„Ich bin als verbeamteter Professor der Verfassung und deren Schutz verpflichtet“

Beim Verein „Wissenschaft für Demokratie“ engagieren sich Wissenschaftler*innen für die Demokratie – weil sie das als ihre Pflicht ansehen. Ziel ist neben Aufklärung, sich ehrlich für das Feedback der Bürger*innen zu interessieren. Wie gut das gelingt, erzählt der Gründer Stefan Pfister.  

Herr Pfister, Sie sind Kinderarzt und Wissenschaftler. Warum war es Ihnen wichtig, in diesen Rollen den Verein „Wissenschaft für Demokratie“ zu gründen, der sich das Ziel gesetzt hat, die Demokratie zu verteidigen?

Stefan Pfister ist Molekularbiologe und Kinderonkologe am Hopp-Kindertumorzentrum Heidelberg (KiTZ), am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) und am Universitätsklinikum Heidelberg. Außerdem ist er Gründer und Vorsitzender des Vereins Wissenschaft für Demokratie. Foto: Oyunaa von Stackelberg

Vor der letzten Bundestagswahl haben meine Kolleg*innen und ich bemerkt, dass in unserer wissenschaftlichen Community so viel wie nie zuvor über die bedenklichen politischen Entwicklungen in Wissenschaft und Gesellschaft gesprochen wurde. Sowohl international als auch national. Wir als Wissenschaftler*innen und somit als gesellschaftlich relevante Gruppe gestalten diesen Diskurs öffentlich allerdings kaum mit. 

Diese Überlegungen waren der Auslöser für eine Petition, mit der wir uns als Wissenschaftler*innen aus dem Bereich der Onkologie an die Bürger*innen richteten und zur Wahl demokratischer Parteien aufriefen. Das Motto dieser Petition war: „Fakten sind das Rückgrat unserer Demokratie.” Denn Fakten und Meinungen werden immer häufiger gleichgesetzt – ob in den sozialen Medien, in politischen Diskursen, an Stammtischen oder in Vereinen. Das gefährdet die Demokratie. Wir möchten unsere Rolle als Wissenschaftler*innen nutzen um auf diese Gefahr hinzuweisen.

Wieviel Anklang fand diese Petition?

Es war faszinierend, innerhalb weniger Tage hatten wir 5.000 Unterschriften aus ganz Deutschland gesammelt. Im nächsten Schritt wollten wir unter dem gleichen Motto Demos auf Uni-Campus in ganz Deutschland organisieren. Allerdings zeigten fast alle Universitäten und Forschungseinrichtungen eine große Berührungsangst, etwa wenn es darum ging, E-Mail-Verteiler zu nutzen oder Plakate aufzuhängen. Das fanden wir verblüffend, denn diese Demos waren ja nicht parteipolitisch ausgelegt. 

Uns wurde klar: Wenn bei einem nicht parteipolitischen Thema bereits ein vermeintliches Neutralitätsgebot der Wissenschaft ins Feld geführt wird, dann brauchen wir eine eigene Organisation, um überhaupt agieren zu können und hörbar zu werden. Das war für uns die Motivation, im Mai letzten Jahres den Verein zu gründen. Mittlerweile haben wir schon mehr als 200 Mitglieder.

Was wünschen Sie sich konkret, wie sich Organisationen und Hochschulen verhalten?

Ich bin verbeamteter Professor und somit auch der Verfassung und deren Schutz verpflichtet. Es ist also meine Verpflichtung als Staatsdiener mich gegen verfassungsfeindliche Organisationen zu positionieren. Zudem rührt auch meine Glaubwürdigkeit daher, dass ich mich nicht als Stefan Pfister, Hobbysaxophonist, sondern als Wissenschaftler und Arzt äußere. Genauso sollten sich meines Erachtens Organisationen klar positionieren, wenn es darum geht, Verfassungskonformität einzufordern.

