Bild: Medea7 - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0

Nein, die Wissenschaft verschwindet nicht aus der Tagesschau

Kritik am Strukturwandel der ARD, schwer verkäuflicher Klimajournalismus und eine Debatte über den Einsatz von Chatbots entflammt erneut. Das Wisskomm-Update gibt alle 14 Tage einen Überblick über aktuelle Themen, Debatten und Trends.

Was gibt’s Neues?

Kontroverser Strukturwandel bei der ARD

Ob es sich nur um einen Sturm im Wasserglas handelt, ist noch nicht ganz klar. Die Empörung über die Schlagzeile „ARD-aktuell will das Wissensressort abschaffen“ war aber zunächst groß. In den Antworten auf den Tagesspiegel-Kommentar des Journalistikprofessors Holger Wormer sprach man davon, dass die ARD „Kernkompetenzen absägen“ und die „eigene Demontage“ darstellen würde. Aber was ist an der Schlagzeile dran?

In seinem Kommentar bemängelt Wormer, dass die Chefredaktion von ARD-Aktuell – also jene, die die Tagesschau produziert und das Onlinemagazin Tagesschau.de betreibt – das Wissensressort abschaffen wolle. Das Ressort, bestehend aus drei NDR-Redakteur*innen, wurde erst 2022 gegründet. Unter der Rubrik „Wissen“ bündelt die Redaktion auf der Seite der Tagesschau Beiträge zu Gesundheit, Klima, Technologie und Co. Wormer kritisiert die Entscheidung: „Es bleibt schleierhaft, warum oft standortnotwendige News aus Wissenschaft, Technik und Medizin weniger zu den Kernaufgaben von Nachrichtenformaten gehören sollten als eine Kurzreportage aus dem Kleingartenverein oder eine unterhaltsame, aber weltpolitisch unbedeutende Anekdote aus Pusemuckel.“

Später veröffentlichte der Tagesspiegel eine Stellungnahme der ARD, in der erklärt wurde, dass sich im Zuge des Strukturwandels auch das Wissensressort verändern würde. Die Rubrik „Wissen” mitsamt ihrer Themen blieben weiter bestehen, würde aber künftig nicht mehr von den NDR-Redakteur*innen, sondern von dem ARD Kompetenzcenter Wissen betreut werden, hinter dem BR, SWR und WDR stehen. Diese Änderung der Zuständigkeiten sei vor allem notwendig, um Doppelstrukturen abzuschaffen, schreibt die ARD: „Die Vermittlung von Wissens- und Bildungsinhalten gehört zum Kernauftrag der ARD und wurde durch das entsprechende Kompetenzcenter qualitativ gestärkt und noch mehr auf digitale Plattformen ausgerichtet.“ Die NDR-Redakteur*innen würden künftig im Nachrichtengeschäft der Tagesschau eingesetzt.

Das ARD-Kompetenzcenter „Wissen, Bildung und Schule“ wurde im Zuge der ARD-Reform gegründet und soll auch größere Wissenschafts-Recherchen umsetzen. Der Hintergrund ist auch, dass die ARD die WDR-Marke „Quarks“ zur zentralen Wissensmarke des gesamten Senderverbunds ausbauen möchte. Mit dem Kompetenzcenters sollen laut ARD Kräfte gebündelt und dem Publikum das Auffinden von Inhalten erleichtert werden.

Weniger Fachmagazine beim Deutschlandfunk 

Auch die angekündigte Programmreform des Deutschlandfunks sorgt derzeit für Diskussionen. Ab dem 30. November 2026 soll es weniger Fachmagazine, dafür aber mehr Podcasts im Radio und mehr Nachrichteninhalte zur sogenannten „Drive Time“ am späten Nachmittag geben. Stefan Niggemeier ordnet diese geplanten Änderungen bei Übermedien ein. Laut Niggemeier lägen Programmdirektion und Mitarbeiter*innen im Zwist über die Reform. Die Mitarbeiter*innen fürchteten ein Mainstream-Programm und den Verlust von Expertise. Die halbstündigen Themensendungen zu Bildung, Popkultur, Medien und Literatur werden künftig unter den Titeln „Wissen nach 2“ und „Kultur nach 3“ gebündelt. In Zukunft sollen die Beiträge der Fachredaktionen verstärkt in den allgemeinen Informationssendungen zu hören sein. Dort könnten sie ein größeres Publikum erreichen, da die Hörerzahlen dort am höchsten sind. Für den 3. Juli plant der Deutschlandfunk ein Pressegespräch, in dem die Öffentlichkeit über die geplanten Änderungen informiert werden soll. Im Dezember 2025 berichteten wir über einen ähnlichen Trend in der Schweiz, als das halbstündige Wissenschaftsmagazin des SRF eingestellt wurde. 

