Wie balancieren medizinische Expert*innen auf Instagram zwischen Plattformlogiken und epistemischer Autorität? Welche subversiven Taktiken zeigen sich auf TikTok? Und wie verlief die mediale Debatte um das vermeintliche Coronamedikament Hydroxychloroquine?
Lifestyle-Ärzt*innen auf Instagram? Neues aus der Forschung
In unserem monatlichen Forschungsrückblick besprechen wir aktuelle Studien zum Thema Wissenschaftskommunikation. In diesem Monat geht es um Social-Media- und Gesundheitsthemen:
- Je persönlicher, desto besser? Wie navigieren Ärzt*innen auf Instagram zwischen Aufmerksamkeitsökonomie, monetären Interessen und Glaubwürdigkeit? Das hat ein Team von der Universität Helsinki untersucht.
- Wie kann unterschwellige Kritik in algorithmisch gesteuerte Kreisläufe eingeschleust werden? Forscherinnen von der University of Alcalá, Madrid haben sich widerständigen Praktiken auf TikTok gewidmet.
- Wissenschaftliche Kontroversen: Ein Forschungsteam von der University Maryland in den USA hat Agenda-Setting-Dynamiken am Beispiel der Debatte um Hydroxychloroquine untersucht.
- In der Rubrik „Mehr Aktuelles aus der Forschung“ geht es unter anderem um Multimodalität, Citizen Science und die Forschung mit Tierversuchen.
Ähneln Ärzt*innen auf Instagram Lifestyle-Influencer*innen?
Soziale Medien erlauben es Expert*innen, direkt mit der Öffentlichkeit in Kontakt zu treten. Ärzt*innen nutzen verschiedene Plattformen, um medizinische Falschinformation zu entlarven und mit Patient*innen zu interagieren. Dabei gilt es, Reichweite zu erzielen, aber auch gleichzeitig die eigene Glaubwürdigkeit und den Status als Expert*in zu wahren. Elina Uutela, Essi Pöyry, Salla-Maaria Laaksonen und Mikko Jauho von der University of Helsinki haben am Beispiel von Instagram untersucht, wie sich medizinische Expert*innen in Sozialen Medien zurechtfinden und ihr Fachwissen inszenieren.
Methode: Die Forschenden untersuchten mithilfe einer qualitativen Inhaltsanalyse 2125 Instagram-Beiträge aus den Jahren 2020 und 2021 von den 20 Ärzt*innen, die damals in Finnland die meisten Follower*innen hatten. Zu den medizinischen Fachgebieten gehörten Geriatrie, Dermatologie und Allergologie, Chirurgie, Sportmedizin, Gynäkologie und Geburtshilfe, plastische Chirurgie sowie Allgemeinmedizin.

Die Forschenden griffen auf das Konzept des „Boundary Work“ zurück, der sozial ausgehandelten Abgrenzung zwischen Fachwissen und Nicht-Fachwissen. Dabei unterscheiden sie Abgrenzungsarbeit in Bezug auf die Interaktion mit der Öffentlichkeit, ihrer eigenen Person (welche Aspekte des Privatlebens werden geteilt?) und dem Markt (werden Produkte und Dienstleistungen vermarktet?).
Ergebnisse: Es dominierten fachbezogene Beiträge, von denen sich viele auf ein bestimmtes Gesundheitsthema oder eine bestimmte gesundheitliche Frage konzentrierten. Die meisten Inhalte richteten sich an die breite Öffentlichkeit, einige aber auch an Fachkolleg*innen, Studienbewerber*innen oder Lai*innen. Einige Ärzt*innen posteten neben fachlichen auch persönliche Inhalte. Vier Accounts produzierten den Großteil der Werbeinhalte, darunter Anzeigen für gesundheitsbezogene Produkte, Praxen und medizinische Dienstleistungen, Bekleidung, Lebensmittel und Kosmetika.
