Der „Leitfaden für Partizipation in der Forschungsförderung“ des BMFTR soll Orientierung bieten. Partizipationsexperte Philipp Schrögel hat sich den Leitfaden genauer angeschaut und ordnet ihn für uns im Gastbeitrag ein.
Partizipation in der Forschung fördern– Aber wie?
Wissenschaft und damit auch Wissenschaftskommunikation sind zunehmend von Drittmittelförderung abhängig. Während diese Entwicklung schon seit Längerem im Grundsatz diskutiert wird, stellt sich auch konkret die Frage, welchen Einfluss das auf Forschungspraktiken hat. Vor diesem Hintergrund ist mit Blick auf partizipative Forschung eine Beobachtung erwähnenswert: Fast schon nebenbei veröffentlichte das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) im Juni 2026 den Praxisleitfaden für Partizipation in der Forschungsförderung auf seiner Webseite – und etablierte damit zugleich einen bemerkenswert klaren neuen Richtwert für die Umsetzung partizipativer Forschung in Förderprojekten. Die wachsende Bedeutung von Drittmitteln wird dort direkt zum Einstieg auch belegt: „Die jährlich verausgabten Fördermittel für partizipative Projekte sind kontinuierlich von anfangs knapp 64 Mio. Euro im Jahr 2018 auf rund 155 Mio. Euro im Jahr 2024 gestiegen“. Die zugrunde liegende Relevanz partizipativer Forschung wird im Leitfaden mit gesellschaftlichen Teilhabewünschen – anhand der Ergebnisse des Wissenschaftsbarometers – eingeführt.
Wissenschaftspolitische Grundlage für die Ausarbeitung dieses Leitfadens ist die Partizipationsstrategie Forschung des BMFTR aus dem Jahr 2023 in der dies als Maßnahme formuliert wurde. Das gesetzte Ziel war, „die Förderung partizipativer Projekte zu erleichtern und die Qualität dieser Projekte zu stärken [und] auf die Möglichkeiten von Partizipation im Förderprozess und in Forschungsprojekten [hinzuweisen]“.
Der entstandene Leitfaden und die Veröffentlichung sind in mehrerlei Hinsicht bemerkenswert: So wurden in der Partzipationsstrategie nicht nur einer, sondern parallel zwei Leitfäden für unterschiedliche Zielgruppen und mit unterschiedlichen Zwecken benannt – eine spannende komplementäre Konstellation. Einerseits eine geförderte, aber unabhängige Entwicklung aus den partizipativ arbeitenden Forschungs- und Praxiscommunities heraus, die Begriffe, gemeinsame Gestaltungslinien und Herausforderungen aus Sicht der Umsetzung partizipativer Projekte benennt. Daraus entstand der in unserem Projekt PartWiss kollaborativ ausgearbeitete Leitfaden Partizipation in der Forschung*. Andererseits ein Leitfaden spezifisch für die Umsetzung von Projektförderung durch das BMFTR und seine Projektträger. Dass Letzterer als eigentlich nur intern für die Arbeit der Förderer ausgelegtes Dokument dann auch öffentlich zugänglich gemacht wurde, ist ein wichtiges Zeichen für Transparenz. Inhaltlich ist der Leitfaden ein Spagat zwischen der großen Breite und Vielfalt partizipativer Forschungstraditionen und Förderkontexte sowie dennoch detaillierten und konkreten Angaben in der Form von Checklisten, Beispielen, Textbausteinen für Förderrichtlinien und Tipps. Daraus resultiert auch der Umfang von 49 Seiten – zum Vergleich: der Leitfaden zur Begutachtung von Wissenschaftskommunikation des BMFTR umfasst nur sieben Seiten.
Aufbau und Partizipationsverständnis
Im Aufbau orientiert sich das Dokument an den Schritten des Förderverfahrens aus Sicht der Fördergeber, von der Planung und Erstellung einer Förderrichtlinie über Begutachtung und Bewilligung bis zur Begleitung von Projekten. Er bietet dabei sowohl Hintergrundinformationen (z.B. eine Systematik von Zielsetzungen für Partizipation oder einen Vergleich der Stärken und Schwächen analoger und digitaler Formate) als auch konkrete Empfehlungen und Optionen für die Gestaltung der Förderungen von partizipativen Forschungsvorhaben (z.B. eine Übersicht möglicher Qualitäts- und Begutachtungskriterien oder Hinweise zu Antragsfristen, Datenmanagementplänen und barrierearme Beteiligung).
