Foto: WiD/Gesine Born

Wissenschaftler kommunizieren und suchen den Dialog auf der Straße

Wissenschaftler spielen eine zentrale Rolle in der Kommunikation von ortorschungserkenntnissen und tragen so wesentlich zur Verankerung von Wissenschaft in der Gesellschaft bei.

Mit einer noch nie dagewesenen weltweiten Demonstration werden sich am 22. April 2017 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gemeinsam mit Menschen, die Forschung als wertvollen Bestandteil ihrer Gesellschaft begreifen, auf die Straßen begeben. Damit treten Forscher als Demonstranten auf. Sie demonstrieren unter anderem gegen ein „Auseinanderdriften der Gesellschaften in erhitzte Gemeinschaften, die sich davon entpflichtet fühlen, einander differenziert wahrzunehmen, und stattdessen notfalls alles gewaltsam ausschließen wollen, was ihnen irritierend, unvertraut oder fremd vorkommt“, wie Peter Strohschneider, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft in einem Gastbeitrag konstatierte. Sie wollen beim March for Science dem sogenannten post-faktischen entgegen- und für Fakten eintreten. Sie zeigen ihr Gesicht, sie zeigen ihre Haltung.

Das sorgt hier und da für Irritationen. Dürfen Wissenschaftler sich an einer – vor allem in den USA sehr eindeutig – politischen Demonstration beteiligen? 1 Eine solche Frage erinnert an die seit gut einem Jahrzehnt verstärkt geführte Diskussion, ob Wissenschaftler denn selbst mit der breiten Öffentlichkeit kommunizieren sollen oder dürfen.

Einerseits wird Forschenden häufig vorgeworfen, sie schlössen sich in Elfenbeintürme ein und ließen niemanden dort hineinblicken. Andererseits scheint es nun Verwunderung darüber zu geben, dass Wissenschaftler auch Teil der Gesellschaft sind, dass sie als Menschen für ihre Themen eintreten und dass sie sehr wohl und verstärkt bereit sind, darüber auch zu kommunizieren. Dazu nutzen sie eigentlich nur die heutigen vielfältigen medialen Möglichkeiten und engagieren sich persönlich für den Dialog mit der Gesellschaft.

 

Wissenschaftler im Dialog

Ein Blick in die Formate der Wissenschaftskommunikation etwa zeigt eine Reihe von Interaktionen: Worldcafé, Citizen Science, Lange Nacht der Museen oder Meet the Scientist können ohne Wissenschaftler eben nicht stattfinden. Zu diesen Dialogformaten werden Forscherinnen und Forscher meist von ihren jeweiligen instituts- oder universitätseigenen Presse- und Öffentlichkeitsabteilungen eingeladen und aufgefordert. Denn diese wissen um die Relevanz der Experten.

Ihre Meinung wollen wir hören. Mit ihnen wollen wir diskutieren. Sie können von Lust und Frust in den Wissenschaften berichten; aufzeigen, wie mühsam die Prozesse manchmal sind; und aus dem Nähkästchen davon berichten, welche Rückschläge es durchaus auch gibt. Aber sie sind dabei stets auch Vertreterinnen und Vertreter ihrer jeweiligen Institution und damit auch Teil der Wissenschafts-PR, wie Markus Weißkopf von Wissenschaft im Dialog beschreibt.

 

Forscher teilen ihre Erkenntnisse direkt und persönlich

Gleichzeitig hat sich vor allem durch die Vernetzung der Welt vieles verändert. So sind Wissenschaftler heute in der aktuellen Berichterstattung nicht mehr „nur“ Protagonisten und Experten in Beiträgen von Wissenschaftsjournalisten oder in den Institutsmagazinen und Youtube-Imagefilmen von Forschungseinrichtungen. Sie schreiben Blogs und manche erreichen mit ihren Beiträgen zehntausende Nutzer. Sie sind in den Sozialen Medien aktiv, produzieren Audiocasts und drehen Videos. Sogar die harte Währung der Wissenschaften, die Fachartikel selbst, sind durch die Open Access-Bewegung wissenschaftlichen Publizierens zunehmend für jedermann abrufbar. Zudem stellen einige Forscher ihre Originaldaten online. All dies birgt neue Chancen und Herausforderungen zugleich.

 

Die Verteilung der Rollen

Im Dreiklang der zentralen Akteure in der Wissenschaftskommunikation – Journalisten, Kommunikatoren und Wissenschaftler – kommt es immer wieder zu Verschiebungen. Hochglanzmagazine von Forschungseinrichtungen beispielsweise sind genauso wie Blogartikel von Wissenschaftlern durchaus auch Konkurrenzprodukte zu journalistischer Arbeit. Deshalb ist es wichtig, dass in der Rollenverteilung gegenseitiges Verständnis vorhanden ist.

