Landtagswahl Sachsen-Anhalt: Das sehen die Parteien als größte Herausforderung

Nicht alle Parteien sehen die gleichen Probleme. Für die einen steht Sichtbarkeit, für die anderen die Wissenschaftsfreiheit im Mittelpunkt. Eine Herausforderung wurde besonders häufig genannt.

Wir haben alle Parteien kontaktiert, die zum Zeitpunkt unserer Anfrage laut MDR zur Landtagswahl antreten wollten. Das Bündnis Sahra Wagenknecht hat nicht auf unsere Anfrage geantwortet. In unserer Auflistung folgen die Parteien ihren Sitzanteilen im Landtag von Sachsen-Anhalt. Die sieben Wahlprüfsteine greifen Debatten auf, die wir regelmäßig auf Wissenschaftskommunikation.de behandeln. Die weiteren Beiträge veröffentlichen wir in den kommenden Wochen und bündeln sie in einem fortlaufend aktualisierten Überblick.

2. Welche besonderen Herausforderungen sehen Sie aktuell für die Wissenschaftskommunikation in Sachsen-Anhalt?

CDU

Sachsen-Anhalt verfügt mit seinen Hochschulen sowie den außeruniversitären Forschungseinrichtungen über eine leistungsfähige Wissenschaftslandschaft mit internationaler Strahlkraft. Dieses Potenzial wird außerhalb der Fachwelt häufig noch zu wenig wahrgenommen. Eine wesentliche Herausforderung besteht deshalb darin, Forschung sichtbarer zu machen und komplexe Themen verständlich zu vermitteln. Gleichzeitig nehmen Desinformation und verkürzte Darstellungen in sozialen Medien zu. Wissenschaftskommunikation muss dem mit nachvollziehbaren Fakten, Transparenz und Offenheit begegnen. Forschende benötigen hierfür ausreichend Zeit, geeignete Qualifizierungsangebote und professionelle Unterstützung. Wir wollen die Sichtbarkeit des Wissenschaftsstandortes Sachsen-Anhalt weiter stärken und den Dialog zwischen Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft ausbauen.

AfD*

Die größte Herausforderung liegt darin, dass die Wissenschaft durch tendenziöse Forschung zum Klimawandel und insbesondere zur Corona-„Pandemie“ in Verruf geraten ist. Hier gilt es, den Verdacht abzuwehren, dass eine Gefälligkeitswissenschaft betrieben wird, die nur noch Ergebnisse zulässt, die den Wünschen der Politik entsprechen. Sodann muss die immer wieder von Seiten der Springerpresse und der CDU, aber auch von anderen Altparteien vorgebrachte Forderung, Wissenschaft sei nur legitim, sofern sie ökonomischen Mehrwert bringt, zurückgewiesen werden. Wenn es überhaupt einen schädlichen Populismus gibt, dann zeigt er sich vor allem darin.

Die Linke

Eine Herausforderung ist das Erstarken der extremen Rechten, die oftmals gegen wissenschaftlichen Fortschritt mobilisiert, Erkenntnisse im Bereich der Geschichts-, Gender- oder Klimawissenschaft negiert und gegen kritische Wissenschaftler*innen hetzt. Dabei wird gezielt Misstrauen gesät, um die Überprüfung und Diskussion der eigenen Behauptungen zu erschweren bis zu verunmöglichen. Es ist eine Herausforderung für die Wissenschaftskommunikation, diesen Vorbehalten zu begegnen und deutlich zu machen, dass wir alle von der Orientierung an wissenschaftlichen Erkenntnissen profitieren.

Eine weitere Herausforderung besteht darin, dass wissenschaftliche Erkenntnisse stets weiterentwickelt werden. Besonders in der Corona-Krise hat sich gezeigt, dass die Halbwertszeit wissenschaftlicher Erkenntnis sich schnell reduzieren kann. Dadurch muss Wissenschaftskommunikation auch deutlich machen, dass Wissenschaft kritisch hinterfragt und diskutiert werden kann – ohne sie komplett in Frage zu stellen, denn Irren gehört auch zum Wissenschaftsprozess.

SPD

(zusammen mit Frage 3: Welche Bedeutung hat Wissenschaftskommunikation aus Ihrer Sicht für die Demokratie und den gesellschaftlichen Zusammenhalt?)

