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„Es ist auch fein, wenn jemand keine Lust auf Wissenschaft hat“

Wer marginalisierte Gruppen erreichen will, riskiere, Ungleichheiten zu reproduzieren, sagt Miriam Welz. Im Interview erklärt die Doktorandin von der Universität Leipzig ihr Konzept des „Academic Saviourism“ – und teilt Überlegungen für eine inklusivere Wissenschaftskommunikation.

In einem Artikel für das Journal of Science Communication (JCOM) stellen Sie Ihr Konzept des „Academic Saviourism“ vor, was mit „akademisches Retter*innentum“ übersetzt werden könnte. Was meinen Sie damit?

Miriam Welz ist Promovendin an der Universität Leipzig, gefördert durch ein Promotionsstipendium der Hans-Böckler-Stiftung, und forscht an der Schnittstelle von Wissenschaftskommunikation und Science and Technology Studies zu Fragen von Chancengleichheit und sozialer Gerechtigkeit. Sie arbeitet zudem als wissenschaftliche Mitarbeiterin an ihrem Institut, lehrt im Bereich Wissenschaftskommunikation und Medienwissenschaft und war vor ihrer Promotion mehrere Jahre praktisch in der Wissenschaftskommunikation tätig. Foto: Susen Heyder

‚Academic Saviourism‘ beschreibt, wie gut gemeinte Inklusionsversuche in der Wissenschaftskommunikation oder in wissenschaftlichen Institutionen die Ungleichheiten aufrechterhalten können, die sie bekämpfen wollen. Das rührt meiner Ansicht nach vor allem daher, dass man unhinterfragt davon ausgeht, dass Wissenschaft für alle wertvoll, nützlich und interessant ist – und dass man durch ,Public Engagement with Science‘ bei marginalisierten Menschen oder Gruppen ‚einen Unterschied macht‘. Genau diese moralische Rahmung schafft aber ein Ungleichgewicht: zwischen denen, die definieren, was als Nutzen gilt, und denen, die ihn empfangen sollen. Dabei wird oftmals übersehen, dass man Menschen, die die Wissenschaftskommunikation adressiert, erstmal fragen sollte, ob sie das überhaupt auch so sehen. Durch ‚Academic Saviourism‘ werden die marginalisierten Gruppen, mit denen man arbeiten möchte, zu passiven Empfänger*innen von wissenschaftlichem Wissen gemacht. Sie werden dabei nicht gefragt, welche Themen für sie interessant wären und zu welchen Bedingungen Public Engagement stattfinden sollte. So wird Inklusionsarbeit eher zur Performance als zu einer wirklich transformativen Praxis, und die epistemischen Ungleichgewichte, die man eigentlich abbauen will, werden am Ende eher verstärkt.

An wen sollte sich Wissenschaftskommunikation richten?

Bisher erreicht Wissenschaftskommunikation vor allem eine akademisch gebildete, weiße, ökonomisch gut gestellte Mittelklasse. Dass wir aber auch marginalisierte Menschen und Gruppen erreichen sollten, liegt für mich auf der Hand. Ich denke, dass alle Menschen von Wissenschaft profitieren können und sich Wissenschaftskommunikation positiv auf informierte Entscheidungen im Alltag und demokratische Prozesse auswirken kann. Es geht aber vor allem um das ‚Wie‘, wenn wir einen Mehrwert für unterschiedliche Menschen schaffen wollen. Gerade in einer Zeit, in der immer mehr Abstand von Fakten genommen wird, ist es wichtig, den Nutzen von Wissenschaft für verschiedene lebensweltliche Kontexte deutlich zu machen. Das heißt aber nicht, dass sich alle dafür interessieren müssen — nur, dass alle die Möglichkeit dazu haben sollten.

Es ist auch fein, wenn jemand keine Lust auf Wissenschaft hat. Man kann ein schönes Leben haben, ohne sich – zumindest bewusst – mit wissenschaftlichen Fragen zu befassen. Ich habe das bei meiner Familie erlebt. Sie hatten einen landwirtschaftlichen Betrieb und haben Gemüse und Tabak angebaut. Sicher hätte es wissenschaftliche Ergebnisse aus der Agrarforschung und -Industrie gegeben, die ihnen praktisch geholfen hätten. Aber ihr Alltag war von harter, intensiver Arbeit geprägt. Für die Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Erkenntnissen blieb schlicht keine Zeit. Ihr eigenes, über Jahre erarbeitetes Erfahrungswissen hat ihnen gereicht, um den Betrieb am Laufen zu halten. Ihr Leben und ihre Arbeit waren dadurch nicht weniger wert.