Grenzarbeit in Bezug auf die Öffentlichkeit: Hierbei geht es um die Wahrung der Autorität als Expert*in (epistemische Autorität), während gleichzeitig Erwartungen des Social-Media-Publikums bedient werden:
- Die Ärzt*innen behielten die Oberhand über medizinische Informationen, aber gehen immer wieder auf Fragen und Themen der Nutzer*innen ein.
- Medizinische Botschaft wurden so verpackt, dass sie den Logiken der Plattform entsprechen, zum Beispiel mit (humorvollen) Bildern versehen. In einem Beispiel diskutiert ein Arzt die Arbeitsbelastung für medizinisches Personal und illustriert dies mit einem Bild von einem Superhelden.
- Epistemische Autorität wurde mit anderen Ärzt*innen und Pflegekräften geteilt, indem Forschungseinrichtungen oder Fachartikel genannt wurden und Vertrauen in die Wissenschaft zum Ausdruck gebracht wurde.
- Die Ärzt*innen kritisierten Gesundheits- und Wellness-Influencer (direkt und indirekt) und hoben auf diese Weise ihre eigene und die Fachkompetenz ihres Berufsstandes hervor.
Grenzarbeit in Bezug auf die eigene Person:
- Inhalte signalisierten Zugänglichkeit, stellten aber dennoch die medizinische Arbeit, und entsprechendes Wissen in den Vordergrund.
- Ärzt*innen versuchten bewusst, ein „menschliches“ Bild zu vermitteln, indem sie ungezwungene Selfies bei der Arbeit posteten und einen Blick „hinter die Kulissen“ gewährten.
- In einigen Beiträgen wurden jedoch hauptsächlich persönliche oder werbliche Inhalte geteilt, wobei der Beruf als Anknüpfungspunkt diente.
- Ärzt*innen äußerten auch Gefühle gegenüber ihrer Arbeit, zum Beispiel, wie sich der Tod eines Covid-Patienten anfühlt oder wie sie fürchten, Fehler zu machen.
- Sie sendeten auch emotionale Apelle, um die Impfbereitschaft zu fördern, beispielsweise folgenden: „Es scheint eine zu harte Lektion zu sein, auf einer Intensivstation zu liegen, tief betäubt und an ein Beatmungsgerät angeschlossen, nur weil man die Corona-Impfung abgelehnt hat (. . .).“
- Private Einblicke reichen von Fotos von sportlichen Aktivitäten und Spaziergängen bis hin zu Berichten über Schwangerschaft, Geburt, eigenen Impfungen, Autoimmunerkrankungen sowie psychische Diagnosen.

Grenzarbeit in Bezug auf Märkte
- Einige Ärzt*innen verfolgten offensichtlich kommerzielle Ziele und Kooperationen. Sie boten Vorträge, Online-Kurse, Podcasts und Bücher an. Die Autor*innen der Studie befanden dabei jedoch, dass der Verkauf von Wellness-Produkten und -Inhalten in den meisten Fällen nicht gegen die traditionellen beruflichen Normen verstieß.
- Überraschenderweise gab es so gut wie keine direkte Werbung für die eigene Praxis oder medizinische Dienstleistungen. Die meisten verzichteten gänzlich auf bezahlte Anzeigen und kommerzielle Kooperationen.
- Von allen Beiträgen mit beruflicher Selbstdarstellung enthielt ein Fünftel Werbeinhalte, wobei nur wenige Accounts für den Großteil davon verantwortlich waren.
Schlussfolgerungen: Die Ärzt*innen unterstrichen in ihren Beiträgen ihre epistemische Autorität gegenüber Lai*innen und Autodidakt*innen. Allerdings dehnen sie ihre fachliche Expertise auch aus, indem sie beispielsweise auf Fragen von Follower*innen eingingen und persönliche Einblicke gaben – so, wie es auch viele autodidaktische und „alternative“ Expert*innen machen.
Auch die vorwiegend auf Lifestyle ausgerichteten Monetarisierungsmodelle ähneln laut den Autor*innen der Praxis von Lifestyle-Expert*innen, die erstrebenswerte Lebensweisen mit dem Kauf bestimmter Produkte verknüpfen.
