Foto: João Silas, CC0 1.0

Kurz vorgestellt: Neues aus der Forschung im Mai 2017

Die Kommunikation umstrittener Themen, eine twitternde Raumsonde und die Zugänglichkeit außerschulischer Lernorte. Das sind die drei Themen, zu denen wir in diesem Forschungsrückblick Studien vorstellen.

In dieser Rubrik besprechen wir regelmäßig neue Forschungsergebnisse aus der „Science of Science Communication“. Wenn Sie etwas vermissen, dann schreiben Sie uns gerne eine Email oder hinterlassen Sie einen Kommentar.

Weniger Unsicherheit: Akkurate Kommunikation umstrittener Wissenschaft

Der journalistische Umgang mit umstrittenen wissenschaftlichen Themen bleibt eine Herausforderung. Insbesondere die Frage, wie Behauptungen dargestellt werden sollen, die sich widersprechen. Die beiden Kommunikationswissenschaftlerinnen Sharon Dunwoody und Patrice A. Kohl (University of Wisconsin-Madison, USA) untersuchten, wie sich die unterschiedliche Darstellung solcher Widersprüche auswirkt.

Methodik: Dunwoody und Kohl legten den Probanden einen von sechs verschiedenen Nachrichtentexten vor. Gemeinsames Thema der Artikel waren Arzneimittelrückstände im Trinkwasser. Die Texte unterschieden sich in zwei Punkten: Zum einen, darin wie wissenschaftliche Meinungsverschiedenheiten dargestellt wurden. Zum anderen, ob die Wasserverschmutzung als Risiko für Wasserkonsumenten (persönliches Risiko) oder für Fische (unpersönliches Risiko) behandelte wurde. Die Artikel orientierten sich dabei an realer Berichterstattung. Vor und nach dem Lesen mussten die Teilnehmer eine Umfrage ausfüllen. Rekrutiert wurden sie über den Crowdworking-Dienst Amazon Mechanical Turk. Letztlich beteiligten sich 759 US-Amerikaner an dem Onlineexperiment, für dessen vollständige Bearbeitung sie jeweils einen Dollar erhielten.

Ergebnisse: Die beiden Wissenschaftlerinnen wollten herausfinden, ob die Probanden abhängig von der journalistischen Darstellung wissenschaftlichen Einschätzungen glauben oder nicht: Zum einen, wenn im Artikel zwei sich widersprechende Einschätzungen nur gegenübergestellt werden (“contrasting-views”). Zum anderen, wenn eine der Einschätzungen mit dem Hinweis versehen wird, dass die meisten Wissenschaftler sie teilen (“weight-of-experts”), oder, wenn drittens, nur eine Einschätzung allein genannt wird (“single-view”).

In der Untersuchung zeigten sich die Teilnehmer am sichersten, wenn ihnen nur eine einzelne wissenschaftliche Einschätzung präsentiert wurde. Am unsichersten waren sie hingegen bei der bloßen Gegenüberstellung sich widersprechender Aussagen. Wurde eine Gewichtung vorgenommen, so lag die persönliche Einschätzung in der Mitte. Dabei spielt es, laut der Forscherinnen, auch eine Rolle, ob sie glaubten, dass die in den Artikeln genannten Wissenschaftler selbst sich ihrer Sache sicher waren. Die Haltung zur Wissenschaft im Allgemeinen schien hingegen keine Rolle zu spielen.

Gefragt wurden die Probanden auch, wie sie das Risiko von Arzneimittelrückständen einschätzen. Dieses hielten sie für weniger wahrscheinlich, wenn es sie persönlich als Wassernutzer betraf. Hieß es hingegen, dass von den Rückständen eine Gefahr für Fische ausgeht, dann hielten sie das Risiko für glaubhafter.

Schlussfolgerungen: Für die Wissenschaftlerinnen der Universität von Wisconsin-Madison zeigen die Ergebnisse, dass Menschen zur Einschätzung der Glaubwürdigkeit von Behauptungen auf Kontextinformationen zurückgreifen. Sie seien also auf entsprechende Hinweise im Text angewiesen. Es sei also sinnvoll, im (Wissenschafts-)Journalismus nicht unkommentiert Pro- und Contra-Meinung nebeneinanderzustellen – wie dies im US-amerikanischen Journalismus üblich ist. Stattdessen sollte eine Gewichtung vorgenommen werden, die deutlich macht, welche der beiden Meinungen in der Wissenschaft mehrheitlich geteilt wird. Dies gelte zumindest für Themen, die im öffentlichen Diskurs nicht politisch aufgeladen sind und zu denen die Leser im Vorfeld noch keine starke Meinung haben.

Einschränkungen: Die Zusammensetzung der Probanden war nicht repräsentativ für die amerikanische Bevölkerung und es wurden nur Texte untersucht, eine Verallgemeinerung der Ergebnisse ist also nicht per se möglich. Auch kann nicht ausgeschlossen werden, dass das konkrete Thema – Arzneimittelrückstände im Wasser – die beobachteten Effekte verursachte. Die Autoren selbst gehen davon aus, dass bei politisch umstritteneren Themen, wie etwa beim Klimawandel, die Art der journalistischen Darstellung keine (so starke) Wirkung hat. Gleiches gelte wahrscheinlich auch, wenn jemand bereits eine stark gefestigte Meinung zu einem Thema hat. Zusätzlich wurden in dem Experiment nur statistische Korrelationen beobachtet, über die genaue Art und Ursache der Effekt lassen sich also bloß Vermutungen anstellen.

