In Deutschland fehlen laut Forschung kriminologische Daten, bei der Hightech-Agenda gibt es Leerstellen und eine Studie zeigt, dass künstlich generierte Bilder häufig rassistisch sind. Das Wisskomm-Update gibt alle 14 Tage einen Überblick über aktuelle Themen, Debatten und Trends.
Forscher*innen kritisieren die Polizeistatistik
Was gibt’s Neues?
Kritik aus der Forschung an der Polizeilichen Kriminalstatistik
Für die Wissenschaft ist die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) vor allem eines: ein häufig missverstandenes Instrument. Zwar liefert sie jährlich Zahlen zu Strafanzeigen in Deutschland, doch die kriminologische Forschung ordnet die Ergebnisse der Statistik deutlich vorsichtiger ein, als Politik und Medien es häufig tun.
Die Kriminologin Susann Prätor erklärt im aktuellen Interview mit der Legal Tribune Online: “Die PKS ist vor allem Tätigkeitsbericht der Polizei.” Sie sei eine Dokumentation dessen, was angezeigt und bearbeitet wurde. Aussagen über die tatsächliche Kriminalitätsentwicklung ließen sich daraus nur sehr eingeschränkt ableiten, da das Anzeigeverhalten die Zahlen maßgeblich beeinflusse.
Ein zentraler Punkt sei die Unterscheidung zwischen Hell- und Dunkelfeld. Die PKS bilde fast ausschließlich das Hellfeld ab, während ein großer Teil der Kriminalität unsichtbar bleibe. Forschende fordern deshalb laut dem Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) bereits seit Jahren langfristige Dunkelfeldstudien, um Entwicklungen besser einschätzen zu können. Kritisiert wird auch die fehlende Verknüpfung der PKS mit Daten von Staatsanwaltschaften und Gerichten. Ein erheblicher Teil der registrierten Verdachtsfälle werde später nicht weiterverfolgt, sodass unklar bleibe, wie viele der in der PKS erfassten Fälle tatsächlich strafrechtlich relevant seien. Niklas Harder schreibt im DeZIM-Blog, dass es somit “in Deutschland keine geeignete Grundlage für seriöse, datenbasierte kriminologische Forschung gibt.” Gleichzeitig zeige der rege Diskurs um die PKS, dass es ein gesteigertes Informationsbedürfnis zu kriminologischen Fragen besteht.
Die öffentliche Debatte über nichtdeutsche Tatverdächtige sei besonders problematisch. Bereits 2025 warnte die Kriminologin Gina Rosa Wollinger im Newsletter “Wie Rechte Reden” vor vorschnellen Schlüssen. Die Kategorie „Staatsangehörigkeit” sei zu grob und ignoriere zentrale Faktoren wie Alter, Geschlecht oder soziale Lage. Zudem zeigen Studien, dass Anzeige- und Kontrollwahrscheinlichkeiten ungleich verteilt sind und bestimmte Gruppen häufiger im Hellfeld erscheinen. Auch situative Effekte, wie etwa Tourismus oder Großereignisse, würden die Zahlen zusätzlich verzerren.
Hinzu komme eine Verzerrung durch politische und mediale Aufmerksamkeit. Themen wie Gewalt im öffentlichen Raum oder Migration dominierten häufig die Debatte, während andere Bereiche vergleichsweise wenig Beachtung finden. Aus Sicht der Wissenschaft stellt die hervorgehobene Kommunikation der PKS ein Problem dar – die Grenzen der Aussagekraft sollten klarer kommuniziert werden.
Leerstelle in der Hightech-Agenda
Die Hightech-Agenda Deutschland ist ein zentrales, innovationsspolitisches Programm der Bundesregierung. Sie soll vor allem die Defizite Deutschlands beim Transfer in Anwendung und wirtschaftlicher Nutzung adressieren. Benedikt Fecher*, Monika Landgraf und Stefanie Molthagen-Schnöring kommentieren in Table Briefings, dass das eigentliche Problem darin liege, dass die Kommunikation zu stark vernachlässigt werde.
Die Autor*innen argumentieren, dass Transferprozesse grundlegend kommunikativ organisiert seien, also auf Übersetzung, Abstimmung und Dialog zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft beruhen. Zwar erkenne die Agenda Wissenschaftskommunikation als wichtigen „Hebel“ an, behandle sie aber eher als begleitende Maßnahme statt als zentralen Bestandteil von Innovation. Damit bleibe unklar, wie genau Kommunikation dazu beiträgt, dass Wissen tatsächlich in Anwendung gelangt. Dies sei eine Leerstelle, denn ohne funktionierende Kommunikationsprozesse könne Transfer kaum gelingen.
Fecher und Co. unterscheiden zwei Formen: Zum einen gebe es die Transferkommunikation an den Schnittstellen von Forschung und Anwendung, wo konkrete Lösungen ausgehandelt werden. Zum anderen gebe es die Akzeptanzkommunikation gegenüber der Öffentlichkeit, die gesellschaftliche Anschlussfähigkeit schaffe. Beide seien eng miteinander verzahnt und laut den Autor*innen bislang institutionell unterentwickelt. Das Potenzial der Wissenschaftskommunikation im Innovationssystem werde noch nicht ausgeschöpft.
