Im Bundestag wird über die Wissenschaftsfreiheit debattiert, ein gestrandeter Wal löst eine Protestbewegung aus und eine neue Studie untersucht die Darstellung von Expert*innen im Fernsehen. Das Wisskomm-Update gibt alle 14 Tage einen Überblick über aktuelle Themen, Debatten und Trends.
AfD Antrag zur Wissenschaftsfreiheit im Bundestag beraten
Was gibt’s Neues?
Bundestag befasst sich mit AfD Antrag zur Wissenschaftsfreiheit
Am 15. April 2026 hat der Deutsche Bundestag erstmals über einen Antrag der AfD-Fraktion zur Wissenschafts- und Meinungsfreiheit an Hochschulen beraten. Anschließend wurde der Antrag zur weiteren Prüfung an den Ausschuss für Forschung, Technologie, Raumfahrt und Technikfolgenabschätzung überwiesen.
Inhaltlich fordert die AfD unter anderem einen umfassenden Bericht zur Lage der Wissenschafts- und Meinungsfreiheit im deutschen Wissenschaftssystem inklusive möglicher „Selbstzensur“, „Diskursverengung“ und „struktureller Risiken“ wie der Drittmittelabhängigkeit. Außerdem sollen in Bund-Länder-Programmen verbindliche Mindeststandards verankert werden, darunter transparente Verfahren bei Veranstaltungsabsagen, Schutzkonzepte gegen Einschüchterung und klare Beschwerdestrukturen. Ergänzend schlägt die Fraktion eine zentrale Anlaufstelle auf Bundesebene sowie gesetzliche Regelungen vor, die Beschäftigte in der Wissenschaft besser vor Sanktionen aufgrund zulässiger Meinungsäußerungen schützen sollen (mehr zur Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit in diesem aktuellen Gastbeitrag von Julia Wandt).
In der Plenardebatte begründete Ingo Hahn den Antrag mit einem zunehmenden Druck auf Forschende: „Wer kritische Fragen stellt, wer sich an sensible Themen heranwagt, riskiert Ausgrenzung und Druck.“ Die anderen Fraktionen widersprachen dieser Darstellung deutlich. Hans Theiß von der CDU/CSU entgegnete: „Die AfD will Einschüchterung statt offener Debatte, Meinungstotalitarismus statt Meinungspluralismus, politische Einflussnahme auf Wissenschaft statt Wissenschaftsfreiheit.“

Auch Ayse Asar (Bündnis 90/Die Grünen) stellte den Antrag infrage: „Die AfD hat die Wissenschaftsfreiheit heute auf die Tagesordnung gesetzt. Was sie damit meint? Freiheit für die Wissenschaft, die ihr gefällt“. Der Antrag entspräche einem „Brandstifter, der sich für den Denkmalschutz einsetzt“. Für die SPD hob Oliver Kaczmarek die Bedeutung wissenschaftlicher Standards hervor und warnte vor politischer Einflussnahme: „Es ist unsere gemeinsame Aufgabe, aus der demokratischen Mitte heraus dafür einzutreten, die Autonomie der Wissenschaft zu stützen, dafür einzutreten, dass wissenschaftliche Arbeit und der wissenschaftliche Diskurs sich an wissenschaftlichen Kriterien und Methoden, an Exzellenz orientieren und nicht am politischen Gutdünken.”
