Make-Up, Wut und Schatten-KI: Neues aus der Wisskomm

Das Wisskomm-Update gibt alle 14 Tage einen Überblick über aktuelle Themen, Debatten und Trends. Außerdem finden Sie hier aktuelle Termine und Forschungsergebnisse zur Wissenschaftskommunikation.

Was gibt’s Neues?

Waren Sie währen der Covid-Pandemie auch wütend auf das Virus? Das hat womöglich Ihren Medienkonsum beeinflusst. Eine Umfrage zum Beginn der Pandemie zeigte, dass Wut gegenüber dem Virus mit stärkerer Mediennutzung in Verbindung stand, was wiederum mit erhöhter Impfbereitschaft einherging.
Und der Dauerbrenner bleibt: Generative Künstliche Intelligenz. 
Wir haben Ihnen Guidelines sowie eine neue Studie zur KI-Nutzung an Hochschulen mitgebracht. Als Fundstück haben wir außerdem: Wie sich der Wissenschaftsrat die Wissenschaft im Jahr 2040 vorstellt– übersichtlich aufbereitet von Table Media.

KI und strategische Kommunikation

Generative KI gehört in vielen Hochschulpressestellen inzwischen zum Alltag (84 Prozent nutzen sie regelmäßig), dies zeigt eine neue Auswertung von Justus Henke und Matthias Begenat vom Institut für Hoschschulforschung. Der Einsatz bleibt jedoch vor allem operativ (z. B. Textproduktion), während strategische Anwendungen kaum vorkommen – etwa Zielgruppenanalysen (5 Prozent) oder Wirkungsmessung (3 Prozent). Für die Entwicklung von Kommunikationszielen würde KI demnach gar nicht genutzt. Die neu entwickelte KIWI-Matrix („KI in der Wissenschaftskommunikation“) macht diese Diskrepanz zwischen operativer und strategischer KI-Nutzung systematisch sichtbar.
Ergänzend verweist die Studie auf „Schatten-KI“: In vielen Teams wird KI vermutlich stärker eingesetzt, als offiziell besprochen – teils über private oder kostenlose Accounts. Über die Ergebnisse der Erhebung von 2024 schrieb Justus Henke bei uns einen Gastbeitrag.

KI-Nutzung in Leitlinien gießen

AlgorithmWatch hat eine Guideline für den verantwortungsvollen Einsatz generativer KI veröffentlicht. Kern sind vier Prinzipien: Proportionalität (Ist der Einsatz von KI sinnvoll?), Sicherheit, Qualität und Transparenz. Dabei setzt die Guideline auf einen laufenden Update-Prozess statt auf starre Regeln.

Auch die ARD-Landesrundfunkanstalten, das ZDF, die Deutsche Welle und das Deutschlandradio haben gemeinsame Grundsätze für den Umgang mit KI in ihrem KI-Kodex verabschiedet. KI-Systeme sollen demnach „nicht zum Selbstzweck“ eingesetzt werden. Es stehen der Mehrwert für den Auftrag, verantwortungsvolle Personalisierung sowie redaktionelle Kontrolle und Kennzeichnung im Zentrum. 

Entscheidend bei beiden Leitfäden ist jedoch, ob solche Prinzipien im Alltag in konkrete Entscheidungen übersetzbar sind.

KI-Leitfäden in Redaktionen umsetzen

Genau an diesen Punkt knüpft ein Beitrag des European Journalism Observatory an. Zwischen normativen Leitlinien und dem Redaktionsalltag klaffe oft eine Lücke: Viele Regeln blieben abstrakt, würden im Zeitdruck kaum genutzt, und gerade bei Transparenz-Standards fehle häufig Einheitlichkeit.

Im EU-Projekt PROMPT (2024–2026) wird diese Lücke praktisch adressiert: Redaktionen, Forschung und Fact-Checking arbeiten länderübergreifend zusammen, um Best Practices zu entwickeln. Das macht Leitlinien anschlussfähig für konkrete Entscheidungen in Redaktionen, besonders relevant in Zeiten, in denen KI Desinformation nicht nur verstärken, sondern auch sichtbar machen kann.

Und sonst?