Die Fragen werden im Zusammenhang beantwortet. Wissenschaftsfreiheit ist für unsere Demokratie konstitutiv. Den weltweit zu beobachtenden Tendenzen, Wissenschaft zu lenken und zu gängeln, müssen Demokratinnen und Demokraten ebenso entgegentreten wie wachsender Wissenschaftsfeindlichkeit und dem Versuch, Entscheidungsprozesse in Politik und Gesellschaft nicht mehr auf wissenschaftliche Erkenntnis, sondern auf politische oder ideologische Setzungen zu gründen. Die Bundesrepublik Deutschland hat mit dem Grundgesetz und den
Hochschulgesetzen der Länder einen starken Rechtsrahmen für den Schutz von
Wissenschaftsfreiheit und Hochschulautonomie, den wir uneingeschränkt erhalten wollen. Die Freiheit von Kunst, Kultur und Wissenschaft wird in Sachsen-Anhalt von Rechtsextremisten akut bedroht. Bei der Landtagswahl am 6. September geht es nicht zuletzt auch darum, diese Freiheit zu bewahren. Wissenschaftskommunikation setzt für diese Auseinandersetzung den kommunikativen Rahmen und sorgt dafür, dass die Stimmen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern gehört werden. Sie kann helfen, Verschwörungstheorien, pseudowissenschaftliche Behauptungen und Falschbehauptungen in der Öffentlichkeit zurückzudrängen und damit der Hetze gegen den demokratischen Staat und gegen eine weltoffene Gesellschaft den Boden zu entziehen.

FDP

Die Wissenschaftskommunikation sehen wir aktuell unter Druck. Dies hängt mit veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und einer Zuspitzung des Diskurses zusammen. Davon ist politische Kommunikation wie auch Wissenschaftskommunikation betroffen.

Bündnis 90/Die Grünen

Die Finanzierung der Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen steht in Sachsen-Anhalt seit Jahren vor großen Herausforderungen. Wir Grünen setzen uns für eine auskömmliche Finanzierung ein. Ausgaben in Wissenschaft, Forschung und Innovation sind Zukunftsinvestitionen. Hochschulen mit wissenschaftlichem, gesellschaftlichem und wirtschaftlichem Impact brauchen eine solide finanzielle Grundlage und Planungssicherheit. Daher erhöhen wir die Grundfinanzierung des Landes für Hochschulen weiter, um zumindest die Inflation und steigende Energie- und Baukosten aufzufangen. Bundesmittel aus dem Zukunftsvertrag Studium und Lehre werden vollständig an die Hochschulen weitergereicht. Eine weitere Herausforderung ist die aktuelle Bedrohung der Freiheit von Wissenschaft und der Hochschulautonomie durch Rechtsextreme, die insbesondere die Studierendenschaften und solche Wissenschaft angreifen, die nicht in ihr ideologisches Weltbild passt. Wir verteidigen die Wissenschaftsfreiheit und Hochschulautonomie in Sachsen-Anhalt gegen die Angriffe und wollen Hochschulen resilienter machen.

Freie Wähler

Sachsen-Anhalt verfügt über leistungsfähige Hochschulen, außeruniversitäre Forschungseinrichtungen und innovative Unternehmen. Dennoch gelangen viele wissenschaftliche Leistungen kaum in die öffentliche Wahrnehmung. Gleichzeitig erleben wir eine zunehmende Polarisierung gesellschaftlicher Debatten sowie sinkendes Vertrauen in staatliche Institutionen. Eine Herausforderung besteht deshalb darin, Wissenschaft verständlich und bürgernah zu vermitteln, ohne sie politisch zu instrumentalisieren. Wissenschaftskommunikation darf weder als Marketing noch als politische Kampagne verstanden werden. Sie muss transparent über Chancen, Risiken und Grenzen wissenschaftlicher Erkenntnisse informieren und auch Unsicherheiten offen benennen.

Gerade für ein Flächenland wie Sachsen-Anhalt sehen wir außerdem die Aufgabe, Wissenschaft stärker in den ländlichen Raum zu bringen. Kooperationen zwischen Hochschulen, Schulen, Kommunen, Unternehmen und Vereinen können dazu beitragen, Forschung vor Ort erlebbar zu machen und junge Menschen frühzeitig für Wissenschaft und Innovation zu begeistern.


Weitere Wahlprüfsteine

  • Wahlprüfstein 1: Viele Parteien betonen in ihren Wahlprogrammen den Transfer aus der Wissenschaft in die Wirtschaft. Welche Bedeutung messen Sie Wissenschaftskommunikation jenseits der reinen wirtschaftlichen Verwertbarkeit bei?
  • Wahlprüfstein 3: Welche Bedeutung hat Wissenschaftskommunikation aus Ihrer Sicht für die Demokratie und den gesellschaftlichen Zusammenhalt?
  • Wahlprüfstein 4: Wie möchten Sie die Wissenschaftskommunikation langfristig und verlässlich fördern?
  • Wahlprüfstein 5: Welche wissenschaftlichen Themen sind aus Ihrer Sicht für die Zukunft Sachsen-Anhalts besonders relevant?
  • Wahlprüfstein 6: Wie sollte über sicherheitsrelevante oder militärisch nutzbare Forschung kommuniziert werden?
  • Überblick über die Wahlprüfsteine

* Der Verfassungsschutz stuft den Landesverband Sachsen-Anhalt der AfD als gesichert rechtsextremistische Bestrebung ein.