Das Wisskomm-Update gibt alle 14 Tage einen Überblick über aktuelle Themen, Debatten und Trends. Außerdem finden Sie hier aktuelle Termine und Forschungsergebnisse zur Wissenschaftskommunikation.
Das Gesicht von #IchbinHanna geht
Was gibt’s Neues?
Keine Perspektive in der Wissenschaft
Amrei Bahr verlässt die Wissenschaft. Die #IchbinHanna-Fürsprecherin kündigte zunächst auf LinkedIn an, dass sie nach dem Ablauf ihrer befristeten Juniorprofessur Academia den Rücken kehren werde
Die “Quit Lit” ist ein bekanntes Genre, eines, in dem Forschende die Beweggründe ihrer Entscheidung erklären und oftmals die Strukturen des Wissenschaftssystems anprangern. Bahr hatte wiederholt Kettenbefristungen in der Wissenschaft öffentlich kritisiert und eine politische Kampagne angestoßen. Nachdem sie sich in den vergangenen Jahren für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen eingesetzt hat, nimmt sie nun selbst von einer wissenschaftlichen Karriere Abstand.
Gründe für Ihre Entscheidung seien, so erklärte sie dem Tagesspiegel und dem Spiegel, ständige Existenzängste, entgrenzte Arbeit und häufige Standortwechsel. Eine Lebenszeitprofessur sei zudem nicht mehr attraktiv genug, um die persönlichen Opfer zu rechtfertigen.
In ihrem Newsletter schreibt sie über die Entscheidung: “Wir publizieren alle irrsinnig viel, investieren Zeit und Energie in Drittmittelanträge, wir machen Wissenschaftskommunikation (nicht immer nur aus reiner Freude oder weil wir glauben, dass die Öffentlichkeit von unserer Forschung erfahren sollte, sondern auch, weil es längst für die akademische Karriere vorausgesetzt wird).” Konkrete Pläne hätte sie noch nicht, erzählt sie dem Spiegel. Sie schreibt allerdings: “Was ich persönlich besonders gerne mache und auch noch gut kann, ist dies: […] Meine Kenntnisse und Fähigkeiten in der Wissenschaftskommunikation an andere vermitteln.” So möchte sie auch ihre politische Arbeit weiterführen.
Ein Kommentator schrieb “Amrei Bahr is leaving academia. This matters” und ein weiterer bemerkte: “‘Unsichere Beschäftigungsverhältnisse sind keine gute Grundlage, um sich wirkungsvoll gegen Anfeindungen von außen zu wehren…’ Jenseits der wissenschaftspolit. Aussagen von @amreibahr.bsky.social, die alle den Nagel auf den Kopf treffen, ist das der Schlüsselsatz.”
In polarisierten Debatten kommunizieren
Wissenschaft soll Debatten versachlichen, Orientierung geben, Falschdarstellungen korrigieren und Spannungen abbauen – ohne dabei selbst parteipolitisch zu werden. So hoch sind die Erwartungen, die in polarisierten gesellschaftlichen Auseinandersetzungen an sie herangetragen werden. Die Bevölkerung hat jedoch teils widersprüchliche Vorstellungen davon, wie offensiv oder zurückhaltend sich Wissenschaft einbringen sollte. Ein aktueller Bericht von Wissenschaft im Dialog* systematisiert diese Ansprüche und zeigt zugleich die daraus entstehenden Spannungen auf.
Der Bericht führt quantitative Daten aus dem Wissenschaftsbarometer 2025 mit den qualitativen Ergebnissen eines interdisziplinären Multistakeholder-Dialogs zusammen und unterscheidet sechs Rollen wissenschaftlicher Kommunikation. Besonders viel Zustimmung erhalten Rollen, in denen es um Einordnung, Erklärung, Beratung und Vermittlung geht. Sachlich informieren, Optionen aufzeigen und Unsicherheiten transparent machen – das wird klar befürwortet. Deutlich abgelehnt wird hingegen die Vorstellung, Wissenschaft solle selbst politische Entscheidungen treffen. Hier wird auf das fehlende demokratische Mandat verwiesen. Ambivalent bleibt die Rolle des rein forschenden „Pure Scientist“, der sich aus Debatten heraushält. Und Engagement wird nur dann positiv bewertet, wenn es nicht als aktivistische Einflussnahme wahrgenommen wird.

