Wissenschaftsbezogener Populismus ist ein Nischenphänomen – aber ein lautes. Warum wir es ernst nehmen sollten und wie man es erforschen kann, erzählt Kommunikationswissenschaftler Niels Mede im Interview.
„Antiwissenschaftliche Ansichten können systemische Folgen haben“
Sie haben mit Mike S. Schäfer von der Universität Zürich das Konzept des wissenschaftsbezogenen Populismus entwickelt. Warum fanden Sie es sinnvoll, bisherige Populismusdefinitionen zu ergänzen?

Die Initialzündung hat stattgefunden, als ich vor knapp zehn Jahren als Student Interviews mit Medienskeptiker*innen geführt habe. Ein Studienteilnehmer hat mir nach dem Interview unterstellt, dass die Studie staatsfinanziert und damit nicht unabhängig sei. Er fragte mich auch, ob mir bewusst sei, dass die Universität ein elitärer, ,linksgrün versiffter Ort‘ sei, an dem der gesunde Menschenverstand ,normaler Leute‘ keinen Platz hätte. In dem Moment habe ich zum ersten Mal gedacht: Das ist eine Form des Populismus, die anders ist als das, was man unter politischem Populismus versteht. Zu Beginn meiner Promotion hat Mike Schäfer ähnliche Beobachtungen mit mir geteilt. Wir waren der Ansicht, dass die bisherige Theoriearbeit zu Populismus die Ablehnung von akademischen Eliten nicht vollständig beschreibt.
Was fehlt?
Das klassische Populismuskonzept beschreibt den Konflikt zwischen einem ,einfachen Volk‘ und einer politischen Elite sowie den Kampf um Machtansprüche – in der Regel politische Machtansprüche. Einen Konflikt zwischen dem Volk und einer akademischen Elite, den der Studienteilnehmer damals wahrnahm, beschreibt die typische Populismusdefinition nicht.
Dazu kommt: Beim wissenschaftsbezogenen Populismus geht es nicht primär um Machtansprüche im politischen Sinne, sondern um einen vermeintlichen Konflikt zwischen Volk und Elite um Wahrheitsansprüche. ,Das Volk‘ werde von Wissenschaftler*innen bevormundet in Bezug auf das, was es als wahr und korrekt begreifen soll – nämlich angeblich lebensweltfremde, ideologisch gefärbte Studien und nicht den authentischen Menschenverstand einfacher Leute. Außerdem würden Wissenschaftler*innen ihre Entscheidungen, etwa bei der Auswahl von Forschungsfragen, der Verteilung von Fördermitteln oder der Anstellung von Mitarbeitenden, nicht an den Prioritäten und Werten der ,einfachen Leute‘ orientieren.
Wissenschaftsbezogener Populismus ist also in dreierlei Hinsicht vom klassischen Populismuskonzept verschieden: Erstens fokussiert es auf eine andere Elite – nicht auf eine politische Machtelite, sondern eine akademische Wissenselite. Zweitens wird ,das einfache Volk‘ etwas anders begriffen, nämlich als Gruppe von Menschen, die ,ein gesunder Menschenverstand‘, ,Bauchgefühl‘ und Lebenserfahrung einen. Drittens gibt es eine andere Art von Machtkonflikten, bei der es nicht um politische Macht, sondern um epistemische Deutungs- und wissenschaftsbezogene Entscheidungshoheit geht.
Ist es nicht berechtigt zu fragen, wer in einer Gesellschaft Deutungsmacht hat – und dies kritisch zu diskutieren?
Vollkommen richtig. Es ist wichtig, dass die einzelnen Komponenten von wissenschaftsbezogenem Populismus nicht per se pathologisiert werden. Teilweise haben diese einen berechtigten Kern und sind nachvollziehbar. Wissenschaftler*innen sind durchaus Teil einer gesellschaftlichen Elite. Die Frage ist, ob das ein Problem ist. Auch die Forderung, dass die Bevölkerung bei der Auswahl von Forschungsthemen oder der Vergabe von Fördergeldern, die ja zum Teil Steuergelder sind, mitreden sollte, ist legitim. Man kann sich auch fragen, ob andere Formen von Wissen – etwa Erfahrungs- und Praxiswissen – nicht teilweise wertvolle Epistemologien oder Wissensressourcen darstellen.
Der Punkt ist, dass der wissenschaftsbezogene Populismus den „gesunden Menschenverstand“ als einzige Wahrheitsform deklariert und wissenschaftliches Expert*innenwissen abschaffen möchte.
In seiner Gesamtheit ist solch ein Populismus also aus meiner Sicht schädlich für eine moderne, funktionierende demokratische Wissensgesellschaft und eine produktive Wissenschaft.
Sie haben vor einigen Jahren eine Skala entwickelt, um wissenschaftsbezogenen Populismus zu messen. Wie funktioniert das?
