen-Kim hat 2024 mit einem verdeckten „Populismus-Stunt“ gezeigt, dass viele Menschen kritisch gegenüber populistischen Argumenten sind. Sie erntete aber auch Applaus für ihre bewusst an den Populismus angelehnten Tiraden. Empirische Studien zeigen, dass die Mehrheit der Deutschen populistische Einstellungen unterstützt. Jan Philipp Thomeczek hat einen Test entwickelt, mit dessen Hilfe es jede*r selbst ausprobieren kann – oft mit überraschendem Ergebnis. „Teilweise schreiben mir die Leute: Ich habe mich erschrocken, weil ich bei den populistischen Einstellungen über 50 Prozent liege. Ist das schlimm?“
Einerseits, sagt Thomeczek, sei die Suche nach einfachen Antworten wohl etwas zutiefst Menschliches. Andererseits nährten politische Skandale wie die Maskenaffäre in der Coronapandemie ein Weltbild, in dem Politiker*innen korrupt seien und sich mit Hinterzimmerdeals persönlich bereicherten. Auch als Wissenschaftler erlebe er, dass Menschen annehmen, hinter unabhängiger Forschung steckten politische Interessen und Financiers, die ein bestimmtes Ergebnis erreichen wollen. „Ich glaube, vielen Menschen ist auch im internationalen Kontext nicht bewusst, wie stark in Deutschland die Unabhängigkeit der Forschung und Lehre ist.“
Balanceakt für Forschende
Die Suche nach einfachen Antworten stelle Wissenschaftler*innen vor Schwierigkeiten – auch angesichts der Anforderungen medialer Logiken. „Wenn ich gefragt werde, ob ich am Folgetag in fünf Sekunden das Wesentliche zu einer Wahl zusammenfasse, muss ich vielleicht auch mal sagen: Tut mir leid, das kann ich nicht auf einen einzigen prägnanten Satz bringen.“
Journalist*innen und Wissenschaftler*innen bewegen sich in einem Balanceakt zwischen Verständlichkeit und zu starker Vereinfachung – und der Gefahr, selbst in die Populismus-Falle zu tappen, um sich Gehör zu verschaffen. „Das ist ein Spannungsfeld, weil man als Forscher möchte, dass nicht nur Politiker*innen, sondern auch mehr Menschen etwas mit den Forschungsergebnissen anfangen kann. Das lässt sich nicht immer auflösen.“
Mit dieser Herausforderung wird sich die Redaktion von Wissenschaftskommunikation.de im aktuellen Themen-Schwerpunkt weiter beschäftigen. Mit welchen Strategien lässt sich auf populistische Rhetorik reagieren? Was ist wissenschaftsbezogener Populismus – und wie gehen Forschende mit rechten Anfeindungen um? Welche Rolle spielen ,Big Tech‘ und Verschwörungserzählungen? All diese Fragen werden in den nächsten Wochen diskutiert – und anderem in einen Gastbeitrag von Romy Jaster, Philosophin von der Humboldt-Universität zu Berlin zum Thema Desinformation und Wissenschaftskommunikation.