Zwar nutzten die Ärzt*innen die Möglichkeiten von Instagram vor allem zur Verbreitung medizinischen Wissens. Die Autor*innen weisen aber darauf hin, dass die Anpassung an die Plattformlogik dazu führt, dass die Inhalte denen von Gesundheits-Influencer*innen ohne entsprechende Expertise ähnelten. So könnten die Grenzen zwischen Expertise und Nicht-Expertise in den sozialen Medien verschwimmen, weil die Inhalte optisch kaum zu unterscheiden sind. Gleichzeitig müssen Ärzt*innen in der Kommunikation aber genau auf diesen Unterschied im Wissen setzen, um sich von anderen Accounts abzuheben.
Einschränkungen: Die Forscher*innen haben nur eine Social-Media-Plattform analysiert, die Untersuchung anderer Plattformen würde womöglich andere Ergebnisse liefern. Zudem wurden nur Beiträge analysiert, keine Stories oder Reels und auch nicht einbezogen, wie beliebt die Beiträge beim Publikum waren. Außerdem wurden die Daten während der Covid-19-Pandemie erhoben, einer in vielerlei Hinsicht besonderen Phase medizinischer Kommunikation.
Uutela, E., Pöyry, E., Laaksonen, S.-M., & Jauho, M. (2026). Experts’ boundary work on social media: Doctors on Instagram. Public Understanding of Science, 0(0). https://doi.org/10.1177/09636625261450028
KI-Kritik gelingt durch subversive Praktiken auf TikTok
TikTok-Formate bieten kreative Ausdrucksmöglichkeiten mit Raum für zivilgesellschaftlichen Widerstand, schreiben Rut Martínez-Borda, Nerea Rubio-López, Sara Infante-Pineda und Pilar Lacasa von der University of Alcalá, Madrid. Die Forscherinnen haben knapp 1500 TikTok-Videos untersucht, die thematisch mit künstlicher Intelligenz zu tun hatten. Die qualitative Analyse zeigt, wie beispielsweise Hashtags genutzt werden, um kritische Botschaften in algorithmisch gesteuerte Kreisläufe einzubetten.
Methode: Die Forscherinnen untersuchen Widerstand, der sich in alltäglichen und subtilen Praktiken auf sozialen Medien äußern kann und beziehen sich dabei auf das Konzept der „verborgenen Transkripte“ nach Scott12. Dabei unterscheiden sie zwischen drei Formen von Widerstand:
- Kultureller Widerstand entstehe durch die Neuinterpretation von Symbolen und Erzählungen, um alternative Deutungen zu erzeugen. Ein Beispiel wäre die ironische Nutzung dominanter audiovisueller Formate, um etablierte Erzählungen in Frage zu stellen.
- Algorithmischer Widerstand bezeichnet das Experimentieren mit Möglichkeiten, die Logiken der Plattform zu unterlaufen, um Sichtbarkeit herzustellen. Denn Algorithmen prägen als „unsichtbare Architekturen“ (Bucher 2028) welche Inhalte gesehen und verbreitet werden. Beispiele für algorithmischen Widerstand sind Videos, die die ästhetischen Konventionen der Plattform übernehmen, dabei jedoch subtil narrative oder visuelle Strukturen verändern.
- Diskursiver Widerstand bezieht sich auf Diskurse und symbolische Praktiken, die dominante Deutungen irritieren und es marginalisieren Gruppen ermöglichen, ihre Kritik zu artikulieren und dominante Erzählungen untergraben.
Die Forscherinnen kombinierten quantitative und qualitative Analysen. Zunächst sammelten sie 1.497 TikTok-Videos, in denen künstliche Intelligenz eine Rolle spielte. Zunächst werteten sie aus, welche Hashtags wie häufig gemeinsam verwendet werden. Auf diese Weise wollten sie thematische Muster sichtbar machen. Im zweiten Schritt untersuchten sie das Nutzer*innen-Engagement. Außerdem untersuchten die Forscherinnen neun Beiträge qualitativ genauer. Dazu suchten sie reichweitenstarke Beispiele aus, die kritische und ironische Narrative über KI bedienten.