Unsere Annahme war: Wenn das Konzept die Einstellungen und Denkweisen von Menschen prägen kann, müsste man es mithilfe von Befragungen messen können. Wir haben in Anlehnung an bisherige Forschung zu Populismus eine Skala mit acht Aussagen entwickelt, mit denen wir die verschiedenen Komponenten des wissenschaftsbezogenen Populismus abfragen.
Um das zu veranschaulichen: Die ablehnende Haltung gegenüber einer wissenschaftlichen Elite haben wir zum Beispiel über die Zustimmung zur Aussage abgefragt, dass „Wissenschaftler*innen nur auf ihren eigenen Vorteil aus“ sein. Beim Konflikt um wissenschaftliche Deutungshoheit haben wir Aussagen verwendet wie: „Im Zweifel sollte man eher der Lebenseinschätzung einfacher Menschen vertrauen als den Einschätzungen von Wissenschaftler*innen.“
Je mehr man den acht Aussagen zustimmt, desto stärker tendiert man zu wissenschaftsbezogenem Populismus. Eindeutig populistisch denkt jemand aber nur dann, wenn er oder sie allen vier Dimensionen zugestimmt.

Was zeigt Ihre Forschung: Wie verbreitet sind solche Einstellungen?
Zunächst haben wir in der Schweiz geforscht und herausgefunden, dass dort der vollständige wissenschaftsbezogene Populismus sehr schwach ausgebreitet ist. Es ist ein Nischenphänomen, wenn auch ein lautes und sichtbares. Nur 2,8 Prozent der Schweizer*innen stimmten allen vier Komponenten zu. Ein wesentlich größerer Teil, etwa 55 Prozent, hat mindestens eine Komponente komplett abgelehnt. Es gibt aber nennenswerte Teile der Bevölkerung in der Schweiz, die durchaus eine der Komponenten befürworten.
Warum sollten wir uns überhaupt mit dem Phänomen beschäftigen, wenn es nur eine gesellschaftliche Nische betrifft?
Antiwissenschaftliche Ansichten können systemische Folgen haben, auch wenn sie nur von einer Minderheit befürwortet werden. Denn wenn diese Minderheit in Nachrichtenüberschriften, auf digitalen Plattformen, in populärwissenschaftlichen Gesellschaftsdiagnosen und Buchtiteln präsent ist, kann das den Anschein erwecken, als ob sie gar nicht so klein sei. Das kann wissenschaftsskeptische Haltungen legitimieren, normalisieren und mobilisieren.
Solch eine Normalisierung kann bewirken, dass sich ein bruchstückhafter Populismus – also die Befürwortung einzelner Komponenten – zu einem vollständigen populistischen Weltbild auswächst. Insofern kann die Tatsache, dass Teile der Bevölkerung zumindest einzelne Aspekte von wissenschaftsbezogenem Populismus befürworten, zum Problem werden. Solch eine Populismus-Anfälligkeit ist nicht zu unterschätzen.
Wie sieht es in anderen Ländern aus?
Die Ergebnisse aus der Schweiz lassen sich relativ gut auf Deutschland übertragen. Das zeigen auch Ergebnisse des TISP-Projekts („Trust in Science and Science-Related Populism“), einer Studie in 68 Ländern, mit der wir verschiedene Einstellungen zu Wissenschaft und Forschung weltweit untersucht haben. Wissenschaftsbezogene populistische Einstellung sind in Deutschland, in Österreich und anderen mittel- und westeuropäischen Ländern eher schwach ausgebildet. Deutschland rangiert leicht unter dem globalen Durchschnitt. Stärker sind populistische Einstellungen in den USA vertreten und in einigen Ländern in Südostasien. Länder in Afrika sowie zum Beispiel Schweden und Finnland sind tendenziell resilienter gegenüber wissenschaftsbezogenem Populismus.

Wer ist besonders anfällig für antiwissenschaftliche Einstellungen?
Weltweit zeigt sich: Vor allem Männer, formal niedrig Gebildete und Menschen mit rechten und konservativen politischen Haltungen. Für die Schweiz haben wie gezeigt, dass vor allem ältere Menschen die Komponente befürworten, die die Ablehnung von wissenschaftlicher Expertise beschreibt. Wer auf dem Land lebt, unterstreicht eher die Bedeutung des gesunden Menschenverstandes. Aber grundsätzlich haben soziodemografische Faktoren nur einen sehr kleinen Einfluss.
Stärker ausschlaggebend ist etwa das Interesse an Wissenschaft. Wer sich von Wissenschaft entfremdet fühlt, keine wissenschaftliche oder akademische Sozialisierung hat und relativ wenig wissenschaftliches Fachwissen hat, neigt eher zu wissenschaftsbezogenem Populismus. In westlichen Ländern zeigt sich, dass Menschen, die tendenziell politisch rechts eingestellt sind, etwas stärker zu populistischen Haltungen tendieren. Wenn man sich aber bestimmte Wissenschaftsthemen anschaut – Stichwort ,Big Pharma‘, AI-Technologien aus dem Silicon Valley, Anthroposophie oder Homöopathie – ist wissenschaftsbezogener Populismus auch im linken politischen Spektrum zu finden. Das müssten wir genauer untersuchen.
