Viele iranische Studierende und Forschende erleben derzeit eine doppelte Realität. Während im Iran Angriffe stattfinden, herrscht in Deutschland weiterhin Publikations- und Lerndruck. Ehsan Ebrahimi gibt Tipps, wie man Kolleg*innen und Studierende jetzt unterstützen kann.
Der Krieg im Iran wirkt auch hier
In den vergangenen Monaten haben viele iranische Studierende und Forschende im Ausland eine außergewöhnliche Belastungssituation erlebt. Im Zuge von Demonstrationen, Unruhen und anhaltenden Internetsperren im Iran, besonders jetzt, während die Angriffe laufen, tragen sie eine unsichtbare Last in Hörsäle, Bibliotheken und Labore. Während sie Seminare besuchen oder Daten auswerten, bleibt ein Teil ihrer Aufmerksamkeit woanders: Nachrichten aktualisieren, auf eine Nachricht warten, sich fragen, ob Familie und Freunde in Sicherheit sind.
Obwohl sie selbst in Sicherheit sind, bleibt oft ein anhaltendes Gefühl der Hilflosigkeit.
Ich kenne das aus eigener Erfahrung. Zu studieren oder zu arbeiten, während die Gedanken anderswo sind, ist erschöpfend. Man liest denselben Absatz dreimal. Man öffnet den Laptop und vergisst, warum. Man beginnt eine Aufgabe und verliert unterwegs den Faden. Die Konzentration lässt nach, der Schlaf wird unruhig, selbst einfache Tätigkeiten dauern länger.
Von außen ist nichts zu erkennen, aber innerlich fühlt sich alles schwerer an.
Wie zeigt sich das Leid?
Diese Belastungen zeigen sich oft auf subtile Weise: eine verpasste Frist, langsamer Fortschritt, weniger Wortmeldungen in Diskussionen. Studierende, die früher selbstbewusst sprachen, sind zurückhaltender. Forscher*innen, die sonst schnell und präzise arbeiten, benötigen plötzlich mehr Zeit. Ihre Aufmerksamkeit ist geteilt zwischen Deutschland und Iran.
Energie, die normalerweise in Lernen oder Forschung fließen würde, wird von Sorge gebunden. Diese kognitive Überlastung ist für Studierende in frühen Studienphasen besonders schwierig. Viele leben zum ersten Mal im Ausland und bauen sich noch Unterstützungsnetzwerke auf. Nicht alle fühlen sich wohl dabei, ihre Situation zu erklären oder um Hilfe zu bitten. Manche fürchten vielleicht, als unprofessionell wahrgenommen zu werden. Andere versuchen einfach, weiterzumachen wie bisher.
Auch Forschende und Nachwuchswissenschaftler*innen stehen unter Druck. Fördermittel, Verträge und Publikationen pausieren nicht wegen persönlicher Umstände. Die Erwartungen im System zu funktionieren bleiben hoch, trotz der aktuellen Krise im Land. Als Lehrende, Betreuende und Kolleg*innen bemerken wir nicht immer, was jemand mit sich trägt.
Was können wir tun?
Wir müssen keine politischen Krisen lösen und keine perfekten Antworten finden. Oft helfen kleine Gesten: etwas Geduld, Flexibilität bei Fristen, wenn möglich, eine kurze Nachricht mit der Frage, wie es gerade geht, oder einfach das Eingeständnis, dass dies eine schwierige Zeit sein könnte. Solche Handlungen vermitteln: Du wirst gesehen, und du bist nicht allein.
Aus meiner Erfahrung hilft Verständnis mehr als Ratschläge. Zuhören hilft mehr als Korrigieren. Menschen, die sich gehört fühlen, finden oft schneller wieder Stabilität als jene, die sich unter Druck gesetzt oder bewertet fühlen. Manchmal reichen wenige Worte und empathisches Verhalten, um die emotionale Last etwas zu erleichtern.
Auch institutionell gibt es Handlungsmöglichkeiten: klare Kommunikation darüber, dass Unterstützung vorhanden ist1, flexible Regelungen, wo sie angemessen sind, und gut erreichbare Beratungsangebote. Betreuende können bewusst Raum für Gespräche über Arbeitsbelastung und das mentale Wohlbefinden schaffen. Fachbereiche können daran erinnern, dass globale Ereignisse Mitglieder ihrer Gemeinschaft unterschiedlich betreffen.
Universitäten in Deutschland sind internationale Gemeinschaften. Diese Vielfalt ist eine ihrer größten Stärken. Sie bereichert Lehre, Forschung und Kultur. Doch sie bedeutet auch, dass Ereignisse in weiter Ferne plötzlich sehr nah sein können. Globale Krisen sind auch auf dem Campus und in den Hörsälen präsent.
Eine bessere Kommunikationskultur beginnt im Alltag
Gerade in Krisenzeiten zeigt sich, wie wichtig eine unterstützende Kommunikationskultur im wissenschaftlichen Alltag ist.
Aufmerksamkeit füreinander und Fürsorge ist Teil unserer gemeinsamen Verantwortung. Es bedarf in den meisten Fällen nicht einer großen Intervention. Meistens reicht ein gesteigertes Bewusstsein und Sensibilität für unsere internationalen Kolleg*innen und Studierenden. Es sollte selbstverständlich sein zu fragen, zuzuhören und bei Bedarf kleine Anpassungen zu ermöglichen.
Für iranische Studierende und Forschende heute – und für andere, die morgen mit Krisen in ihren Herkunftsländern konfrontiert sind – kann diese Unterstützung einen großen Unterschied machen.
Manchmal hilft es bereits, dass die Gemeinschaft aufmerksam genug ist, hinzusehen. Und an einem Ort, der dem Lernen und dem Wissen gewidmet ist, ist das vielleicht eine der wichtigsten Lektionen, die wir einander mitgeben können.
Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag lag bei Anna Henschel . Gastbeiträge spiegeln nicht zwangsläufig die Meinung unserer Redaktion wider.
- Zum Beispiel an der Universität Rostock die mentalen Ersthelfer*innen. Auch an der HHU Düsseldorf heißt es: „Im Namen aller Mitarbeitenden und Studierenden der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf bringt das Rektorat seine Solidarität mit den Studierenden und Wissenschaftler*innen aus dem Iran und seine Bereitschaft, diese zu unterstützen, zum Ausdruck. Viele von ihnen befinden sich in Sorge um das Wohlergehen ihrer Angehörigen und erleben große Unsicherheit angesichts der massiv eingeschränkten Kommunikationslage.“ Zu den Unterstützungsangeboten. An der FU Berlin gibt es eine Gruppe, die sich am 10. März trifft: Support Group for Iranian Students and PhD Students. ↩︎