Was als harmloser Internetwitz beginnt, kann schnell politische Wirkung entfalten. Carolin Lano, Medienwissenschaftlerin, zeigt am Beispiel aktueller Klimadebatten, wie Memes populistische Narrative verbreiten.
Memes: Unterhaltsam, viral, manipulativ
Wir erleben derzeit eine Transformation des Verschwörungsglaubens, die nur unter Netzbedingungen und durch Social Media möglich wurde. Internet-Memes werden dabei als Vehikel genutzt, um Versatzstücke verschwörungstheoretischer Erzählungen salonfähig zu machen. Besonders der Klimaschutz ist ein eindrücklicher Anwendungsfall.
Ein neues Zeitalter der Desinformation
In den USA erleben wir, wie schnell die Wissenschaftsfreiheit unter Druck geraten kann. Der Klimawandelleugner Trump hat die Forschung massiv durch seine politischen Eingriffe geschwächt. Für die amerikanische Rechte war die Debatte um die globale Erwärmung dabei schon lange vor Trump eine Art Testfeld, um zu erproben, mit welchen Mitteln sich eine Deutungshoheit erringen lässt, auch wenn eine Mehrheit der Bevölkerung diese Überzeugung eigentlich gar nicht teilt1.
Wenn verschwörungstheoretische Narrative in den politischen Populismus einsickern, werden wissenschaftliche Themen zu Identitätsfragen stilisiert. Es entsteht ein binäres Weltbild: Wer an den Klimawandel glaubt oder sich impfen lässt, gehört zum „System“; wer es ablehnt, gehört zum „widerständigen Volk“. Rechtspopulist*innen geht es darum, das vorpolitische Feld zu erobern, um ihre extremistische Weltanschauung sagbar und gesellschaftsfähig zu machen.
Dahinter steckt eine metapolitische Strategie, die eigentlich auf den marxistischen Philosophen Antonio Gramsci zurückgeht und von der politischen Rechten gekapert wurde. Er argumentierte, dass die herrschende Klasse ihre Macht nicht so sehr durch Zwang, sondern vor allem durch eine kulturelle Deutungshegemonie sichert. Oft geht es dabei darum, eigene Schlüsselbegriffe, wie beispielsweise den der Remigration, durch die möglichst häufige Darbietung und Wiederholung im Sprachgebrauch zu normalisieren. Einmal etabliert, ergeben sich dann vielfältige Anknüpfungsmöglichkeiten: Etwa, wenn in deutlicher Anlehnung an den Klimawandel-Diskurs vor der Gefahr eines frei erfundenen, menschengemachten Bevölkerungswandels gewarnt wird2.
Verschwörungstheoretische Memes als Propaganda-Instrument
Internet-Memes können zu einer viralen Verbreitung von ideologischen Hassbotschaften führen, die sie zugleich humoristisch verharmlosen. Die Text-Bild-Kollagen, kurzen Videosequenzen oder GIFs greifen bekannte Inhalte auf, die in ihrer Bedeutung modifiziert und auf neue Situationen übertragen werden, um Haltungen und Gefühle zu transportieren3. Das Produzieren und Teilen von Memes löst eine gemeinschaftsstiftende Dynamik aus, da sie häufig ein gewisses Vorwissen erfordern, um verstanden zu werden. Auf den Social Media-Plattformen dienen Memes so der kreativen Aneignung durch Gleichgesinnte. Gerade weil sie nicht nur passiv konsumiert werden und man sich selbst an deren Weiteverbreitung beteiligen kann, sind Memes so erfolgreich4.
Für Verschwörungstheorien werden Memes zu einem Bestandteil ihrer propagandistischen Persuasionsstrategien. Dabei reicht es mitunter aus, auf einzelne Erzählbausteine anzuspielen, ohne diese zu einem in sich geschlossenen Narrationskomplex auftürmen zu müssen. Die widersprüchlichen Erzählungen müssen nicht vollständig wiedergegeben werden. Der Verschwörungsglaube begegnet uns heutzutage kaum noch in fingierten Schriften, die ein geschlossenes Erzählgefüge aufspannen, wie zum Beispiel die antisemitische Fälschung „Die Protokolle der Weisen von Zion“. Stattdessen wird er in leicht konsumierbaren Häppchen innerhalb eines flexibel ausdehnbaren Erzähluniversums serviert, bei dem jeder mitmachen kann. Social Media fungiert hierbei als entscheidender Katalysator.