Ergebnisse: Die Analyse ergab drei zentrale thematische Kerne:
- KI als narratives und kreatives Werkzeug: KI-Hashtags werden unter anderem mit Storytelling und kreativen Experimenten verbunden. Es geht darum, mithilfe von Technologie alternative Narrative zu den vorherrschenden Diskursen zu entwickeln.
- Algorithmische Zirkulation und die Suche nach Sichtbarkeit: Das Wissen über die algorithmische Logik der Plattform soll genutzt werden, um die Sichtbarkeit bestimmter Inhalte zu maximieren. Nutzer*innen spielen mit den Regeln des Algorithmus, um Narrative zu verstärken, die nicht unbedingt mit den Interessen der Plattform übereinstimmen.
- Reflexion und kritische Kommentare zu KI: Vorherrschende Narrative über künstliche Intelligenz werden in Frage gestellt.
Im zweiten Schritt untersuchten die Forscherinnen Engagement-Metriken (Likes, Kommentare, Shares, Aufrufe) in Bezug auf die Anzahl und verwendeten Hashtag-Typen. Es zeigte sich, dass auch Beiträge mit wenigen Hashtags eine sehr große Reichweite erreichen können. Die bewusste Verwendung reduzierter Tagging-Praktiken bezeichnen die Forscherinnen als „algorithmischen Widerstand“. Sie schlussfolgern, dass es weniger um die Anzahl der Hashtags als darum geht, wie sie strategisch ausgewählt und kombiniert werden. Einige Videos schafften es durch abgestimmtes Tagging, sehr sichtbar zu werden, ohne dabei ihre kritische Haltung gegenüber den vorherrschenden Diskursen über künstliche Intelligenz aufzugeben.
Bei der qualitativen Analyse der Beispielvideos ordneten die Forscherinnen jedes Video einer der drei beobachteten Strategien des Widerstands zu und untersuchten, wie narrative, visuelle und akustische Mittel diesen Widerstandsstrategien Gestalt verleihen. Bei einem Beispiel wird ein KI-Filter für die Nahaufnahme einer männlichen Person genutzt und dazu aktuelle Musik. Die Gesichtsverzerrung führt dabei laut der Forscherinnen zu einen ästhetischen Bruch, der die Darstellungs-Konventionen der „For You“-Seite von TiktTok hervorhebt und unterläuft. Das Video verbinde algorithmische Optimierung mit visueller Störung und verkörpere dadurch eine explizite Form algorithmischen Widerstands.
Schlussfolgerungen: Die analysierten Fälle zeigen laut der Forscherinnen, dass Widerstandstaktiken auf TikTok selten auf eine einzige Ebene beschränkt sind – sei es algorithmisch, kulturell oder diskursiv –, sondern je nach Kommunikationsziel und Verbreitungskontext miteinander verflochten sind. Das bestätige die Annahme, dass digitaler Widerstand auf der Plattform nicht als direkte Konfrontation funktioniert, sondern als alltägliche und ständige Aushandlung von Bedeutungen und deren Umgestaltung. Die fortschreitende Integration von KI-Anwendungen in die Erstellung von Inhalten eröffnet laut der Forscher*innen neue Möglichkeiten, Widerstand zu gestalten.
TikTok schaffe durch die Dominanz reproduzierbarer Formate ein Umfeld, das ,Wiederaneignungstaktiken‘ – beispielsweise in Form von Memes – fördere. Auf textbasierten Plattformen wie X und Reddit sieht das laut der Forscherinnen anders aus: dort fänden sich tendenziell stabilere thematische Diskursstränge.
Einschränkungen: Die Studie berücksichtigt vorwiegend englischsprachige Beiträge und lässt sich deshalb nicht ohne Weiteres auf andere Kontexte übertragen.
