Wenn gesellschaftliche Debatten schärfer werden, wächst auch der Anspruch an Wissenschaftskommunikation. Doch worin sehen die Parteien ihren Beitrag für Demokratie und Zusammenhalt? Die Antworten fallen unterschiedlich aus.
Landtagswahl Sachsen-Anhalt: Was Wissenschaft für die Demokratie leisten kann
Wir haben alle Parteien kontaktiert, die zum Zeitpunkt unserer Anfrage laut MDR zur Landtagswahl antreten wollten. Das Bündnis Sahra Wagenknecht hat nicht auf unsere Anfrage geantwortet. In unserer Auflistung folgen die Parteien ihren Sitzanteilen im Landtag von Sachsen-Anhalt. Die sieben Wahlprüfsteine greifen Debatten auf, die wir regelmäßig auf Wissenschaftskommunikation.de behandeln. Die weiteren Beiträge veröffentlichen wir in den kommenden Wochen und bündeln sie in einem fortlaufend aktualisierten Überblick.
3. Welche Bedeutung hat Wissenschaftskommunikation aus Ihrer Sicht für die Demokratie und den gesellschaftlichen Zusammenhalt?
CDU
Eine starke Demokratie lebt von einer informierten Öffentlichkeit. Wissenschaftskommunikation trägt dazu bei, wissenschaftliche Erkenntnisse verständlich einzuordnen und politische Debatten auf eine belastbare Faktenbasis zu stellen. Sie ersetzt politische Entscheidungen nicht, kann diese aber fundierter machen. Gerade angesichts von Desinformation und zunehmender Polarisierung ist ein transparenter Umgang mit wissenschaftlichen Erkenntnissen wichtiger denn je. Dazu gehört auch, Unsicherheiten offen zu benennen und unterschiedliche wissenschaftliche Positionen nachvollziehbar darzustellen. Wissenschaftskommunikation schafft Vertrauen, wenn sie unabhängig, transparent und nachvollziehbar erfolgt. Sie stärkt damit sowohl den gesellschaftlichen Zusammenhalt als auch das Vertrauen in demokratische Institutionen.
AfD*
Das Geschäft der Wissenschaft ist die Wahrheitsfindung, das Geschäft der Politik die Willensbildung. Beides hängt insofern zusammen, als eine Willensbildung auf gesicherter Faktengrundlage erfolgen sollte. Allerdings darf die Willensbildung nicht insofern die Wahrheitsfindung anleiten, dass nur noch erwünschte Wahrheiten zur Geltung kommen. Die Wissenschaft und damit auch die Wissenschaftskommunikation haben sich von politischer Einflussnahme freizuhalten. Ein Motto wie „Follow the science“ ist Unsinn, weil die Wissenschaft gar keine Handlungsanleitung bereitstellt. Eine solche wird erst durch die Politik entwickelt. Was den gesellschaftlichen Zusammenhalt angeht, so kann Wissenschaftskommunikation dazu möglicherweise insofern beitragen, als sie die Bürger in Interesse und Wertschätzung für wissenschaftliche Fragestellungen vereint.
Die Linke
Wissenschaftskommunikation ist sehr relevant für den Zusammenhalt, wenn sie dabei hilft, die Hintergründe aktueller Prozesse und Probleme verständlich zu machen und Menschen dazu einlädt, über diese zu diskutieren. Jede demokratische Gesellschaft braucht gemeinsame Grundlagen, über die eine gewisse Einigkeit besteht. Diese Grundlagen müssen immer wieder neu ausgehandelt und aktualisiert werden. Wissenschaftskommunikation kann dabei helfen, dass diese Grundlagen über eine empirische und rationale Basis verfügen.
SPD
(zusammen mit Frage 2: Welche besonderen Herausforderungen sehen Sie aktuell für die Wissenschaftskommunikation in Sachsen-Anhalt?)
Die Fragen werden im Zusammenhang beantwortet. Wissenschaftsfreiheit ist für unsere Demokratie konstitutiv. Den weltweit zu beobachtenden Tendenzen, Wissenschaft zu lenken und zu gängeln, müssen Demokratinnen und Demokraten ebenso entgegentreten wie wachsender Wissenschaftsfeindlichkeit und dem Versuch, Entscheidungsprozesse in Politik und Gesellschaft nicht mehr auf wissenschaftliche Erkenntnis, sondern auf politische oder ideologische Setzungen zu gründen. Die Bundesrepublik Deutschland hat mit dem Grundgesetz und den
Hochschulgesetzen der Länder einen starken Rechtsrahmen für den Schutz von
Wissenschaftsfreiheit und Hochschulautonomie, den wir uneingeschränkt erhalten wollen. Die Freiheit von Kunst, Kultur und Wissenschaft wird in Sachsen-Anhalt von Rechtsextremisten akut bedroht. Bei der Landtagswahl am 6. September geht es nicht zuletzt auch darum, diese Freiheit zu bewahren. Wissenschaftskommunikation setzt für diese Auseinandersetzung den kommunikativen Rahmen und sorgt dafür, dass die Stimmen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern gehört werden. Sie kann helfen, Verschwörungstheorien, pseudowissenschaftliche Behauptungen und Falschbehauptungen in der Öffentlichkeit zurückzudrängen und damit der Hetze gegen den demokratischen Staat und gegen eine weltoffene Gesellschaft den Boden zu entziehen.