Wie vertrauenswürdig sind kommerzielle Anbieter*innen von Wissenschaftskommunikation? 

Die Wissenschaftskommunikation boomt – zumindest vervielfältigen sich die kommerziellen Anbieter von Wissenstransfer, wie Deborah Sielert und Wenxin Shangguan auf dem TIB-Blog beobachten. Anbieter wie „SciPod“, „SciTube“ oder „Research Outreach“ kontaktieren Autor*innen wissenschaftlicher Artikel mit dem Angebot, Forschungsergebnisse in Podcasts, Videos oder Infografiken umzusetzen. Der hohe Bedarf an Wissenschaftskommunikation hat einen Markt für Dienstleister*innen geschaffen, den die beiden Autor*innen jedoch skeptisch sehen. Die Geschäftspraktiken mancher Anbieter*innen seien unseriös und es würden große Reichweitenversprechen gemacht. Statt neue Projekte anzustoßen, empfehlen Sielert und Shangguan, auf bereits etablierte Formate in der eigenen Zielgruppe zurückzugreifen. Diese seien oft dankbar für Input und würden selten Kosten berechnen.

Und sonst?

Das Dokument „Tackling hostility towards scientists” des Alexander von Humboldt Instituts für Internet und Gesellschaft ist eine umfangreiche Ressource für den Umgang mit Hass gegenüber Wissenschaftler*innen. Es enthält empirische Grundlagen, juristische Perspektiven und praktische Übungen.

Drei Science-x-Media-Tandems starten ihre Kommunikationsprojekte. Die Teams aus Forschenden und Journalist*innen erhalten über die Förderung der Stiftung Charité die dafür erforderlichen Mittel. Unter anderem wird ein Projekt durchgeführt, das Magnetresonanztomographie mit Technomusik verbindet.

Die Einreichungsfrist für den „European Science Journalist of the Year Award“ wurde verlängert: Beiträge können noch bis zum 22. Juni 2026 eingereicht werden. Akzeptiert  werden Beiträge aus den Bereichen Print, Online, Hörfunk und Bewegtbild, die im Jahr 2025 in einem deutschen Medium veröffentlicht wurden.

Die seit 2022 laufende PartWiss-Konferenzreihe kann in den Jahren 2027 bis 2029 durch Förderung des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR)* fortgesetzt werden. Erstmals wird die Ausrichtung in einem wettbewerblichen Verfahren ausgeschrieben.

Interessierte können über eine Online-Konsultation zur Hightech Agenda* Feedback geben. In der Konsultation geht es um Schlüsseltechnologien wie Künstliche Intelligenz und Quantentechnologie, aber auch um ‘Hebel’ wie die Wissenschaftskommunikation. 

Erstmals kann an einer Hochschule für Angewandte Wissenschaften Wissenschaftsjournalismus und Wissenschafts-PR studiert werden. Die Vertiefungsrichtung startet zum Wintersemester 2026/27 und soll eine fundierte Ausbildung in Journalistik und laborwissenschaftlichen Grundlagen bieten. 

Die Humboldt-Stiftung plant für Herbst 2026 den Ideenwettbewerb „Stadt, Land, Hochschule“, der internationale Wissenschaftler*innen an deutschen Hochschulen sichtbar machen soll. Dafür werden Kooperationspartner gesucht.

Und die Forschung?