Inhaltlich fokussiert der Leitfaden die Einbindung von Bürger*innen oder der organisierten Zivilgesellschaft in Forschungsprozesse und grenzt davon Partizipation in der Forschungspolitik und die Einbindung weiterer Stakeholder*innen ab. Partizipation in der Forschung wird deutlich von Pseudopartizipation, beispielsweise durch reine Datenspenden oder Mitwirkung als Proband*in, unterschieden. Gleichzeitig wird aber auch betont, dass partizipative Forschung einen Mehrwert für alle Beteiligten schaffen soll und kein Selbstzweck ist – und deswegen thematisch und ressourcenbezogen begründet werden muss.
Partizipation und Wissenschaftskommunikation
Mit diesem Partizipationsverständnis fügt sich der Leitfaden nahtlos an die Empfehlungen der Arbeitsgruppe Partizipation und Wissenschaftskommunikation der Edition 1 der #FactoryWisskomm. Dennoch zeigt sich hier eine Beobachtung, die wir auch im kollaborativen Prozess des PartWiss-Leitfadens immer wieder machen mussten: abhängig von der eigenen Fachdisziplin und den eigenen Projektkontexten werden oft unterschiedliche Begriffe für ähnliche Aktivitäten oder Partizipationsformate genutzt. Gleichzeitig werden manchmal anderen Bereichen Eigenschaften zugeschrieben (z.B. in Bezug auf die mutmaßlich geplante Beteiligungsintensität), auch wenn diese sich selbst eigentlich anders verstehen. In gewisser Weise kann man das auch im Leitfaden beobachten: Wissenschaftskommunikation kommt als separate Aktivität vor. Auch wenn manche Akteur*innen der Wissenschaftskommunikation weiterhin einen Schwerpunkt auf einseitig vermittelnde Formate haben, und offenkundig allen klar sein dürfte, dass zum Beispiel ein TikTok Kommunikationsformat andere Mitgestaltungsmöglichkeiten bietet als ein transdisziplinäres Forschungsprojekt, ist die begriffliche Verortung von dialogischen und interaktiven Formaten an der Schnittstelle von Wissenschaft und anderen Öffentlichkeiten oft nicht mehr eindeutig. Ob eine Dialogveranstaltung mit Bürger*innen nun als Wissenschaftskommunikation zählt, oder Teil partizipativer Forschung ist, lässt sich oft kaum noch anhand des Formats unterscheiden, sondern ist von der genutzten Überschrift abhängig. Das ist eigentlich im Leitfaden auch angelegt, in dem er mit Verweis auf den Forschungsüberblick Potenziale und Herausforderungen partizipativer Wissenschaftskommunikation der Transfer Unit Wissenschaftskommunikation konstatiert: „Dabei können auch insbesondere beteiligungs- und dialogorientierte Formate mitgedacht werden.“ Hier hätte ein mehr verbindendes Framing der vielfältigen Begriffe als Teil eines Spektrums noch mehr die Gemeinsamkeiten zwischen partizipativer Forschung und partizipativer Wissenschaftskommunikation betonen können. Allerdings ist auch verständlich, dass der Leitfaden anschlussfähig an etablierte Communities (und deren Positionierung) und Förderlinien sein muss.