Sie sagten, sie sähen es als ihre Pflicht als Staatsdiener an, sich gegen verfassungsfeindliche Organisationen und Parteien zu positionieren. Welche Verantwortung tragen Bürger*innen?

Jeder und jede Einzelne muss einen Beitrag leisten, damit wir das, was unsere Großeltern und Eltern uns ermöglicht haben – in Freiheit, Demokratie, in einem Sozialstaat und in Frieden mit unseren Nachbarn zu leben – erhalten können. Das ist nicht vom Himmel gefallen, und jede*r muss sich überlegen, welchen Beitrag er oder sie leisten kann. Ich glaube, dass auch kleinste Beiträge, wie Würstchen beim Sportverein zu verkaufen, wichtig sind. Leider ist es unpopulär geworden, sich für die Gemeinschaft zu engagieren. Viele Menschen sind hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt, da scheint das Gemeinwohl manchmal eher zweitrangig zu werden.

Auf der Webseite wird der Verein „als Antwort auf eine wachsende gesellschaftliche Herausforderung: den Verlust von Vertrauen in Wissenschaft und Demokratie“ beschrieben. Schaut man sich Umfragen wie das Wissenschaftsbarometer an, ist das Vertrauen in Wissenschaft in den letzten Jahren recht konstant. Trotzdem beschreiben Sie dieses Gefühl, dass Skepsis gegenüber Wissenschaft steigt. Was glauben Sie, ist der Grund dafür?

Das stimmt, dieses Gefühl lässt sich nicht eindeutig nachweisen. Es ist vergleichbar mit dieser Abstiegsangst von vielen Menschen, die sich auch nicht messen lässt, weil über die letzten Jahrzehnte Menschen pro Kopf eher reicher als ärmer werden. Trotzdem bleibt dieses Gefühl.

Was meines Erachtens einen wesentlichen Beitrag dazu leistet, ist, dass sich viele Menschen mittlerweile ausschließlich über Social Media informieren und nun zusätzlich KI einsetzen, um sich Informationen zu beschaffen. Dass Jugendliche TikTok mittlerweile als wichtigste Informationsquelle verwenden, finde ich mehr als bedenklich. Denn häufig fehlt die nötige Medienkompetenz, um glaubwürdige Informationsquellen zu identifizieren – und das betrifft nicht nur Jugendliche.

Skepsis gegenüber neuen technischen Möglichkeiten oder der Industrie, die angeblich Medikamente zurückhalten würde, die Leben retten könnten, Geschichten von angeblich in Deutschland inhaftierten Ärzten, die sich impfskeptisch geäußert haben – solche Erzählungen können sich viel stärker und rasant schnell verbreiten. Sie vermitteln den Eindruck, dass die Skepsis gegenüber der Wissenschaft steigt. Ob sich diese Skepsis irgendwann messen lässt, bleibt abzuwarten. In den USA wird sie jedenfalls inzwischen sogar von der Regierung befördert.

Wie ist der Verein organisiert? 

Der Verein finanziert sich über Mitgliedsbeiträge. Außerdem stellen wir Förderanträge und erhalten immer wieder Einzelspenden.

In dem Verein gibt es Arbeitsgruppen, die an verschiedenen Themen arbeiten. Wenn ein Mitglied eine Idee für ein Thema hat, dann wird eine entsprechende Gruppe eingerichtet. Manchmal entstehen daraus konkrete Projekte, manchmal eher Überthemen, zu denen diskutiert wird, wie „Resilienz des Wissenschaftssystems“. In diesem Jahr war die Arbeitsgruppe „Wir hören zu“ sehr aktiv. Diese Gruppe hat zum Beispiel eine Roadshow zu den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin geplant, an der auch ich teilgenommen habe.

Viele der Projekte werden von den Vereinsmitgliedern pro bono angeboten. Bei der Roadshow beispielsweise engagieren sich alle Referent*innen ohne Bezahlung. Auch ich habe mir dafür zwei Wochen unbezahlten Urlaub genommen. 