Langweilig, aber wichtig? Line Weldingh von der Roskilde University hat Interviews mit Klimajournalist*innen aus Dänemark geführt. Es zeigt sich, dass die Journalist*innen zwischen wirtschaftlichen Zwängen und normativen Ansprüchen bewegen. Klimathemen werden als bedeutsam, aber auch als komplex und schwer verkäuflich wahrgenommen. Die Journalist*innen sehen sich als verpflichtet an, darüber zu berichten, aber laut der Autorin kann nicht geschlussfolgert werden, dass sich der Klimajournalismus in eine normative Richtung entwickele. 

Digitale Storytelling-Formate sind beliebt, erfordern aber eine Reihe von Kompetenzen. Ein Forschungsteam um Leanne Townsend vom James Hutton Institute in Schottland hat eine Umfrage unter Forschenden im Horizon-2020-Projekt DESIRA (“Digitalisation: Economic and Social Impacts in Rural Areas”) durchgeführt, bei dem digitale Geschichten in 20 europäischen Regionen entwickelt wurden. Herausforderungen für die Forschenden waren unter anderem die Entwicklung einer Narration und die technische Umsetzung. Die Autor*innen des Praxiseinblicks diskutieren, wie Forschende bei digitalem Storytelling unterstützt werden können. 

Wie wirkt sich die Kommunikation von Unsicherheit aus? Natasha Strydhorst von der University of Wisconsin–Madison und Asheley R. Landrum von der Arizona State Universität haben das in einem Umfrage-Experiment getestet. Sie testeten, welchen Unterschied es macht, bildgebende Verfahren des  zentralen Nervensystems in journalistischen Beiträgen als unsicher dargestellt wurde – oder ob es als so sicher gerahmt wurde, dass es beinahe das Lesen von Gedanken ermögliche. Die Ergebnisse lassen laut der Forschenden Folgendes vermuten: Möglicherweise hängt die wahrgenommene Vertrauenswürdigkeit der*s Kommunikator*in davon ab, ob die kommunizierte Unsicherheit der Unsicherheitstoleranz des Publikums entspricht. 

Termine

📆 12. Juli 2026 | Bewerbungsfrist für die deutsche, englische und digitale Impact School* (Berlin und online) | Mehr

📆 Jeden Mittwoch im Juni und Juli 2026 | Evaluationsberatung der Impact Unit* (digital) | Mehr

📆 18. Juni 2026 | Lunchtalk Forschung trifft Praxis: Wissenschaftliche Unsicherheit verstehen und kommunizieren (digital) | Mehr

📆 22. Juni 2026 | Schreiben für die Wikipedia (digital) | Mehr

📆 23. Juni 2026 | How to Integrate Citizen Engagement in Your R&I Projects (digital) | Mehr

📆 30. Juni 2026 | Einreichungsfrist für die Made in Germany Awards | Mehr

📆 15. Juli 2026 | Bewerbungsfrist für den Siggener Kreis “Securitization – Wissenschaftsjournalismus und Wissenschaftskommunikation in der ‘Zeitenwende’” | Mehr

📆 14. – 16. Oktober 2026 | WISSENSWERTE und European Conference of Science Journalism | Mehr

Fundstück

Ein Tropfen Öl im Glas Wasser – so bewertet Handelsblatt-Reporter Sebastian Dalkowski künstlich generierte journalistische Texte. Nachdem Digitalminister Karsten Wildberger (CDU) Reden und Gastbeiträge mithilfe von Chatbots verfasst hatte, diskutiert die Community erneut darüber, wo generative Tools eingesetzt werden sollten.

*Transparenzhinweis: Wissenschaft im Dialog (WiD) ist einer der drei Träger des Portals Wissenschaftskommunikation.de. Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt ist einer der Förderer .

Redaktioneller Hinweis vom 2. Juli 2026: Nach einer Rückmeldung von Holger Wormer haben wir den abschließenden Satz zu „Kontroverser Strukturwandel bei der ARD” entfernt. Da die Auswirkungen der angekündigten Umstrukturierungen bei ARD-aktuell derzeit noch nicht abschließend beurteilt werden können, erschien uns eine Bewertung zum aktuellen Zeitpunkt als verfrüht.