„Das Problem ist: Soziale Medien sind zu groß geworden“

Suchtpotenzial, Spionage, Dark Patterns: Christian Montag erforscht die kritikwürdigen Praktiken der Tech-Industrie. Ein Gespräch über ein ethisches Dilemma: Ist es noch vertretbar Social-Media-Plattformen für Wissenschaftskommunikation zu nutzen?

Herr Montag, haben Sie heute schon Ihren LinkedIn-Kanal gecheckt? 

Christian Montag ist Distinguished Professor of Cognitive and Brain Sciences und Associate Director des Institute of Collaborative Innovation an der University of Macau. Seine Arbeit bewegt sich an der Schnittstelle von Psychologie, Neurowissenschaften, Verhaltensökonomie und Informatik. Sein besonderes Interesse gilt der digitalen Phänotypisierung, der mobilen Sensorik und digitalen Biomarkern. Darüber hinaus befasst sich der Psychologe mit technologischen Nutzungsstörungen, den Auswirkungen künstlicher Intelligenz und der Frage, wie soziale Medien verbessert werden können. Foto: privat

Ja, ich bin recht aktiv auf LinkedIn und nutze die Plattform, um meine aktuellen Fachartikel bekannt zu machen. Meine Forschung beschäftigt sich unter anderem mit den potenziell suchterzeugenden Mechanismen sozialer Medien. In gewisser Weise ist meine Forschung für mich ein ethisches Dilemma, weil ich die Plattformen in Teilen nutze, die ich kritisiere. 

Sie veröffentlichten bereits 2021 ein Buch mit dem Titel „Du gehörst uns“. Darin beschreiben Sie die psychologischen Tricks der Tech-Industrie, um Nutzende so lange wie möglich auf Social-Media-Plattformen zu halten. Was sind das für Mechanismen?

Der Dreh- und Angelpunkt ist das Datengeschäftsmodell. Die Industrie verdient damit Geld, Nutzer*innen auf den Plattformen auszuspionieren. Dieser Prozess wird als Überwachungskapitalismus bezeichnet. Dieser ist Voraussetzung für die Aufmerksamkeitsökonomie: Zunächst muss die Industrie die Online-Zeiten verlängern, damit der digitale Fußabdruck groß wird. Wenn sie genügend Daten über ihre Nutzenden gesammelt haben, können sie diese der Werbeindustrie für personalisierte Werbung anbieten. Wichtig ist, die Online-Zeit der Nutzenden immer weiter zu verlängern, um möglichst viel Geld zu verdienen.

Die Plattformen nehmen also wissentlich in Kauf, dass die Nutzenden süchtig werden können?

Ja, das ist durch viele Whistleblower bekannt geworden. Diese Industrie weiß genau, was diese Plattformen mit den Nutzenden machen. Das Problem ist, dass wir aktuell nicht untersuchen können, wie sich die manipulierenden Designelemente, sogenannte „Dark Patterns“, genau auf das Verhalten der Nutzenden auswirken, weil die Programmierschnittstellen zumeist nicht zugänglich sind. Die Plattformen sind bewusst intransparent. Was wir aber bereits wissen, ist, dass Designelemente wie der Infinity-Scroll, also das endlose Scrollen durch den Feed, die Online-Zeiten der Nutzenden massiv verlängern können. 

Grundsätzlich muss man aber sagen, dass eine lange Zeit in den sozialen Medien nicht per se ein Suchtkriterium ist. Es ist wichtig, das differenzierter zu betrachten.

Der Begriff „Social-Media-Sucht” wird häufig verwendet – auch von Medien –, obwohl die Weltgesundheitsorganisation diese Suchterkrankung noch nicht offiziell anerkannt hat. Welche Erkenntnisse fehlen, um diese Form der Abhängigkeit medizinisch eindeutig zu fassen?

In ihrem Digital Services Act, dem europäischen Gesetz über digitale Dienste, verbietet die Europäische Kommission suchterzeugendes Design. Bisher sind jedoch nur zwei spezifische Formen der Online-Sucht offiziell anerkannt: Computerspielabhängigkeit und pathologisches Glücksspiel, die jeweils auch im Onlinebereich stattfinden können. 

Bevor die Weltgesundheitsorganisation festlegt, dass Social-Media-Sucht eine offizielle Diagnose ist, muss nachgewiesen werden, dass bei Social-Media-Gebrauch und Suchtkrankheiten ähnliche Gehirnmechanismen in Gang gesetzt werden. Es könnte sich schließlich auch um eine Zwangsstörung oder anderes handeln, wenn ich ständig mein Smartphone überprüfen möchte. 

Facebook gibt es bereits seit über 20 Jahren. Trotzdem gibt es leider nur wenige belastbare Daten aus der neurobiologischen Forschung, die erklären, was im Gehirn der Nutzenden passiert. Für soziale Medien wissen wir also schlicht noch nicht, welche Symptomcluster wichtig sind, um eine Sucht oder ein anderes Störungsbild zu diagnostizieren. Vielleicht handelt es sich bei exzessiver Nutzung auch um kein Verhalten, was wir pathologisieren sollten. Diese Option sollte natürlich auch ein mögliches Forschungsergebnis sein.