Durch das Teilen, Kommentieren und Weiterspinnen von Narrativen entsteht ein Gefühl der Mitgestaltung. Problematisch daran ist, dass monopolistische Big Tech-Konzerne an Hassrede, Desinformation und Verschwörungstheorien verdienen – und das umso besser, je mehr Leute sich daran beteiligen. Laut dem Kölner Medienwissenschaftler Martin Andree dominieren im medialen Strukturwandel aktuell die großen Tech-Giganten, während populistische Kräfte die inhaltliche Debatte besetzen würden. Es zeige sich eine gefährliche strategische Allianz beider Seiten. Unter dem Banner einer angeblich ‚unzensierten Meinungsfreiheit‘ positionieren sie sich gemeinsam gegen den etablierten Journalismus5.
Trotz zahlreicher Klagen, Gerichtsprozesse und Anhörungen hat sich daran bislang nichts geändert. Mit der zweiten Amtszeit von Trump scheinen ohnehin alle Dämme gebrochen zu sein. Und auch in europäischen Ländern sind rechtspopulistische und sogar rechtsextremistische Parteien auf dem Vormarsch, welche es geschickt verstehen, die Logik der Algorithmen zu bedienen, um Reichweite zu generieren.
Meme-Wut über die 15-Minuten-Stadt
Memes werden also immer öfter taktisch instrumentalisiert, um verschwörungsideologisches Gedankengut populistisch einzusetzen. Ein besonders prägnantes Beispiel dafür sind die Geschehnisse rund um die geplante Einführung von Verkehrsfiltern in der südenglischen Stadt Oxford. Der Verkehrsfluss sollte durch eine zeitweise Reduzierung des Individualverkehrs verbessert werden.
Über Telegram, Twitter und TikTok verbreitete sich jedoch schnell das Gerücht, die Stadtverwaltung wolle ganze Bezirke abriegeln. Demnach müsse immer erst eine Genehmigung beantragt werden, wenn die Anwohner*innen ihr Viertel verlassen wollten. Schnell war die Rede vom „Klima-Lockdown“. In die anlaufende Desinformationsspirale wurde schließlich auch die Behauptung integriert, dass das stadtplanerische Modell der 15-Minuten-Stadt hinter der angeblich drohenden Freiheitsberaubung stecken würde, obwohl die angedachten Verkehrsfilter damit gar nicht in Zusammenhang standen.
Die Verschwörungstheorie verdreht dabei das Konzept des französischen Wissenschaftlers Carlos Moreno, das eigentlich darauf abzielt, eine Versorgung mit den Belangen des täglichen Bedarfs, wie Supermärkte, Kindergärten oder Arztpraxen, auf kurzen Wegen zu ermöglichen. In vielen europäischen Großstädten, darunter Paris, Barcelona oder Kopenhagen werden ähnliche Konzepte bereits erfolgreich umgesetzt.
Das verschwörungstheoretische Narrativ knüpft gezielt an die negativen Erfahrungen mit den Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie, wie Ausgangssperren und Kontaktbeschränkungen, an. Angeblich sei die Pandemie nur eine Generalprobe für globalistische Eliten zur Einführung einer Klimadiktatur gewesen6. Die Verschwörungstheorie verfängt deswegen so gut, weil sie soziale Ängste bedient: die Sorge vor staatlicher Überwachung, der Verlust der individuellen Freiheit – symbolisiert durch das Auto – sowie das Misstrauen gegenüber globalen Organisationen.
