Das anno1578 in der Lemgoer Innenstadt ist gemütlich eingerichtet und bewusst so gestaltet, dass Wissenschaft nicht sofort sichtbar wird. Erreicht dieses Konzept Menschen außerhalb der akademischen Blase? Projektmitarbeiterin Kristina Rein zieht in ihrem Gastbeitrag eine erste Bilanz.
Ein Dritter Ort, der sich wie Zuhause anfühlt
„Man glaubt gar nicht, dass man im kleinen Lemgo ist, wenn man hier steht“, sagen Besucher*innen des Innovation Campus Lemgo häufig. Der Campus beherbergt die Technische Hochschule Ostwestfalen-Lippe (TH OWL) sowie zahlreiche Forschungs- und Bildungseinrichtungen. Ein so großes Forschungsnetzwerk erwarten viele in dieser ländlich geprägten Kleinstadt nicht.
Ein Grund dafür ist auch die etwas abgeschiedene geografische Lage des Campus. Er liegt auf einer Erhöhung und wird zusätzlich durch eine Bahnschiene von der Innenstadt getrennt. Diese Lage stellt eine große Barriere für die Interaktion mit der Gesellschaft dar.
„Dann kommt die Hochschule eben in die Innenstadt“, dachte sich das Team des Instituts für Wissenschaftsdialog der TH OWL und legte damit den Grundstein für einen ungezwungenen Dritten Ort in der Innenstadt.
Ein Wohnzimmer für Wissenschaft
Ausgehend vom Grundsatz, dass der erste Ort das eigene Zuhause ist, wollten wir für den Dritten Ort unserer Hochschule eine ähnliche Zugänglichkeit durch den Charakter eines Wohnzimmers schaffen. Dafür wurde der vordere Raum möglichst offen und informell eingerichtet. Bis auf dezent angebrachte Logos der Hochschule und weiterer Träger der Räumlichkeiten ist weitestgehend auf die Betonung wissenschaftlicher Bezüge verzichtet worden.

Grund hierfür ist eine zuvor in der Innenstadt durchgeführte Umfrage. Bürger*innen teilten mit, dass der Name „TH OWL“ bekannt und als wissenschaftliche Einrichtung wahrgenommen wird, gerade dieser wissenschaftliche Charakter jedoch eine Distanz verursacht: „ich bin zu alt für die Schule“ oder „ich kann nichts Technisches“ waren Antworten auf die Frage, welchen Nutzen die TH OWL für die Befragten haben könnte. Die Assoziation von schulischen und hierarchischen Strukturen schien der Konzeption eines reflexiven und lernenden Orts entgegen. So entschieden wir uns für den Namen „anno 1578“. Er erinnert an die historische Erst-Erwähnung des Gebäudes und weckt Neugier.
Einrichtung und Betrieb des Gebäudes sind durch das Projekt TRiNNOVATION OWL der Förderinitiative „Innovative Hochschule“ des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt ermöglicht worden. Die Räumlichkeiten stehen den Bürger*innen dienstags bis freitags von 10 bis 17 Uhr für einen konsumfreien Aufenthalt, zum Lernen, Arbeiten oder eine kreative Pause zur Verfügung.
Zusätzlich dazu bieten unterschiedliche Formate einen konkreten Anlass zum Besuch:
- Im Rahmen der ‚Montagsreihe‘ finden jeden Monat Vorträge von Professor*innen oder wissenschaftlichen Mitarbeitenden zu aktuellen Forschungsprojekten statt;
- Analoge wie digitale Spiel-Aktionen nutzen Erkenntnisse zum lernfördernden Aspekt des Gamings in Studium und Beruf;
- Ausstellungen von Studierenden schaffen Öffentlichkeit für Studienprojekte und Abschlussarbeiten;
- Lesekreis und Lesungen adressieren die Lese-Kompetenz und fördern den argumentativen Austausch;
- „OpenMic“-Abende bieten eine Bühne für das Üben von Präsentationen und Vorträgen.



Alle Formate werden anhand von Feedback der Gäste evaluiert, weiterentwickelt, im Falle geringer Resonanz eingestellt und durch andere Format-Ansätze ersetzt.