Was verhindert Inklusion in der Wissenschaftskommunikation?

Schwierige Sprache und Fachbegriffe sind eine der geläufigsten Barrieren. Aber auch der akademische Umgangston und der allgemeine Habitus, der in Forschungs- und Wissenschaftskontexten gängig ist, können abschreckend wirken. Hinzu kommen fehlende Barrierefreiheit für Menschen mit Behinderungen sowie ein Mangel an diversen Vorbildern, weil Kommunikator*innen nicht die Vielfalt der Gesellschaft repräsentieren. Auch gehen die Themen oder ‚das Wie‘ – sprich Formate, Medien und Rahmenbedingungen – der Wissenschaftskommunikation am Alltag vieler Menschen vorbei.

Nicht zu vernachlässigen sind außerdem Barrieren, die nicht unbedingt in der Wissenschaft selbst liegen, sondern breiter im Bildungssystem, in der Politik und der Gesellschaft verankert sind. Das sind zum Beispiel unsichere Lebenssituationen von Menschen. Wenn eine Person prekär lebt und finanzielle Probleme hat, wird sie nicht zwangsläufig sofort das nächste Wisskomm-Angebot annehmen, weil sie schlicht Wichtigeres zu tun hat. Es kann auch sein, dass Menschen im Laufe ihres Lebens Diskriminierungserfahrungen in der Schule oder in Ausbildungskontexten gemacht haben, sodass sie das Gefühl haben, dass Wissenschaft, Wissenschaftskommunikation und wissenschaftliche Angebote nicht für sie gedacht sind. Einen genaueren Überblick über Exklusionsdimensionen und Barrieren in der Wissenschaftskommunikation gibt auch ein Forschungsüberblick für die Transfer Unit von WiD*, den ich gemeinsam mit Christian Humm und Philipp Schrögel erarbeitet habe.

Wann haben Sie gemerkt, dass in der Wissenschaftskommunikation Inklusion oft nicht so gut gelingt, wie es wünschenswert wäre? 

Angefangen hat das nach meinem Masterstudium, als ich eine Stelle als Wissenschaftskommunikatorin an einem Forschungszentrum für künstliche Intelligenz angenommen habe und dort eine Art Transferspace mit aufgebaut habe, ein ‚Living Lab‘. Wir wollten damit eine Austausch- und Kommunikationsplattform etablieren. Ich habe gemerkt, dass es mir wichtig war, andere Gruppen anzusprechen als die, die sowieso kamen: vor allem weiße, männliche Universitätsmitarbeitende. Ich habe mich gefragt, wie das gelingen kann und habe dies als Ausgangspunkt für meine Forschung genommen. Für meine Doktorarbeit habe ich ethnografisch gearbeitet. Das heißt, ich habe als teilnehmende Beobachterin verschiedene Wisskomm-Projekte begleitet und erforscht.

Ausschlag für die Entwicklung des Konzepts des „Academic Saviourism“ hat meine Teilnahme in der AG „Wissenschaftskommunikation diverser denken“ der zweiten Ausgabe der Factory Wisskomm gegeben. Dort habe ich in einem Workshop den Begriff genutzt, um die Frage zu formulieren, wem Inklusion eigentlich dient. Ich habe mich gefragt, woher der Wunsch kommt, möglichst inklusiv zu arbeiten. Nützt den Gruppen, mit denen wir in Kontakt treten wollen, die Inklusion oder dient dies mehr den Institutionen selbst? Mir ist dann aufgefallen, dass es in der Wissenschaftskommunikation bisher keine passende Theorie dazu gibt. Also habe ich Perspektiven aus unterschiedlichen Disziplinen zusammengeführt – unter anderem Bourdieus Konzepte von Habitus und Kapital1 und Kritiken am ‚White Savior Industrial Complex‘ aus den Critical Race Studies2.

Der Kern Ihres Konzepts sind drei Manifestationen. Was besagen sie?

Das sind als erstes „Affective Burdens“, also affektive Belastungen. Es geht darum, dass Menschen, die gesellschaftlich marginalisiert sind, enormen Belastungen ausgesetzt sind. Sie sind regelmäßig diskriminierenden Mikroaggressionen ausgeliefert, wenn sie sich an Orten bewegen, die nicht für sie gemacht sind und in denen sie und ihre Perspektiven nicht mitgedacht wurden. Das liegt oft gar nicht an einzelnen Menschen, sondern daran, dass Wissenschaft als sehr alte Institution ein eher akademisches Publikum im Kopf hat, welches nicht den Durchschnitt in unserer Gesellschaft widerspiegelt. Es gibt zum Beispiel eine Studie von Emily Dawson zu einkommensschwachen und ethnisch-marginalisierten Gruppen in britischen Wissenschaftsmuseen. Sie zeigt, dass Menschen solche Wissenschaftsräume als anstrengend und auch ausgrenzend erfahren. Deshalb bleiben Menschen solchen Räumen fern. Es reicht nicht, sie dorthin einzuladen und dann ist alles gut. Denn es beseitigt den Ausschluss nicht, wenn der Raum weiterhin für andere Menschen gemacht ist.