Aus Kommunikationsseminaren für Wissenschaftler am Nationalen Institut für Wissenschaftskommunikation (NaWik), wissen wir beispielsweise, dass nach wie vor viele Wissenschaftler denken, es sei Kernaufgabe von Journalisten, Fachchinesisch in eine verständliche Sprache zu übersetzen. Ein großes Missverständnis. Denn die Kernaufgaben von Wissenschaftsjournalisten liegen auf einer ganz anderen Ebene. Zu den gesellschaftlichen Grundfunktionen des Journalismus zählt hier etwa der Vorsitzende des Verbands deutscher Wissenschaftsjournalisten (WPK), Martin Schneider, die gesellschaftliche Einordnung und Bewertung wissenschaftlicher Erkenntnisse, das Agenda Setting und Gate Keeping. Eine solche objektive Einordnung oder Bewertung können Wissenschaftler und Kommunikatoren als Teil des Systems dagegen nicht leisten.

 

Kommunikation will gelernt sein

Gleichzeitig bedeutet dies aber auch, dass Wissenschaftler neben ihren Aufgaben – forschen, publizieren, lehren – durchaus auch noch selbst die „Übersetzungsarbeit“ in der Kommunikation Richtung Öffentlichkeit leisten sollten. Eine Anforderung die dem Sozialisationsprozess in der Forschungsgemeinde mit ihren jeweiligen Fachsprachen fast diametral entgegen steht. So zeigt eine jüngst veröffentlichte Studie 2, dass in Fachpublikationen neben dem steigenden Gebrauch von Fachbegriffen auch Stolperfallen wie Fremdwörter und zweideutige Füllwörter die Lesbarkeit erschweren. Es werden innerhalb der Wissenschaften sozusagen Unverständlichkeit und Unlesbarkeit gepflegt.

Immerhin gibt es Kommunikationstalente wie die Communicator-Preisträger und bloggende Wissenschaftler (z.B. Scilogs oder Scienceblogs), die Wissenschaft verständlich vermitteln können. Aber Angebote für Fortbildungen in verständlicher Wissenschaftskommunikation während des Studiums sind Mangelware. Von einer curricularen Verankerung ganz zu schweigen. Immerhin unterstützen einzelne Graduiertenschulen oder Forschungseinrichtungen ihre Forscher und bieten entsprechende Fortbildungen an. Eine stringente Strategie für eine Stärkung von Wissenschaftlern in der Kommunikation ist aber (noch) nicht auszumachen.

 

Fake-News und Community-Meinungen

Dabei sind gerade in Zeiten von Fake-News Wissenschaftler wichtig, die nicht müde werden, ihre Stimme zu erheben. Sie lassen nicht zu, dass wissenschaftliche Erkenntnisse relativiert oder negiert werden und tragen so zum notwendigen gesellschaftlichen Diskurs bei. „Die Gesellschaft braucht eine streitfreudige und kommunikationsstarke Wissenschaft,“ betonte neulich auch Wolfgang Marquardt Vorstandsvorsitzender des Forschungszentrums Jülich in seinem Statement zum Science March. Gegenüber Leugnern des Klimawandels oder kategorischen Impfgegnern (um nur zwei Beispiele zu nennen) genügt es dabei nicht, sachlich Fakten verständlich aufzubereiten.

Es geht um Glaubwürdigkeit und Vertrauen. Wie dies zu gewinnen sei, dazu äußerte KIT-Präsident Holger Hanselka: „Durch einen Wissenschaftsprozess, welcher transparent und ergebnisoffen die verschiedensten Fakten berücksichtigt, durch Wissenschaftler, die sich mit derselben Offenheit wie sie Forschung betreiben, am gesellschaftlichen Diskurs beteiligen.“

Neben der reinen Verständlichkeit von Sprache und der Vermittlung von Fakten, ist es daher so wertvoll, wenn Forschende als Menschen auftreten, ihre persönlichen Geschichten erzählen und damit ihre Haltung untermauern. Genau dies könnte mit dem Science March in einer neuen Dimension geschehen. Es könnte der Anfang einer neuen wissenschaftlichen Kommunikationskultur sein, in der Wissenschaft und Gesellschaft in einen intensiven Dialog auf Augenhöhe eintreten. Sei es in den Sozialen Medien, den etablierten Medien, oder eben auf der Straße, wie beim March for Science.

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Anmerkung: Im dritten Abschnitt wurde dank des wertvollen Hinweises von Markus Pössel im Kommentar dieser Passus (gefettet) ergänzt: „So sind Wissenschaftler heute in der aktuellen Berichterstattung nicht mehr „nur“ Protagonisten und Experten in Beiträgen von Wissenschaftsjournalisten oder in den Institutsmagazinen und Youtube-Imagefilmen von Forschungseinrichtungen.“