📋 Wissenschaft als „An-Geber“: Wenn Sichtbarkeit zum Listenfetisch wird. Holger Wormer beschreibt in seiner Kolumne des Rhine-Ruhr Center for Science Communication Research, wie das „Bitte alles angeben“ in Wissenschaft und Evaluationen immer weiter ausufert. Gleichzeitig bleibt die Gewichtung dieser Aktivitäten oft ungeklärt: Was zählt mehr: Keynote, Kinder-Uni, Social-Media-Post? Als Gegenidee schlägt Wormer vor, Angaben nicht nur zu limitieren, sondern sie mit einer Begründungspflicht zu koppeln: Warum ist genau diese Aktivität relevant für Ziel und Wirkung?

Und die Forschung?

Welche Rolle spielt Make-up in der Wissenschaftskommunikation? Die Wissenschaftskommunikatorin Magaret Sivapragasam und Clare Wilkinson von der UWE Bristol haben mit Frauen auf verschiedenen Karrierestufen darüber gesprochen, wie das Aussehen strategisch angepasst wird, um Erwartungen an Glaubwürdigkeit, Autorität und Professionalität zu erfüllen. Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass Make-up das Selbstvertrauen stärken und die professionelle Selbstdarstellung unterstützen kann, gleichzeitig aber geschlechtsspezifische Normen verstärkt.

Mit welchen Schwierigkeiten haben brasilianische Journalist*innen zu kämpfen, die über sozial-ökologische Themen berichten? Claudia Sarmento vom King’s College London hat dazu Interviews geführt. Als Schwierigkeiten benannten die Umweltjournalist*innen gezielte Desinformationskampagnen und Feindseligkeit im digitalen Raum. Zu ihren Strategien zählen investigative Berichterstattung, einfühlsames Storytelling und die Verwendung zugänglicher Sprache. 

Wut ist eines der Gefühle, die während der Covid-19-Pandemie oft zu spüren waren. Trotz ihres Potenzials, Menschen zum Handeln zu bewegen, sei sie ein bisher wenig erforschtes Konzept, schreibt ein Team von Forschenden um Yoo Jung Oh von der Michigan State University. Die Autor*innen haben in einer Umfrage in den USA zum Beginn der Pandemie festgestellt, dass Wut gegenüber dem Virus mit stärkerer Mediennutzung in Verbindung stand, was wiederum mit erhöhter Impfbereitschaft zu tun hatte. Ergebnisse einer zweiten Umfrage deuteten darauf hin, dass vor allem die Nutzung traditioneller Medien eine Rolle für den Zusammenhang zwischen Wut und Impfbereitschaft spielen könnte – obwohl soziale Medien zu Beginn viel genutzt wurden, um sich übers Impfen zu informieren.

Termine

📆 29. Februar 2026 | Hamburger Stammtisch Wissenschaftskommunikation: „KI professionell nutzen“ (online) | Mehr

📆 17. Februar 2026 | KlimaLecture #12: Vom Wissen zum Handeln (online) | Mehr

📆 5. März | „Wie wird der Gegenwind in der Nachhaltigkeitskommunikation zum Aufwind?“ (Berlin) | Mehr

📆 18. bis 20. März 2026 | PAERI’26: Navigating Science Communication in a Shifting Landscape (Schenefeld) | Mehr

📆13. März 2026 (Einreichungsfrist) | Call for Papers: Kontroversen und Dilemmata der Wissenschaftskommunikation | Mehr

📆 15 April | Falling Walls Global Call for Science Breakthroughs of the Year 2026 | Mehr

Fundstück

Ist es in der aktuellen unstetigen Weltsituation nicht naiv, eine Zukunftsvision für die Wissenschaft im Jahr 2040 zu entwerfen?  Eine positive Vision sei wichtiger denn je, kontert Wolfgang Wick, Vorsitzender des Wissenschaftsrates im Interview mit der Zeit. „Die Relevanz von Wissenschaft muss höher sein als heute. Sonst bekommen wir die aktuellen Krisen nicht gelöst. Sonst fahren wir vor die Wand“. Teilhabe, Ressourcenverantwortung, Integrität, Wirkung und Nachhaltigkeit seien genauso wichtig wie gute Forschung, sagt Wick. Denn eine freie Wissenschaft funktioniere nur, wenn die Gesellschaft sie trage. 

Weitere wichtige Punkte des über 100 Seiten starken Positionspapiers „Wissenschaft in Deutschland –Perspektiven bis 2040“ fasst Table Media zusammen 👇