Welchen Zusammenhang gibt es zwischen politischer Sphäre und wissenschaftsbezogenem Populismus?
Ein Kollege aus den Niederlanden, Roderik Rekker, hat über 15 Jahre den Zusammenhang zwischen populistischem Wahlverhalten und Wissenschaftsskeptizismus untersucht. Das ist ein etwas anderes Konzept, aber verwandt mit dem wissenschaftsbezogenen Populismus. Die Ergebnisse zeigen, dass sowohl populistisches Wahlverhalten als auch politische Unzufriedenheit Wissenschaftsskepsis fördern.
Das legt nahe: Populistische Machthaber*innen können wissenschaftsbezogene populistische Einstellungen schüren. Auf der anderen Seite können auch prowissenschaftliche Politiker*innen populistische Einstellungen dämpfen. Das Pendel kann in beide Richtungen ausschlagen.
Antiwissenschaftliche Meinungsführerschaft müsste man aber noch genauer untersuchen, denn es spielt vermutlich eine Rolle als Auslöser oder Verstärker einer wissenschaftsbezogenen populistischen Haltung. Solch eine Meinungsführerschaft kann dabei durch Politiker*innen praktiziert werden, aber auch durch Influencer*innen auf Social Media oder öffentliche Personen von Peter Thiel bis Xavier Naidoo. Das gilt gerade für politisierte Themen wie Klimawandel, erneuerbare Energien, Gender Studies und in einigen Ländern auch Gentechnik.
Was könnten Gründe dafür sein, antiwissenschaftliche Haltungen zu befeuern?
Ein Treiber ist, dass Wissenschaft als Begründungsinstanz für politische Entscheidungen delegitimiert werden soll. Wenn sich Jens Spahn in der Coronapolitik auf die neuesten wissenschaftlichen Befunde beruft und Entscheidungen trifft, die populistischen Politiker*innen nicht gefallen, liegt es nahe, die die Wissenschaft zu diskreditieren. Und zu proklamieren, dass Wissenschaftler*innen mit der politischen Elite unter einer Decke steckten.
Ähnliche Beispiele lassen sich für andere Themen finden, wie den Bau von Solaranlagen und Windrädern, und auch für Gleichstellung, soziale Gerechtigkeit und Immigration. Das sind kontrovers diskutierte Themen, zu denen wissenschaftliche Expertise vorliegt, die politische Entscheidungen informiert, aber populistischen Akteur*innen nicht gefällt.
Ein weiteres Motiv ist, dass sich Personen mit ihren auf dem Bauchgefühl basierenden Einschätzungen nicht gehört fühlen. Sie werfen der Wissenschaft vor, im Elfenbeinturm abstrakte Studien zu produzieren, Grundlagenforschung zu betreiben, die angeblich nutzlos und möglicherweise auch politisch gefärbt ist. Hier herrscht ein Ungerechtigkeitsempfinden.
Welche Anknüpfungspunkte sehen Sie für die Wissenschaftskommunikation?
Zunächst legt unsere Forschung nahe, welche Zielgruppen wir ansteuern sollten. Unsere Ergebnisse zeigen, dass Menschen, die wissenschaftsbezogene populistische Einstellungen befürworten, tendenziell eher älter sind, zum Teil auf dem Land leben, wenig Interesse an Wissenschaft haben, sich von ihr entfremdet fühlen und wenig Wissen darüber mitbringen. Dies zeigt auf, an wen wir uns mit unserer Kommunikation wenden sollten.
Wir müssen außerdem glaubwürdige, vertrauenswürdige Zugriffspunkte zu populistischen Communities finden, quasi Botschafter*innen, die von populistischen Milieus akzeptiert werden. Die Lehrerin Sarah Ott beispielsweise war einst eine hartgesottene Klimaskeptikerin, erlebte dann aber einen Sinneswandel und trat als Advokatin für die Klimaforschung auf – auch im Unterricht mit der Klasse.
Wir müssen Interesse für Wissenschaft und Scientific Literacy fördern, Misstrauen und legitime Skepsis ernst nehmen, aber auch Entfremdung abbauen, indem wir in einen Dialog treten. Das ist schwierig, weil wir als Wissenschaftler*innen und Kommunikator*innen genau zu der Elite gehören, die abgelehnt wird. Deswegen müssen wir transparent sein, Methoden offenlegen und zum Beispiel erklären, wie wissenschaftsbasierte Politikberatung funktioniert.
Wichtig ist aber insbesondere: Nicht nur Wissen und Verständnis fördern, sondern Angebote für vertrauensstiftende Interaktion machen – und dies dort, wo wissenschaftsferne, entfremdete Zielgruppen tendenziell größer sind als im Museum oder beim Science Slam. Etwa auf digitalen Plattformen wie TikTok oder Twitch, in Schulen, im Fußballverein. Das ist eine große Herausforderung für die Wissenschaftskommunikation, aber eine wichtige.