Dunwoody, S., Kohl, P.A., 2017. Using Weight-of-Experts Messaging to Communicate Accurately About Contested Science. Science Communication 1–20. doi:10.1177/1075547017707765


Social Media im All: Der Twitterauftritt des Philae Lander unter der Lupe

In der Fachzeitschrift Space Policy nimmt Lorna Ryan (City University of London) den Twitteraccount @Philae2014 unter die Lupe. Über diesen Account berichtete die European Space Agency (ESA) von 2010 bis 2016 über die Raumsonde Philae, die Teil der größeren Rosetta-Mission war.

Methodik: Die Soziologin interessierte sich vor allem dafür, welche Themen auf dem Twitteraccount behandelt wurden. Dazu betrachtete sie alle 792 Tweets von @Philae2014 und versuchte, die wichtigsten Themen und Charakteristiken zu identifizieren. Ryan ging dabei induktiv vor, das heißt, sie generierte die Kategorien erst aus den Daten selbst.

Ergebnisse: Dem Twitteraccount wurde von 89000 anderen Accounts gefolgt. Selbst folgte @Philae2014 nur 89 Twitterern, fast alle davon Accounts anderer Raumfahrtinstitutionen oder -missionen. Hauptthema war mit 45 % der Tweets, laut Ryan, die vierjährige Reise von Philae zum Kometen. Zeitlich erfolgte zwischen 2010 bis 2014 etwa alle zwei bis drei Tage eine Meldung hierzu. Anfangs oft mit Hinweis auf die erreichte Distanz zur Erde, später ging es dann eher um die Vorbereitung der Landung und deren Wichtigkeit. Der Tweet zur erfolgreichen Landung im November 2014 wurde mehr als 34.000 geretweetet, danach nahmen die Interaktionen ab, bis der Tweet zur erneuten Aktivierung der Sonde im Juni 2015 wieder über 30.000 Retweets verbuchen konnte.

In 20 % der Tweets fand die Forscherin hingegen die wissenschaftlichen Ziele und Ergebnisse der Mission. Konkret ging es dabei etwa um die durchgeführten Experimente oder die Technik der Sonde. Oft enthielten diese Tweets dann sowohl Grafiken als auch Links zu weiterführenden Informationen. Kurz dahinter folgten mit 18 % Nachrichten zu den beteiligten Institutionen und Personen. Also etwa zum Kontrollzentrum des Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) oder dem wissenschaftlichen Team. Der Rest der abgesetzten Kurznachrichten behandelten einmalig weitere Themen – zum Beispiel die Benennung des Landeplatzes oder NASA-Aktivitäten.

Ein wesentliches Charakteristikum von @Philae2014 ist Ryan zufolge Anthropomorphismus. Davon spricht man, wenn menschliche Eigenschaften und Emotionen nicht-menschlichen Dingen zugeschrieben werden. So sind viele Tweets aus der Perspektive von Philae geschrieben, beispielsweise darüber, dass sich die Sonde einsam fühlte oder fror. Trotzdem seien die Personen hinter Philae nicht verschwunden, da diese in anderen Tweets explizit thematisiert wurden. Im Zeitverlauf habe sich der Account zudem professionalisiert, weg von schwatzhaften Tweets mit nur wenigen Informationen, hin zu gehaltvolleren Nachrichten mit Links und vermehrt auch Bildern und Videos.

Schlussfolgerungen: Der Twitterfeed von @Philae2014 war ein Beispiel dafür, wie sowohl die eigentlich Mission als auch die sich dahinter verbergende Forschung für eine Laienöffentlichkeit sichtbar gemacht werden kann – so die Einschätzung der Autorin. “Doing sience in public” (S. 7) sei eine zentrale Errungenschaft des Twitteraccounts gewesen und habe damit auch die Wissenschaft hinter den Kulissen beleuchtet. Zu einer verzerrenden Vereinfachung sei es dabei aufgrund der in den Tweets enthaltenen Links zu tiefer gehenden Informationen nicht gekommen. Twitter könne also eine wichtige Rolle in der Popularisierung von Wissenschaft spielen und biete eventuell sogar die Möglichkeit die Öffentlichkeit aktiv einzubinden.

Einschränkungen: Der dialogische Moment von Twitter bleibt von Ryan leider unbeachtet: Sie geht also nicht auf “Gespräche” zwischen @Philae2014 und anderen Twitternutzern ein. Auch andere Formen der Interaktion, etwa Retweets oder Likes, bleiben weitgehend unbeachtet. Hier hätte die Kombination ihrer qualitativen Herangehensweise mit quantitativen Daten wertvolle Kontextinformationen liefern können.