Martínez-Borda R, Rubio-López N, Infante-Pineda S and Lacasa P (2026) Hashtags and resistance on TikTok: cultural, discursive, and algorithmic dimensions. Front. Commun.11:1687271. doi: 10.3389/fcomm.2026.1687271
Agenda-Setting: der Fall des vermeintlichen Coronamedikaments Hydroxychloroquine
Wie beeinflussen sich Agenda-Setting-Prozesse von klassischen und sozialen Medien bei wissenschaftlichen Kontroversen? Rui Wang, Dobin Yim und Elliot King von der Loyola University Maryland in den USA haben das am Beispiel der Debatte um das Medikament Hydroxychloroquine (HCQ) während der Coronapandemie untersucht. Die Kontroverse entwickelte sich, als Anfang 2020 vorläufige Laborergebnisse und kleine, methodisch begrenzte Studien als Beleg für einen „Durchbruch“ propagiert wurden. Politiker*innen – allen voran US-Präsident Donald Trump – bewarben Hydroxychloroquine öffentlich als potenziellen „Game Changer“. Spätere Studien zeigten jedoch keinen klinisch relevanten Nutzen.
Methode: Vor dem Hintergrund des Konzepts des Intermedia-Agenda-Settings untersuchen die Forschenden, welche plattformübergreifenden Zusammenhänge sich bei der Aufmerksamkeit für das Thema zeigen. Angenommen wird dabei, dass Medien einerseits um Aufmerksamkeit konkurrieren und gleichzeitig auf das Agenda-Setting anderer reagieren.
Die Forschenden suchten über die Schlagworte „Hydroxychloroquin“ und „Hydroxy“ nach Beiträgen, die zwischen März bis Oktober 2020 veröffentlicht wurden. Dabei wurden etablierte Medien berücksichtigt: 136 Beiträge aus dem frei empfangbaren Fernsehen (ABC World News Tonight, CBS Evening News und NBC Nightly News), mehr als 2000 Beiträge von Kabelfernsehsendern (CNN, MSNBC und Fox News) und 111 Artikel aus überregionalen Tageszeitungen (New York Times, Wall Street Journal, Washington Post). Zum anderen wurden Social-Media-Beiträge gesammelt: mehr als 400.00 Tweets und über 28.000 Facebook-Posts.
Die Forschenden verwendeten ein sogenanntes Vektor-Autoregressionsmodell (VAR), ein statistisches Verfahren zur Analyse von Zusammenhängen zwischen mehreren Zeitreihen. Auf diese Weise untersuchten sie sich, inwiefern verschiedene Plattformen bei der Berichterstattung über Hydroxychloroquin innerhalb von 24 Stunden aufeinander reagieren. Um zu untersuchen, wie das Thema in den Beiträgen geframt wurde, nutzen die Forschenden eine automatisierte Analyse das Sprachmodells GPT-4o-mini. Dieses suchte nach sieben verschiedenen Framing-Kategorien, darunter wissenschaftliche Frames („öffentliches Risiko“, „Durchbruch“, „Patient*innenerfahrungen“), sowie politische und gesellschaftliche Deutungen („Konflikt“, „Verantwortung“, „wirtschaftliche Folgen“, „menschliches Schicksal“).
Ergebnisse: Etablierte Medien berichteten insgesamt weniger ausführlich über Hydroxychloroquin als soziale Medien. Bei allen Medien und Plattformen war die Aufmerksamkeit für das Thema über den Untersuchungszeitraum hinweg relativ stabil – unterbrochen von synchronen abrupten Ausschlägen. Einer dieser Ausschläge zeigte sich zwischen Mitte bis Ende Mai 2020, als Präsident Trump bekannt gab, dass er Hydroxychloroquin als vorbeugende Maßnahme einnehme, und kurz danach, als in einer Studie in The Lancet über ein erhöhtes Sterblichkeitsrisiko im Zusammenhang mit HCQ berichtet wurde. Dieses Ergebnis wurde später widerrufen.
Kabelfernsehsender zeigten insgesamt die größte Beständigkeit in ihrer Berichterstattung und waren bei den Aufmerksamkeits-Höhepunkten etwas früher dran als frei empfangbare Sender und Zeitungen. Das unterstreicht laut der Forschenden die zentrale Rolle des Kabelfernsehens im Agenda-Setting der etablierten Medien. Signifikante Auswirkungen von Beiträgen im Kabelfernsehen auf soziale Medien wurden jedoch nicht beobachtet.