Die zweite Manifestation habe ich „Performative Inclusion“ genannt, also performative Inklusion. Der Begriff zielt auf kurzfristige symbolische Aktionen ab, die Policy-Strategien oder Leitbildern entsprechen sollen. So wird im Pride Month eine Flagge gehisst, aber am Kern der exkludierenden Strukturen ändert sich nicht. Oft bleibt Inklusion dabei eine Frage der Sichtbarkeit – wer im Bild ist, wer erwähnt wird –, statt tatsächlich Mitsprache oder Deutungsmacht zu verschieben.

Die dritte Manifestation nenne ich „Normative Assumptions“, also normative Annahmen, die über und nicht mit marginalisierte Gruppen getroffen werden. Man geht zum Beispiel davon aus, dass diese Gruppen schwer erreichbar oder desinteressiert sind und deshalb muss man sie gezielter ansprechen. Der Denkfehler dabei ist, dass man nicht vorher fragt: was könnten die Leute gebrauchen? Man geht einfach davon aus, dass sie das spannend finden müssen. Das entspricht dem Defizitmodellgedanken, der in der Wissenschaftskommunikation immer noch präsenter ist, als wir denken. Dabei kann Desinteresse auch einfach eine legitime Reaktion sein, etwa auf schlechte Erfahrungen mit Institutionen oder schlicht andere Prioritäten.

Haben Sie ein Beispiel dafür, wie in Projekten Ungleichheiten reproduziert werden?

In meinem Artikel beschreibe ich ein zusammengesetztes Beispiel, das Beobachtungen aus meiner Feldforschung bündelt: Es geht um die Entwicklung von assistiven Technologien für Menschen mit kognitiven Behinderungen. Die betroffenen Menschen mit Behinderungen, die später selbst mit der Technologie arbeiten sollen, können nicht an den Workshops teilnehmen, weil sie nicht in Leichter Sprache stattfinden und außerdem viel zu lang sind. Statt die Workshops entsprechend anzupassen, arbeiten die Forschenden stattdessen mit Vertreter*innen ohne Behinderungen weiter – und damit schließen sie genau die Menschen aus, um die es eigentlich gehen sollte. Um das zu verhindern, muss man früher im Planungsprozess anfangen, inklusiv zu arbeiten.

Wie kann das besser funktionieren?

Im Idealfall fängt man vor dem Projekt schon an, mit den Gruppen zu arbeiten und überlegt gemeinsam, wozu gearbeitet werden soll und welche Rahmenbedingungen alle Beteiligten dafür brauchen. In einem Projekt, das ich begleitet habe, wurde zunächst auf Basis eines Bürger*innendialogs nach spannenden Themen gesucht, die Menschen in einer Stadt interessierten. Das Thema der Forschung ist aus dem Community-Interesse hervorgegangen. Es wurde auf der Basis von zivilen Stakeholder-Gruppen gemeinsam überlegt, wie das Projekt aussehen soll. Ich erzähle davon so abstrakt, weil ich den Projekten Anonymität zugesichert habe.  

Dass so ein partizipatives Forschungsprojekt für mich überhaupt als Wissenschaftskommunikation zählt, liegt an meinem Verständnis des Begriffs: Ich begreife Wissenschaftskommunikation nach Massimiano Bucchi und Brian Trench als „Social Conversation Around Science“ – als Spektrum von eher einseitigen bis zu offenen, gemeinsam gestalteten Formaten, bei denen Menschen nicht als homogenes Publikum, sondern als vielfältig und mit eigener Handlungsmacht gedacht werden.

„Academic Saviourism” ist ein Sensitizing Concept. Was bedeutet das?

Das bedeutet, dass es nicht in Stein gemeißelt ist, sondern eher als analytische Brille dient, die sowohl aus Literatur- als auch Feldarbeit heraus entstanden ist. Mein Anspruch ist nicht, mit dem Finger auf Projekte zu zeigen. Ich nehme mich auch ausdrücklich nicht aus dem Saviourism-Gedanken aus. Auch ich habe mich schon gefragt: Für wen mache ich Wissenschaftskommunikation? Warum ist es mir so wichtig, auch marginalisierte Gruppen und nicht nur die ‚usual suspects‘ anzusprechen? Geht es darum, dass ich besser schlafen kann oder darum, auf eine bedeutungsvolle Art mit Menschen zu arbeiten?