Nehmen wir diese Roadshow als Beispiel: Was wollten Sie bei den Bürger*innen konkret bewirken?

In erster Linie wollten wir ins Gespräch kommen. Das sollte der generelle Anspruch von Wissenschaftskommunikation sein. Meiner Wahrnehmung nach richtet sie sich aber größtenteils an die wissenschaftliche Blase. Es wird an Leute kommuniziert, denen man zeigen möchte, wie toll die eigene Forschung ist. Mit den Leuten, die man eigentlich erreichen müsste, wird eher selten kommuniziert. Gerade ihnen muss jedoch erklärt werden, dass Wissenschaft nicht nur einen Selbstzweck zum Erkenntnisgewinn und für den eigenen Lebensunterhalt darstellt, sondern auch ein wichtiger Motor für Wertschöpfung und Wohlstand ist und es sich daher lohnt, sie zu finanzieren und auszubauen, gerade in einem Hochlohnland wie Deutschland.

Und wir müssen uns ehrlich für das Feedback der Bürger*innen interessieren: Wie ist die Sicht auf Wissenschaft? Welche Forschungsfragen werden als relevant bewertet? Was wird kritisch gesehen? 

Für uns sind diese Projekte auch ein Experiment. Wir lassen uns auf verschiedene lokale Orte ein, vom Bauernhof über Kirchen bis zu Stadtbibliotheken und Vereinen. In den Gesprächen steuern wir gerne unsere Fachexpertise bei, wollen dabei den Leuten aber nicht oberlehrerhaft erzählen, wie die Welt funktioniert. 

Parallel dazu haben wir fachlich geprüften Social Media Content produziert, den wir frei zur Verfügung stellen. Wir hoffen, mit dieser Kombination aus Social-Media-Content und Begegnungen vor Ort Menschen zu erreichen, die sich vielleicht zum ersten Mal ernsthaft mit diesen Themen auseinandersetzen. 

Nun ist die Roadshow mit mehr als 20 Veranstaltungen zu Ende. Erreichten Sie die Menschen, die Sie sich erhofften? 

Ja, ich denke schon. Besonders eindrücklich waren die vielen persönlichen Begegnungen während der Roadshow. Ob beispielsweise in der Lutherstadt Wittenberg, im kleinen Pouch am Muldestausee oder in Kalbe (Milde): Überall erlebten wir ein großes Bedürfnis, komplexe Themen nicht mit einfachen Antworten abzutun, sondern sie wirklich zu verstehen. Die Menschen fragten nach Impfungen und Krebs, diskutierten über Wissenschaftsfreiheit und die Verteilung begrenzter Mittel im Gesundheitssystem, aber auch über Klima, Migration und die Zukunft Europas. Die Gespräche waren mitunter kontrovers, blieben aber stets respektvoll und offen.

Gleichzeitig beeindruckte uns, wie sehr sich viele Orte seit unseren Erinnerungen an die Nachwendezeit verändert haben. Pouch etwa steht exemplarisch für den Strukturwandel: Wo einst Braunkohletagebau und Schwerindustrie die Landschaft prägten, entstand rund um den Muldestausee eine attraktive Natur- und Erholungslandschaft – und mit dem „Confugium“ ein lebendiger Ort der Begegnung. Neben Stolz auf das Erreichte war in vielen Gesprächen jedoch auch Sorge vor der Zukunft zu spüren: Wie wird es unseren Kindern gehen? Wie sichern wir Wohlstand, Frieden, soziale Sicherheit und ein lebenswertes Klima? Gerade diese Begegnungen haben gezeigt, wie wichtig Orte sind, an denen Wissenschaft und Gesellschaft nicht übereinander, sondern miteinander sprechen. 

Genau deshalb wollen wir unser Konzept auch weiterführen und planen bereits die nächsten Veranstaltungen in ganz Deutschland, gerade auch in ländlichen Regionen, wo es solche Angebote häufig nicht gibt.