Auch auf Twitter wurde die Diskussion über Hydroxychloroquin am Leben gehalten, die Beiträge hatten jedoch nur begrenzten Einfluss auf die etablierten Medien. Facebook hingehen zeigte kurze und begrenzte Auswirkungen auf das frei empfangbare Fernsehen und Zeitungen.
Insgesamt deuten diese Ergebnisse darauf hin, dass die etablierten Medien zeitlich relativ synchron agierten und sich gegenseitig verstärkten, während soziale Medien einem langsameren und autonomeren Rhythmus folgten.
Etablierte Medien wiesen ähnliche Framing-Muster auf, wobei der Schwerpunkt auf den Frames „Konflikt“ und „öffentliches Risiko“ lag. Fernsehsender widmeten dem Frame „Konflikt“ mehr Aufmerksamkeit, die Zeitungen dem „öffentlichen Risiko“, was laut der Forschenden auf eine stärkere Wissenschafts- und Gesundheitsorientierung der Zeitungen schließen lässt. Das Framing auf Facebook war durchmischter. Der Konflikt-Frame herrschte vor, aber auch „Durchbruch“ und „öffentliches Risiko“ waren vertreten. Bei Twitter dominierte der Konflikt-Frame, während wissenschaftliche Deutungsmuster – wie „öffentliches Risiko“ und „Durchbruch“ deutlich seltener auftraten. Dies spiegelt laut der Forschenden die Rolle der Plattform bei der Politisierung der Debatte auf Kosten wissenschaftlicher Argumente.
Schlussfolgerungen: Beim Agenda-Setting zeigen sich keine systematischen Muster der Einflussnahme zwischen unterschiedlichen Medien und Plattformen. Stattdessen zeigten sich gleichzeitig kurze, ereignisgesteuerte Ausbrüche auf verschiedenen Plattformen. Verschiedene Medien reagierten gleichzeitig auf dieselben Auslöser. Die Forschenden vermuten, dass dies auch darauf zurückzuführen ist, dass sich wissenschaftliche Kontroversen häufig entlang bestimmter Ereignisse wie neuer Erkenntnisse und Gegenbefunde entwickeln. Das Team schlussfolgert aus den Ergebnissen, dass die Agenda bei wissenschaftlichen Kontroversen nicht von einer Arena in die andere wandert. Die Aufmerksamkeit bilde sich vielmehr um geteilte externe Auslöser, während Dauer und Interpretation je nach Plattform und Medienlogik variierten.
Dabei zeigt das unterschiedliche Framing, dass die Medien nicht in derselben Weise auf Ereignisse reagieren. Die Forschenden schließen daraus, dass eine Angleichung der Agenda nicht unbedingt eine Angleichung des Diskurses zur Folge haben muss. Das decke sich mit der Annahme, dass Plattformarchitekturen einen Einfluss darauf haben, welche Interpretationsansätze weiterverbreitet werden.
Für die Praxis Wissenschaftskommunikation bedeutet das, dass die Interpretationen eines Themas auf verschiedenen Plattformen voneinander abweichen können. Die Forschenden raten deshalb, plattformsensible Kommunikationsstrategien zu entwickeln und nicht nur das Ausmaß der Aufmerksamkeit im Blick zu behalten, sondern auch die damit verbundenen Interpretationen.
Einschränkungen: Die Debatten während der Coronapandemie sind möglicherweise nicht ohne Weiteres auf andere wissenschaftliche Konflikte übertragbar. Vergleichende Analysen über verschiedene Themenbereiche und Zeiträume hinweg könnten Aufschluss geben, inwieweit die Ergebnisse auch für andere Zusammenhänge gelten können. Zudem konzentriert sich die Studie auf kurzfristige Dynamiken. Langfristige Agenda-Setting-Prozesse können auf diese Weise nicht erfasst werden.
