Foto: Dariusz Sankowski, CC0 1.0

Kurz vorgestellt: Neues aus der Forschung im November

Aktuelle Forschungsergebnisse über Wissenschaftskommunikation im Überblick: Diesmal mit einer Studie zu Crowdfunding in der Wissenschaft, Visual Science Literacy und der Wirkung von Konsensbotschaften.

In dieser Rubrik besprechen wir regelmäßig neue Forschungsergebnisse aus der „Science of Science Communication“. Wenn Sie etwas vermissen, dann schreiben Sie uns gerne eine Email oder hinterlassen einen Kommentar.

„Selling science 2.0: What scientific projects receive crowdfunding online?“

von Mike S. Schäfer, Julia Metag, Jessica Feustle und Livia Herzog

Die Autoren untersuchten, welche Faktoren den Erfolg von wissenschaftlichen Crowdfundingprojekten beeinflussen.

Methode: Mit Hilfe einer standardisierten Inhaltsanalyse untersuchten die Verfasser 371 deutsch- und englischsprachigen wissenschaftliche Crowdfundingprojekte. Die möglichen Einflussfaktoren wurden unter Rückgriff auf drei Theorien gebildet. Die Theorien  beziehen sich jeweils auf Nachrichtenwerte (etwa Personalisierung), Reputationssignale (z. B. akademische Titel), Onlinebezahlung (wie etwa die Höhe der Finanzierungsschwelle) . Außerdem wurden crowdfundingspezifische Merkmale (wie z. B. die Größe der Plattform) berücksichtigt. Schließlich berechneten sie den statistischen Zusammenhang der Faktoren mit dem Erfolg der Projekte. Alle Theorien lieferten statistisch signifikante Faktoren. Insgesamt konnten durch die untersuchten Faktoren 44% der Varianz (Erfolg oder Misserfolg des Crowdfunding) erklärt werden1.

Ergebnisse: Insbesondere Projekte auf spezialisierten Plattformen für Wissenschafts-Crowdfunding hatten eine höhere Erfolgschance als solche auf Plattformen ohne thematische Beschränkung. Die Erfolgschancen waren zudem höher,

  • wenn die Projektvorstellungen Visualisierungen und Humor benutzten,
  • je niedriger die Zielfinanzierung war,
  • je weniger persönliche Daten von den Spendern abgefragt wurden
  • je mehr Interaktion zwischen Spenderinnen und Wissenschaftlerinnen möglich war.

Schlussfolgerungen: Spender besuchen gezielt Crowdfunding-Plattformen für wissenschaftliche Projekte, treffen dort ihre Entscheidung dann aber nicht nach wissenschaftlichen Kriterien.

Damit sehen die Autoren die Befürchtung bestätigt, dass beim Crowdfunding die Verpackung mehr zähle als wissenschaftliche Qualität. Gleichzeitig weisen sie jedoch darauf hin, dass Crowdfunding im Wissenschaftsbereich bisher ein randständiges Phänomen sei. Die Summen seien relativ klein und vornehmlich junge Wissenschaftler am Anfang ihrer Karriere setzten darauf.

Einschränkungen: Zwar wurden elf Plattformen berücksichtigt, es fehlen aber einige größere Anbieter. So wurden beispielsweise Startnext und VisionBakery, die beiden größten deutschen Anbieter, nicht berücksichtigt. Zudem stammen die Daten vom 1. Juli 2014, eine recht lange Zeit. Grundsätzliches Problem der eingesetzten Methode ist zudem, dass im Vorfeld festgelegte Variablen untersucht werden. Es ist also  denkbar, dass andere – nicht erfasste – Variablen für die Erfolgschancen ausschlaggebend waren. Eine Möglichkeit, weitere Faktoren zu generieren, wäre etwa die Befragung von Nutzern der Plattformen bezüglich ihrer Entscheidungsfindung. Die Autoren weisen zudem darauf hin, dass komplexere Modelle und größere Fallzahlen nötig sind, um belastbarere Aussagen treffen zu können. Dies gilt etwa auch für den Zusammenhang zwischen den Wissenschaftsdisziplinen und den Erfolgsfaktoren.

