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„Kritik ist nicht immer gleich ein Angriff auf die Wissenschaft“

Die Geschichte der Wissenschaftskommunikation verlief nicht geradlinig. Mike S. Schäfer erklärt im Interview, warum sich verschiedene Modelle bis heute ergänzen. Der Professor für Wissenschaftskommunikation plädiert zudem für einen selbstbewussteren Umgang mit Kritik.

Herr Schäfer, Sie forschen seit etwa 25 Jahren über Wissenschaftskommunikation. In Ihrer Antrittsvorlesung an der Universität Zürich vor zehn Jahren haben Sie die Entwicklung der Wissenschaftskommunikation anhand der Phasen „Elfenbeinturm“, „Popularisierung“ und „Vergesellschaftung“ beschrieben. Sind diese Modelle heute noch passend?

Aus meiner Sicht sind das keine sauber getrennten Phasen. Sondern eher Modelle, die je nach Thema, Kontext und Format nebeneinander existieren. Ich würde also keine lineare Fortschrittsgeschichte vom „Elfenbeinturm“ über Defizitmodell und Popularisierung hin zu Vergesellschaftung und Partizipation erzählen, wie das teils gemacht wird.

Mike S. Schäfer ist Professor für Wissenschaftskommunikation, Direktor des Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (CHESS) an der Universität Zürich und Co-Leiter des „Wissenschaftsbarometer Schweiz“. Seine Forschungsschwerpunkte sind u. a. Wissenschafts- und Klimawandelkommunikation und KI. Er ist Mitglied der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften acatech und seit Juni 2026 der BBAW und wirkt als Beiratsmitglied bei der Transfer Unit Wissenschaftskommunikation mit. Bild: KEYSTONE/Christian Beutler

Beispielsweise galt Wissensvermittlung eine Zeit lang als altmodisch, während Partizipation und Dialog vielen als Königsweg erschienen. Die Pandemie hat dann allerdings gezeigt, dass eine verständliche, schnelle, evidenzbasierte Wissensvermittlung weiterhin wichtig ist, auch wenn sie in ihrer Reichweite teils begrenzt bleibt und natürlich auch Reaktanz erzeugen oder politisiert werden kann. Im Prinzip braucht Wissenschaftskommunikation also nicht nur eines der Modelle. Ich würde sie eher als Repertoires verstehen, die man situationssensibel einsetzen kann.

Heute würde ich die Phase der Vergesellschaftung zudem stärker ausdifferenzieren: Lange standen der Austausch zwischen Wissenschaft und Bürger*innen und wechselseitiges Lernen im Fokus – und das ist nach wie vor wichtig. Zeitgleich gibt es aber auch eine stärker konfliktive und konfrontative Form der Vergesellschaftung von Wissenschaft. Da geht es nicht mehr nur um einen freundlichen Dialog, sondern Wissenschaft wird auch kritisiert, delegitimiert und angegriffen.

Gab es bestimmte Wendepunkte oder Ereignisse, die das Feld der Wissenschaftskommunikation aus Ihrer Sicht nachhaltig geprägt haben?

Mehrere, ja. Erstens Digitalisierung, Plattformisierung und das Aufkommen sozialer Medien: Wissenschaftskommunikation ist seitdem vielfältiger geworden, weil mehr Akteure an ein breites Publikum kommunizieren können und teils tolle digitale Formate entstanden sind – gleichzeitig gibt es aber auch mehr Formate, die problematischen Content und Desinformation verbreiten. Und auch KI ist ein digitaler Gamechanger, der die Wissenschaftskommunikation massiv verändert und noch verändern wird.

Ein zweiter Wendepunkt war die Covid-19-Pandemie. Sie hat die Relevanz von Wissenschaftskommunikation deutlich gemacht, aber auch gezeigt, wie kontrovers, politisiert und emotional wissenschaftliche Expertise öffentlich verhandelt werden kann.