Ryan, L., 2017. Social media and popularising space: Philae Lander (@Philae2014) and the journey to comet 67P/Churyumov-Gerasimenko. Space Policy. doi:10.1016/j.spacepol.2017.04.007


Noch viel zu tun: Soziale Gerechtigkeit und außerschulisches Lernen

Außerschulisches Lernen, etwa mittels Wissenschaftssendungen im Fernsehen, ist ein wichtiges Mittel der Wissenschaftskommunikation. Ist der Zugang zu und die Nutzung von solchen Angeboten aber wirklich für jeden möglich? Mit dieser Frage hat sich Emily Dawson vom University College London beschäftigt.

Methodik: Dawson untersuchte drei Dimensionen sozialer Gerechtigkeit bei außerschulischen Lernangeboten: Für wen die Angebote überhaupt zugänglich sind bzw. wen sie ansprechen (“Infrastructure Access”), welche Vorbildung nötig ist, um teilhaben zu können (“Literacies”) und wie mit neuen Teilnehmer umgegangen wird bzw. ob marginalisierte Gruppen die Angebote überhaupt relevant finden (“Community Acceptance”). Als Fallbeispiel dienten ihr Wissenschaftssendungen im Fernsehen und Wissenschaftsklubs 1, zu denen sie bereits vorliegenden Studien auswertete.

Ergebnisse: Für Wissenschaftssendungen stellt Dawson fest, dass der Zugang hier sowohl hinsichtlich der Produzenten als auch hinsichtlich des Publikums beschränkt ist. Beispielsweise konzentrierten sich die Macher der Sendungen wohl so sehr auf die Einschaltquoten, dass Inhalte nicht an einzelne Gruppen angepasst werden. Entsprechend seien etwa weiße, männliche Wissenschaftler in den Programmen überrepräsentiert und so würden strukturelle Ungleichheiten reproduziert. Es gebe allerdings positive Ausnahmen: Sci-Girls aus den USA spreche gezielt Mädchen und Frauen unterschiedlicher Herkunft an und ermutige sie selbst zu forschen, zum Beispiel durch spanischsprachige Sendungen oder Workshops außerhalb des Fernsehens. Allerdings sei bisher zu wenig erforscht, welche Vorbildung nötig ist, damit man durch Wissenschaftsfernsehen auch tatsächlich etwas über Wissenschaft lernt oder welche Inhalte marginalisierte Gruppe überhaupt als relevant für sich selbst wahrnehmen.

Wissenschaftsklubs hingegen seien, laut den von Dawson ausgewerteten Studien, zumindest für benachteiligte Jugendliche eine gute Möglichkeit mit Wissenschaft in Kontakt zu kommen und selbst zu forschen. Als Beispiel nennt Dawson die Wissenräume des Österreichischen Science Center Netzwerks. Dort wurden Science Clubs in leer stehenden Ladenlokalen in sogenannten Problemvierteln eingerichtet, dabei gezielt Jugendliche aus benachteiligten Schichten angesprochen und bereits in die Planung eingebunden. Allerdings sähen sich die jugendlichen Teilnehmer im Allgemeinen trotzdem nicht selbst als Teil der Wissenschaft.

Bei Wissenschaftsklubs, die sich gezielt an Erwachsene richten, sei die Lage anders. Die Teilnehmer hätten oft eine hohe Vorbildung und eine starke Motivation für ihr Interessengebiet. Maker- oder Hackerspaces seien zudem dafür kritisiert worden, dass sie “weiß, männlich und nur vom Namen her offen sind” (S. 5). Die als Reaktion darauf gegründeten Klubs speziell für Frauen und nicht-weiße Minderheiten, sind für Dawson allerdings auch nicht unproblematisch, da dort dann wiederum andere Gruppen ausgeschlossen würden.

Schlussfolgerungen: Letztlich seien Science Clubs, egal ob für Jugendliche oder für Erwachsene, im Sinne sozialer Gerechtigkeit inklusiver als Wissenschaftssendungen im TV. Die weiterhin existierenden strukturellen Ungleichheiten seien aber auch so nur schwer zu ändern. Diese Ungleichheiten beschränken, laut der Forscherin, weiterhin den Kreis derer, die an außerschulischen Lernangeboten teilhaben können. Für eine nachhaltige Öffnung wären tief greifende und umfassende gesellschaftliche Änderungen notwendig. Dazu könnten aber auch schon kleine Schritte in Richtung mehr Inklusion beitragen.

Einschränkungen: Dawson stützt sich für ihre Untersuchung primär auf die Auswertung vorhandener Literatur, ist also abhängig von der Qualität der Studien. Zudem nimmt sie die Barrierefreiheit der Angebote nicht in den Blick, also die Frage, ob Menschen mit Behinderungen Angebote sinnvoll nutzen können, weil Untertitel (in medialen Angeboten) und Einfache Sprache verwendet werden. Auch ist offen, inwiefern sich ihre Ergebnisse verallgemeinern lassen, da sie nur zwei Fallbeispiele betrachtet hat.

Dawson, E., 2017. Social justice and out-of-school science learning: Exploring equity in science television, science clubs and maker spaces. Science Education. doi:10.1002/sce.21288