Wissen gemeinsam mit Bürger*innen schaffen
Wissen wird im anno 1578 als dialogischer Prozess verstanden. Ziel ist es sowohl die verständliche Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse als auch die Realisierung von Citizen Science.
Das Wissen, das Bürger*innen in beruflichen, ehrenamtlichen oder privaten Kontexten sammeln, ist bereits in einige partizipative Projekte eingeflossen, darunter Workshops zur nachhaltigen Entwicklung der Region Lippe sowie zur Erhöhung der Attraktivität der Lemgoer Innenstadt für Studierende. Ideen, die sich aus diesen Aktivitäten ergeben haben, konnten mit der Initiative der TH OWL „Transferjahr 25“1 in die Lehre übertragen werden. Seit dem Wintersemester 2025 / 26 arbeiten Studierende in interdisziplinären Gruppen an Lösungsumsetzungen für Herausforderungen, die von gesellschaftlichen Akteur*innen herangetragen wurden.
Das anno 1578 dient einigen Studierenden als Experimentierraum für ihre Lösungskonzepte. Im nächsten Schritt ist eine Ausweitung dieses Konzepts auf transdisziplinäre Zusammenarbeit gedacht: die Gesellschaft agiert dann nicht mehr als Impulsgeberin, sondern konzipiert und erprobt gemeinsam mit Studierenden konkrete Lösungsansätze für die Region. Wissenstransfer wird zur gemeinsamen Aufgabe von Wissenschaft und Gesellschaft.
Ein gemütlicher Ort reicht nicht für guten Dialog

Während einer experimentellen Betriebszeit von acht Monaten haben rund 2.500 Menschen das ‚anno 1578‘ aufgesucht. Den Großteil davon erfassten wir im Rahmen von Veranstaltungen. Daraus leiteten wir ab, dass es Bürger*innen wenig attraktiv scheint, einen öffentlichen Raum ohne konkreten Anlass zu besuchen. Für unser Ziel, den Dialog mit der Gesellschaft zu fördern, ist das kaum förderlich. Auf Nachfrage betonen Besucher*innen zwar, dass die anlassunabhängige Zugänglichkeit eine bedeutende Eigenschaft der Räume darstelle, gleichzeitig werfen sie selbst die „Ressourcenfrage“ auf.
Während die oben dargestellte Montagsreihe eine „Wissensvermittlung aus erster Hand von Wissenschaftler*innen“ erreiche und die Bürger*innen dadurch erfahren, „was da oben geforscht wird“2, werden die veranstaltungsunabhängigen Betriebszeiten als ungeeignet für den Zweck des Dialogs eingestuft, da „der Vollzeit arbeitende Teil der Gesellschaft ausgeschlossen ist“3. Trotz der ungezwungenen „Wohnzimmer-Atmosphäre“ bliebe es auch beim anno 1578 bei einem Treffpunkt für „intellektuell offene und interessierte Personen […]. Personen, die wertvolle Anregungen und Perspektiven bringen können, erscheinen nicht.“4
Diese Einordnung zeigt eine Kernproblematik Dritter Orte. Menschen kommen durchaus aus Neugier ins anno 1578 und schätzen das positive „Ambiente“5 und die „gemütliche[n] Atmosphäre“6. Gespräche mit Wissenschaftler*innen entstehen aber nicht einfach so. Um Personen außerhalb des akademischen Umfelds zu erreichen und auch von ihrem Wissen zu profitieren, müssen gänzlich andere Formate konzipiert werden, die den aufsuchenden Dialog in den Fokus stellen.
Lesekreis – ein unterschätztes Format für Wissenschaftsdialog?
