Foto: Magnific

AfD-Rekordergebnis: Hochschulen bereiten sich vor

Was bedeutet das Rekordergebnis der AfD in Sachsen-Anhalt für Hochschulen, Wissenschaftsfreiheit und Wissenschaftskommunikation? Das Wisskomm-Update gibt alle 14 Tage einen Überblick über aktuelle Themen, Debatten und Trends.

Was gibt’s Neues?

Zwischen Krisenplänen, Vernetzung und Widerstand

Die AfD* ist bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt mit 43,8 Prozent** der Stimmen stärkste Kraft geworden. Ihr Ziel, allein regieren zu können, hat sie zwar verfehlt, dennoch dürfte das Ergebnis auch für die Wissenschaft Folgen haben. Was ein möglicher politischer Einfluss der AfD für Hochschulen, Wissenschaftsfreiheit und Forschung bedeuten könnte, wird intensiv diskutiert.

Unsere Redakteurin Anna Henschel hat sich in den vergangenen Wochen in unseren Wahlprüfsteinen damit beschäftigt, was die Parteien zur Wissenschaftskommunikation sagen. Nun richtet sich der Blick auf die möglichen Folgen des Wahlergebnisses.

Der Hochschulpräsident der Hochschule Anhalt Jörg Bagdahn, gebürtig aus Sachsen-Anhalt, blickt mit großer Sorge auf die aktuellen Entwicklungen. Im Interview mit Jan-Martin Wiarda warnt er vor den Folgen des AfD-Wahlprogramms für Hochschulsystem und Wissenschaftsfreiheit. Als Hochschulleitung sehe er sich in der Verantwortung, über politische Positionen aufzuklären, die nicht mit dem Grundgesetz und der Freiheit von Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre vereinbar seien. Hochschulen bereiten sich derzeit auf mögliche Eingriffe vor. Bagdahns Hochschule hat bereits Planspiele dazu durchgeführt, wie auf politische Vorgaben reagiert werden könnte. Im Ernstfall, so Bagdahn, müsse es ein robustes Krisenmanagement geben.

Besonders sorgt er sich um die wirtschaftlichen Folgen für die Region. Die im AfD-Wahlprogramm geforderte Abschaffung von Bachelor und Master und die Rückkehr zu Diplom und Magister würde aus seiner Sicht die internationale Anschlussfähigkeit der Hochschule gefährden und zu einem Rückgang der Studierenden führen. Die wirtschaftlichen Folgen wären unmittelbar spürbar. Allein an der Hochschule Anhalt studieren rund 2700 internationale Studierende. „Wenn jeder davon im Monat nur 500 Euro für Miete und Lebensunterhalt hier ausgibt, sind das mehrere Millionen Euro im Jahr, die bei Geschäftsleuten und Vermietern ankommen – oder eben wegbleiben“, betont Bagdahn.

Auch international wird die Entwicklung aufmerksam verfolgt. Colette Delawalla von der US-amerikanischen Organisation Stand Up For Science sieht Parallelen zu Entwicklungen in den USA. Im Gespräch mit Forschung & Lehre warnt sie vor unvorbereiteten Einschränkungen wissenschaftlicher Freiheit. Sie ruft Forschende dazu auf, gezielt ihre Arbeit sichtbar zu machen, mit der Öffentlichkeit über ihren gesellschaftlichen Nutzen zu sprechen und sich zu vernetzen.

Foto: Screenshot

Die Ökonomin Andrea Binder und die Konfliktforscherin Hanna Pfeifer beschäftigen sich in ihrem Gastbeitrag in der ZEIT mit der Frage, wie Widerstand gegen mögliche Eingriffe in die Wissenschaft aussehen könnte. Als zentrales Stichwort nennen sie dabei Vernetzung. Hochschulen sollten sich gegenseitig unterstützen, statt einzeln auf politische Angriffe zu reagieren. Neben innerakademischer Solidarität werden auch alternative Finanzierungswege vorgeschlagen, etwa Sonderförderlinien von Bund und Stiftungen für bedrohte Forschungsbereiche. So könnten Wissenschaftler*innen trotz politischem Druck an ihren Hochschulen bleiben.

