Ein neues Label soll das KI-Dilemma lösen

Mehr Transparenz bei KI-Inhalten, neue Erkenntnisse zu den Hochschulgesetzen und Sorgen um den Wissenschaftsjournalismus: Das Wisskomm-Update gibt alle 14 Tage einen Überblick über aktuelle Themen, Debatten und Trends.

Was gibt’s Neues?

Neuer Standard soll KI-Nutzung sichtbar machen

Die europäische KI-Verordnung schreibt Transparenz für KI-generierte Inhalte vor. Eine Arbeitsgruppe, die aus der KI-Taskforce der #FactoryWisskomm entstanden ist, regt nun einen neuen Community-Standard für Labels an. Dieser soll anzeigen, welches Element betroffen ist und wie intensiv die KI-Nutzung war. Dabei wird zwischen „generiert“ und „gestützt“ unterschieden. Nutzer*innen des Labels würden zudem signalisieren, dass die KI-modifizierten Inhalte von Menschen geprüft wurden. Ein Dilemma sei, so schreibt die Arbeitsgruppe bei LinkedIn, dass ein kontextloses Label ‘KI’ zu Vertrauensverlust bei Rezipient*innen führen könnte. Basierend auf diesen Diskussionen sei der vorgeschlagene ‘AI Transparency Standard’ (AITS) entstanden. Das Label steht jetzt zur Diskussion. Feedback aus der Community werde in die Weiterentwicklung der Kennzeichnung einfließen. Offen sei unter anderem noch, wie eng am Medium das Label platziert werden solle. Rückmeldungen aus der Wisskomm-Community sind über die Seite https://ai-label.science/feedback.html (Passwort: Transparenz2026) möglich.

Unter anderem schlägt die Arbeitsgruppe einen festen Ort vor, an dem das Label zum Beispiel bei generierten Texten erscheinen soll. Bild: AITS

Auswertung der Landeshochschulgesetze

In allen Bundesländern gehört der Transfer zu den Aufgaben der Hochschulen. Unterschiede zeigen sich jedoch bei der Wissenschaftskommunikation, wie eine Analyse der 16 Landeshochschulgesetze durch das CHE Centrum für Hochschulentwicklung zeigt. Demnach definieren alle Bundesländer den Wissens- und Technologietransfer als Aufgabe der Universitäten und Hochschulen. Jedoch würde nur Bayern ausdrücklich den Begriff Wissenschaftskommunikation nutzen: „Durch eine kontinuierliche Wissenschaftskommunikation und künstlerischen Austausch setzen sich die Hochschulen für ein besseres Verständnis von Wissenschaft und Kunst ein und befähigen im öffentlichen Diskurs zur Einbringung wissenschaftlich geprüfter Fakten und zur Aufdeckung manipulativer Fehlinformationen.“ Andere Länder, so erklärt es die Projektleiterin Isabel Roessler, würden Hochschulen zumindest dazu verpflichten, Forschung öffentlich zu vermitteln. In manchen Ländern würde die gesetzlich vorgeschriebene Aufgabe jedoch weiterhin fehlen. Vier Bundesländer –Hamburg, Bayern, Brandenburg und Rheinland-Pfalz – haben die Möglichkeit für Transferprofessuren geschaffen, also Professuren mit einem Schwerpunkt auf Transferaktivitäten. 

Das Centrum für Hochschulentwicklung markiert die Länder, in denen Wissenschaftskommunikation gesetzlich als Aufgabe der Hochschulen festgeschrieben wurde. Bild: Centrum für Hochschulentwicklung

Ist der Wissenschaftsjournalismus in der Krise?