Ende 2022 kochte die Stimmung in Oxford schließlich hoch: Auf Demonstrationen waren Plakate zu sehen, die vor der Einrichtung von „grünen Ghettos“ warnten. Vorbereitet und flankiert wurden diese Proteste auf den Straßen durch massenhaft verbreitete Memes.
Hunger-Games-Memes als taktische Waffe im Informationskrieg
Eines der populärsten Motive war dabei der Vergleich mit der „Hunger Games“-Filmreihe: In der dystopischen Sci-Fi-Erzählung geht es um eine Nation, die in 13 Distrikte unterteilt ist und in der eine sinistre Elite den Rest der Bevölkerung einsperrt und unterdrückt.
Daneben gab es viele Memes, die auf den Überwachungsstaat aus „1984“ anspielten oder ein „Open-Air-Gefängnis“ zeigten. Viele der Posts firmierten unter dem Hashtag #GreatReset. Damit bezeichnete ursprünglich das Weltwirtschaftsforum eine Initiative zur Neugestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft nach der Covid-19-Pandemie. Die verschwörungstheoretische Deutung sieht es jedoch als Teil eines geheimen Plans von Globalist*innen, um die Weltherrschaft an sich zu reißen.
Auf dem Gipfel der Proteste erhielten sowohl Mitarbeitende der Stadtverwaltung als auch der Wissenschaftler Moreno Morddrohungen. Das Beispiel zeigt: Memes können zu taktischen Waffen in einem Informationskrieg werden. Sie dienen der verschwörungstheoretischen Kommunikation zur Rekrutierung, Identitäts- und Gemeinschaftsbildung sowie zur Mobilisierung ihrer Anhängerschaft. Memes vermögen es, fragmentierte Teilöffentlichkeiten zeitweise über die Schaffung eines Resonanzraums zu synchronisieren und einen Referenzpunkt für die Bündelung von Aufmerksamkeit und Anschlusskommunikation zu liefern.
Offenbar reicht es längst nicht mehr aus, Desinformation lediglich mit Fakten zu begegnen, da diese gegen die emotional aufgeladenen Identitätsangebote von Verschwörungstheorien oft einen schweren Stand haben. Vielmehr bedarf es einer konsequenten Regulierung der Plattformen, um die profitorientierte Verbreitung von Hassrede zu stoppen, während gleichzeitig die Wissenschaft die dahinterliegenden Strukturen beleuchten und sich aktiv mit den Mechanismen digitaler Manipulation auseinandersetzen sollte.
Gastbeiträge spiegeln nicht zwangsläufig die Meinung unserer Redaktion wider. Die Redaktion lag bei Anna Henschel.
- Vgl. Müller, Ella (2023): Kulturkampf und Klimakrise. Die US-Rechte als Anti-Umweltbewegung. In: Blätter für deutsche und internationale Politik 11/2023, S. 53-64, hier: S. 59. ↩︎
- Vgl. AfD Landesverband NRW: Die größte Gefahr: menschengemachter Bevölkerungswandel! – Irmhild Boßdorf (AfD). Vom 1.8.2023. https://www.youtube.com/watch?v=f5A3oheZPnk ↩︎
- Der Meme-Begriff geht auf den Evolutionsbiologen Richard Dawkins zurück, der damit in den siebziger Jahren, in Analogie zu den Genen, kleinste Einheiten kultureller Information bezeichnete, die sich selbst reproduzieren und mit geringer Abweichung weitergetragen werden, wie eine Redewendung, die sich durchsetzt oder eine Melodie, die zum Ohrwurm wird. ↩︎
- Vgl. Shifman, Limor (2014). Memes in Digital Culture. Cambridge: MIT Press. ↩︎
- Vgl. Andree, Martin (2025): Krieg der Medien. Dark Tech und Populisten übernehmen die Macht. Weinheim: Campus Verlag, S. 12 ↩︎
- Vgl. Quent, Matthias / Richter, Christoph / Salheiser, Axel (2022): Klimarassismus. Der Kampf der Rechten gegen die ökologische Wende. München: Piper, S. 99. ↩︎