Nicole Gohlke (Die Linke) äußerte sich ebenfalls kritisch: „Wer wie die AfD den menschengemachten Klimawandel leugnet oder die Kategorie ‚Geschlecht‘ biologischessentialistisch verengt, scheitert nicht an einer vermeintlichen Cancel Culture, sondern scheitert schlicht an den Standards der Fachgemeinschaft. Was die AfD wirklich wolle, sei eine „domestizierte Wissenschaft“. Maja Wallstein (SPD) machte darauf aufmerksam, dass der Antrag Mindeststandards für Verfahren, transparente Regeln bei Raumvergaben und Schutz vor Diffamierung fordere: „Klingt das vernünftig? Ja. Aber wie ist die Praxis? Sie bezeichnen sich selbst als Hüter der Freiheit, während Sie gleichzeitig die Politik von Viktor Orbán feiern.“
Thema der Debatte war unter anderem auch das Wahlprogramm der AfD in Sachsen-Anhalt. Dieses lasse sich laut der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN wie eine „Drohkulisse gegen die Hochschulen“ lesen: „Hochschulgremien werden als pseudodemokratisch abgewertet und am Ende steht die offene Ankündigung, die AfD werde die deutsche Wissenschaft ‚zu sich selbst befreien‘.“ Die Unionsfraktion wies auch darauf hin, dass die AfD mit dem aktuellen Programm eine Rückabwicklung des Bologna-Prozesses wolle und „damit einen Grundpfeiler unseres Hochschulsystems infrage“ stelle.
Proteste und Gewalt gegen Walforscher*innen
Um die Gesundheit des Buckelwals „Timmy“, der seit dem 23. März in der Ostsee feststeckt, steht es nicht gut. Expert*innen rechnen damit, dass er es nicht lebend aus der Ostsee-Bucht hinausschaffen wird. Doch die Empfehlung der Forschenden, den Wal sterben zu lassen, können viele Beobachter*innen nicht akzeptieren. In den sozialen Medien hat sich eine Bewegung rund um den Wal gebildet. Die Aktionen reichen von Protesten und dem Durchbrechen von Sicherheitsabsperrungen bis hin zu KI-generierten Hymnen.

Der Bürgermeister der Insel Poel berichtet, er habe Morddrohungen im Zusammenhang mit dem Wal erhalten. Biolog*innen vor Ort wurden mit Steinen beworfen und sind angeblich auf Polizeischutz angewiesen. Online kursieren Falschinformationen und Verschwörungserzählungen. Diesen scheinen vor allem Misstrauen gegenüber der Wissenschaft und Skepsis gegenüber „denen da oben“ zugrunde zu liegen. In einem Facebook-Kommentar heißt es:„Die Rettung ist nie eine Option gewesen das Land will seine Überreste zu Geld mach das ist der Plan hinter dem ganzen.“ Die Neurowissenschaftlerin Maren Urner diagnostiziert im Fall „Timmy“ ein allgemeines Misstrauen gegenüber Expert*innenwissen. Die Erfahrungen, die man in diesem Zusammenhang mit der Corona-Pandemie gemacht habe, würden sich nun wiederholen.
Ein Fall für die gewaltfreie Kommunikation? In einem vergangenen Interview sprachen wir mit der Naturschutzforscherin Brooke Williams. Sie hat Tipps für solch schwierige Situationen: „Bei der Gewaltfreien Kommunikation geht es darum, die Perspektive des anderen zu verstehen, anstatt als Wissenschaftler einfach nur mit Fakten aufzuwarten. Das kann Menschen unbeabsichtigt ein wenig herabsetzen.“ Idealweise sollten Forschende versuchen zu verstehen, woher „die andere Seite“ kommt. Sie sollten sich fragen, welche Gefühle die Situation hervorruft und woher das Bedürfnis kommt. Das Konzept der gewaltfreien Kommunikation wurde zwar für die zwischenmenschliche Kommunikation entwickelt, könne aber auch auf größere gesellschaftliche Konflikte angewendet werden. (Zum ganzen Interview.)
Und sonst?
Die diesjährige Communicator-Preisträgerin heißt Ute Schmid. Die Wissenschaftlerin wurde für ihre Arbeit zum Thema „Künstliche Intelligenz” geehrt.
An der Universität Leipzig wurde erstmals der Preis für Wissenschaftskommunikation vergeben. Den ersten Preis erhielt das Simon-Dubnow-Institut für ein Projekt zur Vermittlung jüdischer Alltagskultur in Deutschland.
Vom 16. April bis zum 26. Mai 2026 können Beiträge zum Forum Wissenschaftskommunikation* eingereicht werden. Das diesjährige Forum, das in Leipzig stattfinden wird, befasst sich mit dem Thema „Gesellschaftlicher Zusammenhalt in Krisenzeiten”.