Wenn die Hightech-Agenda wirken soll, müsse Wissenschaftskommunikation strategisch stärker als integraler Teil von Transferprozessen verankert werden. Sie solle den Autor*innen zufolge keine nachgelagerte Vermittlung sein, sondern die Voraussetzung dafür schaffen, dass Innovation in der Praxis überhaupt ankomme.
Und sonst?
Leonid A. Klimov übernimmt Nature Marsilius Gastprofessur für Wissenschaftskommunikation an der Universität Heidelberg. Der Redakteur arbeitet seit 2015 für das Magazin dekoder.org und wurde 2024 für den Grimme Online Award nominiert.
Die Transfer Unit* hat ein neues Format: In der Kurzbericht-Reihe stellen Wissenschaftler*innen neue Erkenntnisse kurz und mit direktem Praxisbezug vor. Im ersten Beitrag geht es um Wissenschaftskommunikation in Zeiten der Postfaktizität.
Martin Smollich informiert auf seinem Instagramkanal @ernmedblog zu Ernährungswissen. Jetzt erhielt er von der Universität Lübeck den Preis für herausragende Wissenschaftskommunikation.
Mai Thi Nguyen-Kim fordert im Standard stärkere Anreize für kommunizierende Forschende. Sie sprach im Rahmen der Veranstaltung „(Des-)Informationszeitalter: Wie sich Wissenschaft zwischen all dem Geschrei hörbar macht“.
Bibliotheken haben immer stärker mit pseudowissenschaftlichen Büchern zu kämpfen. Stephan Wünsche warnt im Blog der Universitätsbibliothek Leipzig vor künstlich generierten Büchern “mit wissenschaftlichen Anstrich”.
Und die Forschung?
Wie verzerren künstlich generierte Bilder visuelle Vorstellungen? Ein Forschungsteam um Zituo Wang von der University of Southern California hat anhand von 9.600 Bildern, generiert von den vier Modellen GPT-4o, Llama 3, Wanx2.0 und Wenxin 3.5, rassistische Verzerrungen in beruflichen Kontexten untersucht. Das Ergebnis: Weiße Personen sind bei den meisten Modellen überrepräsentiert, sie nehmen häufiger dominante Positionen ein und stärken eine durch Weiße geprägte Wissens- und Machtordnung. Auch die chinesischen Modelle generieren einen erheblichen Anteil weißer Individuen. Dies deute auf die Asymmetrien hin, die in Trainingsdaten enthalten sind, schreiben die Forschenden.

In der Kommunikation von Forschungsergebnissen werden häufig generische, also nicht-quantifizierte Aussagen genutzt („Dieses Medikament reduziert die Anfälligkeit für XY“). Sprachmodelle wie ChatGPT übernehmen diesen Stil oft. Forschende um Uwe Peters von der Utrecht University haben untersucht, wie Lai*innen, Wissenschaftler*innen und die beiden Sprachmodelle ChatGPT-5 und DeepSeek solche generischen Aussagen interpretieren. Im Vergleich zu Wissenschaftler*innen empfanden Lai*innen diese meist als allgemeingültiger und glaubwürdiger. Die Sprachmodelle verallgemeinerten die Ergebnisse noch mehr. Darin sehen die Forschenden Risiken für die Wissenschaftskommunikation und raten, der Sprache von Wissenschaftler*innen und deren Interpretation durch Sprachmodelle mehr Aufmerksamkeit zu schenken.
Sprachmodelle, die Dritte: Noushin Mohammadian und Omid Fatahi Valilai von der Constructor University in Bremen zeigen in einer Studie, wie Sprachmodelle menschliche Influencer*innen bei Social-Media-Kampagnen im Umweltbereich unterstützen können. Ihr Modell ist auf „Null-Schadstoff“-Initiativen ausgerichtet und nutzt KI als adaptiven Agenten, der Texte entwerfen und direkt auf Bürger*innenkommentare reagieren kann.
Termine
📆 11. – 12. Mai 2026 | Workshop: Wie wirkt Wissenschaftskommunikation? Impulse aus Praxis und Forschung (Göttingen) | Mehr
📆 12. Mai 2026 | KI-Perspektiven: Feminismus und Künstliche Intelligenz am Dienstag (Bonn) | Mehr
📆 17. Mai 2026 | Bewerbungsfrist für die neue Themenrunde zu KI bei I’m a Scientist* im Juni 2026 | Mehr
📆 19. Mai 2026 | Zwischen Schlagzeile und Lebenswelt: Journalismus im Dialog (Wien) | Mehr
Jobs
📢 Referent*in für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit | Cochrane Deutschland Stiftung (CDS) (Keine Bewerbungsfrist)
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Fundstück
Das Wisskomm-Kolleg* teilt Reflexionsfragen für die gute Wissenschaftskommunikation von Morgen als Poster und Postkarten zum Drucken.

* Wissenschaft im Dialog ist einer der drei Träger der Plattform Wissenschaftskommunikation.de.