Immer mehr Print-Ausgaben von amerikanischen Wissenschaftsmagazinen werden derzeit eingestellt, berichten der Kommunikationswissenschaftler Bruce Lewenstein und derJournalist Chris Mooney. Kann man also schlussfolgern, dass nach einem Wissenschafts-Boom nun ein „Crash“ bevorsteht? Bereits in den 1980er Jahren habe es Diskussionen über das „Sterben des Wissenschaftsjournalismus“ gegeben, erinnert sich Lewenstein. Seiner Analyse zufolge handelte es sich dabei um eine „moralische Panik“, also eine Sorge, bei der die Beteiligten die Schwere eines Problems übertrieben. Wie sieht es heute aus? Von den ehemals 29 populärwissenschaftlichen Zeitschriften gibt es heute nur noch elf. Es sei jedoch nicht speziell der Wissenschaftsjournalismus, der Probleme habe. Die gesamte Struktur des Journalismus verändert sich, schreiben Lewenstein und Mooney. Gleichzeitig gebe es durch Social Media und Plattformen wie YouTube einen leichteren Zugang zu wissenschaftlichem Wissen. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass die aktuelle Sorge um den Wissenschaftsjournalismus teilweise berechtigt, aber auch teilweise übertrieben sein mag. 

18 Publikationen stellten ihr Printheft ein. Bild: Lewenstein und Mooney

Passend dazu gibt es eine Nachricht aus dem europäischen Kontext: Der italienische öffentlich-rechtliche Rundfunk stellt zum 1. Oktober den Fernsehsender Rai Scuola ein, der sich Bildungs- und Wissenschaftssendungen widmete. Die Wissenschaftskommunikatorin Miriam Franchina kommentiert dazu auf LinkedIn: „Es zeugt von einer beunruhigenden Kurzsichtigkeit, wenn man Forscher*innen einerseits dazu auffordert, mit ‚der Öffentlichkeit‘ in einen Dialog zu treten, während man andererseits einen der wenigen öffentlich finanzierten (und der Öffentlichkeit rechenschaftspflichtigen) Räume abbaut, die genau diesen Dialog ermöglichen sollen“ (Übersetzung der Redaktion).  

Und sonst?

Bei wissenschaftlichen Konferenzen erhalten Männer und englische Muttersprachler mehr Lacher für ihre Witze. Die Ergebnisse des Papers würden laut Scicomm Bites suggerieren, dass funktionierender Humor auf Konferenzen ein Indikator für Privilegien sei. 

Seit drei Jahren unterstützt der Scicomm-Support kommunizierende Forschende bei Angriffen und Konflikten. Mit-Initiatorin Julia Wandt gibt im Interview Einblicke. Sie sagt: „Interessant ist auch, wie viele Offline-Anfeindungen es gibt, etwa Drohanrufe und -briefe, Störungen von Veranstaltungen oder Beschimpfungen im Büro.“ 

Der Ig-Nobelpreis wurde wieder verliehen. Im Gespräch mit Nature sagt der Ingenieurwissenschaftler Changhong Cao, der Preis für Forschung, die einen schmunzeln lässt und dann zum Nachdenken anregt, sorge für mehr Sichtbarkeit. 

Um Wissenschaftsnachrichten besser zu verstehen, wäre es laut Elise Cutts hilfreich,  auch den wissenschaftsjournalistischen Prozess zu beleuchten. In ihrem Text erklärt Cutts, wie Meldungen zu einzelnen Studien zustande kommen. 

Die Ärztekammern Nordrhein und Westfalen-Lippe vergeben 2026 erstmals einen Medfluencer-Preis für Ärzt*innen und Medizinstudent*innen aus Nordrhein-Westfalen. Gewonnen haben David Reckers, Meret Leuthäuser und Fatih Çalışkan mit ihren Videobeiträgen auf Social Media. 

Im Interview mit dem Harvard Business manager-Magazin spricht Mai Thi Nguyen-Kim über aktuelle Herausforderungen in der Wissenschaftskommunikation. Für schwierige Diskussionen empfiehlt sie: „Der Weg in den Kopf geht über die Emotionen. Gibt es eine emotionale Verbindung, können neue Argumente durchaus beim Gegenüber ankommen.“ 

Und die Forschung?

