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„Barrierefreiheit ist nichts zum Abhaken“

Wissenschaft verständlich machen – aber für wen eigentlich? Im Interview spricht Robert Jasko mit uns über inklusive Wissenschaftskommunikation, den Aufbau eines Fachgebärdenlexikons und darüber, wie barrierearme Bildungs- und Lernmaterialien Teilhabe ermöglichen können.

Robert Jasko leitet das Modellprojekt „Wissenschaft barrierefrei in Gebärdensprache“. Zuvor war Jasko in der Projektkoordination des Projekts „Sign2MINT“ am Max-Planck-Institut für Mikrostrukturphysik tätig sowie im Referat für Eigenständige Jugendpolitik und Partizipation bei der Deutschen Gehörlosen-Jugend.
Foto: ©Julián Jasko-Escobar

Wo sehen Sie aktuell für Taube Menschen die größten Hürden im Zugang zur Wissenschaft?

Wir leben in einem System, das Wissen auditiv und linear vermittelt. Das heißt, es ist auf Schrift- und Lautsprache fokussiert, Informationen werden in Sequenzen vermittelt. Das ist der Standard. Aber Taube Personen, die in Gebärdensprache kommunizieren, denken visuell und räumlich – also in Szenen, räumlichen Strukturen und Zusammenhängen, nicht in linearen Abfolgen. So müsste Wissen dann auch gestaltet werden. Sie denken in bestimmten Szenen, in Kontexten, in räumlichen Strukturen. Für Taube Personen ist das System fehlerhaft. Es passt nicht zu ihren individuellen Bedarfen.

Sie leiten ein Projekt für inklusive Wissenschaftskommunikation in Deutscher Gebärdensprache und haben dafür gerade eine Förderung erhalten. Was möchten Sie mit dem Projekt erreichen?

Ein anderes großes Problem ist, dass eine sichere, langfristige Finanzierung fehlt. Stiftungen, die vielleicht bereit wären, Geld zu geben, sind selbst nicht gebärdensprachkompetent. Sie sind dann unsicher, entsprechende Projekte zu fördern. Das möchte ich ändern und schaffen, dass die Deutsche Gebärdensprache (DGS) einen Zugang zur Wissenschaft für Taube Personen bietet.

Wir möchten mit unserem Projekt herausfinden, welche Wissenschaftsformate wirklich die am besten zugänglichen, verständlichsten für Taube Menschen sind. Und wie sie sich durchsetzen und Einklang im Alltag Tauber Menschen finden. Also: Welche Formate brauchen Taube Menschen, um Wissen gut zu verstehen und langfristig behalten zu können? Uns ist dabei wichtig, dass echte Partizipation stattfindet, also dass die Community die Möglichkeit hat, diese Formate mitzubestimmen und anzupassen.

Ich bin der Deutschen Fernsehlotterie sehr dankbar, dass wir diese Förderung bekommen haben. Es ist nicht nur eine Förderung, sondern auch eine Anerkennung, dass dieses Thema jetzt wirklich gesehen wird.

Wie wird dieser partizipative Ansatz umgesetzt?

Für mich bedeutet Partizipation, konkret zu schauen: Was sind Themen aus der Community und wie kann die Community selbst mitgestalten? Es ist wichtig für mich, Feedback kontinuierlich in den Prozess mit einzubauen. Dafür wollen wir vor Ort Präsenz-Angebote schaffen.

Eine weitere Möglichkeit ist, dass wir auch auf Online-Angebote zurückgreifen. Das ist herausfordernd – Gebärdensprache ist nun mal eine dreidimensionale Sprache – aber trotzdem möchte ich allen interessierten Menschen eine Chance geben, teilzuhaben.

Außerdem soll es Live-Vorträge zu konkreten Themen aus der Wissenschaft geben. Am Ende der Vorträge wollen wir Feedback einholen und fragen: War das gut? War das schlecht? Was hat euch gefehlt?

Zuvor waren Sie an der Entwicklung eines Lexikons für Fachgebärden im MINT-Bereich beteiligt. In diesem Kontext ist beispielsweise eine Gebärde für das Wort Fossil entstanden. Wie funktioniert die Entwicklung von neuen Fachgebärden?

Wir hatten uns mit Expert*innen aus dem MINT-Bereich getroffen. Bei jedem Treffen hat eine Person über ein bestimmtes Thema einen Vortrag gehalten. Die Person hat dann eigene Gebärden verwendet oder welche, die sie schon zufällig kannte. Nach dem Vortrag sind wir alle in die Diskussion gegangen und haben überlegt: Haben die anderen Personen aus der Runde vielleicht noch Gebärden für einen bestimmten Begriff? Und wie können weitere Neugebärden aussehen?

Es war nicht so, dass wir uns das einfach ausgedacht haben. Der Prozess war methodisch abgesichert: Wir hatten immer eine Person aus der Linguistik dabei, um sicherzustellen, dass die neuen Gebärden im System der DGS funktionieren.