Wang, R., Yim, D., & King, E. (2026). Intermedia Agenda-Setting of a Scientific Controversy in the Hybrid Media System: A Cross-Media and Cross-Platform Analysis of Hydroxychloroquine During COVID-19. Science Communication, 0(0). https://doi.org/10.1177/10755470261450584
Mehr Aktuelles aus der Forschung
Vertrauen wir Chatbots in Sachen Gesundheit und Ernährung – und wovon hängt das ab? Ein Team um Esther Greussing von der Technischen Universität Braunschweig hat Experimente durchgeführt, in denen Chatbots Informationen zu Nanopartikeln in Sonnenschutzmitteln gaben. Das erste Experiment zeigte: Bei Bewertung der Vertrauenswürdigkeit und der Glaubwürdigkeit machte es keinen wesentlichen Unterschied, ob die Studienteilnehmenden darüber aufgeklärt wurden, dass der Chatbot mit zweifelhaften Trainingsdaten gefüttert wurde. Im zweiten Experiment zeigte sich: Bei einem Vergleich zwischen Chatbot und Wissenschaftler*in wurden die von Menschen bereitgestellten Informationen als glaubwürdiger bewertet.
Welchen Unterschied Hintergrundwissen über die Entstehung KI-generierter Inhalte macht, haben Inbal Klein-Avraham und Ayelet Baram-Tsabari vom Technion Israel Institute of Technology ebenfalls untersucht. Ihre Studien zeigen, dass Personen, die über weniger tiefes KI-Wissen verfügen, eher dazu bereit waren, bei Ernährungsfragen andere Entscheidungen zu treffen, wenn sie mit KI-generierten Inhalten konfrontiert wurden.
Der Frage, ob Emotionen bei der Social-Media-Kommunikation von Umweltthemen zu deren Verbreitung beitragen, haben sich Miyeon Kim und Nancy Rhodes von der Michigan State University gewidmet. Für ihre Übersichtsarbeit haben sie 82 Studien zum Thema zusammengetragen. Sie zeigen, dass quantitative computergestützte Analysen von Twitter (jetzt X) die Forschung dominieren. Theoriegeleitete und experimentelle Studien gibt es bisher nur wenige.
Zu den kommunikativ herausfordernden Themen in der Wissenschaftskommunikation gehört die Forschung mit Tierversuchen. Forscher*innen um Sebastian Löser von der Georg-August-Universität Göttingen und Emma Weitkamp von der University of the West of England in Bristol legen einen systematischen Überblick über den Forschungsstand zum Thema vor. Darin kristallisieren sich folgende Hindernisse als besonders präsent heraus: Ihre Forschung eigne sich nicht gut für Wissenschaftskommunikation, die Öffentlichkeit sei schwierig und das Diskursumfeld kompliziert und dysfunktional. Indem sie besonders häufig auftauchende Schwierigkeiten und Beispiele präsentieren, wollen die Autor*innen der Studie Forscher*innen und Kommunikator*innen ermöglichen, sich auf Herausforderungen vorzubereiten.
Digitale Plattformen ermöglichen die Kombination von Ausdrucksformen wie Text, Ton und Bild. Dementsprechend ist Multimodalität im digitalen Raum ein wichtiges Thema – auch für die Wissenschaftskommunikation. Julia Metag und Florian Wintterlin von der Universität Münster geben einen Überblick über empirische Erkenntnisse. Sie argumentieren in ihrem Essay, dass Multimodalität bei umstrittenen wissenschaftlichen Themen, bei denen virale Verbreitung und emotionale Überzeugungskraft eine wichtige Rolle spielen, besonders entscheidend sei.
Citizen Science soll dazu beitragen, Bürger*innen in Forschung einzubinden und das Verständnis für wissenschaftliche Prozesse zu verbessern. Jörg Matthes von der Universität Wien und Isabelle Freiling von der University of Utah haben in einer systematischen Literaturrecherche Herausforderungen in verschiedenen Schritten so eines gemeinsamen Forschungsprozesses zusammengetragen und reflektieren über zentrale methodische und praktische Aspekte von Citizen-Science-Projekten.