Schaefer, M. S., Metag, J., Feustle, J., & Herzog, L. (2016). ‘Selling science 2.0: What scientific projects receive crowdfunding online?’, Public Understanding of Science. DOI: 10.1177/0963662516668771 Open Access Logo


„‚Visual Science Literacy‘: Images and Public Understanding of Science in the Digital Age“

von Massimiano Bucchi und Barbara Saracino

Die moderne Wissenschaft kommuniziert im Zeitalter der Digitalisierung zunehmend über Bilder. Bucchi und Saracino untersuchen die visuelle Scientific Literacy, also das Verstehen und Verständnis von Wissenschaft über Bilder.

Methode: Internetgestützte Befragungen einer repräsentativen Auswahl von 1000 Italienerinnen und Italiern in den Jahren 2014, 2015 und 2016. Die Probanden wurden gebeten wissenschaftsbezogene Bilder (bspw. die DNA-Doppel-Helix) wiederzuerkennen.

Ergebnisse: Verglichen mit den Ergebnissen üblichen Tests zur Scientific Literacy, die sich bloß auf Texte beziehen, konnten die Probanden deutlich bessere Ergebnisse erzielen. Auch waren die Ergebnisse nicht so stark von der Altersgruppe abhängig.

Schlussfolgerungen: Für die beiden Soziologen bietet die bestehende Vertrautheit mit wissenschaftlichen Bildern eine Möglichkeit Kommunikationsstrategien zu erweitern: Durch die Verbindung von umfangreicheren wissenschaftlichen Informationen mit bereits bekannten Bildern. Aufgrund des simplen Studiendesigns sehen die Autoren selbst allerdings ihre Untersuchung vor allem als methodische Vorstudie.

Bucchi, M., & Saracino, B. (2016). ‘“Visual Science Literacy”: Images and Public Understanding of Science in the Digital Age’, Science Communication, 38/6: 812–9. DOI: 10.1177/1075547016677833 Closed Access Logo


„Applying the Gateway Belief Model to Genetically Modified Food Perceptions: New Insights and Additional Questions“

von Graham Dixon

Die Studie von Graham Dixon untersucht das Gateway Belief Model am Beispiel gentechnisch veränderter Lebensmittel. In dem Modell wird davon ausgegangen, dass die Hervorhebung eines wissenschaftlichen Konsenses die Einstellung des Publikums zu diesem Thema positiv beeinflusst.

Methode: Zwei Onlineexperimente bei denen Probanden verschiedene Konsensbotschaften vorgelegt und davor und danach ihre Haltungen zur Sicherheit von genetisch veränderten Lebensmitteln abgefragt wurden. Mit Konsensbotschaft ist dabei die Darstellung von Einigkeit in der wissenschaftlichen Forschung gemeint. Im zweiten Experiment wurde zusätzlich das Bild eines Wissenschaftlers bzw. einer Gruppe von Wissenschaftlern, das den Konsens unterstreichen sollte, gezeigt.

Ergebnis: Der Psychologe konnte feststellen, dass in seinem Experiment die Wirkung von Konsensbotschaften je nach Zusammensetzung des Publikums unterschiedlich war. Bei denjenigen, die bereits zuvor eine positive Einstellung zum Thema hatten, war der Effekt deutlich höher als bei jenen die eine negative Haltung mitbrachten. Dieser Effekt war unabhängig von der Haltung zu Wissenschaft allgemein. Der Einsatz von Bildern konnte die Wirkung zwar insgesamt etwas verstärken, änderte aber nichts an den Unterschieden zwischen beiden Gruppen.

Schlussfolgerung: Zwar hätten Konsensbotschaften das Potenzial die Einstellung zu hoch umstrittenen wissenschaftlichen Themen zu “verbessern”. Aber gerade bei der wichtigsten Gruppe, den Skeptikern, sei der Effekt fraglich.

Dixon, G. (2016). ‘Applying the Gateway Belief Model to Genetically Modified Food Perceptions: New Insights and Additional Questions’, Journal of Communication, 1–21. DOI: 10.1111/jcom.12260 Closed Access Logo