FDP
Eine Zielgruppenspezifische verständliche Kommunikation von Erkenntnissen aus wissenschaftlichen Forschungen kann immer einen Mehrwert bedeuten. Dabei sehen wir aber auch die Notwendigkeit, Ergebnisse und Erkenntnisse richtig einzuordnen und den Kontext herauszustellen. Auch in der Wissenschaft ist die Welt nicht schwarz/weiß sondern es findet genauso wie in der Gesellschaft ein Diskurs statt. Dieser muss sich auch in der Kommunikation wiederfinden.
Bündnis 90/Die Grünen
Wissenschaft und Forschung sind Grundlage für evidenzbasierte demokratische Entscheidungsfindung. Ohne sie kann Politik keine fundierten Entscheidungen für unser Gemeinwesen treffen. Gerade in Zeiten der zunehmenden medialen Polarisierung nimmt die Bedeutung der Wissenschaftskommunikation zu. Bürger*innen können sich vor allem dann ein eigenständiges und informiertes Bild machen, wenn sie durch kommunizierende Forschende über wissenschaftliche Erkenntnisse zu aktuellen politischen Themen aufgeklärt werden. So kann das Vertrauen in politische Maßnahmen erhöht und der gesellschaftliche Zusammenhalt gestärkt werden. Demokratie lebt von einer qualitativ gut informierten Bevölkerung. Da die Wissenschaftskommunikation diese wichtige Aufgabe erfüllt, wollen wir sie auf finanziell solide Füße stellen.
Freie Wähler
Eine funktionierende Demokratie lebt von informierten Bürgerinnen und Bürgern. Wissenschaft liefert hierfür wichtige Erkenntnisse und trägt dazu bei, politische Entscheidungen faktenbasiert vorzubereiten. Gleichzeitig bleibt die demokratische Entscheidung Aufgabe der gewählten Parlamente. Wissenschaft soll Politik beraten, sie aber niemals ersetzen.
Gerade deshalb ist gute Wissenschaftskommunikation unverzichtbar. Sie erklärt wissenschaftliche Methoden, macht Ergebnisse nachvollziehbar und schafft Verständnis dafür, dass wissenschaftlicher Fortschritt häufig aus kontroversen Diskussionen entsteht. Wissenschaftliche Erkenntnisse dürfen nicht als unumstößliche Wahrheiten vermittelt werden, sondern als Ergebnis eines offenen Erkenntnisprozesses.
Wissenschaftskommunikation stärkt den gesellschaftlichen Zusammenhalt dann, wenn sie den Dialog sucht, unterschiedliche Perspektiven respektiert und Bürgerinnen und Bürger ernst nimmt. Wer Menschen nur belehrt, wird sie kaum überzeugen. Vertrauen entsteht durch Transparenz, Offenheit und die Bereitschaft, auch kritische Fragen sachlich zu beantworten.
Weitere Wahlprüfsteine
- Wahlprüfstein 1: Viele Parteien betonen in ihren Wahlprogrammen den Transfer aus der Wissenschaft in die Wirtschaft. Welche Bedeutung messen Sie Wissenschaftskommunikation jenseits der reinen wirtschaftlichen Verwertbarkeit bei?
- Wahlprüfstein 2: Welche besonderen Herausforderungen sehen Sie aktuell für die Wissenschaftskommunikation in Sachsen-Anhalt?
- Wahlprüfstein 4: Wie möchten Sie die Wissenschaftskommunikation langfristig und verlässlich fördern?
- Wahlprüfstein 5: Welche wissenschaftlichen Themen sind aus Ihrer Sicht für die Zukunft Sachsen-Anhalts besonders relevant?
- Wahlprüfstein 6: Wie sollte über sicherheitsrelevante oder militärisch nutzbare Forschung kommuniziert werden?
- Überblick über die Wahlprüfsteine
* Der Verfassungsschutz stuft den Landesverband Sachsen-Anhalt der AfD als gesichert rechtsextremistische Bestrebung ein.