Die Gebärden kamen nur durch fünf Personen zustande. Die hatten dann natürlich eine extreme Macht und auch eine große Verantwortung. Deshalb betonen wir, dass Sign2MINT  eine Sammlung, beziehungsweise ein erster Schritt in Richtung Lexikon darstellt.

Warum braucht es in der Wissenschaft Fachgebärden?

Fachgebärden sind für den MINT-Bereich sehr wichtig. Wenn man sich vorstellt, es gäbe keine Fachgebärden, dann müsste jedes Fachwort daktyliert, also mit dem Fingeralphabet, buchstabiert werden. Das ist kognitiv eine extrem anspruchsvolle Leistung.

Wie schwierig das ist, kann man gut ins Deutsche übertragen, wenn man sich vorstellt, man müsste die ganze Zeit zuhören, wie Wörter buchstabiert werden. Fachgebärden schaffen es da einfach, metaphorisch stimmige Konzepte zu vermitteln.

Die Geste für Fossil in deutscher Gebärdensprache via Sign2MINT.

Wie kann eine barrierefreie Gestaltung von Bildungsformaten und Lernmaterialien aussehen?

Gebärdensprache ist wirklich das Wichtigste. Es geht gar nicht darum, dass Inhalte einfach übersetzt werden, sondern dass die Inhalte übertragen werden in das visuelle System der Gebärdensprache. Das heißt, es muss räumlich anders strukturiert werden.

An der Gallaudet University wurde im Bereich der Wissenschaftskommunikation geforscht und herausgefunden, dass Taube Menschen in visuell anderen Räumen und Strukturen denken und das natürlich auch Einfluss auf Unterrichtsabläufe und Wissensvermittlung hat.

Es geht nicht, dass man einer sequenziellen Textlogik folgt, die immer Abschnitt für Abschnitt gilt, sondern es muss visuell kohärent sein. Gute Fachgebärden sind wie gute Formeln, könnte man sagen. Ein Konzept, das einen Inhalt vermittelt und nicht nur das reine Wort. Da spricht man auch von „Deaf Didaktik“.

Worauf sollte man noch achten?

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass es auch innerhalb der Community der Tauben Menschen eine Minderheiten-Community gibt, die Taubblinden Personen. Diese Personen haben nochmal ganz andere Bedarfe. Sie brauchen große Bilder, starke Kontraste. Typisch ist gelb auf schwarz, sonst können Inhalte verloren gehen.

Das heißt, nur weil etwas für Taube Menschen barrierefrei ist, heißt das nicht, dass es für Taubblinde Personen barrierefrei ist. Die eine Barrierefreiheit gibt es nicht, man kann eher von angestrebter Barrierearmut sprechen.

Was würden Sie anderen Forschenden und Kommunizierenden raten, die ihre Kommunikation barrierearm gestalten möchten?

Wenn Personen Barrieren abbauen wollen, ist es wichtig, direkt zu fragen, was gebraucht wird, statt sich einfach selbst etwas zu überlegen. Das sollte man tun, bevor man in die Gestaltung geht. Barrierefreiheit ist keine Pauschallösung und das ist auch nicht realistisch aus meiner Perspektive. Sie ist ein Spektrum.

Das heißt, Barrierefreiheit ist nicht etwas zum Abhaken, sondern ein Prozess. Ein Weg, bei dem man auf Expert*innen angewiesen ist. Der erste Schritt ist daher immer zu überlegen, wer die konkrete Zielgruppe ist und dann direkt auf diese Zielgruppe zuzugehen. Sie sind Expert*innen und wissen, was sie brauchen.

Barrierefreiheit ist für mich auch eine Haltung, mit der man in einen Gestaltungsprozess geht, um eben nicht die Illusion of Inclusion zu bedienen. Also dass nicht nur ein Scheinbild von Inklusion entsteht, sondern dass es wirklich gelebt wird. Und ganz wichtig ist natürlich, offen zu bleiben. Offen für Neues, offen für andere Perspektiven, offen für neue Sprachen.

Wie steht es Ihrer Meinung nach um den Zugang zur Wissenschaft heute? Hat sich etwas verbessert, seit Ihren Studien- und Schulzeiten?

Wir bewegen uns immer noch in einem System, dessen Modalität nicht für Taube Personen ausgelegt ist. Da hat sich wenig verbessert. Ich sage das nicht aus Frust heraus, sondern einfach aus einer Beobachtung.

Im Schulbereich, in der Bildung und im Alltag, da sehe ich leider nicht so viel Veränderung. Da haben die Hörenden einfach den Vorteil, dass es für sie selbstverständlich ist, dass sie überall Zugang zu Wissen in ihrer eigenen Sprache haben. Den haben Taube Personen eben nicht.

Was sich hingegen verbessert hat, ist, dass innerhalb der Community mehr Personen in die Wissenschaft gehen und dann Workshops für Taube Menschen anbieten und individuell mehr tun. Aber das findet auf individueller und nicht auf systemischer Ebene statt. Diese Personen kann man an einer Hand abzählen. Sie tragen dann eine sehr hohe Belastung und Verantwortung.

Dieses Interview wurde mit Gebärdensprachdolmetschung geführt.