Wissenschaftliche Erkenntnisse auf der einen Seite, Klimaskepsis auf der anderen? Tatsächlich sei die Lage komplexer, schreiben Hao Gao, Yi Zheng und Ziqing Yang von der Nanjing Normal University in China. Die drei Forschenden haben den Klimawandel-Diskurs auf Twitter/X untersucht und dafür mehr als 500.000 englischsprachige Tweets analysiert, die zwischen Juli 2014 und April 2024 veröffentlicht wurden. Dabei identifizierten sie sechs thematische Frames, darunter „Handeln & Verantwortung“, „Politischer Prozess & Politik“, „Wissenschaftliche Belege & Auswirkungen“. Skeptische Posts stellten laut der Analyse einen durchgängig vorhandenen, aber eher randständigen Diskurs dar. Gleichzeitig zeigte sich, dass auch andere Diskurse stark voneinander getrennt verlaufen. So waren wissenschaftliche Erkenntnisse sowohl im mobilisierenden als auch im institutionellen Diskurs kaum zu finden. Die Forschenden schließen daraus, dass es in der Klimakommunikation nicht nur um die Korrektur von Fehlinformationen gehe, sondern auch darum, verschiedene „Diskursinseln“ miteinander zu verbinden. 

Framing in der Klimakommunikation hat auch ein Forschungsteam um Naglaa Elgammal von der Gulf University in Bahrain untersucht – am Beispiel von fünf Dokumentarfilmen zu Umweltthemen, die zwischen 2006 und 2019 erschienen sind. Die Ergebnisse der qualitativen Untersuchung zeigen, dass die neueren Filme eher auf lösungsorientierte Ansätze setzen – nicht so stark auf Warnungen und die Kommunikation von Zahlen. Dieser narrative Wandel zeige sich besonders deutlich am Film „2040“, der hoffnungsvolle und praktikable Handlungsansätze vorstelle und auf diese Weise der „Klima-Erschöpfung“ entgegenwirke. 

„Eine unbequeme Wahrheit“ ist ein amerikanischer Dokumentarfilm aus dem Jahr 2006 von Davis Guggenheim. Bild: Elgammal et al.
„2040“ ist ein australischer Dokumentarfilm aus dem Jahr 2019 unter der Regie von Damon Gameau. Bild: Elgammal et al.

 Termine

📆 30. September 2026 | Weizenbaum Debate 2026: Was hält uns zusammen? (Potsdam) | Mehr

📆 30. September 2026 | Zum Staunen: Online Stammtisch Wissenschaftskommunikation Hannover | Mehr

📆 8. Oktober 2026 | Wisspod Kaminabend (online) | Mehr

📆 10. Oktober 2026 | Psychologie – Verständlich. Verlässlich. Für alle. Wissenschaftskommunikation in der Psychologie und Vertrauen. | Mehr

📆 17. Oktober 2026 | Preisverleihung Fast Forward Science* 2026 (Berlin) | Mehr

📆 21. bis 22. Oktober 2026 | Wisskomm Connected*: Forschung und Praxis der Wissenschaftskommunikation gemeinsam gestalten! (Berlin) | Mehr

📆 9. bis 10. Dezember 2026 | Forum Wissenschaftskommunikation* Aufeinander zugehen: Gesellschaftlicher Zusammenhalt in Krisenzeiten (Leipzig) | Mehr

Jobs

🔉 Wissenschaftliche*r Mitarbeiter*in (Postdoc) | „Kiel Science Communication Network“ (Bewerbungsfrist: 27. September)

🔉 Mitarbeiter/-in für Wissenschaftskommunikation, Öffentlichkeitsarbeit und Transfer | Leibniz-Institut für Katalyse e.V. (Bewerbungsfrist: 30. September)

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Fundstück

Die Wege in die Wissenschaftskommunikation sind vielfältig. In dieser Grafik zeigen die Teilnehmer*innen des Wisskomm-Kollegs ihre Karrierewege.

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