Gibt es Überschneidungen zwischen den Symptomen exzessiven Social-Media-Gebrauchs und Suchtkrankheiten?

Es gibt Studien, die darauf hindeuten. In den letzten Jahren wurden medizinische Suchtmodelle, die beispielsweise für Alkoholnutzungsstörungen entwickelt wurden, häufig auf soziale Medien übertragen. Diese passen jedoch nicht immer. Ein Beispiel ist die Toleranzentwicklung, ein klassisches Suchtphänomen. Das heißt, man muss immer mehr konsumieren, um das Gleiche zu fühlen. Bei sozialen Medien würde das bedeuten, dass man sie immer mehr nutzen muss, um das gleiche Glücksgefühl zu haben. Durch neue Forschung wissen wir, dass dieses Symptom nicht mit anerkannten anderen Störungsbildern einhergeht, wie depressiven Verstimmungen. Wenn man ein solches Kriterium dann aber weiterhin abfragt, kann dies dazu führen, höhere Suchtwerte berichten, ohne aber ein Problem haben zu müssen. 

Es ist also wichtig, zu differenzieren, was für eine Diagnose ausreicht, ohne Alltagshandlungen zu pathologisieren. Das Online-Verhalten muss also beispielsweise so ausufernd sein, dass es zu massiven Problemen im Alltag führt. Romantische Beziehungen gehen kaputt oder ich setze mein berufliches Fortkommen aufs Spiel.

Was bedeutet das für die Wissenschaftskommunikation? Ist es ethisch vertretbar, eine potenziell suchterzeugende Plattform zu nutzen?

Das muss jede*r Forschende für sich selbst bewerten. Es gibt bereits eine kritische Auseinandersetzung mit sozialen Medien. Vor zwei Jahren beispielsweise verließen viele Wissenschaftler*innen und wissenschaftliche Institute die Plattform X. Auch ich nutze mein Konto nicht mehr, weil ich diese Plattform nicht mehr unterstützen möchte. X ist eine Plattform, die offenkundig mit stark emotionalisierten Inhalten polarisiert und manipuliert. Das ist wissenschaftlich eindeutig. Deshalb bin ich zu LinkedIn gewechselt, weil es für mich die neutralere und seriösere Plattform ist.

Aber LinkedIn arbeitet auch mit potenziell suchterzeugenden Designelementen.

Ich habe mich entschieden, auf eine Plattform zu wechseln, bei der die Content-Moderation deutlich besser ist. Ist das optimal? Nein, denn wie Sie gesagt haben, operiert LinkedIn natürlich mit einem ähnlichen Modell. Das Problem ist: Soziale Medien sind zu groß geworden. Es gibt über fünf Milliarden Menschen, die soziale Medien nutzen. Wenn ich mich nicht isolieren will, muss ich leider mit den Wölfen heulen.

Wie gehen Sie persönlich damit um, die Risiken der Plattformen zu kennen, aber gleichzeitig nicht auf die Vorteile verzichten zu wollen?

Ich habe für mich genügend Vorteile entdeckt. Soziale Medien sind heute eine kritische Kommunikationsinfrastruktur, um soziales Kapital aufzubauen. Würde ich soziale Medien nicht nutzen, würde mir das beruflich schaden. Sich mit Leuten vernetzen, Projekte zusammen starten, das ist alles bei mir schon mehrfach über Social Media passiert. ResearchGate ist zum Beispiel eine große Social-Media-Plattform, über die Wissenschaftler*innen Artikel teilen und sich über Forschung austauschen können. Dort sind Produkte speziell für den Wissenschaftsbereich entstanden. Es wäre verrückt, das nicht zu nutzen.

Wäre eine Alternative zu den bestehenden Plattformen realistisch? Oder besteht die Lösung in einer stärkeren Regulierung wie sie der Digital Services Act vorsieht? 

Ich würde mir wünschen, dass Europa schon längst eine Alternative hätte. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass es sich dabei um eine Plattform handeln würde, die viele als langweiliger empfinden würden. Und wir müssten dafür bezahlen. Wir haben dazu eine Studie durchgeführt: Nur etwa 50 Prozent der Befragten wären dazu bereit. Die Zustimmungsrate wäre etwas höher, wenn diese Plattform die Themen Hassrede und Fake News gut in den Griff bekommen würde. 

Wikipedia kann sich als öffentliches Gut effektiv gegen Fake News verteidigen. Ein communitygestützter Rahmen mit einem System, das sich konsequent selbst korrigiert und sich vehement gegen KI-generierte Inhalte wehrt, könnte auch eine Basis für gerechte soziale Medien sein.

Ob sich eine solche Plattform jedoch durch ein Abo-Modell oder sogar öffentlich-rechtlich finanziert tragen würde und für die Menschen interessant genug wäre, bleibt fraglich. Ich hoffe, dass die existierenden Plattformen stärker reguliert werden und ähnlich wie Medien für ihre Inhalte zur Verantwortung gezogen werden.