Kunst trifft Quantenphysik: Bei der Sci-Art Residency am Isoquant Heidelberg tauchte die Dramaturgin Sarah Calörtscher sechs Monate lang in die Welt der Physik ein. Entstanden ist ein Theaterstück. Im Interview erzählen sie und die Projektverantwortliche Lisa Ringena, wie diese Zusammenarbeit funktioniert hat.
„Ich habe das Gefühl, dass ich beim Schreiben auch eine Art Wissenschaftlerin bin“

Bei der Sci-Art Residency arbeiten Künstler*innen und Forscher*innen eng zum Thema Quantenphysik zusammen. Die Künstler*innen entwickeln daraus künstlerische Projekte wie zum Beispiel Ausstellungen. Diese müssen Quantenphysik aber nicht unbedingt erklären, oder?
Lisa Ringena: Genau, das Ziel ist es, zunächst Gesprächsräume zu eröffnen, in denen über Quantenphysik gesprochen werden kann. Die Künstler*innen können ganz frei an den Themen forschen, die sie interessieren, ohne Zeitdruck. Am Ende soll irgendeine Art von Resultat herauskommen. Das können Ausstellungen sein, oder wie in Sarah Calörtschers Fall eine Lesung.
Das Publikum muss sich also nicht unbedingt für Quantenphysik interessieren?
Ringena: Nein, nicht unbedingt. Aber ganz abgeneigt sollte es natürlich auch nicht sein. Wichtiger ist, dass die Leute ein Interesse an Kunst mitbringen.
Im Bewerbungsprozess für die Residency werden die Künstler*innen gefragt: „Warum bewerben Sie sich?“. Frau Calörtscher, was haben Sie geantwortet?
Sarah Calörtscher: Nach all den Begegnungen mit Wissenschaftler*innen kommt es mir etwas naiv vor, aber ich habe geschrieben, dass ich mich beim Schreiben am ehesten wie eine Forscherin fühle, weil ich sehr genau sein muss. Beim Schreiben will ich unbedingt ein Thema durchdringen. Dadurch habe ich das Gefühl, dass ich beim Schreiben auch eine Art Wissenschaftlerin bin. Außerdem inspirieren mich beim Schreiben oft naturwissenschaftliche Themen. In einem meiner Stücke ging es beispielsweise um Ressourcen auf dem Mars.

Wie haben Sie die Residency erlebt?
Calörtscher: Ich fand es toll, dass ich mit so vielen verschiedenen Wissenschaftler*innen sprechen konnte. Ich genieße es, wenn mir etwas erklärt wird und ich es dann auch verstehe. Es war eine sehr luxuriöse Form der Recherche.
Dabei musste ich im Hinterkopf behalten, dass es nicht meine Aufgabe ist, das, was ich über Quantenphysik gelernt habe, rein wissenschaftlich weiterzugeben. Meine Aufgabe ist es, einen Resonanzraum zu öffnen. Es war herausfordernd, das zu jonglieren, aber genau das macht es auch spannend.
Worüber haben Sie mit den Wissenschaftler*innen gesprochen?
Calörtscher: Ich hatte einen Katalog mit Fragen, den ich an die jeweiligen Forscher*innen angepasst habe. Zusätzlich hatte ich drei bis fünf Fragen, die ich allen gestellt habe und auf die sie schnell antworten mussten, ohne lange zu erklären. Beispielsweise sollten sie mir ein Wort aus der Physik definieren, wozu man aber auch im Alltag einen Zugang hat, wie „Raum“ oder „Zeit“.
Künstler*innen und Wissenschaftler*innen kommen aus sehr unterschiedlichen Welten. Hatten Sie manchmal das Gefühl, dass es schwierig war, eine gemeinsame Sprache zu finden?
Calörtscher: Wir haben uns viel schneller verstanden, als ich das im Voraus angenommen hatte. Sprachliche Genauigkeit war ein gemeinsamer Nenner, der die Gespräche sehr schnell geprägt hat.
Manchmal bin ich vorgeprescht und habe eine Aussage der Physiker*innen neu formuliert, um eigene Gedanken einzuflechten. Das haben dann die Physiker*innen wiederum korrigiert, und ich habe den Gedanken weiterformuliert – in diesem Hin und Her haben wir uns oft gefunden.
Können Sie schon etwas über das Resultat Ihrer Recherche verraten?
Calörtscher: Beim Schreiben nehme ich häufig eine dezidiert feministische Perspektive ein. In den Gesprächen bin ich immer wieder darauf zu sprechen gekommen, dass es viel weniger FLINTA* in der in der Physik gibt. Deshalb wird es in dem Stück ganz bewusst um Physikerinnen gehen, die von real existierenden Physikerinnen inspiriert ist. Die Physikerinnen verhandeln unter anderem ihre Erfahrungen in einem patriarchalen System und suchen nach einem anderen Blick auf gewisse Themen.