Wie kann man gezielt gesellschaftlichen Impact erzeugen? Für Forschende, die sich diese Frage stellen, stehen nun Open Educational Resources* mit didaktischem Begleitmaterial und einem Übungsheft zum Download bereit.
Pokémon-Professor:innen gesucht! Wie Nature in einem Careers-Beitrag berichtet, schreibt die japanische Firma mittlerweile auch Stellen für promovierte Ökolog*innen aus.
Und die Forschung?
Expert*innen sind im Fernsehen gern gesehene Gäste – aber wozu werden sie tatsächlich befragt? Monika Krause und Jan Gilles von der London School of Economics haben Expert*inneninterviews in deutschen Nachrichtensendungen zur russischen Invasion in der Ukraine untersucht. Dabei zeigte sich, dass sich die an die Sozial- und Geisteswissenschaftler*innen gerichteten Fragen meist nicht auf Osteuropa und die Ukraine und damit auf ihre Expertise bezogen. Stattdessen ging es um Auswirkungen der aktuellen Situation auf ein als deutsch verstandenes „Wir“.
Auch Forschende um Tobias Tönsfeuerborn von der Universität Bonn haben sozialwissenschaftliche Kommunikation erforscht. Es ging um die Frage, wie deutschsprachige Soziolog*innen ihr Wissen im Kontext der Coronapandemie vermittelten. Die Forschenden haben journalistische sowie wissenschaftliche Publikationen untersucht. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass diese beiden Kommunikationsformen zwei nur lose miteinander verbundene Bereiche darstellen. Beispielsweise haben Soziolog*innen, die in den ersten beiden Jahren der Pandemie öffentlich sehr präsent waren, in dieser Zeit meist keine wissenschaftlichen Beiträge zu Covid-19 veröffentlicht.
Wie gut sind von ChatGPT generierte Überschriften? Sameh Kamal Mohamed Ibrahim und Zakaria Abdelaziz Zakaria Mahmoud von der Beni-Suef University in Ägypten haben das am Beispiel von medizinischen Fachartikeln getestet. Sie verglichen 300 Überschriften aus renommierten Fachzeitschriften mit 300 von ChatGPT zu den jeweiligen Abstracts generierten Titeln. Es zeigten sich starke Ähnlichkeiten zwischen den beiden Varianten. Generell waren die Überschriften sehr methodenorientiert, ChatGPT produzierte aber mehr Titel, die sich auf den Datensatz und die Ergebnisse konzentrierten. Die Autoren schlussfolgern, dass ChatGPT fachliche Konventionen akkurat nachahmen kann, aber eine Tendenz zu Formelhaftigkeit und begrenzter stilistischer Flexibilität zeigt.
Termine
📆 10. Mai 2026 | Bewerbungsfrist für das Fortbildungsangebot “Fast Forward Energiewende”* | Mehr
📆 9. – 10. Dezember 2026 | Forum Wissenschaftskommunikation* (Leipzig) | Mehr
📆 23 .- 25. September 2026 | Tagung „Wissen schaf(f)t Konflikte? Kontroversen und Dilemmata der Wissenschaftskommunikation“ | Mehr
Jobs
📢 Referentin / Referent (w/m/d) im Bereich Wissenschaftskommunikation | Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste (Bewerbungsfrist: 27. April 2026)
Weitere Stellenangebote finden Sie in unserer Jobbörse– exklusiv für Stellen aus der Wissenschaftskommunikation. Hochschulen, Forschungsinstitutionen, Stiftungen und Co können ihre Stellenangebote direkt an Besucher*innen unseres Portals richten.
Fundstück
Woran erkennt man künstlich generierte Texte? Darüber wird immer wieder spekuliert und vermeintlich sichere Anzeichen werden verbreitet. Der Sprachwissenschaftler Simon Meier-Vieracker erklärt bei LinkedIn, warum das problematisch ist.
* Wissenschaft im Dialog ist einer der drei Träger der Plattform Wissenschaftskommunikation.de.