Ein letzter großer Aspekt sind (geo-)politische Verschiebungen in jüngerer Zeit, die mit wachsendem institutionellem Misstrauen und teilweise auch mit Angriffen auf Forschende oder Forschungseinrichtungen einhergehen. Viele geopolitische Konflikte sind eben auch Desinformations- oder Informationskonflikte, die Wissenschaft direkt und indirekt betreffen. Interessant ist, dass wir einige der Wissenschaftsthemen und Technologien, die aktuell geopolitisch relevant sind, kaum in der Wissenschaftskommunikation aufgreifen – etwa militärische Forschung oder Dual-Use-Technologien.

Und das Forschungsfeld? Wie hat sich dieses aus Ihrer Sicht entwickelt?

Das Forschungsfeld hat sich sehr verändert. Früher war die Wissenschaftskommunikationsforschung eine Nische, die irgendwo zwischen Kommunikationswissenschaft und Soziologie angesiedelt war. Das hat sich massiv verbreitert: Viel mehr Disziplinen wirken mit und es werden ganz unterschiedliche Perspektiven beforscht. Das zeigt sich auch institutionell: Fachgesellschaften sind entstanden und gewachsen. Es gibt mehr Leute, die zu Wissenschaftskommunikation forschen.

Und es gibt mehr Lehrstühle: Als ich vor 13 Jahren nach Zürich berufen wurde, gab es weniger als eine Handvoll, die schwerpunktmäßig dem Thema Wissenschaftskommunikation gewidmet waren. Diese Zahl hat sich inzwischen im deutschsprachigen Raum sicher verdreifacht.

Die Entstehung der externen Wissenschaftskommunikation wird oft darauf zurückgeführt, dass sich die Wissenschaften von der Gesellschaft abgegrenzt haben und bewusst „nach außen“ kommuniziert werden musste, um die Öffentlichkeit an Wissenschaften teilhaben zu lassen. Gibt es ein grundsätzliches Spannungsfeld zwischen der Professionalisierung der Wissenschaften und der Teilhabe der Öffentlichkeit? Wie bewerten Sie das Verhältnis und die Rolle der Wisskomm in diesem Sinne heute?

Historisch gesehen hat sich die Wissenschaft ja ab dem 15., 16., 17. Jahrhundert ihre eigenen Institutionen geschaffen und sich dabei stark von der Gesellschaft abgegrenzt. Diese Ausdifferenzierung und Schließung gegen Außen war auch notwendig – in der Zeit gab es starke externe Einflüsse, zum Beispiel durch Religion, politische Herrschaft, einflussreiche Mäzene. Das war also nicht einfach nur eine Abschottung, sondern auch Antwort darauf und eine Voraussetzung dafür, dass Wissenschaft überhaupt entstehen konnte.

Heute sind Wissenschaft und Hochschulen in westlichen Ländern aber natürlich autonomer, sie haben mehr Ressourcen und Verantwortung. Gleichzeitig müssen sie stärker gesellschaftlich, öffentlich und politisch erklären, warum es sie braucht und was sie tun.

Wissenschaftskommunikation ist dabei eine Form der Grenzarbeit: Sie macht Wissenschaft transparent und zugänglich, ohne die Eigenlogik der Wissenschaft aufzugeben. Ziel ist dabei nicht, die Grenze komplett aufzulösen. Wissenschaft braucht eigene Verfahren und Autonomie- und Qualitätsstandards in bestimmten Bereichen.

Gute Wissenschaftskommunikation kommuniziert zudem nicht nur nach außen, sondern gibt auch Impulse nach innen und trägt dazu bei, dass Wissenschaft sich selbst reflektiert. Es geht also auch darum, auf den eigenen Laden zu schauen und nicht nur das Schaufenster nach außen möglichst attraktiv zu bestücken.

Es heißt manchmal, dass die Wisskomm-Praxis und Forschung schon immer eng miteinander verzahnt waren, da die Forschung das Praxisfeld als Untersuchungsgegenstand hat. Wie steht es um diese Verzahnung tatsächlich? Wo gibt es noch Verbesserungsbedarf?