Wie wird entschieden, welche Forscher*innen mitmachen?
Ringena: Meistens vermittele ich Wissenschaftler*innen, von denen ich denke, dass sie an Themen arbeiten, die für die Künstler*innen interessant sein könnten.
Eine andere Möglichkeit sind Artist Talks, die meistens auch öffentlich sind. Sarah hat zu Beginn ihrer Residency ihre künstlerische Praxis in solch einem Talk vorgestellt. Einige Forscher*innen sagten daraufhin, dass sie Interesse an einer Zusammenarbeit hätten.
Frau Ringena, bei der Wisskon-Konferenz hatten Ihre Kolleginnen Tina Kuka und Ursula Schöllkopf gesagt, dass es vonseiten der Forschenden anfangs falsche Vorstellungen davon gab, was die Künstler*innen in ihrer Residency tun würden. Was hatten die Forschenden erwartet?
Ringena: Am Anfang war nicht allen klar, was es bedeutet, wenn ein*e Künstler*in ans Institut kommt. Das Klischee war: „Künstler*innen kommen ans Institut? Super, dann können die ja das Coverbild für unser neues Paper entwerfen.“ Mittlerweile läuft schon die vierte Residency mit der visuellen Künstlerin Elisa Storelli, die Forschenden sind also inzwischen Profis im Bereich der Sci-Art-Projekte.
Profitieren auch die Forschenden von der Residency?
Ringena: Absolut, sie freuen sich über das Interesse an ihrer Forschung. Eine solche Offenheit ist etwas Besonders. Meistens reden Physiker*innen mit ihren Peers. Die Künstler*innen stellen natürlich ganz andere Fragen.
Calörtscher: Mich interessiert zum Beispiel immer: Warum hast du Physik studiert? Gibt es eine Sache, die dich an Quantenmechanik besonders fasziniert? Dadurch haben sie die Chance, noch einmal anders über ihren Zugang nachzudenken. Das kann eine neue Perspektive auf die eigene Forschung geben und vielleicht auch zu neuen Ideen führen.
Ich habe mit den Physiker*innen auch über die Scheu diskutiert, physikalische Themen vereinfachend zu vermitteln, obwohl es gleichzeitig die Aufgabe einer öffentlichen Institution ist, dies nach außen hin zu tun. Wir haben darüber gesprochen, dass es wichtig ist, dass sie als Wissenschaftler*innen ihre Arbeit nicht nur ihren Peers vermitteln können.
Welche Learnings konnten Sie aus den bisherigen Residencies ziehen?
Ringena: Unser größtes Learning ist es, starke Partnerinstitutionen zu finden.
Die Ausstellungen der ersten Residencies fanden an der Universität Heidelberg statt. Das wollten wir eigentlich vermeiden. Die Ausstellungen waren zwar gut besucht, aber viele der Besucher*innen stammten aus dem Universitätskontext.
Bei Sarahs Residency haben wir mit dem Nationaltheater Mannheim (NTM) und der Dramaturgin Franziska Betz starke Partner*innen an unserer Seite. Das Theater stellt Ressourcen und Expertise bereit, uns in diesem Projekt zu unterstützen. Es bietet uns einen künstlerischen Raum, der nicht wissenschaftlich konnotiert ist. Dadurch hoffen wir, ein diverseres Publikum anzuziehen. Zudem unterstützen sie uns dabei, geeignete Künstler*innen auszuwählen. Mit in der Jury für die Auswahl von Sarah waren außerdem die Autor*innen Leo Lorena Wyss und Wilke Weermann.
Hinzu kommt, dass die Sci-Art-Residency ein drittmittelgefördertes Projekt ist.Wenn man große Partnerinstitutionen an Bord holt, kann das Fördermittelgeber eher überzeugen.
Calörtscher: Auch das Theater profitiert davon, den Raum für andere Institutionen zu öffnen und so ein anderes Publikum anzuziehen. Nach meiner Lesung wird beispielsweise ein Gesprächsformat zwischen dem Theaterpublikum und den Physiker*innen stattfinden. Das wird eine interessante Mischung und eine große Chance dieser interdisziplinären Zusammenarbeit sein.
* FLINTA: Frauen, Lesben, Inter-, Nicht-binäre, Trans- und Agender-Personen
* Das Nationale Institut für Wissenschaftskommunikation (NaWik) ist einer der drei Träger der Plattform Wissenschaftskommunikation.de
Weitere Informationen:
Die Lesung von Sarah Calörtschers Theaterstück wird am 16.Mai 2026 um 20 Uhr am National Theater Mannheim stattfinden. Mehr Infos auf der Webseite des NTM.