Auch Streik und Sabotage benennen sie als mögliche Formen des Widerstands. Hochschulen außerhalb Sachsen-Anhalts könnten etwa Studierenden die digitale Teilnahme an Lehrveranstaltungen ermöglichen, die aufgrund politischer Einflussnahme vor Ort nicht mehr angeboten werden können, oder gemeinsame Forschungsprojekte zu gefährdeten Themen initiieren.

Die Debatte zeigt damit bereits vor einer Regierungsbildung: Für die Wissenschaft geht es nicht nur um politische Positionen, sondern um konkrete Fragen von Finanzierung, Autonomie und Wissenschaftsfreiheit. Und darum, wie Hochschulen und Forschende auf mögliche Einschränkungen reagieren können.

Und sonst?

Wer Wissenschaft nicht nur studieren, sondern auch journalistisch begleiten möchte, bekommt dafür eine neue Möglichkeit: Die Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz vergibt erstmals das Stipendium „Student Journalist in Residence“. Ein Jahr lang können Studierende aller Fachrichtungen Einblicke in die Arbeit der Akademie gewinnen und Wissenschaft, Kultur und gesellschaftliche Debatten begleiten.

Für Journalist*innen, die über Medizin und Gesundheit berichten, gibt es ebenfalls eine Ausschreibung. Das EbM-Netzwerk sucht Beiträge für den Journalistenpreis „Evidenzbasierte Medizin in den Medien“ 2027. Der mit 2.000 Euro dotierte Preis würdigt Arbeiten, die evidenzbasierte Medizin besonders überzeugend journalistisch vermitteln. Bewerbungen sind bis zum 4. Dezember 2026 möglich.

Die TU Dresden hat erneut ihren Preis für exzellente Wissenschaftskommunikation vergeben. Ausgezeichnet wurden Prof. Melanie Humann für das Projekt „Erzgebirge Atlas – Wissenschaft auf der Walz“ und Katharina Porepp für das interaktive Exponat „Doppelte Ernte“.

Mit der zehnten Folge geht der Podcast „Kurz mal was Anderes machen“ in die letzte Runde. Zum Staffelfinale geht es um Erfahrungen mit Wissenschaftspodcasts und die Frage, was dieses Format leisten kann. Außerdem gibt die Wissenschaftsforscherin Frauke Domgörgen Einblicke in ihre Forschung zu Soziolog*innen in Podcasts. Auf Wissenschaftskommunikation.de erklärte sie in ihrem Gastbeitrag „Warum Forschung Feminismus braucht“, wie eine transparentere und vielfältigere Wissenschaftskommunikation gelingen kann.

Eine Bewerbung auf eine fünfjährige Mitgliedschaft in der Jungen Akademie ist noch bis zum 11. November 2026 möglich. Gesucht werden herausragende Wissenschaftler*innen und Künstler*innen in der frühen und mittleren Karrierephase.

„Die breite Öffentlichkeit gibt es nicht“: Ein neuer Kurzbericht von Mike Schäfer, veröffentlicht von der Transfer Unit***, zeigt, warum Wissenschaftskommunikation stärker auf unterschiedliche Zielgruppen zugeschnitten werden sollte. Neben Alter, Geschlecht oder Bildung spielen auch Einstellungen zur Wissenschaft, individuelles Wissen, Interessen und Vertrauen sowie genutzte Kommunikationskanäle eine Rolle.

Und die Forschung?