Ein Ansatz in diese Richtung hat sich überraschenderweise aus dem Lesekreis entwickelt. In diesem Format wurde zum Lesen und gemeinsamen Diskutieren des Klassikers „1984“ aufgerufen. Das Angebot nahmen Personen im Alter zwischen etwa 25 bis 70 wahr, darunter sowohl wissenschaftliche Mitarbeitende der Hochschule als auch hochschulferne Personenkreise. Durch die Vielfalt an Generationen wurden ganz unterschiedliche Perspektiven ausgetauscht und gerade diese von den Teilnehmenden als bereichernd hervorgehoben. Unerwartet fiel auch das Ergebnis zur Abstimmung einer Fortsetzung und damit verbundenen Wahl eines neuen Titels aus. Nicht nur stimmten alle Teilnehmenden für die Fortführung, auch beinhalteten die neuen Titelvorschläge überwiegend klassische Literatur. Begründet wurde dies mit der Aussage „Selten lese ich Klassiker. Deshalb wäre ich sehr gespannt, zu erleben, ob sich eine andere Sichtweise aus den unterschiedlichen Perspektiven ergibt.“7. Von den jüngeren Teilnehmenden werden die Auseinandersetzung mit „der Tiefe des Buches“8 sowie der daraus hervorgehende „Dialog“ geschätzt.
Diesem transdisziplinären Dialog lässt sich ein Kern entnehmen: das Lesen agiert als verbindendes Element, das einerseits wissenschaftlich aufbereitet und mit Inputs zur aktuellen Forschung zu einem inhaltlich tangierten Themenfeld verknüpft werden kann9, das andererseits aber ins alltägliche Leben integrierbar und mit einer persönlichen Erfahrung verbunden ist. Die Gestaltung eines Dritten Orts mit Wohnzimmer-Charakter kann also geeignet sein, um Zugangsbarrieren abzubauen. Soll der Zweck dieses Orts jedoch darin liegen, akademisch ferne Personen zu erreichen und ihre Sichtweisen in die Hochschularbeit einzupflegen, bedarf es einer weiteren Erprobung von Formaten, die Elemente aus der Lebensrealität dieser Zielgruppe aufgreifen und in einen langfristigen Kontext bringen. Zeitliche und personelle Ressourcen in diese Bestrebung zu investieren, erscheint sinnvoller als die Aufrechterhaltung von anlassunabhängigen Öffnungszeiten. Diese Reflexion erlaubt es uns, Ressourcen zielorientiert zu verteilen und den Fokus dorthin zu lenken, wo er außerhalb des akademischen Rahmens als förderlich wahrgenommen wird.
Gastbeiträge spiegeln nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wider. Die redaktionelle Verantwortung lag bei Sabrina Schröder.
- https://www.th-owl.de/transferjahr. ↩︎
- Angabe einer Besucherin (> 60 Jahre), die das ‚anno 1578‘ nach eigenen Angaben etwa zwölf Mal im Rahmen unterschiedlicher Veranstaltungen aufgesucht hat auf die Frage, welche Veranstaltung zielführend für den stärkeren Dialog zwischen Hochschule und Gesellschaft sei (Befragung vom 22.01.2026). ↩︎
- Angabe eines Besuchers (< 30 Jahre), der das ‚anno 1578‘ nach eigenen Angaben etwa fünf Mal im Rahmen unterschiedlicher Veranstaltungen aufgesucht hat, auf die Frage, ob die Öffnungszeiten von Dienstag bis Freitag sinnvoll seien (Befragung vom 22.01.2026). ↩︎
- Angabe eines Besuchers (< 30 Jahre), der das ‚anno 1578‘ nach eigenen Angaben etwa fünf Mal im Rahmen unterschiedlicher Veranstaltungen aufgesucht hat, auf die Frage, was im ‚anno 1578‘ wünschenswert wäre (Befragung vom 22.01.2026). ↩︎
- Angabe einer Besucherin (< 65 Jahre) vom 10.02.206 auf die Frage, was am ‚anno 1578‘ gut gefallen hat. ↩︎
- Angabe einer Besucherin (<45 Jahre) vom 10.02.2026 auf die Frage, was am ‚anno 1578‘ gut gefallen hat ↩︎
- Begründung der Buch-Abstimmung einer Teilnehmerin des Lesekreises (> 60 Jahre) am 05.12.2025. ↩︎
- Angabe eines Teilnehmers des Lesekreises (< 30 Jahre) bei Abschluss der zweiten Lesereihe am 03.02.2026. ↩︎
- Dem Lesekreis zu „1984“ wurde eine Diskussion zur potentiellen Einschränkung der Sprache durch vermehrte Nutzung von generativer Künstlicher Intelligenz angeschlossen. ↩︎