„Kunst ist eine unfassbar kreative Materie, die erstaunlich unkreativ vermittelt wird.“

Nur für reiche, besser gebildete Menschen? Gegen dieses elitäre Image der Kunst kämpft Jakob Schwerdtfeger. Als Pionier der Kunstcomedy erklärt er mit viel Humor Kunstgeschichte auf der Bühne und in den sozialen Medien. Sein Ziel: Menschen „richtig Bock auf Kunst“ machen.

Porträt von Jakob Schwerdtfeger. Er trägt ein dunkelrotes Hemd und hält ein Mikrofon in der Hand.
Jakob Schwerdtfeger ist Stand-up Comedian, Moderator und Buchautor. Seine Bücher „Ich sehe was was du nicht siehst und das ist Kunst!“ und „Punkt Punkt Komma Strich, fertig ist die Kunst Geschicht“ sind Spiegel-Bestseller. Sich selbst bezeichnet der studierte Kunsthistoriker als Erfinder der Kunstcomedy. Foto: Marvin Ruppert

Herr Schwerdtfeger, Sie möchten Menschen „richtig Bock auf Kunst“ machen. Was treibt Sie an: Ihre Leidenschaft für Kunst oder die Frustration über den elitären Habitus, der oft mit ihr verknüpft ist?

Das geht Hand in Hand. Dieser elitäre Habitus kann mich nur so aufregen, weil meine Leidenschaft für Kunst so groß ist. Ich muss ehrlich sein: Ich war selbst auch so. Ich habe auch gedacht, man müsse in einem hochgestochenen Duktus schreiben und unnahbar wirken.

Geht dieses elitäre Verhalten im Kunstbetrieb auf die Angst zurück, nicht kompetent genug zu wirken?

Auf jeden Fall. Ein schönes Beispiel dafür sind Ausstellungskataloge: Eigentlich werden sie für das Publikum geschrieben. Meiner Meinung nach werden sie jedoch von den Kurator*innen geschrieben, um anderem Fachleuten zu demonstrieren, wie herausragend sie selbst und das Museum sind. Es ist wirklich auffällig, wie unlesbar die sind.

Was war für Sie der ausschlaggebende Moment, in dem Sie gemerkt haben: „Ich kann auch anders über Kunst sprechen?”

Es war ein schleichender Prozess. Parallel zu meiner Arbeit im Museum stand ich beispielsweise bei Poetry Slams auf der Bühne. Anfangs habe ich nicht über Kunst geredet, sondern eher über Alltagssituationen. Bis ich gemerkt habe: Humor und Kunstwissen, das macht sonst niemand. Doch wie rede ich verständlich über Kunst? Für mich war es eine große Erkenntnis, dass die Texte, die ich für die Bühne schreibe, zwangsläufig verständlicher sind. 

Dann kam das Angebot eines Verlags, ein Buch über Kunst zu schreiben. Es hat lange gedauert, bis ich den richtigen Ton gefunden habe. Als ich das Buch fertig hatte, habe ich mir Texte von früher angeschaut, die ich geschrieben habe, als ich im Museum gearbeitet habe, und gemerkt: Wow, die waren furchtbar!

Wie gelingt es, Kunst humorvoll zu verpacken?

Der Großteil meines Publikums ist nicht vom Fach. Für Humor brauchen wir aber einen gemeinsamen Nenner. Das heißt, ich kann nicht einfach Witze über den Kubismus machen. Zunächst muss ich die Basis schaffen und den Kubismus erklären. Diese Erklärung muss aber schon lustig sein, erst dann kann ich auf dieser Basis Witze machen. 

Wichtig ist auch, Kunst mit dem Alltag zu verbinden. Wenn ich über Salvador Dalís fließende Uhren sprechen möchte, ist es klug, damit einzusteigen, dass diese von zerlaufendem Camembert inspiriert wurden. Bei Ofenkäse werden alle hellhörig.

Manchmal sitzen Sie einen ganzen Tag an einer witzigen Formulierung. Wie schaffen Sie es, die Balance zwischen Fakt und Witz zu finden?

Die Balance aus Wissen und Humor ist eine Gratwanderung. Am Ende braucht es sehr viel Bauchgefühl. Man spürt auf der Bühne: Verliere ich gerade die Leute? Ist die Erklärung zu lang? Brauche ich in der Mitte noch einen Witz, um das Publikum wieder wachzurütteln, oder verliere ich mich hier gerade in Witzen und bringe die Aussage dadurch nicht prägnant auf den Punkt? Es ist auch mal in Ordnung, wenn zwei Minuten lang keine Lacher kommen, aber dann muss wieder ein sehr guter Witz kommen. Mir ist wichtig, dass mein Humor nicht plump ist. Man darf auch mal einen simplen Witz machen, aber ein gewisser Anspruch muss gewahrt bleiben.

Welche Unterschiede gibt es beim Humor im Buch und auf der Bühne?

Bei Live-Auftritten sitzen 200 Leute mit der Erwartungshaltung vor dir: „Jetzt werde ich 90 Minuten lang bespaßt.” Das ist eine unglaublich unnatürliche Situation.

Wenn du auf der Bühne stehst und niemand lacht, bist du ein trauriger Clown. Auf der Bühne müssen die Pointen sitzen. Scheitern ist ein immanenter Teil des Jobs. Das ist anstrengend, aber man gewöhnt sich daran. 