Gelungenes Storytelling soll Erkenntnisse verständlich und einprägsam vermitteln. Dabei könne es aber passieren, dass der wissenschaftliche Prozess verzerrt dargestellt wird, schreiben Tom van Laer von der SKEMA Business School–Université Côte d’Azur und Anne-Sophie Chaxel von der HEC Paris in einem Kommentar. Die beiden argumentieren, dass es etwas brauche, was sie als „narrative Integrität“ bezeichnen. Damit meinen sie, dass eine Geschichte Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens transportieren sollte: die damit verbundene Unsicherheit, die Tatsache, dass oft verschiedene Faktoren zu einem Ergebnis führen und die kollektive Arbeit, die dahintersteckt.

Inwiefern schaffen es Citizen-Science-Projekte, eine Brücke zwischen Wissenschaft und Gesellschaft zu schlagen? Ein Forschungsteam um Kirsten Vegt von der Leiden University hat anhand von Fallstudien untersucht, ob Projekte zu umstrittenen Umwelt-Themen dazu beitragen, die psychologische Distanz zur Wissenschaft zu verringern. Es zeigte sich, dass die enge Zusammenarbeit zwischen Bürger*innen und Wissenschaftler*innen dazu führte, dass Wissenschaft zu einem gemeinsamen, nahbaren Unterfangen wurde. Dies war laut der Forschenden eine zentrale Voraussetzung dafür, dass soziale Distanz verringert wurde.

Um herauszufinden, wie Wissenschaftler*innen die Plattform TikTok nutzen, haben Jon Benedik Bunquin und Alex Segrè Cohen von der University of Oregon mehr als 1000 Videos mit wissenschaftlichen Inhalten untersucht. Die quantitative Inhaltsanalyse zeigt, dass viele emotionale und umgangssprachliche Ausdrücke verwendet werden. Imitation und Humor wirkten sich positiv auf Likes, Shares, Kommentare und Views aus. Das unterstreicht laut der Autoren die Bedeutung plattformkonformer Kommunikation. 

Termine

📆 15. September 2026 | Open Science Beyond Borders (digital) | Mehr

📆 23. September/15. Oktober 2026 | Fortbildung: Rechtliche Grundlagen für die Wissenschaftskommunikation (digital) | Mehr

📆 23. bis 25. September 2026 | Scicom-E Konferenz (Frankfurt) | Mehr 

📆 25. bis 27. September | Barcamp der Wissenschaftspodcaster*innen (Magdeburg) | Mehr

📆 28. September 2026 | Campus Citizen Science*** (Berlin) | Mehr

📆 30. September 2026 | Neue Formate in der digitalen Wisskomm (Online, für idw-Mitglieder) | Mehr

📆 16. Oktober 2026 | Verleihung der Auszeichnung „Gute Bürgerbeteiligung“ (Berlin) | Mehr

Jobs

🔉 Wissenschaftliche*r Mitarbeiter*in (Postdoc) | „Kiel Science Communication Network“ (Bewerbungsfrist: 27. September)

🔉 Mitarbeiter/-in für Wissenschaftskommunikation, Öffentlichkeitsarbeit und Transfer | Leibniz-Institut für Katalyse e.V. (Bewerbungsfrist: 30. September)

🔉Fachbereichs­leitung Veranstaltungen & Marketing | Forschungszentrum Jülich GmbH (Bewerbungsfrist 2. Oktober)

Weitere Stellenangebote finden Sie in unserer Jobbörse – exklusiv für Stellen aus der Wissenschaftskommunikation. Hochschulen, Forschungsinstitutionen, Stiftungen und Co können ihre Stellenangebote direkt an Besucher*innen unseres Portals richten.

Fundstück

Forschung, Social Media, Blog, Vortrag – und das alles „mal nebenbei“? Ein Meme des NaWik*** nimmt den Zeitmangel in der Wissenschaftskommunikation aufs Korn und lädt zur Diskussion über Strategien gegen das Dilemma ein.

*Der Verfassungsschutz stuft den Landesverband Sachsen-Anhalt der AfD als gesichert rechtsextremistische Bestrebung ein.
** Vorläufiges Endergebnis.
*** WiD und das NaWik sind zwei der drei Träger des Portals Wissenschaftskommunikation.de.