Der „Science Arbiter“, der sachlich informiert und einordnet, wird als besonders geeignet für polarisierte Diskurse eingeschätzt. Auch der „Advisor“, der Politik und Gesellschaft berät, stößt auf breite Zustimmung – solange er keine Entscheidungsmacht beansprucht. Ebenfalls klar befürwortet wird der „Honest Broker“, der Handlungsoptionen aufzeigt, Konsequenzen transparent macht und Unsicherheiten erklärt.
Aus diesen Befunden leitet der Bericht klare Handlungsperspektiven ab. Wissenschaftskommunikation in polarisierten Debatten sollte nicht auf Rückzug setzen, sondern auf bewusste Rollenreflexion und transparente Rollenwechsel. Forschende sollten klar benennen, in welcher Rolle sie sprechen – und wenn sie diese wechseln. Ebenso wichtig ist die „Grenzkommunikation“: also offen zu legen, wo die eigene Expertise endet, wie sicher Erkenntnisse sind und welche Unsicherheiten bestehen. Und schließlich braucht es Vorbereitung auf konflikthafte Öffentlichkeiten.
Citizen Science & KI
Unsere Kolleg*innen von mit:forschen* haben den Einsatz von Künstlicher Intelligenz in Citizen-Science-Projekten unter die Lupe genommen. Grundlage hierfür ist eine Mixed-Methods-Umfrage mit qualitativen Interviews und einer anschließenden Online-Befragung unter Projektverantwortlichen aus der Community.
Die Ergebnisse zeigen, dass KI vor allem als praktisches Werkzeug gesehen wird, das Citizen Scientists entlasten kann. Am häufigsten wurden Übersetzungen, Mustererkennung sowie Hilfe bei der Klassifikation und Auswertung von Daten genannt. Auch bei der Dateneingabe, Textarbeit oder Visualisierung sehen viele ein Entlastungspotenzial durch die Technologie . Weniger Vertrauen besteht hingegen bei der eigenständigen Überprüfung von Ergebnissen.
Gleichzeitig werden Barrieren deutlich benannt. Am häufigsten fehlt es an technischen Kenntnissen, dazu kommen Unsicherheiten beim Datenschutz und eine teils geringe Bereitschaft zur Nutzung innerhalb der Projekte.
Entscheidend ist aus Sicht der Befragten vor allem die Kompetenz im Umgang mit KI. Besonders wichtig seien ein grundlegendes Verständnis der Funktionsweise sowie Sensibilität für ethische und datenschutzrechtliche Fragen. Der Bedarf an praxisnahen Fortbildungen ist also groß, ebenso der Wunsch nach klaren Leitlinien. Es braucht also passende Rahmenbedingungen, Qualifizierungsangebote und mehr Austausch über Standards und Grenzen.
Und sonst?
Die Junge Akademie schreibt gemeinsam mit der VolkswagenStiftung erneut den Preis für das beste Forschungsumfeld aus (Bewerbungsfrist ist der 1. März). Das neue Junge Akademie Magazin ist ebenfalls erschienen, unter anderem mit dem Schwerpunkt “Engagierte Wissenschaft”.
Saßen Sie schon einmal in einer wissenschaftlichen Präsentation, die nie enden wollte? John Tregoning hat praktische Tipps, mit denen der nächste Talk garantiert gelingt. Taylor Swift liefert Inspiration.