Wichtig ist mir, nicht bei dem theoretischen Konzept stehenzubleiben, sondern weiterzudenken – und das nicht alleine. Bei der PartWiss und beim Forum Wissenschaftskommunikation biete ich deshalb mit Kolleg*innen Peer-Workshops an.

Wissenschaftskommunikator*innen sind im Berufsalltag auch gefordert, im Sinne ihrer Institutionen zu agieren und bestimmte Themen in die Öffentlichkeit zu bringen. Wie lässt sich das in der Praxis mit dem Anspruch an mehr Inklusion vereinen?

Das ist tatsächlich eine Herausforderung. Während der Recherchen für meine Doktorarbeit ist mir aufgefallen, dass Kommunikator*innen oft in dem gefangen sind, was ihnen die Institution vorgibt. Es gibt Zielvereinbarungen, welche Gruppen und Themen relevant sind oder welche Veranstaltungen wann stattfinden müssen und wie viel Geld da ist – wenn überhaupt welches da ist. Ich hatte schon den Eindruck, dass die Leute inklusiv arbeiten wollen. Es besteht der Anspruch, nicht nur einen Teilbereich der Gesellschaft zu erreichen. Aber es scheitert häufig an den institutionellen Rahmenbedingungen. Denn inklusive Projekte bedeuten leider oft mehr Arbeit und Überstunden.

Es gibt auch ein Phänomen, das man als „Participatory Burnout“ bezeichnen könnte. Damit meine ich, dass Leute sich so sehr bemühen, partizipativ und fair und inklusiv zu arbeiten, dass sie sich total kaputtmachen und über ihre eigenen Grenzen gehen. Das deckt sich mit dem, was eine aktuelle Studie3 zu emotionaler Arbeit in partizipativer Forschung zeigt: Diese Arbeit, die in großen Teilen darin besteht, Vertrauen zu unterschiedlichen Gruppen aufzubauen, Konflikte zu moderieren, Enttäuschungen aufzufangen, die Stimmung im Projekt zu halten, bleibt meist unsichtbar und wird unfair verteilt. Vor allem auf dem Rücken von weiblich sozialisierten, rassifizierten und in der Wissenschaft ‚neuen Menschen‘ sowie Menschen in unsicheren Beschäftigungsverhältnissen. Für mich zeigt das: Inklusion in der Wissenschaftskommunikation ist kein Problem einzelner Kommunikator*innen, das sich mit noch mehr persönlichem Einsatz lösen lässt, sondern eine Frage institutioneller Strukturen, die entsprechend Ressourcen und Anerkennung bereitstellen müssten.

* Wissenschaft im Dialog ist eine*r der drei Träger*innen von Wissenschaftskommunikation.de


  1. Bourdieu, P. (1987). Die feinen Unterschiede: Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft (B. Schwibs &
    A. Russer, Eds.; 29th ed.) [original work published in 1979]. Suhrkamp.
    Bourdieu, P. (2011). The forms of capital. In N. W. Biggart (Ed.), The sociology of economic life (3rd ed.,
    pp. 78–92). Routledge. https://doi.org/10.4324/9780429494338-6 ↩︎
  2. Z.B Cole, T. (2012). The white-savior industrial complex. The Atlantic. https://www.theatlantic.com/international/archive/2012/03/the-white-savior-industrial-complex/254843/,
    Bex, S., & Craps, S. (2016). Humanitarianism, testimony and the white savior industrial complex: what
    is the what versus Kony 2012. Cultural Critique, 92, 32–56. https://doi.org/10.5749/culturalcritique.92.2016.0032,
    Jefferess, D. (2021). On saviours and saviourism: lessons from the #WEscandal. Globalisation,
    Societies and Education, 19(4), 420–431. https://doi.org/10.1080/14767724.2021.1892478
    Jefferess, D. (2024). Humanitarianism and white saviors. In J. Ravulo, K. Olcoń, T. Dune, A. Workman &
    P. Liamputtong (Eds.), Handbook of critical whiteness (pp. 1207–1221). Springer Nature.
    https://doi.org/10.1007/978-981-97-5085-6_61 ↩︎
  3. McEwan, K., Mäkelä, P., & Cheetham, M. (2026). Invisible Skills, Unequal Burdens: A Sociological Agenda for Recognising Emotional Labour in Participatory Research. Sociological Research Online, 0(0). https://doi.org/10.1177/13607804261457148 ↩︎