Ich nehme die Einschätzungen aus Forschung und Praxis über das wechselseitige Verhältnis eher als Klage wahr. Auf der einen Seite höre ich, dass Forschende sagen, die Praxis interessiere sich nicht für die Ergebnisse, und Praktiker*innen sagen, die Fragen der Forschung sind für uns nicht wirklich relevant oder nur schwer nutzbar. Wobei sich da auch viel Positives getan hat: Beispielsweise ist man sich heute in vielen Bereichen der WissKomm-Praxis bewusst, dass es einen einschlägigen Forschungsstand gibt, und der wird auch in Reflexionen und Entscheidungen einbezogen.

Wir könnten jetzt den nächsten Schritt gehen. Dafür braucht es aus meiner Sicht dauerhafte Grenzinstitutionen wie die Transfer Unit*, die Forschung aufbereiten und ziel- und zielgruppengerecht synthetisieren, praxisnahe Formate wie die Impact Unit von Wissenschaft im Dialog*, die Evaluationskompetenz vermitteln, Monitoringinstrumente wie die Wissenschaftsbarometer* oder das TechnikRadar, die Basiswissen zur Verfügung stellen und Austauschorte und Akteur*innen, die in der Lage sind, zwischen den Communities zu vermitteln. Dabei geht es natürlich nicht nur um Wissensvermittlung, sondern auch die Praxis kann und sollte der Forschung zeigen, welche Fragen relevant sind und in welchen Kontexten Wissen verarbeitet wird.

Insgesamt braucht es am Ende mehr langfristige Community Services statt Wettbewerbsgedanken. So sollten auch Finanziers und die großen wissenschaftlichen Organisationen in Deutschland denken. Auch Akademien und Transferinstitutionen können hier eine wichtige Rolle spielen, wissenschaftliches Wissen bündeln, einordnen und in gesellschaftlich relevante Orientierungsangebote übersetzen können – politikrelevant, aber nicht politikdeterminierend.

Was wünschen Sie sich für die Wissenschaftskommunikation in der Zukunft?

Ich glaube, wir sind auf einem guten Weg. Wissenschaftskommunikation erfüllt eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe. Gerade deswegen brauchen wir weiterhin mehr Selbstreflexion, gerade in einer Zeit, in der es mehr Gegenwind gibt und weiterhin geben wird. Sie sollte nicht nur die besten Ergebnisse ins Rampenlicht stellen, sondern auch Unsicherheiten und Probleme thematisieren oder aufzeigen, wo Wissenschaft sich vielleicht auch korrigieren muss. Kritik ist nicht immer gleich ein Angriff auf die Wissenschaft, sondern Teil glaubwürdiger Kommunikation.

Und Wissenschaftskommunikation sollte nicht einfach auf maximales Vertrauen in die Wissenschaft zielen, sondern begründetes Vertrauen ermöglichen, indem sie die Vertrauenswürdigkeit der Wissenschaft sichtbar macht: ihre Methoden, ihre Unsicherheiten, ihre Kontrollmechanismen, aber auch Fähigkeit zur Selbstkorrektur. Sie sollte dazu beitragen, Wissenschaft transparenter, zugänglicher und auch kritisierbarer zu machen – und auch dazu, dass gesellschaftliche Spannungen und Konflikte informierter, fairer und demokratischer bearbeitbar werden. Das Ziel von Wissenschaftskommunikation ist nicht, dass einzelne Institutionen gut dastehen, sondern dass der spezifische Beitrag, den Wissenschaft gesellschaftlich leisten kann, katalysiert wird.


Die Transfer Unit Wissenschaftskommunikation* hat dieses Interview im Rahmen der Veröffentlichung der ersten Ausgabe ihres Guides zur Wisskomm-Forschung geführt. Der Guide behandelt in mehreren Ausgaben zentrale Themen der Wisskomm-Forschung und erscheint im Newsletter der Transfer Unit.

*Transparenzhinweis: Wissenschaft im Dialog (WiD) ist einer der drei Träger des Portals Wissenschaftskommunikation.de. Gastbeiträge spiegeln nicht zwangsläufig die Meinung unserer Redaktion wider. Die Redaktion lag bei Anna Henschel.