Ein Buch liest man hingegen nicht mit der Erwartungshaltung, zu lachen. Es ist ein schönes Extra, aber selten lacht man beim Lesen. Wir schmunzeln höchstens. Beim Buchschreiben ist die Klaviatur daher größer und feiner: Eine lustige Formulierung, eine Alliteration oder eine witzige Beschreibung eines Bildes – all das funktioniert.

In meinen Büchern versuche ich, Kunst so zu beschreiben, wie es bisher noch niemand gemacht hat, und im besten Fall Merksätze zu kreieren, die hängen bleiben. Ein Beispiel: Der Barock ist das Koks und Valium der Kunst. Damit meine ich, dass es im Barock Bilder wie die von Rubens gibt, die unglaublich dynamisch sind. Genauso gibt es im Barock aber auch Stillleben.

Haben Sie ein Beispiel für einen Witz, der im Buch, aber nicht auf der Bühne funktioniert? 

Ich beschreibe die Renaissance im Buch als „Streberin unter den Kunstepochen“, weil sie sehr genau gearbeitet hat. Da Vinci und Leonardo haben Leichen seziert, um das Zusammenspiel der Muskeln unter der Haut zu verstehen. Im Buch ist das eine witzige, griffige Formulierung. Würde ich das so auf der Bühne sagen, würde mir Gähnen entgegenschallen.

Am Ende ist es auch im Buch eine Frage der Balance. Bei meinem ersten Buch hat der Verlag zu mir gesagt: „Bitte hüten Sie sich vor der Comedy-Krankheit, in jeden Absatz einen Witz einbauen zu wollen.“ Dieser Rat war sehr wichtig, denn ich hätte es sonst gemacht. Man muss sehr aufpassen, dass der Humor nicht auf Abwege führt, Nebenbahnen eröffnet und eine stringente Argumentation zunichte macht.

Was möchten Sie bei den Leuten erreichen? Dass sie selbstbewusster vor einem Gemälde stehen oder überhaupt erst einmal ins Museum gehen?

Das Hauptziel ist, dass sie überhaupt erst einmal ins Museum gehen. Vor kurzem kam nach einer Show ein Pärchen zu mir. Sie sagten, dass sie bisher nichts mit Kunst anfangen konnten. Dann haben sie mein Buch gelesen und ihre erste Kunstreise nach Florenz gebucht. Da geht mir das Herz auf. Ich würde mir wünschen, dass Menschen Kunst weniger mit Ehrfurcht und mehr aus dem Bauch heraus begegnen. 

Außerdem möchte ich Vorurteile abbauen. Sätze wie „Ist das Kunst oder kann das weg?“ oder „Das kann ich auch“ kann ich nicht mehr hören. Dahinter steckt eine respektlose Haltung, die davon ausgeht, dass Kunst nichts wert sei. Ich möchte zeigen, dass Kunst eine tragende Säule unserer Gesellschaft ist. Man muss nicht jedes Kunstwerk gut finden. Aber Kunst ist unfassbar bereichernd. Gerade in unserer heutigen Zeit mit ihrem Rechtsruck würde ich mir wünschen, dass sich mehr Leute mit Kunst befassen, da sie einen mit anderen Kulturen konfrontiert und so weltoffener macht.


Aber solche Aussagen kommen doch aus einer Unwissenheit heraus, oder?


Da gebe ich Ihnen recht. Die Leute denken, „das kann ich auch“ sei ein Maßstab für Kunst. Kunst ist jedoch kontext- und epochenabhängig. Ein Beispiel, das zwar nicht aus der Kunst stammt, sich aber gut zur Verdeutlichung eignet: 1908 hat Melitta Bentz den Kaffeefilter aus dem Löschpapier des Schulheftes ihres Sohnes erfunden. Natürlich kann ich mich heute hinstellen und sagen: „Das ist leicht, das kann ich auch.“ Der springende Punkt ist jedoch, eine unerwartete Idee zu entwickeln und mutig genug zu sein, sie umzusetzen. Und das können eben nicht alle. Darin sehe ich meine Aufgabe: dies den Menschen zu erklären.

Was hilft Ihnen dabei, sich in die Laienperspektive zu versetzen?

Zu Beginn meiner Bühnenauftritte habe ich eine sehr lehrreiche Erfahrung gemacht. Der Künstler Marcel Duchamp reichte 1917 bei einer Kunstausstellung ein Pissoir als Kunstwerk ein. Das war ein Riesenskandal. Bis heute regen sich die Leute darüber auf, dass ein Alltagsgegenstand zur Kunst wird. Dann habe ich das Publikum gefragt: „Wer kennt Marcel Duchamp?” Von 500 Leuten gingen zwei Hände hoch. Ich stand da und war verblüfft. Ich dachte, den kennen alle. Seitdem stelle ich mir beim Schreiben – egal, ob für die Bühne oder fürs Buch – vor, ich laufe durch die Frankfurter Fußgängerzone und frage die Leute: „Kennst du Marcel Duchamp? Kennst du Kandinsky?”


Was können Museen tun, um Menschen niedrigschwelliger zum Besuch zu bewegen?

Viele Museen machen es bereits gut. Sie haben beispielsweise gute Social-Media-Auftritte oder bieten kreative Formate. Die Kunsthalle Bremen hat zum Beispiel Bilder zum Ertasten für blinde Personen. Das finde ich klasse. Trotzdem würde ich mir wünschen, dass Museen noch mutiger und kreativer werden. Es ist verblüffend: Kunst ist eine unfassbar kreative Materie, die erstaunlich unkreativ vermittelt wird. Also, liebe Museen, seid mutiger! Keine Sorge, die Leute nehmen euch trotzdem ernst!