Viele Kosmetikmarken nutzen unverständliche Wissenschaftssprache in der Werbung – “Science Washing”. Ellen Cushing beobachtet jedoch: “ Wissenschaft im privaten Interesse funktioniert nicht unbedingt wie Wissenschaft im öffentlichen Interesse”.
In einem politischen Klima, in dem die Wissenschaft unter Beschuss steht, ist die Berichterstattung über wissenschaftliche Fehler besonders schwierig. Wie man dabei umsichtig agieren kann, erklärt Cathleen O’Grady via The Open Notebook.
Und die Forschung?
Es gibt Orte, an denen man Wissenschaftskommunikation erwartet – wie etwa Hochschulen und Museen. Eine Sonderausgabe des Journal of Science Communication widmet sich stattdessen “unerwarteten Orten“. Amanda Jane Mathieson und Joseph Roche vom Trinity College Dublin haben mit Edward Duca von der University of Malta beispielsweise einen Beitrag zu Escape-Rooms geschrieben, die Besucher*innen für Klimawissenschaften begeistern sollen. Ricardo Morais und Clara Eloïse Fernandes untersuchen, wie TikTok für wissenschaftliche Inhalte genutzt werden kann und zeigen, dass einige Creator*innen in Gefahr laufen, Fehlinformationen zu verbreiten. Uttaran Dutta konzentriert sich auf marginalisierte Stimmen in ländlichen Regionen Indiens und hebt die Notwendigkeit eines kultursensiblen und dialogischen Ansatzes hervor.
Wie berichten unterschiedliche Medien über den Klimawandel? Forscher*innen um Jay Barchas-Lichtenstein von der wissenschaftlichen Organisation Knology in den USA haben herausgefunden, dass indigener Journalismus in den USA im Vergleich eher positive Wirkungen von Lösungsvorschlägen beleuchtet und nicht nur Schäden, die dadurch verhindert werden sollen. Es würden eher ganzheitliche Lösungen behandelt und auch Klimawandel-Betroffene in den Fokus gestellt. Die Autor*innen diskutieren, wie solche Ansätze auch in andere journalistische Medien einbezogen werden könnten.

Termine
📆 5. März | „Wie wird der Gegenwind in der Nachhaltigkeitskommunikation zum Aufwind?“ (Berlin) | Mehr
📆 15 April | Falling Walls Global Call for Science Breakthroughs of the Year 2026 | Mehr
📆 5-6. October 2026 | Konferenz – Building Knowledge Together: Citizen Science, Communication, and Trust (Berlin) | Mehr
Jobs
📢 Volontariat (m/w/d) in der Öffentlichkeitsarbeit / Wissenschafts- kommunikation | Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren (Bewerbungsschluss: 1. März 2026)
📢Elternzeitvertretung für die Programmleitung des Insights-Programms | Wissenschaft im Dialog (Bewerbungsschluss: 8. März 2026)
📢Referent*in Wissenschaftskommunikation (w/m/d) | Hochschule Landshut Hochschule für angewandte Wissenschaften (Bewerbungsschluss: 12. März 2026)
📢 Office- und Teilnehmendenmanagement (m/w/d) | con gressa GmbH (keine Bewerbungsfrist)
Weitere Stellenangebote finden Sie in unserer Jobbörse– exklusiv für Stellen aus der Wissenschaftskommunikation. Hochschulen, Forschungsinstitutionen, Stiftungen und Co können ihre Stellenangebote direkt an Besucher*innen unseres Portals richten.
Fundstück
Sehenswert – der Multimediawettbewerb Fast Forward Science* wirbt für die neue Bewerbungsphase. Der Multimedia-Wettbewerb Fast Forward Science startet in die nächste Runde! Auch 2026 werden die „originellsten Online-Formate der Wissenschaftskommunikation“ ausgezeichnet.
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*Wissenschaft im Dialog ist einer der drei Träger der Plattform Wissenschaftskommunikation.de.