Partizipationsvielfalt
In diesem Punkt liegt auch eine wichtige Leistung dieses Leitfadens: mit der Bandbreite an Beispielen und Zusatzmaterialien (wie z.B. weiterführende Literatur, eine verwaltungsrechtliche Übersicht zu den vielen Möglichkeiten für Aufwandsentschädigungen oder zum Versicherungsschutz) ist er prinzipiell für die verschiedensten Disziplinen, Anwendungsfelder und Traditionen wie Citizen Science oder Transdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung anwendbar. In Verbindung mit den konkreten Praxishinweisen und Textbausteinen kann der Leitfaden aber besonders zu einer Verbreitung von Partizipation in neue Themenfelder und Förderbereiche beitragen. Gleichzeitig zeigt sich hier auch eine Herausforderung. Es gibt Forschungs- und Praxiscommunities, in denen sich längst spezifische Standards etabliert haben, zum Beispiel In der partizipativen Gesundheitsforschung zur Frage von Aufwandsentschädigungen. Der Leitfaden maßt sich hier aber keine Vorgabe an, sondern hält fest: „Die Fachreferate entscheiden über den Einsatz und die Art von Partizipation in ihrem jeweiligen Fachgebiet und können dabei den Leitfaden nach ihrem eigenen Ermessen konsultieren.“
Nötige Anpassung von Fördermustern und -prozessen für Partizipation
Der vielleicht wichtigste Beitrag des Leitfadens liegt darin, die besonderen Herausforderungen für die Förderung partizipativer Formate klar zu benennen:
Wenn Themensetzungen, Forschungsfragen und Herangehensweise im Dialog mit den Beteiligten entwickelt werden sollen, können diese im Antrag noch nicht klar benannt werden. Diese notwendige Flexibilität partizipativer Prozesse kann in klassischen Begutachtungen als Nachteil ausgelegt werden, weil beispielsweise die klare Benennung einer Forschungsfrage und dazu eine festgelegte wissenschaftliche Methodik Kriterien für gute Forschungsanträge im klassischen Sinn sind. Weiterhin benötigt die Kooperation mit zivilgesellschaftlichen Gruppen und der Aufbau einer Arbeitscommunity mit Bürger*innen überhaupt erst einmal einen fairen Zugang zur Förderung. Im Forschungsprozess sind dann oft längere Vorphasen und Schleifen nötig – etwas das von Gutachtenden und Fördergebern in einer klassischer Bewertungslogik negativ bewertet wird. Ganz konkret führt der Leitfaden aus: „Zivilgesellschaftliche [Antragssteller*innen] verfügen nicht immer über dauerhaftes administratives Personal. Es sollten daher ausreichend Ressourcen für die Antragsberatung der Zivilgesellschaft eingeplant werden.“ Dieser Bedarf zu formalen und administrativen Fragen wird auch für die folgende Bewilligung und Betreuung eines laufenden Projektes unterstrichen.
Eine zentrale Barriere, die zwar grundlegend auf forschendes Arbeiten zutrifft, aber nochmal besonders in partizipativen Ansätzen zum Tragen kommt, kann der Leitfaden als Teil des Fördersystems aber nur benennen: Eine projekthafte, befristete Förderung bedeutet, dass aufgebaute Beziehungen und Communities nach Auslaufen eines Projektes schwer aufrechtzuerhalten sind. Die Lebenswelt ist aber nicht projekthaft strukturiert, und die Regelhaftigkeit befristeter Arbeitsverhältnisse außerhalb der Wissenschaft auch schwer vermittelbar. Der Leitfaden kann hier leider nichts anderes anbieten als die – trotzdem wichtigen – Hinweise, dafür von Anfang an zu sensibilisieren und mit allen Beteiligten transparent zu kommunizieren. Es wäre allerdings wohl auch etwas illusorisch, von einem Leitfaden radikale Reformvorschläge für die Forschungsförderung insgesamt zu erwarten.
Mehr Partizipation wagen!
Der Praxisleitfaden für Partizipation in der Forschungsförderung kann auch für die „auf der anderen Seite“ arbeitenden partizipativ Forschenden ein hilfreiches Referenzwerk sein, insbesondere wenn es darum geht, partizipative Ansätze in andere Förderlinien und Ausschreibungen einzubringen. Diese Wirkung ist auch für seine Hauptzielgruppe der Förderorganisationen zu erhoffen – sowohl innerhalb der Fachreferate des BMFTR als auch bei anderen Förderorganisationen, die die sehr hilfreiche Zusammenstellung an konkreten Hinweisen, Übersichten und Materialien dank der transparenten Veröffentlichung ebenso als Anregung aufgreifen können. Es bleibt zu hoffen, dass künftige Förderlinien mehr partizipative Elemente ermöglichen – aber natürlich nur – im Einklang mit der Empfehlung des Leitfadens – wenn diese einen Mehrwert mit sich bringen – sowohl für die Forschenden als auch die Bürger*innen.
*Der Autor verantwortete die Erstellung des erwähnten „Leitfadens Partizipation“ in dem vom BMFTR geförderten Projekt PartWiss.
Die redaktionelle Verantwortung für diesen Gastbeitrag lag bei Sabrina Schröder.